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Montag, 25. Juli, 17.30 Uhr.

Motivsuche. Warum bloß? Das macht den Typen doch nur noch interessanter. Je mehr in ihn reingeheimnist wird, je mehr “Beweggründe” gesucht werden, desto mehr verirrte/verwirrte Köpfe, die mit dem Leben nicht zurechtkommen (so geht es vielen, ohne deshalb zu morden) und dies der Gesellschaft oder Teile von ihr anlasten (tun manche, ohne deshalb zu morden) kommen auf die Idee, ihrem Leben solch einen abartigen Glanz zu geben.

Er ließ sich widerstandslos verhaften. Weil er seinen Triumph auskosten will, weil er eine historische Persönlichkeit sein will, weil er der Welt seine “Motive darlegen” will. Schon giert es mancherorts  in dieser Welt nach Exklusivinformationen aus dem Leben des Massenmörders, am besten bitte gleich ein Exklusivinterview.

Nein! Keine Bühne für den Massenmörder! Nur eine dunkle Zelle, ohne Kontakte, nur mit der Wand als Ansprechpartner. Wenn er dann irgendwann, in Jahrzehnten, versteht, was er getan hat, wenn er unter der Last dieses Schreckens zusammenbricht, erst dann sollte barmherzige Zuwendung möglich sein.

Schreibe ich schon wie Bild-Wagner? Anderes Thema: Amy Winehouse. Wäre sie schwarz und brav gewesen, lebte sie noch, gesund und munter. Aber unbekannt, trotz der Stimme. That’s Showbusiness

Langsam tapse ich weiter auf Gebiete, in denen ich nicht nur dilettiere. Also Sport. Die Frankfurter Hammerwerferin Kathrin Klaas protestiert provokant gegen die angebliche Missachtung ihrer Disziplin, die “nicht gut genug für die Diamond League” sei, wie sie sich sarkastisch  – und mit dem gewünschten Effekt des medialen Interesses – auf den nackten Bauch schrieb. Hat sie recht? Ich glaube nicht. Den Männern im Hammerwerfen geht es ähnlich. In dieser Disziplin der Leichtathletik kommt neben den Mechanismen von Angebot und Nachfrage auch die problematische und potenziell gefährliche Durchführung des Wettkampfs als Negativfaktor hinzu, so dass es keine Diskriminierung ist, wenn Hammerwerfen oft ins Vorprogramm und/oder auf einen Nebenplatz abgeschoben wird oder international eben manchmal gar nicht auf dem Programm steht. In Deutschland, dank der großartigen Betty Heidler, geht’s den Hammerwerferinnen aber noch Gold, besser jedenfalls als ihren männlichen Kollegen.

Bei einer meiner Sabbat-Radtouren der letzten Wochen, irgendwo zwischen Aartalsee und Herborn, führt der Radweg mitten im Hinterland an einem glänzend neuen, großzügigen Sportplatz vorbei, mit supermodernen Leichtathletik-Anlagen und, eine echte Ausnahme auch in großstädtischen Leichtathletik-Hochburgen, mit einem tollen Hammerwurfring nebst fest installiertem, sehr kostspieligem Hammerwurfkäfig auf technischem Olympia-Niveau. Ein Mitradler aus der Gegend weiß: Es ist eine Schulsportanlage. Mit Extra-Hammerwurfanlage, gebaut, weil eine gute Hammerwerferin von hier komme. Wer kommt von hier? Kathrin Klaas. Aus Breitscheid. Startet mittlerweile aber für Frankfurt. Was ist das Gegenteil von Diskriminierung?

Bleibt noch die Frage, woher in Zeiten leerer kommunaler Kassen das Geld für diese monumentale Schulsportanlage kommt. Auf der übrigens, es waren noch keine Ferien, kein Mensch zu sehen war.

Um nicht missverstanden zu werden: Hammerwerfen der Frauen, noch nicht lange im Wettkampfprogramm, hat sich durchgesetzt, ist eine dynamische, sportlich hochwertige Disziplin mit tollen Athletinnen, vorneweg Betty Heidler, aber auch mit Kathrin Klaas, die ebenfalls Weltklasse ist. Als Wurfdisziplin ist sie schon die Frauen-Nummer zwei (hinter Speer, knapp vor Diskus, weit vor Kugel). Klappern gehört zum Handwerk, heute mehr denn je, Jammern auch, aber das Jammern ist eines auf hohem Niveau.

Baumhausbeichte - Novelle