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Sport-Stammtisch (vom 10. September)

Nach den Spielen gegen Brasilien und Österreich lag Deutschland im Fußball-Rausch. Ich habe dagegen angestänkert. Und nun: Die deutsche Nationalmannschaft hätte in Polen ungefähr genauso hoch gewinnen können wie gegen Österreich, wenn alleine Klose die Hälfte seiner Torchancen genutzt hätte. Polen spielte zu Hause, für das EM-Land war es eine wichtige Generalprobe, Deutschland experimentierte, schonte Stars und war dennoch die eindeutig bessere Mannschaft. Auch dass die Polen ihren Torhüter feierten wie Deutschland Neuer nach dem ersten Spiel gegen ManU, zeigt die wahren Kräfteverhältnisse. Und was macht der ZDF-Reporter? Lobt die Polen als die bessere Mannschaft, ist enttäuscht von der deutschen. Und was macht die Presse am nächsten Tag? Dito. Und was mache ich? Schreibe Notizen gegen den Trend, komme in die Redaktion und lese in einer Mail von Thomas Hübner aus Florstadt (ist im Blog »Sport, Gott & die Welt« nachzulesen) genau das, was ich notiert hatte. Was meinen Verdacht bestätigt: Oft sind die Leser sportvernünftiger als die professionellen Schreiber und Sprecher.
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Der Sport selbst ist seinen Beschrei(b)ern sowieso immer einen Schritt voraus. Hübsches Beispiel US Open: Da liegt das deutsche Medienland im »Petko«-Fieber, nimmt ganz am Rande noch zwei andere Spielerinnen wahr (Lisicki, Görges) – und plötzlich steht eine gewisse Angelique Kerber im Halbfinale. Herrlich.
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Thomas Haas war der älteste Teilnehmer in New York. Bei ihm denke ich immer an die alte Geschichte seines Vaters, der 1990 eine »Tennistalentförderung GmbH und Co. KG« gegründet hatte, in die 15 Förderer jeweils 50 000 Mark einfließen ließen, was jedem 15 Jahre lang bis 2004 eine Beteiligung von einem Prozent an allen Einnahmen garantieren sollte. Als es bei Haas ans Geldverdienen ging, wurden bereits 1999 die Zahlungen eingestellt. Die Förderer, unter ihnen Focus-Chef Helmut Markwort, erkämpften dann 2003 vor Gericht eine Zahlung von insgesamt 500 000 Euro. Ihr Trost: Heutzutage gibt’s viel schlechtere Investitionen.
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Apropos Geld. Die Teilnehmer an »Wer bin ich?« mailen oft von ihrer Arbeitsstelle aus, und das gibt interessante Einblicke, wenn man sich den offiziellen Schwanz unter den Mails anschaut. So kam eine richtige Lösung aus der EZB, der Europäischen Zentralbank. »Das ist da, wo das Geld liegt. Und alles in der Hand eines Anstoß-Lesers! Er wird uns nichts davon abgeben können.«
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Als ich diese Sätze für den Blog geschrieben hatte, kam von Stefan Werner (»der EZB-Mann«) die Frage: »Soll ich ein paar Milliarden rüberschicken?« – Daraus entwickelte sich dieser Mail-Dialog: »Ja, bitte! Dafür gibt’s sogar Extrapunkte.« – »Ich hätte da noch ein paar frisch gepresste Griechenland-Anleihen in meinem Schreibtisch liegen. Für, sagen wir, sechs Punkte, da ich die ersten Runden verpasst habe. Deal?« – »Deal!«
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Wer (auch) den Blog liest, erfährt oft mehr, manchmal auch unbeabsichtigt. So hatten online lesende »Wer bin ich?«-Teilnehmer bei Richard Ford und seinem Bascombe Vorteile. Doris Heyer hat mich darauf aufmerksam gemacht: »Wäre nie darauf gekommen (Bascombe), was soll’s. Aber Ihr Hinweis endete am Samstag mit ›. . . ich geh jetzt fort‹ und nicht ›ford‹. Deshalb hatte ich mich lange aufgehalten bei Fort Lauderdale, aber außer ›kleines dickes Müller‹ war da ja nichts, und er ist ja Deutscher.«
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Tja. »Ich geh jetzt ford« war ein schöner Tipp (so stand’s im Blog), »ich geh jetzt fort« (Zeitung) einfach nur gaga. Wieso sollte eine Kolumne mit diesem nichtssagend blöden Satz enden? Aber irgendjemand stolperte spät abends über den »Rechtschreibfehler« und korrigierte ihn freundlicherweise. Besten Dank auch.
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Klar, dass ich wieder an die »Legatisierung der Okochas« dachte, den uralten Kommentar über Eintracht Frankfurt in Zeiten, als der Fußball-Haudrauf Legat Liebling des Trainers Heynckes war. Auch damals entdeckte ein Wohlmeinender den »Fehler«, »korrigierte« ihn aber nicht eigenmächtig, sondern kam zum Glück mit dem Manuskript zum Schreiber, der daher in letzter Sekunde verhindern konnte, dass aus der Legatisierung eine »Legalisierung der Okochas« wurde, was nun wirklich obergaga gewesen wäre.
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Wenn ich jetzt eine einwöchige Kolumnenpause mit »als und als Als« begründe, könnte dies ebenfalls zu Irritationen führen.
Egal. Ich geh jetzt for … (gw)

Baumhausbeichte - Novelle