Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 21. August, 6.15 Uhr.

Letzte Worte zu Fuchs und Leiterhof-Hund: Für immer verschwunden. Hoffentlich nicht letzte Worte zu Rehmutter und -kind: Seit Tagen verschwunden. Der Ansitz! Schon Rehkeule? Nächstes Tier: Hornisse. Der bessere Teil meiner Menschheit schläft tief und fest, aber mich reißt ein infernalisches Gebrumme aus dem Bett. Was ist das? Hopps Rache für die verkappte Majestätsbeleidigung vom Samstag? Licht an. Da ist sie. Supermegariesengroße Hornisse. Irgendwie beschädigt, ihr hängt ein Faden aus dem Hinterteil. Ist sie deshalb so aufgeregt? Licht aus. Stille. Sekundenlang. Plötzlich radaut es unter der Decke. Aufgesprungen. So geht es hin und her, Bett rein, Bett raus, Ton an, Ton aus. Dann endlich Ruhe. Die Hornisse brummt ab durchs Fenster, der andere Teil der Menschheit tut das, was sein besserer Teil tut, der nicht glauben wird, dass er Hopps infernalische Hornissenattacke verschlafen hat.

Nach kurzer Nacht ab in die Redaktion. Trüb. Wolkig. Soll das wirklich ein sonnenheißer Sommertag werden? Siehste, die Sechs-Uhr-Nachrichten relativieren die Vorhersage von gestern. Erstes HR-Lied des Morgens, wie das Fazit eines langen schreibenden Berufslebens: »Words don’t come easy to me.« Gilt aber nicht für den Blog. Der ist Warmschreiben, ohne Kalkül, ohne Gliederung, ohne Disziplinierung, Verknappung, Kürzung, alles steht eins zu eins im »Blatt«, was im echten Blatt noch vielfach hin und hergewendet, begutachtet, geprüft, verworfen wird. Was aber Vorteile hat. So kann ich den Bayern-Absatz vom Freitag, den ich aus Platzgründen aus der Kolumne werfen musste, in den Montagsthemen als Beweis anführen, dass ich … ein penetranter Besserwisser bin? Nächstes Lied im HR, das letzte vor dem Aussteigen. Super Trooper von Abba. Nerviger alter Ohrwurm. Eine Hirnhornisse. Lästig. Lässt sich nicht vertreiben. Zur Ablenkung die Nacht-Nachrichtenlage »tschecken«. »Verletzte bei Papst-Ansprache.« Weil Worte weh tun können? Nein, Gerüst umgekippt. »Hans Scheibner 75«. Ach ja, der. Lange nichts mehr von ihm gehört. Kabarettist. Den Beruf gibt’s ja nicht mehr. Letzter und Bester: natürlich unser Matthias Beltz. Was schreiben sie über Scheibner? »Den Linken schien er oft zu konservativ, den Konservativen zu links.« Kenn ich, kenn ich. Was sagt er selbst? »Ich
kann nicht begreifen, dass ich schon so ein alter Sack bin.« Kenn ich, kenn ich.

Bevor’s an die Montagsthemen geht (Words don’t come easy to me …. Sooper Trooper … raus aus dem Kopf, du blödes Lied! Wie schreibst du dich eigentlich richtig? Muss ich gleich ebenfalls tschecken / Nachtrag 7 Uhr: “Super Trouper”, fast richtig!)) eine Reaktion auf die »innere Verwahrlosung« vom Freitag, ein fundierter, ausführlicher, sehr bemerkenswerter Text von Dr. Hauschild:

Es lässt sich hören – das, was Sie da über Geiz, Materialismus und soziale und moralische Verwahrlosung sagen. Aber, wenn ein Einwand möglich ist, es läuft Ihre Auffassung, gut begründet übrigens, vielleicht Gefahr, einen Anthropologismus anzunehmen, also eine konstitutionelle Konstante mit metaphysischer Qualität, der wohl die gesellschaftliche Vermittlung dieses Vorgangs unterschätzen mag. Ich räume ein: die Zeit, in der »Unterschichten« wirklich etwas grundlegend verändern wollten, also eine gesellschaftliche Veränderungsutopie hatten, ist seit den Zeiten der Weimarer Republik gründlich vorbei. Die »Proleten« der SPD etwa aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts wollten nicht einfach nur sein wie »Angestellte« oder Kaufhausbesitzer oder Kapitalisten, sie wollten wirklich die Gesellschaft auf die Füße stellen, also für alle ein menschenwürdiges Leben erreichen. Unnachahmlich dargestellt im vielfach unterschätzen Hans Fallada: »Kleiner Mann was nun«, der im Übrigen eine Verdichtung von Siegfried Kracauers (Soziologe der 20er und 30er Jahre) »Die Angestellten« darstellt.

Dennoch sollte man nicht annehmen, dass Menschen sich nur regen, um so leben zu können wie die Reichen. Weitgehend ist das wohl so, aber – siehe Ihren letzten Blog – wenn unsere Gesellschaft nur den »Reichen nutzt« (Moore, Schirrmacher), dann gibt es auch objektive und sozial vermittelte Gründe für Unruhen, für Frust und Aggressionen. Natürlich muss die Mehrheitsgesellschaft sich dagegen schützen; aber sie muss auch die Ursachen besser diskutieren und für Abhilfe sorgen. Eine anthropologische Vermittlung anzunehmen greift dann etwas zu kurz, weil diese – fast wie die fürchterliche Erbsünde eines fehlgeleiteten Christentums – zur Passivität führt und wiederum nur den Herrschenden als Instrument der Beruhigung dient.

Nun ja, so etwas ist ja kaum zur Veröffentlichung geeignet. Müssen Sie natürlich auch nicht. Aber vielleicht ist’s ja für Sie von Interesse. Ich jedenfalls danke Ihnen auch für diesen Gedanken – »Anstoß«. (Dr. Hans-Ulrich Hauschild)

Baumhausbeichte - Novelle