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“Nachdruck” (Pyrgos)

In loser Folge begeben wir uns mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit unveränderten »gw«-Texten aus fünf Jahrzehnten, die Irrungen und Wirrungen dieser Jahre in Erinnerung rufen, nicht zuletzt auch die eigenen. Heute springen wir aus den 70er-Jahren der letzten Folgen weit voraus, denn »Von Olympia nach Athen« (Serien-Titel) waren wir zwischen 2001 und 2004 »Auf der Suche nach der Seele des Sports«. Zum Beispiel auch auf Kreta, wo Spuren der ersten Profis zu finden sind, sogar schon von »Legionären«, jungen kretischen Stierspringern, die später mit ihrem sportlichen Können in Ägypten ihr Geld verdienten. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute diese:
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Am Tag, bevor ich in Knossos die Stierspringer suchen will, mache ich mich am anderen Ende von Kreta auf den Weg zum Strand von Makrigialos. Am Mini-Supermarkt zieht Michalis’ Vater mich am T-Shirt in den Laden meiner mir lieben, aber auch sehr teuren Gastfamilie. Der alte Mann deutet auf einen kleinen Fernseher über der Kasse, auf dem Bilder und griechische Schriftzeichen flimmern. »Pyrgos«, sagt er und schüttelt bedächtig den Kopf. Ich sehe viel Rauch, als ein wahrer Turm (= pyrgos) von Wolkenkratzer zusammenbricht. Es ist der 11. September 2001, Nachmittag auf Kreta, Vormittag in New York. Ich sehe einen Turm des World Trade Centers einstürzen – und empfinde nichts, ahne nicht, dass ich via Live-TV Zeuge des Terroranschlags bin, der die Welt verändern wird. Was denke ich? Nichts. Murmele, bemüht Interesse vortäuschend: »Ah, pyrgos, kala« (= gut) – und gehe zum Strand.
Warum erfasse ich vor dem Fernseher nicht sofort, was geschah? Weil mein Gehirn das, was ihm meine Augen melden, nicht als Wahrheit, sondern als Fiction einordnet, als griechischen Horrorfilm, für mich so irrelevant, dass die Bilder im Kopf nur am Rande registriert, aber nicht bewertet werden? Entspricht meine Nicht-Reaktion jenem Experiment mit Eingeborenen im Dschungel, die erstmals einen Fernseher sahen – aber nicht den Film, der ihnen gezeigt wurde? Sie sahen nur das Gerät, das Ding an sich, das wahr war, aber nicht das, was es zeigte, weil das nicht wahr sein konnte.
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Erst durch den abendlichen Anruf zu Hause erfahre ich von dem Schrecklichen. Es treibt mich hinaus, hin zur Tavernen-Straße am Hafen von Makrigialos, zur Paralia. Ich erwarte aufgeregte, fassungslose Einheimische und Touristen, zusammengeballt vor den in jeder Kneipe ununterbrochen laufenden Fernsehern. So ist es auch. Aber was schauen sie sich an? Fußball, Champions League, Panathinaikos Athen gegen Schalke 04. Am nächsten Tag werden griechische Zeitungen auf Seite eins das im Triumph verzerrte Gesicht eines jubelnden Torschützen in Großaufnahme zeigen.  (15. 9. 2001)

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Sicher, jeder weiß, wo und wie er den 11. September 2001 erlebt hat, jeder kann seine eigene Geschichte erzählen, und das wurde vor dem zehnten Jahrestag auch ausgiebig getan. Unsere Geschichte hat mit dem welthistorischen Ereignis buchstäblich nur am Rande (von Kreta) zu tun, und sie will auch von einem ganz anderen Phänomen erzählen: Wie wir die Welt wahrnehmen, was wir als wahr er- und anerkennen, und was uns alles an der Wahr-nehmung hindert.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle