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Montagsthemen (vom 15. August)

Vom Verzaubernden zum Entzauberten. Ein bisschen Besserwisserei. Man gönnt sich ja sonst nix. Also: Vor einer Woche in den »Montagsthemen« geahnt, »dass dieser von Jürgen Klopp akribisch und mit fester Hand kanalisierte Überschwang von stärkeren Teams als dem HSV gebrochen werden könnte«. Dazu kam wochenmittig nach dem Brasilien-Delirium noch der  (von ihm unverkraftbare) Hype um den neunzehnjährigsten Dortmunder. Dann am Samstag im »Sport-Stammtisch« der miesmacherische Kontrapunkt zum deutschen Fußball-Überschwang, der aber nur miesmacherisch für den war, der an den ganzen faulen Zauber der Verzauberung geglaubt hatte. Doch plötzlich, schon nach dem zweiten Spieltag, wird man, die eigene Linie beibehaltend, vom Miesmacher zum Mutmacher für Entzauberungsenttäuschte: Mario Götze ist und bleibt eines der größten Talente des deutschen Fußballs seit Jahrzehnten (Betonung auf »Talent«), und der BVB spielt den mitreißendsten Fußball der Bundesliga. Ob auch den erfolgreichsten wie in der vergangenen Saison? Wer weiß das schon außer den janeinjasagenden Verzauberungs-Entzauberungs-Achterbahnfahrern?
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Dass die Bundesliga die allertollste des Universums ist, beweist ja auch der FSV Mainz 05: In der obersten deutschen Liga ganz vorne, in der zweiten europäischen Liga schon in der Qualifikation ärmlichst gescheitert. Auch hier die mittige Meinung: Mainz bleibt eine sehr bemerkenswerte Mannschaft (siehste, Eintracht!) mit einem sehr bemerkenswerten Trainer (siehste, Skibbe und Daum!).
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Ansonsten grummeln dunkle Gedanken rumpelnd durch die Gehirnwindungen, angestoßen vom Verzaubernden zum Entzauberten: »Hat die Linke nicht am Ende recht?«, fragt Charles Moore, und der ist kein kommunistischer Revisionist und hat erst recht nichts mit den verqueren Wiedergängern der sogenannten Partei linken Namens zu tun, sondern er ist ein konservativer Publizist und ehemaliger offizieller Biograph von Margaret Thatcher, und Moore wird nicht von einem sozialistischen Träumer zitiert, sondern zustimmend von Frank Schirrmacher, dem Herausgeber der wertkonservativen FAZ, dem sein und unser bürgerliches Weltbild zu zerbrechen droht. Eben vom Verzaubernden zum Entzauberten.
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Zum Glück haben wir noch politische Talente von der Größe Mario Götzes (in Zentimetern), und seltsamerweise versammeln sich fast alle in meiner modernen (nicht der alten wertliberalen) Lieblingspartei von Nirwana und ihren Schwesterles, und damit lieber wieder zurück zum Sport: Ein neuer Hoffnungsträger heißt Manuel Höferlin, laut Web-Selbstdefinition »Netzexperte der FDP-Bundestagsfraktion«, und aus dem Sommerloch hallt dumpf seine Erkenntnis der Randale von London: Olympia dort? Nicht mehr zu verantworten. Wo sonst? Na klar: »Olympisches Sommermärchen in Deutschland.« Wohl dem Land, das in all dem Stürmen und Tosen der Weltmeere solch sichere Häfen sein eigen nennt. Wie heißt das Diminutiv von »sicherer Hafen«? Höferlins Häferlein?
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Das größte sportliche Talent unter den Politikern aber wirkt nicht in Deutschland, sondern in einer der ehemaligen sozialistischen Sowjetrepubliken, der größten von allen sogar und ist dort der Größte von allen, obwohl nur unwesentlich weniger kurz als Mario Götze: Wladimir Wladimirowitsch Putin, der schon viele seiner sportlichen Großtaten ins richtige Fernsehbild gesetzt hat, verschlägt uns mit einem verwegenen Tauchgang den Atem, den er fast genauso lange anhalten kann wie die weltbesten Apnoetaucher, die mit einem Atemzug fast zweihundert Meter tief kommen. Okay (oder besser russisch: Karascho), Putin musste nicht zweihundert, sondern nur zwei Meter tief tauchen, und die Luft hielt er nicht acht Minuten, sondern etwa acht Sekunden lang an, aber er brachte aus der Tiefe zwei antike griechische Vasen mit nach oben, die jahrtausendelang auf ihn gewartet hatten.
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Und wenn Sie, liebe Leser, auf einen Tauchgang gewartet haben, der anlässlich des Wolfsburger Tores gegen München aus der Tiefe des Archivozeans antike und mit »Video-Hilfe« randvoll gefüllte »gw«-Vasen ans Leselicht bringt, müssen Sie enttäuscht werden: Die waren schon öfter oben zu sehen als Putins Vasen, daher bleiben sie, auch eine Zeitenwende, sogar eine grammatische – versunken. Im Gegensatz zu Putins versenkten Vasen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle