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Sport-Stammtisch (vom 20. August)

Neues Wort gelernt: Speichelauffangbehälter. Das Wort zischt und spuckt seine Konsonanten nur so aus – für deutschlernende Ausländer eine Zumutung. Fur Hunde aber auch, jedenfalls für Pawlows Hunde, denen ein Speichelauffangbehälter implantiert wurde, um die Konditionierung zu beweisen, die Pawlow weltberühmt und seine armen Hunde sprichwörtlich gemacht hat: Für die wurde, wenn es Futter gab, eine Glocke geschlagen, und weil sie mit der Zeit die Glocke mit dem Futter verbanden, sonderten sie auch Speichel ab, wenn die Glocke ertönte, ohne dass es Futter gab.
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In den Feuilletons läutet momentan eine Glocke namens »Roche«. Verlässlich konditioniert, sondern die Kulturschaffenden ihr Sekret in Strömen ab. Der Speichelauffangbehälter ist längst übergelaufen, und dennoch fließt und fließt es. Die Konditionierung funktioniert aber auch bei den Kollegen der Kulturschaffenden, nebenan in den Sportredaktionen. Nur läutet bei denen die Glocke nicht »Roche«, sondern »Führungsspieler«. Und schon läuft auch hier der Speichelauffangbehälter über.
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Die Führungsspieler-Glocke wird immer wieder mal geläutet, früher zum Beispiel von Günni-Guru Netzer, und jedesmal klappt’s mit der Konditionierung. Diesmal läutet Olli Kahn die Glocke, und die Sekretabsonderungen lassen auch die größten Speichelauffangbehälter überquellen (so, geschafft, fünfmal das aparte Wort untergebracht, jetzt reicht’s aber auch).
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Aber natürlich bin auch ich konditioniert, daher sondere ich mein Führungsspieler-Gegensekret ab: Ein Führungsspieler sorgt für die Führung im Spielstand. Nicht mit Worten oder Gesten, sondern mit Taten und Toren. Einst schwadronierte Kalle Rummenigge: »Er meint, es reicht, wenn er trainiert und am Samstag spielt. Beim FC Bayern ist das nicht genug. Hier muss er auch außerhalb des Platzes seine Rolle spielen, ein Führungsspieler muss extrovertiert sein.« Das war damals ein Anschiss für Sebastian Deisler, und man darf angesichts der Folgen dieser Uneinfühlsamkeit wenigstens hoffen, dass Rummenigge dies später bereut hat. Abgesehen davon ist es eine historische Unwahrheit, ein Führungsspieler müsse extrovertiert sein – Fritz Walter war einer der introvertiertesten und gleichzeitig dominantesten Führungsspieler überhaupt, Zinedine Zidane zog seine Show ebenfalls nur auf dem Fußballplatz ab, und auch Lionel Messi ist kein Typ wie Kahn oder gar Effenberg. Schlusswort zur Gaga-Debatte: »Das Gerede, ob ich ein Führungsspieler bin, interessiert mich nicht, ich mache nicht den Affen auf dem Feld, nur weil sich das ein paar Leute wünschen. Ich bin ich. Das war’s zu dem Thema.« Sagte Dirk Nowitziki, als ihm früher Vorwürfe wegen seiner kahneffelosen Fritzwalterzidanemessihaftigkeit gemacht wurden.
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In Sinsheim wurden keine Glocken geläutet, sondern Schallkanonen abgefeuert, aber Konditionierung könnte dennoch eine Rolle gespielt haben. In Form eines Herr-Hund-Verhältnisses. Weitere Vermutungen über Hoppenheimer Konditionierung lass ich lieber. Aus Fürsorgepflicht. Mir selbst gegenüber. Bleiben wir lieber beim Thema Hund und Pawlow: Bei der hochinvestigativen Recherche für diese Kolumne habe ich nicht nur jenes fünfmal untergebrachte Wort gelernt, sondern auch, dass Pawlow zudem der Vater des Placebos ist: Er ließ einem Hund Morphium spritzen, was dieser buchstäblich zum Kotzen fand (ich auch! Pawlow, du blöder Hund!). Als dem Hund Kochsalzlösung gespritzt wurde, die keine körperlichen Reaktionen auslösen konnten, kotzte der Hund dennoch, was, so Wikipedia, »als Geburtsstunde der Placebo-/Nocebo-Forschung gilt« (Nocebo = von nocere: schaden). Nicht als Geburtsstunde der Tierquälerei. Die gab’s schon immer.
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Aber noch nicht so lange wie Menschenquälerei. Zurück zu Sekreten und Exkrementen. Die spielen ja bei der »Roche«-Glocke Hauptrollen, heißt es (ich werd’s nicht lesend überprüfen, sonst fiele ja auch ich auf die gigantischste PR-Maschinerie seit dem Neuessommermärchen-Event herein; übrigens, heute startet die Frauen-Bundesliga . . . ). Aber ich leiste gerne, von Kölner Fußballfans inspiriert, die ihre Exkremente in den gegnerischen Block geworfen haben sollen, Hilfe bei der Suche nach dem Titel des nächsten Roche-Bestsellers. Denn was könnte auf »Feuchtgebiete« und »Schoßgebete« anderes folgen als: »Kotgewerbe«?
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Igitt. Schnell noch ein sekretfreier »Secret«-Hinweis: Das »Wer bin ich?«-Geheimnis (engl. »secret«) wird erst am kommenden Donnerstag gelüftet. Es geht um Rom, den Münchner im Himmel und eine Razzia. Bei Ratzinger. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle