Archiv für September 2011

Freitag, 30. September, 17.45 Uhr.

“Stammtisch” schon lange geschrieben und online. Ob’s BVB- und/oder Bayern-Fans ärgert? Gleich spielt die Eintracht. Vorher noch zwei Reaktionen auf den “Staatsdoping”-Anstoß, der erste von einem beständigen, “anstoßenden” Begleiter der gw-Texte, der zweite von einer alten Kolumnen-Bekannten, die sich nach Jahren erstmals wieder meldet. Ganz zum Schluss eine Menge Text – ein Mail-Dialog, der den Wer bin ich?-Macher herausfordert. Auf geht’s.

 

 

Mit den “Gesammelten Werken” ist eigentlich alles zum Thema gesagt; abschweifend allerdings gerade noch überlegt, ob “Staatsdoping” eine korrekte Form ist, denn der Staat (und seine -diener) werden ja nicht gedopt – auch wenn es manchmal vielleicht angebracht wäre, um Leistung zu steigern.
Mit Griechenland versucht man es ja derzeit, aber auch da wird die Dosierung immer höher und ein Ende ist nicht abzusehen… Ich muss zugeben, dass ich mir immer mehr wie ….. (Vermeidung von Kraftausdrücken) vorkomme.

Apfelwein statt Radfahren, eine interessante Alternative; und um auf das angeregte WBI-Treffen zurückzukommen: WBI-Treffen mit gw-Apfelwein! Das würde eine Sause! Wobei meine Einstellung zu solchen Treffen zwiespältig ist, ich finde es im Moment fast spannender, zu überlegen, wie wohl die übrigen Teilnehmer bei den Aufgaben an die Arbeit gehen. Je nach Verlauf könnte aber bei 25. oder 50. mal daran gedacht werden. WENN, dann allerdings nur mit Ihrer Teilnahme!

Jetzt noch etwas Radfahren und Sonne ausnutzen – man muss nur wegen der Blendung höllisch aufpassen!

Gutes Gelingen beim Äpfelpressen und Stammtisch und Montagsthemen…. und und und  (Walther Roeber)

 

 

Vor vielen Jahren hatten wir kurz Emailkontakt, da ging es um Doping (Jan Ullrich) und Radsport. Wir hatten uns damals auch darüber unterhalten, wie Bekanntes nicht berücksichtigt wird und wie so gerne getan wird, als wäre alles neu. Da mich daran so einiges störte, mich regelrecht ärgerte, begann ich im Internet so nach und nach Bekanntes aufzuarbeiten und zusammenzustellen. Ihr Sport-Leben taucht darin auch mehrmals auf. Bis jetzt ist da einiges zusammen gekommen.

Heute las ich Ihren Kommentar zum Forschungsbericht und habe das Bedürfnis, mich wieder einmal zu melden. Denn Sie sind einer der wenigen, der klar formuliert, dass der Skandal in der Nichtbeachtung der lange bekannten Fakten liegt. Danke dafür.
Sollten Sie die Seite nicht kennen, auf der ich schreibe (unter Maki), hier ist sie.
http://www.gazzetta.cycling4fans.de/index.php?id=536
http://www.gazzetta.cycling4fans.de/index.php?id=5404 (Monika Mischke)

 

 

Sehr geehrter Herr GW!
Hiermit fing alles an, Anfang August:

Mann düst auf Skirollern auf Autobahn 71 zum Benzinholen

 

Mellrichstadt – Auf besonders sportliche Art hat ein junger Norweger auf der Autobahn 71 bei Mellrichstadt (Landkreis Rhön-Grabfeld) Benzin für sein liegengebliebenes Auto besorgt.

Dem Mann sei kurz vor der Tankstelle Richtung Thüringen der Sprit ausgegangen, sagte ein Polizeisprecher am Freitag in Würzburg. Statt zu laufen, habe sich der sportliche Mann kurzerhand seine Skiroller und die Skistöcke geschnappt und sei damit schwungvoll auf dem Seitenstreifen zum Rasthof gelaufen.

Erst auf dem Rückweg und wenige hundert Meter vor dem liegengebliebenen Wagen entdeckte die Polizei den Sportler. Der Norweger musste ein Verwarnungsgeld zahlen und durfte danach weiter fahren – im Auto. dpa

Ich schreibe die Geschichte an Peter Gehrmann weiter. Peter ist 72, Ex-Polizist, Ex-Bundestrainer im Orientierungslauf (OL)), 9-facher Wasalauf-Teilnehmer (einmal hatte ich die Ehre, mit ihm teilnehmen zu können.), Kommentator des Wasalaufs im schwedischen Fernsehen, Buchautor, Liedermacher, Entdecker einer Ex-Weltrekordlerin im Marathonlauf, Erfinder des Hermannslaufes in Bielefeld, und: mein Freund.

Peter lacht sich mit mir zusammen tot, denn er ist immer für eine gute Geschichte zu haben.

Dann kommt der Polizist durch und Peter ermittelt:
Sein alter Schwedenkumpel Lennart weiß nichts, aber Björn-Axel Gran, Norweger, Ex-Deutscher Bundestrainer im OL, verheiratet mit Deutschlands einziger OL-WM-Medaillengewinnerin Frauke Schmitt-Gran (1999, Schottland) ist informiert:
Norwegische Medien berichten bereits vom autobahn-rollernden Thomas Nordhug, dem kleinen Bruder von Petter Nordhug.
Petter saß ebenfalls im Auto und die deutsche Polizei wusste nicht, wer ihr da ins Netz gegangen ist.
Wir lachen uns tot…

Doch Peter bleibt am Ball:
 

Hallo Götz,

da hast Du aber etwas ins Rollen gebracht mit Deinem Skirollerfaherer auf der BAB.
Insgesamt ist folgenden gelaufen:
Du schreibst mir:  Da war was Bescheuertes
Ich schreibe Bjaxel: Warst du das?
Der schreibt zurück, ich nicht…aber
Ich schreibe den Autobahnkollegen: Wißt Ihr eigentlich, wenn ihr da hattet?
Die schreiben zurück: Das ist ja der Hammer, kannst Du mehr besorgen. Wir wollen publizieren.
Ich frage Bjaxel, wie , was wo?
Der schickt mir die folgenden Links zurück, die mich vom Hocker hauen und an denen sich jetzt die Kollegen die Zähne ausbeißen.
und hier die Kontaktmöglichkeit zum Northug-Team.
Homepage: http://www.teamnorthug.no/
Pressekontakt: http://www.totalconsult.no/ansatte/totalconsult_trening_otto_ulseth/
Der Artikel des (schwedischen) Expressen, den ich am besten lesen konnte
 
 
Wat ßachste jetz, Kelle ?
Herzlich grüßt

Peter”

So, Herr GW, der Rest ist ihre Sache. Viel Spaß bei der Recherche.

Sie müssten doch auch Arne Leibusch kennen.
Im Deutschen OL lebt Arne Leibusch immer noch weiter. Es ist ein jährlich wechselnder Lauf, bei dem immer eine Besonderheit eingebaut sein muss, bei der man um die Ecke denken muss. Dem Sieger winkt ein 17kg schwerer potthässlicher Pokal und jede Menge Ruhm und Ehre. Ich durfte den Arne-Leibusch-Pokal einmal gewinnen und damit ihn im Folgejahr auch ausrichten.
Siehe Anhang.
Fußball kann jeder… (Götz Hofmann)

Wirklich eine irre Sache. Hab’s jetzt nur überflogen, weil ich im “gelöschten” Ordner, in dem Ihre Mail aus welchem Grund auch immer gelandet ist, etwas gesucht habe. Werde mich in den nächsten Tagen zu informieren versuchen.
Dankeschön. gw

 

Bei Ihren ganzen schönen kniffligen Rätseln (kann kaum etwas aus dem Stand heraus lösen) nun also mit Arne Leibusch und dem Autobahn-Skiroller etwas Arbeit für Sie…
Bei Bedarf können Sie sich aus den anderen Geschichten gerne bedienen.
Gestohlen ist nichts, gelogen ist nichts: Das habe ich nicht nötig. Viel Spaß (Götz Hofmann)

 

Tja. Da hab ich in einer demnächstigen stillen Stunde ganz schön was zu tun. Oder hilft mir jemand und schreibt seine Geschichte dazu?

Veröffentlicht von gw am 30. September 2011 .
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Sport-Stammtisch (vom 30. September)

Dass man sich eine Krise auch einreden (lassen) und dann um so tiefer drin stecken kann, hat eine zutiefst verunsicherte Dortmunder Fußballmannschaft in dieser Woche eindrucksvoll jämmerlich bewiesen. Spielerisch klar überlegen (statistisch etwa doppelt so hoch wie Bayern gegen City), gab’s am Ende ein klatschenartiges 0:3, und das nicht einmal zu Unrecht. Wuseliges Kreise(l)n um sich selbst schießt keine Tore, und wenn man viel Wind macht, aber keinen Sturm hat, der Gegner aber mit seinen limitierten Mitteln einfachste Konter mit trockenen Torschüssen abschließt, ist die Niederlage sportlich so gerecht, wie der BVB sie gefühlsmäßig als ungerecht einordnet.
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Erst wurde ihnen die Krise eingeredet, dann glaubten sie, nach außen trotzig dementierend, innerlich selbst daran, was zu allgemeiner Verunsicherung führte, und die verhinderte eigene Tore (Götze) und schoss sie für den Gegner (Subotic, Hummels). Trost für den BVB: Es kann nur besser werden, zumal die Mannschaft viel besser ist.
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Ob’s auch umgekehrt geht? Sich unvergleichliche Stärke einreden lassen, dran glauben und mit dem riesigen Selbstbewusstsein des Verunsichernden alle Gegner buchstäblich klein machen? Der Versuch läuft, beim FC Bayern München, und er lässt sich verheißungsvoll an. Den Bayern wird jetzt schon das Champions-League-Finale gegen Barcelona eingeredet, Sieg inklusive, da wirken Zweifel kontraproduktiv: Dass die erste schwache halbe Stunde gegen Manchester II (Stadtteam I ist immer noch eine Klasse besser) für eine Elf mit aktuellem BVB-Selbstbewusstsein die Niederlage hätte einleiten können, dass die Defensive trotz der Null-Tore-Serie anfällig wirkt, dass Boateng bei allem Talent ein latenter Unsicherheitsfaktor bleibt (zwei potenzielle Elfer!), dass das Mittelfeld zwar gut ist, aber bei weitem noch nicht die Klasse hat, um mit Xavi/Iniesta/Messi mitzuhalten … was soll’s? Im real existierenden Fußball regiert Marx uneingeschränkt, allerdings nur mit Subjekt-Objekt-Austausch: Das Bewusstsein bestimmt das Sein.
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Die Bayern-Offensive aber kann sich etwas darauf einbilden, sich unvergleichliche Stärke nicht einbilden zu müssen – sie ist pure und beeindruckende Realität. Gomez hat einen Lauf, Robben und Ribery sind unverletzt und in Bestform Weltklasse, aber einer steht noch ein Stüfchen (würde Klinsi sagen) drüber: Thomas Müller, das Fußball-Phänomen. Er besitzt keinerlei spezielle athletisch, sportlich oder fußballerisch überragende Grundfertigkeit, ist aber ein Spieler von der Art, wie sie die Fußball-Welt noch nicht gesehen hat: Ein Anarchist am Ball, in keine Schublade, kein System zu stecken und dennoch schlau genug für jedes System, der nie für die Galerie spielt (könnte er gar nicht), aber immer für die Mannschaft. Wenn Staaten große Gemeinwesen sind und Fußballmannschaften kleine, dann ist Thomas Müller ein Paradoxon – ein staatstragender Anarchist.
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Außerhalb des Fußballs kann FCB-Selbstbewusstsein aber auch Eigentore schießen. Wie im Fall Breno. Dass Hoeneß und Rummenigge die Justizbehörden von oben herab bedrohten und unter Druck zu setzen versuchten, hat die U-Haft des verwirrten brasilianischen Buben gewiss nicht verkürzt. Überhaupt fällt auf, wie auch damals im Fall Deisler, dass bei den Bayern Einfühlsamkeit und Unterstützung für den psychisch Gefährdeten erst dann zu beginnen scheinen, wenn der Hilfebedürftige schon am Ende ist. Unvergessen, wie Rummenigge Deisler einst unter Druck setzte: »Er meint, es reicht, wenn er trainiert und am Samstag spielt. Beim FC Bayern ist das nicht genug. Hier muss er auch außerhalb des Platzes seine Rolle spielen, ein Führungsspieler muss extrovertiert sein« (genau der Anspruch, an dem Deisler zerbrach).
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Ganz anderes Thema, aber auch eins, bei dem sich bzw. uns etwas eingeredet wird: »Fahrräder, die aussehen wie Motorräder« seien der neue Trend, »im Sommer sieht man sie überall«, behauptete das SZ-Magazin vor einigen Wochen. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, liege aber sowieso nicht im Trend. Doch gestern . . . sichtete ich solch ein Chopper-Rad. Sein Fahrer mühte sich ab, hatte bei geschätztem Tempo 5 km/h Mühe, mangels Vortrieb nicht umzukippen, war aber dennoch sichtlich stolz, im scheinbaren Trend zu liegen. Immerhin hat diese neue Rad-Mode einen großen Vorteil: Man fährt gezwungenermaßen so langsam, dass nichts passieren kann.
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Obwohl: Nach neuen und angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen leben schnell fahrende Radler fünf Jahre länger. Als wer oder was, stand nicht in der Meldung. Fünf Jahre länger als Langsamradler, Fußgänger, Libellen oder Eintagsfliegen? In diesem Zusammenhang: Es hätte nicht des Kernforschungszentrums Cern bedurft, um Einstein zu widerlegen, denn schon mein simples Weiterdenken der Radlerstudie genügt: Wenn schnelle Radler fünf Jahre älter werden (wohl, weil sie fit sind), dann leben noch schnellere noch länger, und noch viel schnellere … sind überlichtschnell tot, aber das viel länger.
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Helm auf! Gilt natürlich auch für motorisierte Zweiräder. Der italienische Tenor Salvatore Licitra, der schon mit Pavarotti verglichen wurde, starb vor wenigen Wochen, als er mit seiner Vespa in der Nähe von Ragusa auf Sizilien gegen eine Mauer fuhr. Er trug keinen Helm. Was allerdings auf Sizilien auch als spezielle Vorsichtsmaßnahme gilt, denn wie in einem Nachruf zu lesen war: »Im Camorra-Land Sizilien trägt man keinen Helm, um tödliche Verwechslungen zu vermeiden.« Trotzdem: Helm auf! Hessen ist nicht Sizilien. Obwohl wir’s momentan genauso warm und sonnig haben. Angenehmes Wochenende! (gw)

Veröffentlicht von gw am 30. September 2011 .
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Donnerstag, 29. September, 18.50 Uhr.

Ersatzbefriedigung: Apfelwein selbst machen. Auf den Streuobstwiesen rund ums Dorf Äpfel gesammelt (mit Erlaubnis der Besitzer bzw. vom eigenen Baum). Die fünf alten Glasballons gespült, Gärröhrchen und Aufsätze gereinigt. Termin in der Dorf-Presse: Samstag. Innerfamiliäre Unterstützung für den Lädierten wird nötig sein. Für danach der Plan:  ”Hessische” Methode, alles Natur, ohne Hefe und Schwefel (wär’ sowieso zu kompliziert für den Amateur).  Fortgang wird reportiert.  Hier, im Blog “Sport, Gott & die Welt und das Apfelwein-Keltern”.

Immer wieder: Dankeschön für gemailte Leser-Reaktionen, deren Art, Niveau, Originalität und Informationswert andere Zeitungen und Blogs neidisch machen können – und mich stolz auf unsere Leser.

Hallo gw, habe” Wer bin ich” schon online gelesen und dass Sie bei diesem Wetter nicht Rad fahren, wirklich Folter. Mein Mann fährt auch mit Herrn Tamme und ist auch jetzt mit Freunden natürlich viel unterwegs. Ihre Meinung zu Doping im Sport ist ja seit Jahren bekannt und wird geschätzt.  Wir haben gestern Abend auf Servus TV (gibt es wirklich) eine Dokumentation zum diesjährigen Ötztaler Radmarathon gesehen, der ja über 238 km, 5.500 Höhenmetern und 4 Bergen besteht und wo wirklich viele Freizeitsportler mit einigen Kilos Übergewicht mitfahren. Frank Wörndl hat seinen Freund Jan Ullrich dazu gebracht, dort mitzufahren, er zwar auch, aber natürlich keine Chance auf einen vorderen Platz. Aber wer diesen Jan Ullrich wieder mal gesehen hat und wieviel Spass er dabei hatte, kriegt noch mehr Wut, wenn man weiß, wie lange ein Lance Armstrong noch weiter gefahren ist. Nun, Herr Roeber schreibt ja, man weiß nicht welche Verfahren noch anhängig sind, stimmt ja auch,  trotzdem hat es mir auch mal wieder Spass gemacht, ihn auf dem Rad zu sehen. Sie beschäftigen sich ja seit langem mit diesem Thema und wissen daher am besten, wie es bei Leistungssportlern mit Doping bestellt ist und die vielen neuen “Erkrankungen” zeigen dies ja auch auf. So, ich wünsche Ihnen schnelle Besserung, das Wetter hält noch eine Woche! aber Sie fahren ja auch, wenn sich Fuchs und Hase verkriechen. Von daher, ich grüße Sie (Doris Heyer)

Veröffentlicht von gw am 29. September 2011 .
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Auch bei uns gab es Staatsdoping (Anstoß vom 30. September)

Ziemlich lahme Überschrift, oder? Ist doch DIE Meldung der Woche und seit Tagen in allen Zeitungen zu lesen. Unterschied: Unsere Überschrift ist nicht aktuell, sondern stand schon am 28. September 1991 im Blatt. Es folgt der Text dazu: »In der Bundesrepublik gab es organisiertes, flächendeckendes Staatsdoping, angeordnet von höchsten Gremien des Staates, organisiert von deren Unterorganisationen, überwacht von Presse, Funk und Fernsehen. Zum Beispiel das Kugelstoßen: IOC-Olympianorm 1976: 19,40 m. Intern erhöhte Olympianorm, in konzertierter Aktion von DLV, NOK, DSB und BAL beschlossen: 20,60 m, zu erbringen bei mindestens zwei Olympia-Ausscheidungswettbewerben (entspricht einem Spitzenwert über 21 m). Es ist nachweisbar, dass es Athleten gab, die ohne Anabolika deutlich über 19,40 m stoßen konnten und durch die erhöhte Norm und den durch sie gegebenen Anabolika-Zwang um die Teilnahme gebracht worden sind. Noch einmal: Jeder, wirklich jeder, der nominierte oder die Nominierungen als zu umfangreich kritisierte, musste wissen, dass seine Nominierungs-Kriterien nur mit Hilfe von Anabolika zu erreichen waren. (…) Die Geschichte wäre noch um einige Kapitel zu erweitern. Kolbe-Spritze, Luft-in-den-Darm-Posse, Anabolika-Testserien mit menschlichen Versuchskaninchen – allesamt bekannte, in Archiven nachprüfbare Vergehen wider die eigene Moral, begangen entweder von den falschen Moralisten von heute oder von den honorigen Gremien, denen sie angehörten. Und angehören. Nicht der Anaboliker war pervers, sondern die Welt, in der er lebte.«
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Die Sache selbst ist also seit Jahrzehnten bekannt und der Skandal daher nicht die alte Geschichte, sondern dass sie von verantwortlicher Seite nie thematisiert wurde. Von uns dagegen schon früh. Meist mit Variationen des im Ben-Johnson-Jahr 1988 geschriebenen Kernsatzes: »Solange Nationales Olympisches Komitee, Sporthilfe, Bundesausschuss Leistungssport und die Spitzenverbände (allesamt laut offizieller Verlautbarungen schärfste Anabolika-Verurteiler) Förderungs- und Nominierungskriterien erlassen, die selbst sie ohne Einnahme von Anabolika nicht für erreichbar halten, bleibt die ethisch-moralisch begründete öffentliche Entrüstungs-Diskussion nur Spielwiese für selbstgerechte Heuchler.«
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Bis heute. Aus einem »Anstoß« im Jahr 2009: »Dass in der Bundesrepublik Doping ebenfalls gefordert und gefördert wurde – das wird gerne vergessen. Wir waren schließlich die ›Guten‹. Deswegen kehren wir nicht vor der eigenen Tür, sondern lieber unter den Teppich, dass unter der letztlichen Verantwortung der Bundeskanzler Brandt und Schmidt und der direkten Zuständigkeit der Innenminister Genscher und Maihofer in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts der ›Bundesausschuss zur Förderung des Leistungssports‹ (BAL), eine Behörde des Bundesinnenministeriums, in die Sportverbände ›durchregierte‹ und intern drastisch erhöhte deutsche Olympianormen durchsetzte, die nach dem Wissensstand aller Beteiligten nur mit Hilfe von Anabolika erreichbar waren. Eine Kugelstoßerin zum Beispiel, die ›nur‹ 19 Meter stieß (immerhin deutlich mehr als die offizielle IOC-Norm), hätte ein Potenzial von 21 Metern (!!!) nachweisen müssen, um 1976 für Montreal nominiert zu werden. Da sie dies nicht schaffte, verpasste sie nicht nur das größte Erlebnis in ihrem Sportlerleben, sondern verlor auch viel Geld (der BAL kontrollierte die Fördergelder, die Nicht-Teilnehmern drastisch gekürzt oder sogar gestrichen wurden) und wurde zudem von den Wachhunden des BAL – leider, liebe Kollegen, von uns Medien – als Versagerin verbellt. Die Politik gab die Richtung vor, ihre grauen Eminenzen vom BAL setzten sie durch, sich dabei strikt und in jeder Beziehung an der DDR orientierend (dem klaren Sieger im kalten Sport-Krieg und daher Vorbild), NOK, DSB und die Fachverbände ließen sich willig entmachten und manipulieren, und die Medien machten schizophren mit, einerseits jede Kugelstoß-Leistung über 20 m als nur durch Anabolika möglich zu diffamieren und gleichzeitig vehement einen ›Nur‹-20-m-Stoßer als olympiauntauglich zu schmähen. Wird diese Ursünde nicht eingestanden und aufgearbeitet, muss sie immer weitere Sünden nach sich ziehen, und Scheinethiker, Doppelmoraliker und sonstige bigotte Heuchler werden die meinungsbildenden Wortführer bleiben, zu Lasten des Sports und der Sportler.«
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»Wir wollen solche Mittel unter absolut verantwortlicher Kontrolle der Sportmediziner einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen ohne Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann.« Auch auf das in dieser Woche wieder auftauchende Schäuble-Zitat (am 28. 9. 1977 vor dem Sportausschuss des Bundestages) hatten wir früh hingewiesen. Zuletzt vor einem Jahr: »Schäuble hat seine Aussage sophistisch kommentiert: ›Man sollte niemanden an Sprüchen messen, die er vor 30 Jahren getan hat; das fällt auf den zurück, der es tut.‹ Nicht die Sprüche sind schlecht, sondern der, der sie zitiert? Schäuble ist nicht vorzuwerfen, was er gesagt hat, sondern dass er nicht die Hintergründe bekennt und nicht zu der Schuld steht, die nicht er persönlich (seine Aussage ist in Anbetracht der Verhältnisse im Grunde sehr verantwortungsvoll), sondern Sportpolitik, große Politik und die Medien auf sich geladen haben, aber seit Jahrzehnten nur auf dem Sport und den Sportlern abladen.«
***
Da habe ich mir einige uralte Hüte aus dem Archiv aufgesetzt. Manchen wird’s langsam nerven, aber das Risiko gehe ich ein, denn wer die alten »Anstoß«-Geschichten noch nicht kannte, zum Beispiel jüngere Leser, kann die »neuen« Nachrichten nun besser einordnen. Dass ich glaube, mich im Thema besser auszukennen als andere, ist keine Überheblichkeit, sondern die Ungnade der anabolen Geburt. Nachzulesen seit zehn Jahren auch im Online-»Anstoß« (im Link »Sport-Leben«). Ein Auszug: »Bundesrepublikanisches Staatsdoping: Ihr wisst, was ihr zu tun habt! Aber lasst euch nicht erwischen! Bevor sich der erste Sportler dopingschämt, haben sich die früheren Führungskräfte von DLV, DSB, Sporthilfe, NOK, BA-L und die ebenfalls wissentlich dopingfordernden Journalisten zu schämen. Die meisten leben ja und könnten sich noch schämen.«
*
Nur der letzte Satz gilt nicht mehr. Keul, Kirsch, Daume, sie sind längst tot. Aber es leben noch viele damals tonangebende Menschen, es existieren Institutionen und Medien, die nie ihre Schuld bekannt haben. Sie werden es auch nie tun. Schuld sind immer nur die anderen. (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. September 2011 .
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Mittwoch, 28. September, 18.15 Uhr.

“Wer bin ich?” steht schon online, der Staatsdoping-Anstoß für Freitag ist ebenfalls schon geschrieben, da kann ich morgen Pause machen und meine Wunden lecken. Erster freier Donnerstag ohne Radfahren. Schluchz. Und das bei diesem Wetter.

Der Staatsdoping-Anstoß ist geschrieben? Abgeschrieben. Aus eigenen Ergüssen aus Jahrzehnten. Eigentlich gehört die Freitags-Kolumne also in die Serien-Rubrik “Nachdruck”. Alter Wein in alten Schläuchen. Will nicht so tun, als wäre es neuer Wein in neuen Schläuchen. Sonst würde ich ja selbst darauf hereinfallen, dass die “neuen Enthüllungen” neue Enthüllungen seien. Daher stur auf früh Geschriebenes beschränkt. Habe mir auch vorgenommen, nicht noch einmal darauf anzuspringen. Für mich ist die Sache erledigt. Sorry also auch, was die Fragen angeht, die in der Mail von Walther Roeber auftauchen, der auf den gestrigen Blog-Eintrag reagiert:

Das hat ja wieder gesessen. Ich hatte mich schon den ganzen Tag über gewundert, dass es noch keine Reaktion Ihrerseits auf die “sensationellen Enthüllungen” gab.
Einige Gedanken dazu, ich erwarte da keine direkten Antworten, aber vielleicht können Sie (das liegt natürlich in Ihrem Ermessen) im Blog oder auch im Blatt zum einen oder anderen Punkt Stellung beziehen oder auch noch weitere Aspekte einbringen.
Sind Sie eigentlich im Rahmen dieses Projekts persönlich angesprochen worden? Ich gehe davon aus, dass Ihre Offenheit im Umgang mit dem Thema bekannt sein dürfte – und heute spielen die Äußerlichkeiten (Gienger sah damals vielleicht besser aus) wohl auch keine Rolle mehr.
Ist mein Eindruck richtig, dass es mindestens 3 “Fraktionen” (vielleicht auch mehr, je nach Differenzierung) gibt, die mit dem Thema Doping höchst unterschiedlich umgehen?
Da sind die “Alten”, teilweise schon verstorben (Reichenbach, Daume z.B.) , deren Aufzeichnungen vielleicht auch gar nicht zugänglich sind, bzw. deren Einstellung zum Themenkomplex nur interpretiert werden kann.
Da sind die “Funktionäre” (ich schließe da Trainer, Funktionäre, Ärzte usw. ein),  die teilweise sicher ungeheuren Druck auf die Aktiven ausgeübt haben, sei es nun wegen der zu “erbringenden Leistung”, sei es in guter Absicht bei Regeneration und Heilungsprozessen; die haben aber für sich selbst mit den Wirkungen wenig zu tun gehabt.
Da sind die “damals Aktiven”, die – wie Sie – inzwischen offen mit dem Thema umgehen und eine sachliche Diskussion darüber betreiben, und die, die alles “verteufeln”, was da getrieben wurde und die, die sich gar nicht äußern – wobei die Gründe sicherlich vielfältig sein können. Wo sind die damaligen Spitzensportler, die heute als Journalisten, als Funktionäre, als Politiker in der Öffentlichkeit stehen und sich “outen” könnten oder auch die, die heute ein mehr oder weniger unauffälliges Leben führen und dennoch ihr Teil zur Aufklärung beitragen könnten? Leiden Sie persönlich heute noch unter direkten oder indirekten Nachwirkungen dieser damals eingesetzten Mittel?
Bei der aktiven Generation scheint es auch unterschiedliche Tendenzen zu geben: Es wird sehr viel Staub aufgewirbelt, der der Verschleierung dient bzw. sie sind Teil einer Maschinerie oder eines “Konkurrenzkampfes”, was bringt mir einen Vorteil und ist möglichst nicht nachzuweisen, bzw. wie kann ich vermeiden, erwischt zu werden. Dabei geht es natürlich auch immer um viel Geld… Charakter und Moral treten in den Hintergrund.
Ich weiß nicht, welche Verfahren z.B. bei Jan Ullrich derzeit noch anhängig sind, aber er könnte z.B. “Größe zeigen”, wenn er wirklich offen die Karten auf den Tisch legen würde. Lance Armstrong hat sich schon so verstrickt, der kommt aus dem Gewirr nicht mehr heraus. Die Aktiven stehen unter einem solchen Druck, dass sicherlich hinter einer Fassade vieles passiert, was man als Außenstehender gar nicht mitbekommt oder mitbekommen soll. Wie weit das dann Doping zu nennen ist, ist auch eine Frage der Definition; dient etwas der Leistungssteigerung, dient es der Wiederherstellung oder auch “nur” der Ruhigstellung.
Vielleicht sehe ich es zu pessimistisch, aber ich bin ziemlich fest davon überzeugt, dass gerade im Bereich etwas unterhalb des “Spitzensports” noch eine ganz erhebliche Grauzone herrscht, weil dort viele auf den Durchbruch nach oben hoffen, und dazu bereit sind, “alle Möglichkeiten” auszuschöpfen. (Walther Roeber)

Veröffentlicht von gw am 28. September 2011 .
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Baumhausbeichte - Novelle