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Montagsthemen (vom 29. August)

Jürgen Hingsen darf aufatmen: Usain Bolt hat ihm in der Weltrangliste der blamabelsten Fehlstarts endlich die Spitzenposition abgenommen. Bolt selbst kennt jetzt den schmalen Grat zwischen einem rumhampelnden Showclown beim Showdown und . . . einem weghumpelnden dummen August.
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Zum Lahm-Buch hier nichts mehr. Letztes Leser-Wort: »Der kleine Streber aus der ersten Bank hat sich weiterentwickelt: Jetzt hat ihn der ›Größenlahm‹ gepackt« (Erich Zimmermann, Gießen).
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Auch dazu nichts mehr: Dass die Wende schon im Zürich-(Hin!-) Spiel kam und die Bayern wieder das Maß aller Bundesliga-Dinge sind, wird nur noch selbstveräppelnd aufgewärmt, falls ich mich getäuscht haben werden sollte (was ist das für ein Tempus? Hessisch-konjunktivisches Futur III?).
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Weitere Nichtthemen: In Sachen VW Wolfsburg weicht Häme langsam dem Mitleid mit Spielern und Fans, die unter Magaths ver- und abgedrehtem Werbespruch leiden (»Alles muss raus oder rein«), bei Gomez gibt es andere Tage, an denen er allein zu preisen wäre (diesmal gebührt Müller das Extralob), und den freudigen Satz des Nürnberger Torschützen Esswein habe ich hier so der so ähnlich schon zu oft trainingsmanisch ernsthaft kritisiert: »Der Trainer hat gesagt, wenn wir das Spiel gewinnen, haben wir zwei Tage frei. Deshalb haben wir doppelt Gas gegeben.«
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Immerhin leitet das wieder zur Leichtathletik-WM über, denn wohl kein einziger der dortigen Teilnehmer würde wie die Esswein-Kicker reden oder auch nur denken, denn außerhalb des Fußballs gälte das allenfalls als absurde Komik. Absurd aber auch die Debatte über Prothesenrenner Pistorius. Auch dieses Thema, in unserer Kolumne ein (ha! Wortspiel:) Blatt-Runner, wärmen wir nicht mehr auf. Alles ist gesagt, und wenn diskutiert wird, ob die Prothesen dem Blade-Runner Vor- oder Nachteile bringen, geht das zielsicher am Kern der Sache vorbei, denn nicht das ist wichtig, sondern nur: Betreibt Pistorius die selbe Sportart wie seine naturfüßigen Konkurrenten? Nein. Was die Diskussion eigentlich beenden müsste, aber das wollen Medien, Kommerz und falsch verstandene Behinderten-Korrektbehandlung nicht erlauben.
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Leider ging der fast blinde Jason Smyth im Pistorius-Hype fast unter. Ich musste lange suchen, bis ich ihn fand: Fünfter im Vorlauf in 10,57, um eine Zehntel am Weiterkommen gescheitert. Schade.
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Hält Hartings Patellasehne? Oder zerreißt sie wie er in Berlin sein Trikot? Die Sehne unterhalb der Kniescheibe ist, anatomisch nicht ganz korrekt, die Achillesferse von Werfern und Springern, aber altgediente Patellageplagte können Harting, dem die Sehne (noch) weh tut, beruhigen: Meistens reißt sie erst, wenn sie nicht mehr weh tut.
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Doch noch ein letztes Wort zu Pistorius, gefunden beim alten Heraklit. Nein, nicht sein bekanntes »panta rei« (alles fließt, was der große Nachsokratiker Sepp Herberger kongenial mit »Der Ball ist rund« übersetzte). Sondern: Wenn es denn schon ungerecht ist, dass Pistorius in Daegu antreten darf, trösten wir uns mit diesem Heraklit-Wort: »Gäbe es keine Ungerechtigkeit, für die Gerechtigkeit würden wir nicht einmal einen Namen haben.« Und das wäre uns  auch nicht (ge-)recht, oder? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle