Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch

Abends zwischen acht und elf, Primetime, die Öffentlich-Rechtlichen beweisen eindrucksvoll ihre grundversorgende Unverzichtbarkeit. Vor allem im Sommer. Da geht man dem Bürger mit gutem Beispiel voran und spart (schließlich müssen Kirmesbox-Verträge finanziert werden), indem alle »Tatort«-Folgen der letzten hundert Jahre wiederholt werden. Doch was ist das? Plötzlich, an drei Tagen hintereinander, wird das bewährte Muster aufgebrochen. Drei Fußballspiele, die sonst allenfalls in Spartenkanälen zu besichtigen sind, werden vom ZDF in voller Länge live übertragen, mit aufgemotzten und ausgeuferten Vor- und Nachberichten. Im wichtigsten geht es um die erste Halbzeit (= Hinspiel) einer Qualifikation für die Teilnahme am europäischen B-Wettbewerb, dem allerdings aus medialen Relevanz-Gründen niemand mehr, auch nicht der Erstbenutzer Franz B., öffentlich das böse Wort vom Verlierer-Cup anhängen darf.
*
Wer kann das ohne Sarkasmus kommentieren? Ich nicht. Aber was sagen die Gebührenzahler dazu, die sich nicht für Fußball interessieren, zumindest nicht für Fußball unterhalb eines anerkannten Beachtungswertes? Hauptsache Bayern gegen Barca, egal, ob mit B-Teams, trainingsgeschlaucht und nur individuell (ich will ins Team!) und experimentell engagiert (System-Einspielung)? Auch auf Kosten eines in diesen von Oslo bis Obama ereignisreichen Tagen auf Miniformat geschrumpften Heute-Journals?
*
Immerhin gab es in Sachen FC Bayern gewisse … nein, nicht Erkenntnisse, aber Vermutungsindizien: Ribery und Robben werden zusammen ungefähr auf die Hälfte der Einsatzzeiten von Neuer oder Lahm kommen – aber selbst das ist sehr optimistisch geschätzt. Und auch Heynckes scheint den Bayern kein überzeugendes Spielsystem beizubringen, sondern auf die alte Masche zu setzen: So viel Klasse wie möglich aufbieten, dann wird’s schon irgendwie klappen. Nur bei van Gaal hat’s mal kurzfristig andersrum funktioniert: Dass sich die individuelle Klasse ans System anpassen muss und nicht umgekehrt. Immer noch schade, dass sich der Holländer in seiner Selbstherrlichkeit nicht dem FC Bayern anpassen konnte.
*
Schwimmen. Der neue Star heißt Lochte. Er zeigt stolz seine Diamanten im Mund – und da fällt mir seine Zahnspange wie Schuppen von den Augen. Schon in uralten »gw«-Kolumnen ging es um – auch heute noch so gut wie nicht nachweisbare – Wachstumshormone und dass sie Knochen wuchern lassen mit dem Nebeneffekt, auch Zahnspangen-Syndrom genannt, dass als Folge von Kieferverwachsungen die Zähne im Zahnbett ihren festen Halt verlieren können.
*
Wer war der erste auffällige Zahnspangen-Olympiasieger? Könnte in die »Wer bin ich?«-Serie passen, wäre aber zu leicht: Carl Lewis. An den drei neuen Folgen vom Donnerstag werden sich nicht nur kieferverwachsungsgeschädigte Doper die Zähne ausbeißen, so viel ist nach den ersten Reaktionen schon sicher. Ich verrate nichts, obwohl ich von ungeduldigen Ratern gelöchert werde. Die Zehn-Tage-Frist läuft.
*
Dass mir Lochtes diamantenbesetzte Zahnspange wie Schuppen von den Augen fällt, sei eine Stilblüte? Ja, aber mit Lust zum Blühen gebracht, denn: Seit ich ein Bild von Annibale Carracci gesehen habe, weiß ich, woher dieses geflügelte Wort kommt. Der biblische Tobias heilte seinen blinden Vater, indem er ihm Fischgalle auf die Lider strich. Aber warum sind es im geflügelten Wort Schuppen? Weil zu eklig klänge, dass es einem wie Fischgalle von den Augen fällt. Dann doch lieber wie Zahnspangen (übrigens: Das Bild hängt bei uns in Hessen, im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe).
*
Bleiben wir im Wasser. Ein Grieche wird vor einem Deutschen Weltmeister im Langstreckenschwimmen! Bei all meinen Aufenthalten an griechischen Stränden habe ich nie einen Einheimischen gesehen, der sportlich schwamm oder sich gar, wie viele Urlauber, weit ins Meer hinaus wagte. Die überhaupt ins Wasser stiegen, standen  nur in Strandnähe und redeten, im Redefluss aber ausdauernd wie die Wellen, die in Kniehöhe plätscherten.
*
Und dennoch wird ein Grieche Weltmeister! Man sollte sie eben nicht unterschätzen. Aber ich hab ja schon gewarnt, als ihr Staat von den Ratingagenturen auf Ramschniveau heruntergewertet wurde, dass beim Ramsch die schlechtesten Karten die besten sind. Und damit spielt niemand so gut wie die Griechen. Als ihr junger Staat sich im frühen 19. Jahrhundert gründete, war eine seiner ersten Handlungen, sich in London eine Anleihe über 2,8 Millionen britische Goldpfund zu sichern. Damit sollten Kriegsschiffe für den Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanen gebaut werden. Das meiste Geld wurde aber auf private Konten abgezweigt, so dass nur ein einziges Schiffchen fertig wurde – lange nach Ende des Krieges.
*
Solche und ähnliche Schoten lese ich in der wie ich an Griechenfreundlichkeit nicht zu übertreffenden Griechenland-Zeitung. Hübsch auch, dass die »Aufgebrachten Bürger« auf dem Platz »Syntagma« (»Sindagma« gesprochen = Verfassung) protestieren. Das taten sie schon 1843, was dem Platz sogar seinen Namen gab. Damals gingen sie gegen König Otto auf die Barrikaden, der ein ähnliches Sparpaket wie die EU heute durchgesetzt hatte, mit starken Gehaltskürzungen für Staatsbedienstete. Ach ja: König Otto war ein Deutscher.
*
Und sonst? Bernd Clüver ist tot. Treppensturz auf Mallorca. Dort sagte er der Bildzeitung einmal: »In den Siebzigern war ich so berühmt, dass mir die Hunde hinterherbellten. Heute verwechseln mich manche schon mit Jürgen Drews.« Dass ihm die Hunde hinterherbellten, war aber kein Wunder, denn meinesgleichen kannte Clüvers größten Hit nur als »Der Junge mit dem Hund von Monika«. Da Clüver Humor hatte (siehe Drews), nahm er auch den Hund von Monika mit ebensolchem.
*
Gestern in Bild gelesen: Jens Lehmann darf auf seinem Grundstück am Starnberger See keinen Basketball-Platz bauen. Weil mehr Fläche als erlaubt versiegelt würde, verbot die Gemeinde den Bau, wie zuvor schon bei ähnlichen Anträgen. Lehmanns Kommentar laut Bild: »Es ist doch schön für Lokalpolitiker, wenn sie auf diese Art auch mal einen Tag ins Rampenlicht kommen.« Was Lehmann lässig-ironisch gemeint haben möchte, kommt so rüber, wie er nun mal ist. Und wie wir und Olli Kahn ihn ganz doll lieb haben.
*
Statt weiterer Worte eine Schlagzeile, ebenfalls gestern in Bild: »Da bleibt einem die Spucke weg – rasiertes Lama rülpst nach Sex.« (gw)

Baumhausbeichte - Novelle