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Anstoß: Gold und Blech (vom 1. September)

Am Ruhetag der Leichtathletik-WM fällt vor allem auf, dass es ihn überhaupt gibt. Sportliche Gründe sind nicht zu entdecken, auch nicht dafür, dass die Veranstaltung über zwei Wochenenden gestreckt und in die Länge gezogen wird. Aber sportliche Gründe spielen im Sport ja schon lange nicht mehr die Hauptrolle. Das ist nicht gejammert, sondern bloß festgestellt.
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Bloß festgestellt: Das Gejammer von Robert Harting, seinesgleichen würden im Vergleich zu anderen (ausgerechnet Polen!) finanziell benachteiligt, ist kein zweiter goldener Wurf, sondern nur Blech. Wenn es bei uns nicht bald eine lebenslange und lebensstandardsichernde Rente für olympische Medaillengewinner gäbe, würde die Leichtathletik viele talentierte 20-Jährige an Berufe zum Beispiel in der Wirtschaft verlieren, sagt der Diskus-Weltmeister. Aber wer soll denn 50 und mehr Jahre lang die Rente für Medaillengewinner bezahlen – und vor allem für die vielen anderen, die keine Medaillen gewinnen werden, wegen fehlender beruflicher Ausbildung und Tätigkeit unser Sozialsystem aber ebenfalls belasten?
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Hartings Modell erinnert (wie sein Trainer und sein Stützabwurf, aber das nur als sportfachliche Anmerkung) an DDR-Verhältnisse. Damit kommt man im Sport weit, als Staat geht man pleite.
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Bolts Fehlstart: Dass der Superstar nicht rennen durfte, war der Renner der ersten WM-Halbzeit. Die Regel ist blöd, aber auch blöde Regeln müssen eingehalten werden, denn dass sie, ob blöd oder nicht, für alle gelten, ist die Basis des Wettkampfsports. Regeln werden zwar ständig geändert, aber nicht für laufende Wettbewerbe. Die aktuelle Fehlstartregel ist zwar nicht ganz so blöd wie die zuvor gültige, wird nach dem Bolt-Fiasko aber sicher wieder geändert. Doch ebenso sicher nicht in die noch früher geltende sportlich fairste Form: Disqualifiziert wurde nur, wer zwei Fehlstarts verursachte. Zu langweilig und langwierig für moderne Zeiten.
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Der Hype um Oskar Pistorius hat sich schneller abgeschwächt als Monstersturm Irene. Gut so. Beides. Wenn der »Blade Runner« nicht beim Staffeleinsatz zum Querschläger wird, versinkt das Thema in den Tiefen der Fachweltdiskussion. Festzuhalten bleibt zum Schluss, denn das vergessen wir sportsachbezogenen Kritiker oft: Oskar Pistorius ist ein ganz und gar außergewöhnlicher und großartiger Sportler.
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Nächstes Thema bei der WM wird die südafrikanische 800-m-Titelverteidigerin sein. Das arme Mädchen läuft seit ihrer Pause nur noch mit und meist hinterher und nicht einfach vorneweg (über die Gründe, so nahe sie zu liegen scheinen, sollte man schweigen). Bleibt es in Daegu so, erledigt sich auch dieses Aufreger-Thema von selbst. Und auch das ist gut so, vor allem für das Mädchen.
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In Zusammenhang mit den ersten Diskussionen um Pistorius war ich schon vor einiger Zeit auf die Geschichte eines einbeinigen Collegesportlers gestoßen, der vor knapp 30 Jahren im »normalen« Football- und Basketball-Collegeteam mitspielte und sogar den Dunking schaffte – ohne Prothesen, einbeinig! Aus meiner Sicht eine der unglaublichsten und bewundernswürdigsten Leistungen der Sportgeschichte. Der mit nur einem Bein geborene Carl Joseph, genannt »Sugarfoot«, ist noch auf youtube in alten Videos zu sehen. Wer’s noch nicht kennt, muss sich das unbedingt anschauen. Unfassbar. Wahnsinn.
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Dazu aber die schon einmal gestellte Frage: Warum würde »Sugarfoot« in einer gewissen olympischen Traditionssportart schon bei der ersten Bewegung disqualifiziert? (Beim Gehen, denn dort muss immer ein Bein am Boden sein)
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Und da wäre dann noch der 400-m-Zweite, der eigentlich gar nicht hätte laufen dürfen, da er seit 2010 wegen Steroiddopings für zwei Jahre gesperrt war. Die Sperre wurde verkürzt, weil er wegen des Wunsches nach »besserem Sex« nur seinen Penis gedopt haben will. Die Sperre wurde verkürzt, die Ausrede geglaubt – allerdings wohl vorwiegend von jenen, die vor dem Sex die Hose mit der Kneifzange ausziehen.
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Für mich bisher anrührendste Szene: Wie die 400-m-Überraschungssiegerin nach dem Zieleinlauf ihr Gesicht hinter Armen und Händen verbarg, weil sie sich ihrer Tränen schämte. Und ich schäme mich, weil ganz kurz der böse Gedanke aufblitzte: Sie verbirgt nicht ihre Tränen, sondern ein diabolisches Grinsen und ruft mir zu: »Ach wie gut, dass du nicht weißt, wie mein neues Mittel heißt.« – Nein. Lieber ziehe ich mir die Hose mit der Kneifzange an und aus! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle