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“Nachdruck” (neue Serie; 1. Scheinheiliges ZDF)

Sollte in späteren Zeiten ein Historiker auf die Idee kommen, eine Geschichte des Sports zu schreiben, müssten die letzten fünf Jahrzehnte eine zentrale Rolle spielen. In diesen Jahren verlor der Sport den verlogenen Amateur-Schein, mit der zuvor heftig bekämpften »Werbung am Mann« öffnete er sich dem Kommerzialismus, geriet in die Abhängigkeiten des Sponsorismus und verlor mit dem Doping und der heuchlerischen Doping-Debatte die letzten Reste seiner Unschuld. Der wahre Sport, wenn es ihn denn je gegeben hat, mutierte zur Ware Sport. Von Beginn an begleiteten »gw«-Kolumnen diese im Wortsinn merk-würdigen, ver-rückten Jahre. In loser Folge begeben wir uns mit »Nachdruck« auf eine Reise in die Sport-Zeit, mit unveränderten »gw«-Texten, die Irrungen und Wirrungen dieser Jahre in Erinnerung rufen, nicht zuletzt auch die eigenen. Und wer mit uns auf diese Zeitreise geht, wird feststellen, dass die Wurzeln fast aller aktueller Problematik bereits tief im vergangenen Jahrhundert gelegt worden sind.
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Im »Aktuellen Sport-Studio« floss Blut. Die immer um Gags bemühten ZDFler hatten am Samstagabend eine Catch-Demonstration mit »Bärenkampf« auf dem Programm, um ihrer immer blasser werdenden einstigen Zugnummer »Sport-Studio« neue Farbe zu geben. Doch die Farbe war rot, blutrot, und sie floss in Strömen aus der Platzwunde eines Catchers.
Der Regisseur untersagte nach diesem Zwischenfall und zaghaften Zuschauerprotesten den »Kampf« mit einem Bären, der Höhepunkt dieser kostenlosen Catchwerbung werden sollte. Doch die Berufsringer konnten sich trotzdem die Hände reiben. Nach dieser Sendung werden noch mehr Sensationslüsterne die schon seit je her gut besuchten Catchzelte stürmen – schließlich wurde im ZDF gezeigt, dass doch nicht alles Schau ist und dass manchmal echtes Menschenblut fließt.
Die Scheinheiligen vom ZDF aber werden sich zufrieden auf die Schultern klopfen. Man hat den Bärenkampf nicht gezeigt, obwohl er doch eine Sensation ersten Ranges gewesen wäre. Spricht das nicht für große Seriosität und Verantwortungsgefühl?
Nein. Der Catch-Klamauk war schließlich seit Tagen als Höhepunkt fest im Programm verankert, und auch der Bär war nicht aus dem Zoo ausgebrochen und unverhofft ins Studio getrottet, sondern geplanter Höhepunkt dieses »Knüllers«. Man wusste, was zu erwarten war, musste dann aber schweren Herzens die Schau abbrechen, um nicht das auf Seriosität bedachte Gesicht zu verlieren.
Unter dem Deckmantel der Aufklärung kann man da in anderen Bereichen schon eher für publikumswirksame Szenen sorgen. So bei Niki Lauda, dessen Unfall man Wochen später im »Sport-Studio« fast ein dutzend Mal in Zeitlupe auf der Suche nach einem Fahrfehler wiederholte, dabei aber jedesmal genüsslich das lichterloh brennende Wrack zeigte,. Und kein Zufall ist es sicher, dass seitdem beim ZDF nur noch Lauda-Fotos Verwendung finden, auf denen man im maskenhaft starren Gesicht genau die Streifen von Oberschenkelhaut sieht, die auf Laudas Stirn transplantiert wurden. – Schade, dass dem Catcher das kleine Malheur mit der Platzwunde passierte. Sonst hätte man den Bären zeigen können, dieser hätte vielleicht seinen menschlichen Gegner zerfleischt, so dass man dann mit erhobenem Zeigefinger und dem gebührenden Ernst in der Stimme auf die Unsportlichkeit und Grausamkeit des Catchens hätte hinweisen können. 

4. Oktober 1976

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Einige Sätze dieses 35 Jahre alten Textes hätten seitdem unverändert aktuell wiederholt werden können, von Tour de France bis Boxen, aber nicht nur im ZDF-Sport. Wetten, dass?: »Man musste dann aber schweren Herzens die Schau abbrechen, um nicht das auf Seriosität bedachte Gesicht zu verlieren« . . .
Dass beim Catchen auch echtes Blut fließen kann, umjubelt sogar, zeigte sich einmal  auf makabre Art (folgt »Anstoß« von 1998):
Und der Sport endet womöglich so, wie der Wrestler Owen Hart: wegen all der Inszenierung unbemerkt vom großen Publikum, das der tollen Show applaudiert. Hart stürzte im grell bunten Vogel-Kostüm von einer 30 Meter hohen Stahlkonstruktion in den Ring. Der Karabinerhaken des Seils an seinem Gürtel hatte sich gelöst. Hart war sofort tot. Frenetischer Jubel erfüllte die Arena, während der leblose Körper im federgeschmückten Strampelanzug weggeschafft wurde. Das Publikum glaubte, der Sturz sei Teil der Show. Owens Bruder, Bret Hitman Hart, selbst Wrestler, sagte: »Ich bin mir sicher, dass er zehn Meter vor dem Aufprall dachte: Hier falle ich, in diesem blödsinnigen Outfit, vor all diesen Leuten, die sich einen Scheiß um mich scheren, und das war es dann.«  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle