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Montag, 29.August, 17.15 Uhr.

Sonnig, kühl, leichte Brise, blauer Himmel, muntere Wölkchen. Unterwegs auf der Morgenstrecke, flott, aber nicht schnell unterwegs, dann freihändig auf dem Grüner-Plan-Teilstück, eine wahre Lust, in diesem Moment glaubt man an Leibnitz’ Theodizee, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Doch dann fallen mir die Vermissten ein: Der Hund vom Leiterhof, der Fuchs, die Rehmutter und ihr Kind. Und der eigene Hund, der vor ein paar Tagen in der Nähe der Reh-Stelle im Gebüsch stöberte und mit einem Rehbein im Maul rauskam.

Mit einem Rehbein, also mit einem Schlegel, nicht mit der Rehbein. Andere Hundertjährige wissen: Sekretärin von Kommissar Erik Ode.

Zur Sache: Der Hype um Pistorius schwächt sich schneller ab als Monstersturm Irene. Gut so. Beides. Wenn der “Blade Runner” nicht beim Staffeleinsatz zum Querschläger wird, versinkt das Thema in den Tiefen der Fachweltdiskussion. Oder verschwindet völlig, denn Pistorius ist ein absoluter Ausnahmefall und wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wiederholen. Die sehr spezielle Behinderung und die frühkindliche Gewöhnung an Prothesen als “normale” Beine bleiben außergewöhnlich. Außerdem wird die Weiterentwicklung von Prothesen zu so augenscheinlicher Unvergleichbarkeit führen, dass sich die Frage einer Teilnahme bei Normalzweibeinern gar nicht erst stellt, zumal dann die rein zufällige aktuelle Vergleichbarkeit der Zeiten von Pistorius und den 400-m-Läufern nicht mehr die Diskussion versimpeln kann. Beispiel Marathon: Rollstuhlfahrer haben derart schnelle High-Tech-Gefährte, dass es auch für jeden, der Pistorius’ Start unterstützt hat, absurd wäre, wenn die Rollis in die Läufer-Wertung kämen.

Festzuhalten bleibt zum Schluss, denn das vergessen wir sportsachbezogenen Kritiker oft, dass Oskar Pistorius ein ganz und gar außergewöhnlicher und großartiger Sportler ist.

Nächstes Thema bei der WM wird die südafrikanische 800-m-Goldmedaillengewinnerin sein. Das arme (Jetzt-erst?-)Mädchen läuft seit ihrer Pause nur noch mit und meist hinterher und nicht einfach vorneweg. Bleibt es auch in Daegu so, erledigt sich auch dieses Aufreger-Thema von selbst. Und auch das ist gut so, vor allem für das Mädchen. 

Heute griffen bei der WM die üblichen medialen Mechanismen: “Tränen statt Medaillen”, “glanzlos”, “Enttäuschungen “, “geplatzte Hoffnungen” – so der Tenor zum deutschen Abschneiden. Doch vordere Platzierungen (5,85 m stabhoch, fast 80 m mit dem Hammer), ein beeindruckender 400-m-Hürden-Vorlauf, eine junge Deutsche im 100-m-Halbfinale – das war doch gar nicht so schlecht.

Gerade fällt mir ein, dass ich vor ein paar Jahren in Zusammenhang mit den ersten Diskussionen um Pistorius auf die Geschichte eines einbeinigen Collegesportlers gestoßen war, der im “normalen” Collegeteam mitspielte und sogar den Dunking schaffte – ohne Prothesen, einbeinig! Mal ins Archiv klicken.

So, hat etwas gedauert, weil ich keinen griffigen Suchnamen fand (hatte “Sugarfood” vergessen). Aber jetzt hab ich’s:

Vor einem Vierteljahrhundert vollbrachte ein Schüler der Highschool von Madison eine der unglaublichsten Leistungen der Sportgeschichte, und erst jetzt werden wir in Deutschland auf ihn aufmerksam, weil er für die Hall of Fame von Floridas Highschoolsport nominiert worden ist. Die Süddeutsche Zeitung interviewte den heute 47-Jährigen, ich konnte nicht glauben, was ich las, klickte mich bei youtube ein . . . und war baff: Der mit nur einem Bein geborene Carl Joseph spielte Football und Basketball – ohne Prothese (»weil ich mich ohne mein fünf Pfund schweres Holzbein besser bewegen konnte«) im regulären Auswahlteam, denn: »Ich bin doch nicht behindert. Deshalb habe ich auch nie Behindertensport gemacht.« Carl »Sugarfood« Joseph schaffte sogar den Slam Dunk (Bild). Unfassbar. * Diskriminiert fühlte »Sugarfood« sich nie – nur die Einstellung der Zahlungen der Behindertenhilfe ärgerte ihn: »Die Behörde sagte, wer Sport treibe, könne unmöglich behindert sein.« * Warum Carl Joseph aber in einer gewissen olympischen Traditionssportart schon bei der ersten Bewegung disqualifiziert würde und warum das kaum jemand besser wissen dürfte als ein gewisser mittelhessischer DKP-Kreisvorsitzender . . (Anstoß im Oktober 2008)

Die Frage stelle ich vielleicht morgen noch einmal, wenn ich einen WM-Anstoß schreibe (parallel zum Diskuswerfen). Falls nicht, Auflösung im Blog.

 

Baumhausbeichte - Novelle