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Montagsthemen (vom 19. September)

Reiseziele. Rätselraten gab’s nach dem hessisch-kryptischen »als und als Als«. Also: »Als« heißt eine kleine dänische Insel, die eigentlich gar keine ist (paar Meterchen lange Brücke zum Festland). Auf dem Rückweg wieder am Volksparkstadion vorbei gekommen, ungefähr zu der Zeit, als Gladbach das Siegtor schoss. Beim Blick hinüber festgestellt, dass der Stadionname seit der letzten Fahrt der gleiche geblieben ist, irgendwas mit »tech«. Fast schon Kontinuität, ein halbes Jahr ohne Stadion-Namensänderung. Auch eine Kontinuität: Noch länger ist es her, dass der HSV dort mal gewonnen hat.
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»Gewonnen hat aber Deutschlands Fußball-Nationalmannschaft / Hurra! Och, nur die Frauen – schon fällt die Stimmung ab.« Klingt holprig, ist es auch, da sehr stümperhaft Schillers Lehr-Doppelvers »Distichon« nachempfunden: »Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule / Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab.« Des Springquells flüssige Säule stieg bis zur WM in schwindelerregende Höhe, nun ist sie dorthin zurückgefallen, wo ihr natürliches Biotop liegt und nicht mediengenmanipuliertes Megaeventland.
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Die flüssige Medien-Säule des Nowitzki-Springquells fiel nach Deutschlands Ausscheiden in sich zusammen, die EM ging fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu Ende. Dass Nowitzki vergleichsweise schwach spielte und Deutschlands Basketball-Werben früh einen Korb bekam (da zu wenige selbst verteilt), das ist . . . auch gut so.
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Apropos: Berlin hat gewählt. Gesiegt hat noch einmal das Wowi-Prinzip: Bankrott sein, aber mit dem Geld anderer Leute den eigenen Leuten Gutes tun. Funktioniert zwar nicht bis in alle Ewigkeit, aber sehr, sehr lange. Siehe Griechenland. Länderfinanzausgleich, euroglobalisiert.
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Zurück zum Spruch, der und den Wowereit bekannt gemacht hat: Aus sportlicher Sicht ist es auch gut so, was dort in Litauen geschehen ist. In dreifacher Hinsicht: Erstens hätte es mein leistungssportliches Weltbild zerstört, wenn Nowitzki nach der langen NBA-Saison und dem späten Erreichen seines Lebenszieles körperlich und geistig in der Lage gewesen wäre, als großer Anführer und alle überragender Einzelkönner aufzutrumpfen. Dass Nowitzki das Scheitern dennoch auf seine Kappe nimmt, ist so ehrenwert wie falsch (und sein EM-Engagement wird zudem seine Leistungen in der NBA-Saison, so es sie geben wird, negativ beeinflussen). Zweitens und drittens: Es rächt sich, dass in der Bundesliga jahrzehntelang fast ausschließlich auf Ausländer gesetzt wurde. Und dass mit Kaman die Hilfs-Hoffnung auf einem NBA-Profi lag, der mit Deutschland weniger zu tun hat als der integrationsunwilligste Immigrant aus dem hintersten Ostanatolien, war das Tüpfelchen auf dem »i« des Scheiterns.
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Es gibt Schlimmeres. Viel Schlimmeres. Kaum zu glauben, aber wirklich gesehen: Großes Werbebild für ein bekanntes Mode-Label, ein (wie immer dürres) gestyltes Model sitzt mit künstlichen Tränen in den Augen und offenbar schwer depressiv auf den Gleisen. Die Botschaft ist klar, und zu befürchten ist, dass sie weltweit bei dafür Anfälligen auch »richtig« ankommen wird. Tres chic. Die demnächst daraus resultierende Suizid-Statistik aber ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle