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Sonntag, 7. August, 6.15 Uhr.

Noch dunkel. Nass. Erste herbstliche Gefühle. Kein Fuchs. Ob er zusammen mit dem Hund vom Leiterhof  durch die ewigen Jagdgründe schnürt? Trifft er dort auf das junge Reh, das ich ebenfalls vermisse, wie seine Mutter? Ein paar Tage lang  waren beide, Ricke und … Kitz? Wie heißt ein Reh, das kein Bambi mehr ist? … immer an der selben Stelle interessierte Beobachter meines morgendlichen Radtrips. Das Junge, keck mitten auf dem Weg stehend, hätte ich einmal beinahe überfahren. Beide, nach kurzer Erstarrung, flüchten schneller, als ich fahre. Gestern aber: Die Mutter alleine, wie verloren am Waldrand auf dem Feld stehend, sieht mich heranfahren, flüchtet nicht, kommt näher, verharrt, zuckt kurz zurück, kommt näher, dreht erst ab, als ich vorbeigefahren bin. Sucht sie ihr Kind? Hofft sie, ich könne ihr dabei helfen?

Zu melancholisch? Dann diabolisch: Die Ricke hat ihr Kleines in den Waldkindergarten geschickt, weil sie in der Brunftzeit anderes im Sinn hat als Kinderhüten, und mich auf meinem stählernen Ross verwechselt sie mit einem schmucken Rehbock, wendet sich aber enttäuscht ab, als sie statt Prachthörnern auf dem Kopf nur popelige Hörnchen am Lenker sieht.

Ist das die richtige Einstimmung für die gleich zu schreibenden Montagsthemen? Reicht wohl nicht. Mal in die Nachrichtenlage klicken. Deprimierend. USA herabgestuft, morgen werden die Aktien weiter fallen. Ihre auch? Was macht eigentlich die BVB-Aktie? Müsste doch, unbeeinflusst vom Crash und beflügelt vom Einstand, gegen den Trend nach oben schießen. Gewaltige soziale Demo in Israel. Aufruhr in London. Schwedischer Reisebus in Hessen total ausgebrannt – aber hier kommt das Positive ins Spiel: Niemand verletzt, die Schweden wurden betreut und in Hotels untergebracht und wollen heute ihre Urlaubsreise fortsetzen. Nur nicht unterkriegen lassen!

Klick in die Mailbox. Seltsame Wellen dort. Keine Penisverlängerung mehr, keine Fahnenmasten, auch keine scheinbar privaten Erlebnisberichte, wie’s im Bett auf einmal gefunkt hat, sondern eine Spam-Flut ehemals Dickleibiger, die mir ihr Geheimrezept verkaufen wollen, wie ich schnell und mühelos rank und schlank werde. Echte Mails vor allem letzte Einsendungen zur Wer-bin-ich?-Runde 8/9/10. Stand heute, mittlerweile 6.40 Uhr: Vier haben alles richtig, aber keiner aus der bisher verlustpunktfreien Spitzengruppe (doch, einer, aber der läuft ab sofort außer Konkurrenz, weil: “M. Schäfer” hat sich als  Kollege mac geoutet, der mir unbedingt beweisen will, dass er alles weiß, was immer ich mir auch einfallen lasse). Und noch eine schöne Mail:

Hallo, lieber gw,
ich will nicht in die allgemeine Lobhudelei einstimmen, aber dass ich die Zeitung nur wegen Ihrer Kolumne abonniert habe, werde ich ja noch sagen dürfen.
Ihr heutiger Anstoß gibt mir endlich mal Gelegenheit zur Klugscheißerei. Ich habe 1959 als Zehnjähriger die Aufnahmeprüfung aufs Gymnasium in Homberg/Efze gemacht. Das war die letzte in Hessen!
Nun möchte ich die Gelegenheit nutzen, um Ihnen einen Vorschlag zu machen, den ich schon lange mitmir herumtrage. Sport in Marburg studiert, Hauptsportarten Volleyball, Fußball, Tennis. 1978 im PM-Magazin ca. 20 plausible Gründe fürs Joggen gelesen, sofort überzeugt gewesen. Allerdings als völlig untalentierter 1,94m-Klotz (90-107kg), bisher lediglich bei der Bundeswehr zweimal über 5000m gequält, noch 5 Jahre gebraucht, die Erkenntnis umzusetzen. Das war 1983, 3 Monate Training bis zum Berlin-Marathon, 90kg, 3:47. Bis heute (62J.) Marathon- u. Ultraläufer, z.B. am 21.05.11 72,7km Rennsteiglauf.
Das ist alles mit hohem Aufwand verbunden, immer belächelt von den 62kg-Männchen, die sich mit ihren Durchschnittsleistungen ganz großartig vorkommen und nicht in der Lage sind, die Leistungen von schweren Läufern angemessen zu würdigen.
Deshalb mein Vorschlag: Lassen Sie uns einen Duathlon organisieren, bestehend aus Kugelstoßen und 10.000m-Lauf. Wäre doch interessant, ob ein 62kg-Läufer, der die Kugel 7,20m stößt u. die 10.000 in 33 Min .läuft, uns schlagen kann. Erst wird gestoßen und dann nach der jeweiligen Weite beim Lauf gestartet.
Das Umrechnungssystem müsste noch ausgearbeitet werden, z.B. pro mehr gestoßenem Zentimeter darf man 5 sec. eher starten, das hieße, wenn einer 3m weiter stößt, darf er 25 Min. eher starten.
Ist das nicht großartig? Also, packen wir´s an.
Viele Grüße
Bodo Gemmeker

Ha! Das wär was! Aber halt: Ich und 10ooo Meter laufen? Lieber 1000000 Meter radfahren. Und das Kugelstoßen? Hab ich doch gerade erst versucht, nach Jahrzehnten.  Drehwurm, armes neues Auto. Hab ich hier schon vermerkt, oder? Klar, erst vor ein paar Tagen. Also, lieber Herr Gemmeker (meine Aufnahmeprüfung war übrigens 1958): Schöne Idee, Mitmacher und Mitorganisierer werde ich an Sie weiterleiten, aber ich selbst bleibe lieber außen vor. Die Idee will ich aber  in die Montagsthemen einbauen. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle