Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 27. August)

Dass Schalke und Hannover schon ausgeschieden seien: Selten so gerne getäuscht wie nach dieser Besserwisserei in den letzten »Montagsthemen«. Wenn ich schon mit Selbstkritik anfange, kann ich auch gleich mit Kritik weitermachen: »In Ihrem Blog stellen Sie die Frage: Hat’s wirklich niemand gemerkt? Diese Frage möchte ich hiermit an Sie und die Sportredaktion zurückgeben«, mailt Klaus Spruck aus Heuchelheim, denn zu seinem Ärger ist »die Weltmeisterschaft im Unterwasserrugby in Helsinki spurlos an dem Sportteil vorübergegangen. Dabei haben sich die deutschen Mannschaften nicht schlecht geschlagen: Bei den Damen ein Platz drei und bei den Herren nach einem packenden Finale gegen Norwegen die Vizeweltmeisterschaft! Vielleicht kann man da ja noch eine Meldung nachreichen.« Ist hiermit geschehen.
*
Angebot von Klaus Spruck: »Wenn Sie sich einmal ein Bild über diese Sportart in Mittelhessen machen wollen: Die Trainingszeiten sind Mittwochabend (ab 20 Uhr) und Samstag (ab 13 Uhr) im Schwimmbad Pohlheim, und wenn Sie mitspielen wollen, borgen wir Ihnen gerne Flossen und Taucherbrille.« – Ich habe zwar die Wasserlage eines Steines, aber … mal sehen.
*
»Hat’s wirklich niemand gemerkt?«, bezog sich im Blog auf die »Montagsthemen«, in denen ich von »Tatort-Kommissar Matthias Brandt« gefaselt hatte, der natürlich ein »Polizeiruf 110«-Kommissar ist. Nur im Blog hatte ich mich auch getraut, über den vorab von den Kultur- und Medienschaffenden hoch gelobten Krimi zu schimpfen: »Welch ein quadratquatschiger Film! Hektische Kamera, ein bemüht authentischer Klangsalat, der die Dialoge kaum verstehen ließ, ein unmotiviertes Hin und Her und Vor und Zurück, ein filmisches Ambitionsgeschwurbel.« Ich befürchtete: »So, damit hätte ich mich als dösdumpfer, brummsdummer Spießer geoutet.« Zu meiner Überraschung gab es keine Kritik, sondern nur Zustimmung (z. B. von Doris Heyer: »Da haben Sie mir aus dem Herzen geschrieben«), für die ich danke und die mir den späten Mut macht, die Kritik hier zu wiederholen.
*
Aber was soll ich noch über den »kleinen Streber aus der ersten Bank« (»Sport-Stammtisch« vor genau einem Jahr) schreiben, der sich beim Klassenlehrer einschleimt, indem er diesen lobt und seine Vorgänger madig macht? Ein Leser mit geradezu unheimlichem Einfühlungsvermögen in meine Schreiberseele eröffnet mir ungewollt einen Ausweg: »Ich könnte mir vorstellen, dass Sie aufgrund der bekannten Auszüge zur jüngeren deutschen Fußballgeschichte durch den Autor Philipp Lahm folgendes Problem haben: Sollte ich kommentieren wollen, sollen oder dürfen!?! Wie schreib ich’s, wenn’s mir a) inhaltlich so schon immer logisch und stichhaltig erscheint, aber b) die Art der Bekanntmachung wie ein Teufel im Bischofsgewand vorkommt, als hätte L. Matthäus mit M. Basler unter Hilfe des S. Effenberg veröffentlicht!?!« Tilo Heller aus Echzell bringt mein Problem auf den Punkt. Ausweg: Seine Zeilen in dieser Kolumne, ohne weitere »gw«-Worte.
*
»Wer bin ich?«, so lautet nicht nur die Frage aller philosophischen Seinsfragen, sondern auch unsere kleine Rätsel-Runde (die übrigens von mir ungeahnte Ausmaße annimmt). Zuletzt ging es um Leichtathleten, und nach seinen Lösungen Hary, Lauer und Kaufmann fragt Paul-Gerhard Schmidt (Nieder-Ohmen): »Mir ist aufgefallen, dass es in der damaligen Zeit, also in den Fünfziger und Sechziger Jahren, neben den genannten noch eine Reihe weiterer westdeutscher Weltklassesprinter gegeben hat (z.B. Fütterer, Germar). Bedenkt man die Umstände der Nachkriegszeit und die damit verbundenen, um mit Birgit Prinz zu sprechen, suboptimalen Bedingungen, ist so eine große Zahl von (Welt-)Spitzenathleten schon sehr erstaunlich. Ich frage mich, gibt es dafür plausible Gründe oder war es einfach nur Zufall? Vielleicht haben Sie eine Erklärung.« – Hab ich nicht, jedenfalls keine zwingende, sonst würde ich mich beim DLV als Cheftrainer bewerben oder wenigstens zum Präsidenten wählen lassen. Vielleicht spielen Diversifikation des Sports (Leichtathletik war mal eine Top- und Grundsportart, in der kein Talent unentdeckt blieb), Konzentration auf Fußball einerseits und Funsportarten andererseits, wo schneller Erfolg winkt, dazu die lange Trainingszeit, bis man ganz nach vorne kommt, allgemeiner Bewegungsmangel und, ja, auch der Zufall eine »konzertierte« Rolle.
*
Mehr zur Leichtathletik in den nächsten Tagen, natürlich auch zum »Blade Runner« und zum wahren behinderten Helden, der in Südkorea starten darf: Der stark sehbehinderte Jason Smyth, der schneller läuft als unsere deutschen Sprinter und auch dadurch Anlass gibt, einen unbedachten Sportler-Spruch (»Du Blinder!«) zu überdenken (»Spasti«, das frühere Sportler-Synonym dazu, wird kaum noch gebraucht, aber das nun wirklich bösartig diskriminierende »Blinder« wird noch häufig und ohne Scham benutzt).
*
Auch dazu hätte Loriot einen unvergleichlichen Sketch machen können. Vicco von Bülow gehört ja zu den heimlichen Paten dieser Kolumne, und da zu seinem Tod nun wirklich jeder vom Bundespräsidenten abwärts seine Betroffenheit ausgedrückt hat, beschränke ich mich auf die Wiederholung seiner letzten Worte in unserer Kolumne. Frage im Diogenes-Magazin (»Ohne weitere Worte« vom Mai): »Wissen Sie, was auf Ihrem Grabstein stehen soll?« Loriot: »Zweckmäßig wäre es, wenn der Name drauf stünde.«
*
Und vielleicht noch ein einziges Wort: »Ach was.« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle