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Anstoß: So weit die Disken fliegen (vom 31. August)

Schönes Bild: Diskus-Hüne und Stab-Kugelblitz. Ähnlich wie kürzlich Dirk Nowitzki und Fabian Hambüchen.
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Bei Harting bewahrheitet sich der alte Werferspruch, dass eine schmerzende Patellasehne zwar nervt, aber nicht die Leistung mindert. Früher fuhr Hein-Direck Neu, als deutscher Diskus-Held ein Harting-Vorgänger (und fast ebenso weit werfend), zu Wettkämpfen im Auto mit Spazierstock, mit diesem Gas gebend, was mit dem patellasehnengeschädigten Bein zu schmerzhaft gewesen wäre. Und warf dann Rekord. Cortison wurde auch damals schon gespritzt, man wusste aber: Je mehr Cortison, desto poröser das Gewebe, desto schneller der Riss.
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Gedanken beim Betrachten männlicher Körpergewalten: Wie weit werfen diese Diskus-Trumms eigentlich mit dem halb so schweren Gerät der vergleichsweise grazilen Nadine Müller? Auf youtube kann man ein schemenhaftes Video finden, auf dem ein Ungar angeblich fast hundert Meter weit wirft. Aus eigener Erfahrung kaum zu glauben. Einst zerriss es dem Knapp-53-m-Werfer in seinem Vorkolumnistenleben fast den Ellbogen, als er aus Jux und Dollerei den Frauendiskus schleuderte. Hundert Meter? So weit fliegt dann eher das abgerissene Ellbogengelenk, oder?
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Anruf bei einem, der es wissen müsste: Alwin Wagner, hessische Diskus-Ikone aus Melsungen, Olympiasechster 1984, Bestleistung 67,80 m und immer noch Weltrekordhalter im Schleuderballwerfen (sensationelle 86,92 m mit dem 1,5-kg-Ball). Ex-Weltklassemann Wagner bestätigt das Gefühl des zweitklassigen Exwerfers: Mit roher Männergewalt ist dem Frauendiskus nicht beizukommen, man benötigt viel Gefühl, um im Optimalfall knapp 15 Meter weiter zu werfen als mit dem doppelt so schweren Gerät, Wagner selbst warf etwas über 80 Meter und hält maximal 90 Meter für erreichbar.
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Von den Männer-Wurfgeräten fliegt nur der Speer über 100 Meter. Nein, er flog: DDR-Athlet Uwe Hohn hält seit 1984 mit 104,80 m den »ewigen« Weltrekord, denn aus Sicherheitsgründen wurde danach bei dem 800-Gramm-Gerät der Schwerpunkt verändert, so dass es steiler fliegt und früher absinkt.  Ebenfalls aus Sicherheitsgründen wurde schon Mitte des letzten Jahrhunderts die von Spaniern entwickelte Technik mit Drehung und eingeseiftem Griff verboten, bei der selbst mittelmäßige Werfer den Speer über 100 Meter weit fliegen ließen, allerdings flutschte das Ding wie eine eingeseifte Rakete unkontrollierbar in alle Richtungen.
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Das Wurfgerät als Waffe gab und gibt es allerdings leider schon, wie zum Hohn hält auch hier Hohn den absoluten Weltrekord: 100,02 Meter mit einer DDR-»F 1« im Handgranatenweitwurf.

Pech hatte der norwegische Weltklasse-Speerwerfer Thorkildsen, als er versuchte, den 800-Gramm-Speer (Frauen: 600) so weit zu werfen wie vor ihm noch niemand ein nicht selbst fliegendes Objekt: Thorkildsen warf den Speer vom 600 m hohen Preikestolen aus ab, einem Felsplateau, das fast senkrecht zu einem Fjord abfällt, scheiterte aber am Nebel – mangels sichtbarem Eintauchen des Speers im Meer war keine Weitenmessung möglich.
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Beeindruckend sieht es aus, wenn Weltklasse-Hammerwerfer mit dem Frauengerät (4,0 statt 7,26 kg) wirbelnd werfen – der Hammer bzw. die Kugel mit Drahtseil und Griff kann durchaus 110 und mehr Meter weit fliegen.
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Bescheiden dagegen naturgemäß die Weiten der Kugelstoßer. Auch wenn Männer mit der Frauenkugel stoßen (Verhältnis ebenfalls 7,26 zu 4 kg) knacken sie die 30-m-Marke nicht. Der Erste, dem dies gelingen könnte, ist noch 16 Jahre jung, heißt Jacko Gill und kommt wie seine Trainingspartnerin Valerie Adams aus Neuseeland. Gill hat mit der Jugendkugel (5 kg) mit 24,35 m einen schier unglaublichen Weltrekord aufgestellt, stößt mittlerweile die Männerkugel schon an die 21 Meter und könnte, wenn ihm physisch und/oder psychisch nichts dazwischen kommt, in ganz neue Dimensionen vordringen.
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Gedanken beim Betrachten weiblicher Körpergewalten: Kugel-Weltmeisterin Valerie Adams ist trotz aller massiver Muskelhaftigkeit eine durchaus attraktive Athletin, vor der selbst Machos und Chauvis auf die Knie gehen – teils aus Bewunderung der Statuenfigur einer herkulischen Göttin, teils aus Angst vor ihr. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle