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Laufender Grieche und Oka-Nikolov-Gestein

Liebes Eintracht-Tagebuch,
der zweite Mann meiner Mutter war lange Zeit hauptberuflich Pianist und Sänger. Und auch wenn er seit ein paar Jahren in dem Sinne nicht mehr aktiv unterwegs ist, hat er zumindest immer wieder interessante Stories aus seiner Karrierezeit zu erzählen. Eine dieser Geschichten kam mir in den letzten Wochen wieder in den Sinn.
Er war damals Mitglied einer Jazzband, deren Humor anscheinend oftmals nicht ganz so einfühlsam war wie ihre Interpretationen bekannter Jazzklassiker. So spielten sie zum Beispiel einem ihrer Kollegen einen wirklich üblen Streich. Der Mann war Klarinettist, ein ausgezeichneter Musiker, leider aber auch stark alkoholabhängig. Und als ob das nicht schon traurig genug gewesen wäre, setzten sie ihm heimlich ein paar lebende weiße Mäuse in seinen Instrumentenkoffer. Als er den dann öffnete und die Mäuse sah, glaubte er, dass der Alkohol ihm endgültig den Verstand geraubt hätte – und brach heulend in sich zusammen.
Arten, jemanden in den Wahnsinn zu treiben oder durch irgendwelche Formen von Suggestion zu verunsichern, gibt es viele.
Zum Beispiel kann man eine Fußballmannschaft durchaus dazu bringen, den Glauben an sich zu verlieren, wenn man ihr permanent psycholgoische Probleme zuordnet … selbst wenn es nicht stimmt. Zum Glück klappt das natürlich nicht immer.
Nimm Borussia Dortmund. Der Mannschaft haben sie zum Beispiel vor Rückrundenstart in der letzten Saison in einer großen bundesweit erscheinenden Fußballzeitung tatsächlich prophezeit, dass sie abbauen würde, weil die permanenten Erfolge die jungen Spieler langweilen würde! Was dann nachweislich nicht so ganz gestimmt hat, genauso wenig wie die Vorausschauung, dass Dortmund dieses Niveau in der neuen Saison sicher nicht halten kann.
Noch blöder, oder sagen wir, noch unerträglicher fand ich aber, was bis letzten Samstag vor allem im Frankfurter Blätterwald zur Verfassung der Eintracht geschrieben wurde. Die Mannschaft hätte eine tiefe, geistige Blockade, das Trauma der letzten Saison sei offensichtlich noch nicht verarbeitet usw. Kein tröstendes Wort darüber, dass sich da eine Mannschaft mit zig neuen Spielern erst mal finden und formieren muss. Ganz abgesehen von trotzdem vier Punkten aus zwei Spielen gegen Mittitelfavoriten plus eine Runde weiter im Pokal.
Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass manch einer der Schreiber immer noch persönlich beleidigt ist, weil er erst mal nur aus der 2. Liga berichten darf. Und da man Leuten, die einem permanent schlechte Gesundheit einreden wollen, am Besten eines Besseren belehrt, indem man mal eben leichtfüßig eine gefürchtete Bergwand besteigt, hat die Eintracht ihr vermeintlich schweres Auswärtsspiel in Braunschweig gewonnen. Überlegen, mit hohem Spielanteil, drei Toren Unterschied und einer unverkennbaren Freude am Kreativen. Und mit einem aufgedrehten Gekas, dem anscheinend in der Nacht vor dieser Begegnung eine wunderbare … Achtung Wortspiel … Fee namens Armin erschienen ist, die ihm endlich mal in aller Ruhe erklärt hat, warum man im Zusammenhang mit Fußball auch ab und zu gerne von Mannschaftssport spricht! Was ihn wiederum dazu bewogen hat, in diesem Spiel mehr zu laufen als in seiner gesamten Karriere zusammen, und der selbst ohne erzieltes Tor zu den hervorzuhebenden Matchgewinnern gehört!
Apropos Matchgewinner: In einer Fachbroschüre über Gesteinsarten habe ich gelesen, dass die vermutlich älteste Urgesteinsart der Erde der oberbayerische Jura-Kalkstein ist. Ich glaube das nicht! Das älteste Urgestein aller Zeiten ist der hessisch-mazedonische Oka-Nikolov! Wobei er, im Unterschied zu allen anderen Gesteinsklassikern, eigentlich immer noch so aussieht wie früher. Als er nach dem Spiel da beim Interview stand, in seiner typischen Art und mit seinem immer noch jugendlichen Grinsen der Interviewerin re-laxt Paroli bot, hab ich mal wieder begriffen, was das eigentlich für ein Phänomen ist! Und genau genommen ist er sogar noch mehr. Nämlich der lebende Beweis dafür, dass man in schwierigen Situationen vor allem die Ruhe bewahren muss. Und dass es nicht unbedingt verkehrt ist, zuversichtlich zu sein. Und dass man auch in der 2. Liga gute Laune haben darf. Als Spieler, als Fan … ja sogar als Sportjournalist. Und soll ich Dir bei der Gelegenheit was sagen, liebes Tagebuch? Ich freu mich auf das Spitzenspiel gegen Düsseldorf! In diesem Sinne! Hendrik Nachtsheim

Baumhausbeichte - Novelle