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Montagsthemen (vom 5. September)

Wer kennt nicht das Gefühl, als zum Heimtransport Ausgeguckter stocknüchtern daneben zu sitzen, wenn sich alle anderen von Minute zu Minute mehr in Stimmung berauschen? Nun ist Fußball-Deutschland total besoffen von seiner Nationalelf, und als nüchterner Betrachter fühlt man sich wie mit dem Autoschlüssel in der stimmungsüberbordenden Kneipe: ausgegrenzt vom munteren Treiben und total fehl am Platze.
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Flüstern wir’s also nur vor uns hin, es hört ja keiner: Der Gegner hieß Österreich. Schoss dennoch zwei Tore. Drei der deutschen Treffer hätte ein richtiger Torwart gehalten. Brasilien, als der Rausch begann, ist nicht mehr das Maß aller Dinge, trat zudem, im frühen Stadium eines Neuaufbaus, mit einer bunten Kollektion von Einzelspielern an. Zwar bleiben Offensivkraft und spielerische Stärke der deutschen Mannschaft durchaus verheißungsvoll, aber wie hätten sich Xavi und Iniesta in ihrem ureigenen Aktionsradius austoben können, wenn sich dort ein Vakuum auftut wie bisweilen in der DFB-Defensive auch gegen Österreich!? »Wer kann mit diesem Team überhaupt noch mithalten?«, fragt dennoch jubilierend nicht die stimmungszuständige Bild-, sondern sogar die Süddeutsche Zeitung. Letztes Flüstern: Vielleicht Holland und Spanien? Chor der Besoffenen: »Raus!« – Und wer fährt euch nach Hause?
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Seltsam, dass Miro Klose sein Nicht-Tor feiert, als hätte er es tatsächlich geschossen, und später nicht einmal zugibt, dass er allenfalls durch sein Nichtberühren des Balles den Torwart entscheidend irritiert hatte. Passt so gar nicht zu ihm. Wenn Klose tatsächlich demnächst Gerd Müller einholt (natürlich nur in der Brutto-Statistik, netto bleibt »kleines dickes Müller« unerreichbar), hinterlässt dieses Nicht-Tor einen Makel.
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Die Leichtathletik-WM ist nun doch zu Ende gegangen, obwohl die nicht nur in dieser Sportart grassierende Programmauswalzung in eine Endlos-Schleife überzugehen droht. Noch die Abschlussfeier in Daegu oder schon die Eröffnungsfeier in London? Zu den medialen und kommerziellen Zwängen (eine Tautologie) gehört auch die Kasperei von Usain Bolt. Der ist kein dummer Junge, er tut nur so. Muss so tun, als Gefangener seiner Mätzchen, die Konzentration kosten und wohl am 100-m-Fehlstart hauptbeteiligt waren. Dass er, obwohl nicht in Bestform, immer noch klar der Beste ist, hat er nun bewiesen. Wenn er total showlos wie der fast schon sensationell stoisch mätzchenfreie Christophe Lemaitre aufträte, sänke Bolts Marktwert dramatisch, selbst wenn er Weltrekord an Weltrekord reihte.
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Was ist die Quintessenz aus deutscher Fußball-Besoffenheit und globalem Berauschen an der Bolt-Show? Für Aristoteles ist die Quintessenz als fünfte Wesenheit (»quinta essentia«, neben Erde, Luft, Feuer, Wasser) der Äther, aus dem das Universum besteht, der sich in Kreisen bewegt, während die Erde in Ruhe verharrt. Wer am Äther schnüffelt, wird berauschter als von Alkohol (was viele Medizinstudenten erfolgreich getestet haben). Aber der Kater, der kommt bestimmt, und auch das Weltbild hat sich seit Aristoteles entscheidend verändert, es ist nicht mehr geozentrisch. Wie groß wird der Kater erst sein, wenn sich nächstes Jahr bei der EM herausstellt, dass sich die Fußball-Welt nicht um Deutschland dreht? – »Raus!« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle