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Sonntag, 14. August, 6.20 Uhr.

Kein Sonntagmorgen-Fuchs. Die ganze Woche kein Leiterhof-Hund. Wird wohl kein Happy End geben. Dafür gestern: Rehkind wieder da, mit Mama. Selbe Stelle, gleiche Zeit (Ha! Wie souverän ich mit “selbe” und “gleiche” umgehe!). Aber beiden droht Ungemach: Seit gestern steht genau dort ein Ansitz. Würd ich am liebsten ansägen (ist natürlich albern und gefühlsduselig, liebe Jäger, ich weiß. Selbst würde ich euren Job zwar nie tun, aber er muss getan werden; mein morgendlicher Radtourenweg zum Beispiel ist rechts und links schon wieder wüst verwildschweint) . Inspirieren mich die HR-Inspirationen? Stete Hoffnung um diese Zeit, wenn der Samstags-Zettel für die “Montagsthemen” leer geblieben ist. Heute geht’s um die Mauer, natürlich. Kleines Gedichtchen. Inspiriert mich nicht. Wo war ich, als die Mauer gebaut wurde? Zeltlager Lenste. Der Mauerbau erstaunte kurz, aber dann ging’s um damals wichtigere Dinge: Gibt’s “Pastaschutta”? Davor Kakaosuppe? Darf ich beim Fußball in der “richtigen” Mannschaft mitspielen? Schaut mich ein Mädchen geheimnisvoll an? Wo war ich, als Kennedy erschossen wurde? Keine Ahnung. Als die Türme fielen? Klar, weiß ich wie heute, stand auch schon im “Anstoß”: Kreta, hinterster Süden, der kleine Fernseher über der Kasse im Supermarket, Bild ohne Ton, sah aus wie ein Sciencefiction-Film, ich nahm’s gar nicht wahr, der alte Grieche an der Kasse deutete zwar hin, ich dachte aber nur: Sonne, Meer, Strand, Retsina. Erst der Anruf aus der Heimat machte klar, was passiert war.

Kurz vor der Redaktion doch noch ein Tier. Ein Eichhörnchen. Plattgefahren. Sehr platt. Sieht aus, wie Donald Duck, wenn er in Entenhausen aus dem zwanzigsten Stock gestürzt ist. Wie aufs Pflaster gezeichnet. Unterschied: im nächsten Bild rappelt sich Donald auf, schüttelt sich und ist wieder dreidimensional lebendig. Letztes Lied im Radio: I got you Babe. Nicht von Sonny und Cher (Sonny, Bürgermeister, beim Skifahren gegen Baum, tot; stimmt die Erinnerung?), sondern von … was steht auf dem Display? UB 40 und Chrissie Hynde. Kenn ich.  So ne Art Reaggae-Rhythmus drübergelegt. Schöne Schwingungen. Schönes Bild: Die gut gebaute Frau beim Museumsuferfest, die zu einer Amateurband gehörte, die zu ähnlicher Musik am Main entlangtanzte. Sie vorneweg, irgendeine Art Rassel in der Hand, sie hoch über dem Kopf schwingend, was bei ihr auch anderes ins Schwingen brachte, was sie selbst spürte, leicht schamhaft, aber auch ein bisschen stolz. Na ja, wird Zeit, langsam an die Montagsthemen zu gehen. Wenn sie doch auch nur so schnell von der Hand gingen wie das Blogschreiben. Auch so ein Dilemma: Online schreib ich einfach so für mich hin, ist wie Aufwärmen vor dem Wettkampf, ist jetzt aber bis in alle Internet-Ewigkeit zu lesen, während der Wettkampf, der lange dauert und viel mehr Mühe macht (die Mühe darf ihm aber nicht anzusehen und anzulesen sein), einen Tag später erscheint und wieder einen Tag später so alt ist wie nun mal die Zeitung von gestern.

“Bis in alle Internet-Ewigkeit?” Stimmt ja gar nicht. Liegt alleine in meiner Hand. Ein Klick, und alles ist für alle Ewigkeit verschwunden. Soll ich?  Nein. Aber was ich tun werde: Nachschauen, ob ich Reaggae und Chrissie Hinde richtig geschrieben habe. Bis gleich. – Wieder da: Chrissie Hynde richtig, “Reaggae” falsch. Kam mir gleich so komisch vor. Reggae also. Ich verbessere es nicht. Bleibt stehen, als Buße für den Selbeundgleiche-Besserwisser.

Baumhausbeichte - Novelle