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Köhler, ein Mann für alle Fälle

 Liebes Eintracht-Tagebuch,
wusstest Du, dass man Meerschweinchen und Kaninchen zwar zusammen in einem Käfig halten kann, dass es aber beiden nichts bringt? Ja, das ist so. Sie haben nämlich komplett unterschiedliche Wahrnehmungen. Sowohl akustisch, als auch optisch, ja sogar geruchstechnisch. Dazu kommen zwei völlig verschiedene Körpersprachen.
Sie also, nur weil beide zu den fellweichen Streicheltieren gehören, in einen stärkeren Zusammenhang zu bringen, ist schlichtweg Quatsch! Denn unterm Strich können sie nichts miteinander anfangen!
Mit dem FSV und der Eintracht ist das auch so. Beide kommen zwar aus Frankfurt, und beide Vereine spielen derzeit in der 2. Fußball-Bundesliga, das ist aber auch schon alles.
Ich habe das an mir selbst als Fan auch schon des Öfteren bemerkt, dieses emotionslose Wahrnehmen oder besser gesagt: Registrieren von etwas, das mir nichts sagt. Einmal war ich zum Beispiel Gast in einer Sportsendung des HR, und hinter mir saßen überwiegend FSV-Fans, die einen Großteil der Zuschauerkarten für diesen Abend ergattert hatten. In der Sendung selbst ging es aber nur um die Eintracht, und als es dann rum war, standen die blauschwarzen Trikotträger auf, gingen leicht säuerlich aus dem Studio und sangen dabei so was wie »Uns gibt’s auch noch … lalalalala« o.s.ä.
Für einen Moment starrten ihnen alle wortlos hinterher, Jan Aage Förtoft zum Beispiel, die Kameraleute so wie ich auch. Dann waren sie draußen, und alles widmete sich sofort wieder anderen Dingen.
Damit Du mich nicht falsch verstehst, liebes Tagebuch, das war nicht überheblich gemeint! Keiner machte eine abfällige Bemerkung oder so. Es gab nur einfach aus der Sicht von Eintracht-Fans nichts dazu zu sagen. Weil wir zwar wissen, dass es diesen Verein gibt, er uns aber nicht den Hauch einer emotionalen Regung abluchst.
Im Vorfeld der Partie am Sonntag wurde ich in Interviews mehrfach aufgefordert,  zu erklären, warum ich heiß auf dieses Derby sei. Ich war aber nicht heiß. Ich war nicht mal ansatzweise lau. Das Einzige, was ich empfand, war eine gewisse Unruhe. Basierend auf dem Wissen, dass man dieser Eintracht-Mannschaft eine Niederlage gegen den kleinen Nachbarn wochenlang genüsslich um die Ohren hauen würde. Deswegen bin ich froh und erleichtert, dass es so ausgegangen ist wie es ist. Relativ klar und deutlich, ohne dabei den anderen zu erniedrigen. Die ganze Art, wie die Spieler mit diesem Sieg umgegangen sind, wie sie spürbar auf übertriebene Siegesposen verzichtet haben, hat mir gefallen. Das hatte eine gewisse Klasse!
Was man übrigens auch über die Leistung von Benjamin Köhler sagen muss. Ich glaube, er gehört zu den wenigen Spielern, die selbst nach einer Kreuzigung im eigenen Fanblock noch ein Riesenspiel machen können. Wie oft haben wir ihn abgeschrieben, und wie oft ist er zurückgekommen! Klar spielt er nicht immer auf bestem und höchstem Level, aber wir müssen trotzdem zugeben, dass er mit Sicherheit viel mehr wirklich gute als wirklich schlechte Partien gemacht hat. Und das auf fast allen Positionen, die es im Fußball gibt.
Sollte Armin Veh ihn im Laufe der Saison aus pädagogischen Gründen mal zum Zeugwart degradieren, die Bälle werden in dieser Zeit so gut aufgepumpt und eingefettet sein wie nie zuvor!
Überhaupt bemühen sich zurzeit alle Spieler, die letzte Saison abgestiegen sind, das wieder wettzumachen. Dass die Mannschaft mit den vielen Neuen noch nicht komplett eingespielt ist, ist Fakt. Aber Fakt ist auch, dass sie es noch schneller hinbekommt, wenn wir sie dabei unterstützen. Es ist Blödsinn, immer nur mit vorwurfsvollem Gesicht auf den höchsten Etat der Liga hinzuweisen.
 Im Osmanischen Reich zum Beispiel haben sich damals die besonders reichen Scheichs auch für viel Geld ihre Harems zusammengekauft, und trotzdem hat es mitunter Jahre gedauert, bis sich alle familiär gefühlt und miteinander verstanden haben! Geben wir ihnen also noch ein bisschen Zeit, bis wir Perfektion einfordern.
Als Nächstes kommt Paderborn. Ein Städtename, den man uns im Vorfeld dieser Saison immer wieder gerne als zynische Metapher für den Abstieg in Liga 2 kredenzt hat. Dahinter steckt aber trotzdem mehr. Nämlich eine junge, physisch durchaus starke Mannschaft, die zwar schlecht gestartet ist, jetzt aber langsam Fahrt aufnimmt. Ihr Sieg in Dresden sollte den Eintracht-Spielern Hinweis genug sein, sie nicht zu unterschätzen! So wie sie das mit den Meerschwei … sorry … mit dem FSV auch nicht getan hat! In diesem Sinne!  Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle