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Sport-Stammtisch (vom 13. August)

Da sich Fußball-Deutschland nicht mehr einkriegt vor Begeisterung, biete ich das Kontrastprogramm und stimme nicht ein in den Ver-Götze-rungs-Chor (weia, immer diese öden »Götzinho«-Namensspiele!), sondern mache erst mal ein bisschen mies: Brasilien kam mit einer bunt zusammengewürfelten, nicht eingespielten und nicht fitten Nicht-Mannschaft. Deutschland wackelte dennoch zwei, dreimal bei Kontern, Lahm stellte sich beim Elfmeter dämlich an, und ein Neuer in der Form, bevor er zum weltbesten Torhüter aller Zeiten hochgejubelt wurde, hätte das zwar platzierte, aber doch nur Fernschüsslein gehalten, statt beim 2:3 wie ein Allerweltstorwart hinterherzuhechten. Neuer ist auch ein gutes schlechtes Beispiel, wie man Mario Götze bitte nicht behandeln sollte, es aber schon tut: Selbst der klarste Kopf (auch Neuer ist eigentlich ein solcher) kann die Orientierung verlieren, wenn er von heute auf morgen medial ins Universum ewig leuchtender Fußballsterne geschossen wird.
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Manuel Neuer hat sein Tief hoffentlich schon hinter sich, das, wenn man es nüchtern sieht, bereits nach dem Über-Spiel gegen Manchester begonnen hat, wo er warm- und heißgeschossen wurde wie … wie … da fällt mir nur Oka Nikolov einst in München ein, dessen persönliches Jahrhundertspiel.
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So, genug gemiest. War ja auch nur mutwilliges Stechpaddeln gegen den Strom. Dass es einen Jungen wie Götze gibt, ist ein Fußball-Wunder. Ich kann nur, mein lieber Scholli, dem Netzer-Nachfolger und Götze-Vorgänger Mehmet Sch. beipflichten: Der neunzehnjährigste Dortmunder wird ein ganz Großer, wenn er verletzungsfrei bleibt und die richtige Frau kriegt. Im Singular. Beim Plural (… richtige Frauen kriegt«) droht Karriereknick
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Einer wurde nicht genug gelobt, ich hol’s nach: Miro Klose sprintete, wühlte, kämpfte giftig um jeden auch scheinbar verlorenen Ball und bewies wieder einmal, dass er in Topform absolute Weltklasse darstellt, selbst wenn er keine Tore schießt (was ihn von anderen Spitzenstürmern unterscheidet, vom tüchtigen Mario Gomez allemal).
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Dass Vorschusslorbeer nichts wert ist, sondern nur das, was danach geleistet wird, hat der FC Bayern am ersten Spieltag  erfahren. Ich hab’s ja (im Juli) geahnt: »Auch Heynckes scheint den Bayern kein überzeugendes Spielsystem beizubringen, sondern auf die alte Masche zu setzen: So viel Klasse wie möglich aufbieten, dann wird’s schon klappen.« – Aber wenn die Bayern heute gegen VW Magath grandios auftrumpfen, sehe ich mit dieser Ahnung auch gerne alt aus.
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Wie Fritz von Thurn und Taxis, dem in der Reportage rausrutschte, Robben werde »nicht nur gedoppelt, sondern sogar gedrittelt«. Zum Glück nicht gevierteilt, sondern statt gedoppelt, wenn’s denn das Wort gäbe: gedreifacht. Das weckt natürlich Erinnerungen an Horst »Schimmi« Szymaniak, der bei Vértragsverhandlungen die angebotene Gehaltserhöhung ablehnte: »Ein Drittel mehr nur? Ich will mindestens ein Viertel.«
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Gerade nachgeschaut, ob das Wort wirklich von »Schimmi« kommt. Es kommt. Steht in einer Zitatensammlung unter dem Titel: »Jede Seite hat zwei Medaillen.« Ja und, hat sie doch auch, dachte ich – bis meine lange Leitung den Weg in die richtige Gehirnwindung gefunden hatte.
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Und dann sind da noch Magdalena Brzeska, die sich im Playboy auszieht, was darauf hindeutet, dass die Klatschspaltenkarriere der Exgymnastin von B- auf C-Klasse absinkt, und Graziano Rocchigiani, der in der BZ bekennt: »Ich bin ein ganz romantischer, zarter Kerl« (mehr Rocky-Worte am Dienstag in OWW). Von Dariusz Michalczewski gibt’s leider nichts Neues zu berichten, auch nicht von Tanja Szewczenko. Warum erwähne ich diese »outen« Namen? Weil ich sie schreiben kann, denn wenn man Es-zet-e-we-ce-zet-enko, Be-er-zet-e-ska, Michal-ce-zet-e-we-es-ki und (mit etwas Italienisch für Anfänger) Er-o-ce-k (= ital. ch) -i-dschi (= ital. g+i)-ani mit Mühe auswendig gelernt hat, will man die Namen immer wieder anbringen, auch wenn es schon lange nichts mehr über sie zu berichten gibt.
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Neues zu berichten gibt es von einer Frau, deren Name keiner Eselsbrücke bedarf: Birgit Fischer. Im reifen Alter von 49 startet die geschätzt hundertfache Kanu-Goldmedaillengewinnerin ihr ungefähr fünfzigstes Comeback. Warum? »Am Ende steht auf jeden Fall eine Erkenntnis, und wenn es auch nur die ist, dass ich nicht mehr so eingebildet sein muss zu glauben, ich könnte mit den Jungen noch mithalten.«
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Wir anderen wissen das auch ohne Comebackversuch. In diesem und Horst Hrubeschs Sinne verabschiede ich mich, indem ich nur noch ein Wort sage: Vielen Dank! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle