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Samstag, 3. September, 17.30 Uhr.

Das alte Nato-Tanklager, ständige Etappe der morgendlichen Radtour, sieht merkwürdig aus. Zweiter Blick vom Rad aus, bei der Annäherung: Umstellt von Autos. Hundert, zweihundert. Nummernschilder aus ganz Deutschland. Aha, wieder ein Bogenschützen-Turnier, wie schon einmal früh im Jahr. Dritter Blick: Was ist denn da los? Die Gebäude des seit Jahrzehnten zugewucherten Nato-Tanklagers sind plötzlich wieder zu sehen, der bewaldete Hang im umzäunten Gebiet ist halb weggerodet. Neugierig fahren wir hinein, eine freundliche Bogenschützin klärt auf: Ihr Verein darf bleiben, wie, ist noch nicht ganz geklärt, denn die Gemeinde hat das Gebiet an private Investoren verkauft, die hier eine riesige Fotovoltaikanlage hinstellen. Der Wald wird komplett weggerodet, die Fotovoltaikanlage in den großen, kahlen Hügel hineingefräst. Mitten hinein in die schönste, natürlichste, wildreichste und, für materielle heimische Zwecke nicht zu vergessen: touristisch ansprechendste und interessanteste Landschaft Mittelhessens (jedenfalls von den Gebieten, die ich kenne und erradelt habe).

Praktisch über Nacht wird der Hang weggerodet, keine erkennbaren Proteste von Naturschützern und Grünen. Wie kommt’s? Zu Hause im Internet schlau gemacht: Gemeinde und heimische Investoren haben aufs Tempo gedrückt, weil 2012 die Vergünstigungen für Fotovoltaikanlagen auslaufen oder stark gekürzt werden. Acht Millionen werden investiert, um beim Verteilen der Gelder (von wem kommen Sie? Von mir und Dir und Ihnen) den richtigen Batzen  abzukriegen. Schon im Dezember soll das Riesending in der dann nicht mehr wunderschönen Landschaft stehen. Proteste? Nicht in Mittelhessen. Aber im Internet spielt das Nato-Tanklager in Foren und Blogs schon eine Rolle. Tenor: Abzocke öffentlicher Gelder mit der Energiewende als Kassenöffner.

Mein kleines Radler-Problem dagegen kommt nur in einem einzigen Blog vor: Wo fahre ich jetzt? Täglich an der Baustelle und dann an dem Monster vorbei? Nee. Ich will mir doch nicht (je)den Morgen verderben.

Mittags eine angenehmere Erfahrung: Zu zweit im großen koptischen Kloster in Kröffelbach (nach der Kurzvisite kürzlich bei der im Blog erwähnten Radtour). Ein sehr gut deutsch sprechender Kopte (aus Ägypten), auch “nur” Besucher im Kloster, führt uns und erklärt seine Religion (eine der fünf urchristlichen Kirchen, für mich Laien der griechisch-orthodoxen Kirche ähnelnd). Ein überaus angenehmer Mann, der sich viel Zeit für uns nimmt. Was wusste ich bisher über die Kopten? Tagesschau-Wissen: Islamische Ägypter nahmen die Schweinepest zum Anlass, die “unreinen” Tiere der ungeliebten und oft verfolgten Kopten massenzuschlachen. Und dann die Autobombe vor der Kirche mit vielen koptischen Toten. Als unser freundlicher Erklärer darauf zu sprechen kommt, schaue ich leicht verlegen zur Seite, denn: Dass genau 40 heilige Tage später Mubarak gestürzt wurde, sei ein Zeichen Gottes gewesen, seine Rache. Nun ja.

Dennoch ein inspirierender Besuch. Danke.

Baumhausbeichte - Novelle