Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Vorsicht vor dem FBK

Liebes Eintracht-Tagebuch, weißt Du noch, was Kryptonit war? Genau, das war über Jahrzehnte der einzig wirklich gefährliche Gegner von Superman! So ein fieses grünes Zeug von irgendeinem ähnlich klingenden Planeten, das ihn so sehr schwächte, dass er jedes Mal fast daran verreckt wäre. Warum ich danach frage? Nun, weil mir vor einigen Tagen ein anerkannter Wissenschaftler im Rahmen einer Party verraten hat, dass die etwas verstaubten Superman-Geschichten natürlich frei erfunden seien, es Kryptonit aber tatsächlich schon immer gegeben hat. Und auch heute noch gibt! In seinem hermetisch abgeschotteten Kellerlabor sei er über Jahre genau diesem Thema wissenschaftlich auf den Grund gegangen!
Es gäbe viele verschiedene Formen dieser bedrohlichen Substanz, manche gefährlicher, andere wiederum für den Menschen völlig ungefährlich. Eine Form allerdings hätte tatsächlich verheerende Folgen … und ausgerechnet diese sei extrem im Vormarsch. Nämlich der FBK! Was abgekürzt so viel heiße wie Fußball-Kryptonit!
Dieser Stoff schwebe unsichtbar in der Luft, suche sich willkürlich den ein oder anderen von uns raus, und ergreife dann für eine unbestimmte Zeit Besitz vom Geiste des Betroffenen. Natürlich war ich neugierig und fragte ihn, was das denn genau bedeute. »Ganz einfach« erklärte mir mein Gesprächspartner, »FBK verhindert auf einmal, dass wir Dinge im Zusammenhang mit Fußball richtig wahrnehmen. Ja, er sorgt dafür, dass wir plötzlich absoluten Müll reden und komische Sachen machen. FBK macht uns dumm! Schauen Sie sich doch nur mal um in der Fußballwelt, dann wissen Sie, was ich meine!« Mit diesen Worten und einem unterstreichenden Nicken ließ er mich stehen. Und soll ich dir was sagen, Tagebuch? Ich habe intensiv darüber nachgedacht, und er hat Recht!
Nimm zum Beispiel José Mourinho, den Trainer von Real Madrid. Eigentlich ein smarter Typ, und ein durchaus schlauer, mit großem Fachwissen ausgestatteter Coach dazu. Doch urplötzlich referiert er bei Pressekonferenzen über üble Verschwörungen gegen sein Team und sich, beleidigt einen Spieler wie Messi, als der an ihm vorbeiläuft mit einer primitiven »Puh-hier-stinkt’s«-Geste, und sticht zu guter Letzt auch noch dem Co-Trainer von Barcelona mit dem Finger ins Auge. Vor laufenden Kameras! So was ist mit Begriffen wie »menschlicher Aussetzer« oder »stressbedingte Überreaktion« nicht mehr erklärbar.
Mit FBK schon! Genauso wie die sadistischen Auswüchse eines Felix Magath, der einigen seiner Spielern Geldstrafen bis zu 10 000 Euro aufbrummt, weil sie angeblich im Spiel zu wenig gelaufen sind. Was nicht nur diktatorenmäßig daherkommt, sondern auch noch faktisch widerlegt wurde.
Oder nimm diesen Geschichtslehrer, den ich ab und zu beim Einkaufen in unserer kleinen Fußgängerzone treffe. Ein gebildeter Kerl mit einem gescheiten Blick auf die Welt, und zudem auch noch Eintracht-Fan. Jemand, mit dem man sich gerne austauscht. Vor ein paar Tagen aber muss ihn das Kryptonit erwischt haben. Denn urplötzlich sagte er: »Was für eine harte Woche! Erst der 11. September, dann läuft auf RTL ›Titanic‹ … und zu allem Überfluss kommt am Freitag auch noch Rostock ins Stadion! Des is ja des reinste Katastrophen-Memory!« Dabei machte er ein dermaßen wissendes Gesicht, dass ich mich nicht mal ansatzweise traute, ihn zu fragen, ob er das ernst meinte. Nämlich das verlorene Spiel der Eintracht damals in Rostock und den damit verpassten Meistertitel tatsächlich auf eine Stufe mit den Terrorangriffen auf das World Trade Center und dem Untergang eines der größten Passagierschiffe aller Zeiten zu stellen. Nein, das war nicht wirklich er. Das war dieser FBK!
Noch ein Beispiel? Gerne. Direkt nach dem zugegebenermaßen etwas glücklichen 3:3 der Eintracht bei Energie Cottbus gab dessen Trainer Claus-Dieter »Pele« Wollitz ein Fernsehinterview. Dachte man zumindest kurz. Aber was dann folgte, war kein Interview. Es war vielmehr eine Mischung aus Veitstanz, Louis-de-Funes-Mimik, zwanghaft herausgepressten Wortkreationen, Mikrophon-Freestylejonglage und jeder Menge weiterer unkontrollierter Übersprungshandlungen. Unglaublich, was dieser heimtückische Stoff aus normalen Menschen vorübergehend macht!
Doch auch wenn das schlimm ist, bin ich trotzdem gleichzeitig froh, dass dieser Wissenschaftler (der übrigens anonym bleiben möchte und deswegen hier namentlich nicht genannt wird) ihn entdeckt hat. Weil er mir den Umgang mit geballter Hohlheit leichter macht! Wenn mir wieder mal einer erklärt, dass Peter Neururer oder Ralf Schafstall definitiv die geeignetsten Trainer für die Eintracht wären, oder ein Spieler im Interview dem Reporter stolz verkündet, dass er sowohl körperlich als auch physisch topfit sei, dann registriere ich das ab sofort mit einer ganz anderen Milde als bislang.
Und sollte die Eintracht am Freitag tatsächlich auch ihr nächstes Heimspiel gegen Hansa Rostock wieder nicht gewinnen und ich daraufhin einen Bürgerentscheid für den Wiederaufbau der Mauer beantrage, dann weiß ich im tiefsten Inneren: das bin gar nicht ich. Das ist dieser fiese FBK!  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle