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Sonntag, 31. Juli, 10.15 Uhr.

Soeben die Leser-Kritik auch in den Montagsthemen angesprochen (siehe gw-Beiträge Anstoß), damit sie nicht in der unendlichen Weite – und Beliebigkeit? – des Netzes untergeht. Es haben sich aber sogar zu dieser frühen Zeit schon Stammleser gemeldet, denen es gegen den Strich geht, wenn gw kritisiert wird. Sollte es nicht, mich freut es sogar, wenn nach langer Zeit einhelliger Zustimmung auch mal kritische Töne kommen. Die gehören dazu, wenn sie fehlen, fehlt auch etwas Wichtiges.

In Sachen Britta Steffen fällt auf, dass diese objektiv absolut tolle und subjektiv sehr sympathische Sportlerin von ihren Funktionären nicht überzeugt und überzeugend verteidigt wird, sondern dass sie es selbst tun muss. Überhaupt ist in letzter Zeit wieder erkennbar, dass diese Kaste mehr sich selbst als ihren Sportlern verpflichtet scheint. Auch in der Leichtathletik, obwohl dort das eine und andere erfreuliche Gegenexemplar tätig ist. Die Geherin, die wegen Formfehlern nicht für die WM nominiert werden kann, der Hürdenläufer, der bei der DM nicht zum Endlauf antreten darf, weil sein Kärtchen zu spät zum Stellplatz kam – da werden monatelang gehegte und hart ertrainierte Hoffnungen bürokratisch zunichte gemacht. Klar, laut Regelbuch rechtens und unvermeidlich. Aber kreative, sportnahe Köpfe würden begehbare Auswege finden, Bürokratismus hin oder her.

Merkwürdige Neben-Auffälligkeit: In welcher Sportart spielen Funktionäre die geringste Rolle, sportlich sogar so gut wie keine? Tennis! Warum und wieso? Weiß nicht. Stimmt’s überhaupt? Muss ich nicht im Internet nachrecherchieren, irgendein aufmerksamer und kundiger(er) Leser wird es widerlegen, falls es zu wiederlegen ist.

Leichtfertige Urteile sind im Sport lässliche Sünden und werden, wenn überhaupt, vergleichsweise gnädig geahndet. Leichtfertige Fragen und Antworten nicht aus dem Blog-Bereich Sport, sondern aus Gott & die Welt: Ist der norwegische Massenmörder verrückt? Fast jeder hat eine schnelle Meinung dazu. Ist Gaddafi verrückt? Dazu hatte ich eine frühe, schnelle Meinung. Aber kann ein Verrückter monatelang der geballten Militärmacht des Westens widerstehen? Oder jetzt: Der Air-France-Absturz, Pilotenfehler. Die einfachste und leichteste Lösung. Für uns Laien fällt in der Schuldzuweisung nur auf, dass die beschriebenen Pilotenfehler erst am Ende einer fatalen technischen Fehlerkette auftraten, und dass zu der Fehlerkette auch gehört habe, die Passagiere seien nicht rechtzeitig informiert worden. Hätte etwa ein “Liebe Passagiere, wir stürzen jetzt ab” den Absturz verhindert?

Nachtrag zum Blog-Eintrag vom Freitag zu meiner “lange vor Sarrazin gebildeten Meinung”: Bei der Materialsammlung für die “Ohne weitere Worte”-Kolumne habe ich eine Passage aus dem SZ-Magazin notiert, die zu lang ist für die Kolumne, aber nicht für den Blog:

In einem Interview prahlte er im Mai 2010 zum Währungsunion-Jubiläum von Bundesrepublik und DDR: “Es war keiner da, dem etwas einfiel, außer mir.” Und wenn man Sarrazin nach seinen beruflichen Stationen fragt, kommt die Antwort im Stakkato: “Ich habe am SPD-Parteiprogramm 1973 gearbeitet, damit die Passagen zur Ökonomie einigermaßen vernünftig waren. Ich habe als Ministerbüro-Leiter  den Bundeshaushalt saniert, ich habe die Deutsche Bahn konsolidiert, ich war in den Achtzigerjahren Leiter des Finanzreferates Finanzfragen des Verkehrs, Bundesbahn und Bundespost. Eigentlich ein unscheinbarer Titel, aber wenn ich nein sagte, stand alles still – einschließlich des Bundespostministers. Ich habe die deutsch-deutsche Währungsunion gemacht” … usw usw. Kaum zu ertragen. Aber wohl ein tiefsitzender Minderwertigkeitskomplex. Den werden auch Millionen verkaufter Buchexemplare nicht lindern.

Zu guter Letzt die schönste Meldung des Sonntags: (dpa) Die nach einem Säure-Attentat eines verschmähten Verehrers entstellte Iranerin Ameneh Bahrami hat auf die Bestrafung ihres Peinigers verzichtet. Das meldete die Webseite des staatlichen Senders IRIB. Die umstrittene Bestrafung nach dem
«Auge-um-Auge»-Prinzip, bei der die Frau ihren Peiniger mit ätzender
Flüssigkeit blenden sollte, sei für Sonntag geplant gewesen. (…)  Bahrami sagte der Nachrichtenagentur ISNA, dass sie ihrem Peiniger verziehen habe. «Ich habe dies aus diversen Gründen getan: wegen Gott, für mein Land und für mich selbst.» Außerdem habe ihre Familie diese Rache nicht gewollt. «Ich habe sieben Jahre dafür gekämpft, dass diese “Auge-um-Auge”-Bestrafung ausgeführt wird, aber ich fühle mich jetzt befreit, dass es nicht geschehen ist», sagte sie.

Das Schönste an dieser Meldung wäre, wenn die arme, vom Schicksal und ihrem Peiniger unfassbar schlimm geprüfte Frau ihre Entscheidung aus innerer Überzeugung getroffen hätte. Dann sollte sie den Friedensnobelpreis bekommen.

Baumhausbeichte - Novelle