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Freitag, 19. August, 17.15 Uhr.

Einiges nicht im “Sport-Stammtisch” unterbringen können. Sportlich: Dass Bayern München gegen Zürich deutliche Ansätze zur Besserung gezeigt hat: Da war zeitweise Zug und System drin, manchmal fast Rasanz gegenüber vorheriger Behäbigkeit. Meine ich. Bin aber verunsichert, weil alle, wirklich alle, auch die Bayern selbst, sehr enttäuscht und alarmiert waren wegen der schwachen Leistung, die nur ich nicht als solche gesehen habe.

Da bin ich wohl eher ein Schlechterwisser. Aber als Besserwisser hätte ich mich aufspielen können, denn meine alte Leier von der deutschen Bundesliga-Selbstüberschätzung bekam nach Mainz nun mit Schalke und, ja auch Hannover (obwohl die sich gut hielten, aber halt dennoch ausscheiden werden) zwei neue Strophen. Die Bundesliga kann sich also nicht einmal für die erste Runde der zweiten Europa-Liga qualifizieren – wer sie dennoch für das Nonplusultra hält, hat mindestens meine Tomaten vom Bayernspiel auf den Augen. Nur in einer Disziplin ist die Bundesliga weltweit einsamer Spitzenreiter: in der Zahlungsmoral. Siehe Spanien und Streik (wegen 50 Millionen ausstehender Gehälter). Was nutzt dem Fußball-Profi ein Fantastillionen-Vertrag, wenn das Geld nur auf dem Papier steht? Da hat’s der Kicker in Deutschland wirklich noch Gold.

Diese beiden Themchen hätte ich vielleicht mit Mühe und Not noch in eine Maxi-Kolumne reindrücken können, das hätte aber das Gesamtbild der Seite verhässlicht, und ein bisschen Layout-Ästhet bin ich nun doch. Das dritte Thema hatte aber aus Platzgründen überhaupt keine Chance, in der Vielthemen-Kolumne Sport-Stammtisch verwurstet zu werden: London, Gründe der Gewalt, Verwahrlosung. Bezug genommen hätte ich auf verschiedene Kolumnen früherer Jahre. Auf diese hier (es folgt die Materialsammlung aus dem Archiv):

Deutsche Angst: Rechtsradikale gefährden die WM. Gut gemeinter Rat: Dunkelhäutige WM-Besucher sollen sich nur ja nicht in Brandenburger No-go-areas blicken lassen – Todesgefahr!

In Versailles werfen Jugendliche einen Ausländer aus dem Fenster eines fahrenden Zuges. Sie fühlen sich provoziert, weil der Mann schlecht französisch spricht. Alltägliche Grausamkeit, gelesen im Kleingedruckten. Ähnliches passiert immer wieder. In Frankreich, England, Italien und den USA. Auch in Deutschland. Aber wenn es hier geschieht, steht es nicht im Kleingedruckten. Dann werden selbst Nichtigkeiten in Schlagzeilen emotionalisiert, und das hat Tradition.

 November 1993. Oberhof. Rodel-Weltcup. Abends in der Disco. Schlägerei zwischen Einheimischen und einem Fremden. Nicht schön, kommt aber vor. Oft. Täglich. Doch der Fremde, ein Rodler, kommt nicht aus dem Nachbardorf, sondern aus den USA. Er ist dunkelhäutig. 15 Neonazis haben ihn zusammengeschlagen und schwer verletzt, heißt es. Der Rodler steht tags darauf völlig unversehrt von morgens bis abends vor den Kameras und gibt Interviews. Niemand registriert die Absurdität. Von Oberhof bis Harlem müsste man doch glauben, dass rechtsradikale deutsche Schläger nicht nur arm im Geiste, sondern auch arm an Muskeln sind. Stattdessen geht die fatale Botschaft in alle Welt: Rodel-Massaker in Oberhof! Deutschland = Neonaziland.

Nach Himmelfahrt Hauptmeldung in den Nachrichten: Schwere landesweite Gewalttaten gegen Ausländer! Einige wurden sogar leicht verletzt. Aber womöglich gab es am Vatertag in Deutschland prozentual zum Bevölkerungsanteil weniger Gewalttaten gegen »Ausländer« als gegen »Inländer«.

Es taucht kaum mehr in den Polizeimeldungen auf, wenn sich »Inländer« am Vatertag den Schädel nicht ganz einschlagen – oft auch aus »Fremdenfeindlichkeit«, weil es gegen einen aus dem Nachbardorf geht oder einen sonstwie Ausgegrenzten. 

 Deutschland mag aus der Sicht eines paradiesischen Ideals zwar ein fremdenfeindliches Land sein, aber in der Wirklichkeit (= im Vergleich mit anderen Ländern) ist Deutschland eine der fremdenfreundlichsten Nationen dieser überaus fremdenfeindlichen Welt.

Vermutung: Nicht rassistischer Rechtsradikalismus ist der Kern des Problems, sondern seelische und materielle Verwahrlosung eines wachsenden Teils der Bevölkerung, der sich buchstäblich mit Gewalt Sündenböcke sucht. Die in den Medien und von Sonntagsrednern demonstrierte Betroffenheit über fremdenfeindliche Gewalt verharmlost diese grassierende Verwahrlosung, die auch noch kommerzgeil unterstützt wird (zum Beispiel durch quotenfixiertes Müll-Fernsehen). 

 Der Amoklauf von Berlin lässt hoffentlich auch bei den Betroffenheits-Bekennern die Ahnung wachsen, dass Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nur die Sekundär-Untugenden in unserer Gesellschaft sind gegenüber der Primär-Untugend der sozialen, moralischen und materiellen Verwahrlosung.

Der Ansatz, dass nicht rassistische Gewalt, sondern die sie oft ursächlich bewirkende verrohende Verwahrlosung das drängende Problem unserer Zeit ist, verharmlost nicht die Fremdenfeindlichkeit, sondern ist Warnung vor fahrlässiger Verharmlosung der Verwahrlosung, die unsere Gesellschaft bedroht. (gw/Mai 2006)

Gewalt um der Gewalt Willen wächst im gleichen Maße wie innere Verwahrlosung – und die ist international. (gw/Juni 2006)

Auch das staatliche Wettmonopol ist eine Meidbewegung, denn es vermeidet Schlimmeres: die neoliberale Förderung der fortschreitenden inneren Verwahrlosung. Wenn die EU sich durchsetzt, wird demnächst auf die Minute des ersten Einwurfs in gegnerischer Hälfte, des zweiten Eigentors oder des dritten Rotzens eines tätowierten Verteidigers gewettet. Was übrigens nicht nur die innere Verwahrlosung fördert, sondern auch den Wettbetrug. (gw/Sept. 2010)

 

Und diese innere Verwahrlosung, die kein primäres Merkmal einer Rasse, einer Hautfarbe oder einer sozialen Schicht ist (Geiz ist auch für höhere Schichten geil, Schnäppchen-Mentalität sowieso), führt zum Primat des Materiellen. Jeder nimmt sich, was er kann. Der eine wirft mit dem Schneeball(system) und richtet weltweiten Schaden an, der andere schmeißt mit dem Stein Schaufensterscheiben ein, beide ohne moralische Bedenken. Hauptsache, nicht erwischt werden! Hauptsache, die anderen zahlen die Zeche.

Es fehlt das Einfühlungsvermögen in die anderen, denen man schadet.

Innere Verwahrlosung.

Baumhausbeichte - Novelle