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Sport-Stammtisch (vom 23. Juli)

Nein, nichts mehr zur Frauen-WM. Abgehakt. Die andere Propaganda-Schau: München 2018. Monatelang wurde künstliche Spannung erzeugt, dann machte es pffft, und die warme Luft war raus. Wie bei früherem  Bewerbungs-Brimborium auch (gelle Frankfurt!?),  ging es in München um andere Dinge als um den vordergründigen Anspruch auf Winter-Olympia 2018. Jede Bewerbung setzt einen geldwerten Automatismus in Gang, von dem manche Pfründe profitieren. Daneben hatte die Bewerbung noch zwei Vorteile: Sie war ein Warmlaufen für die nächste, erfolgversprechendere, und ihr Scheitern erhöhte die schon guten Chancen von Thomas Bach, IOC-Präsident zu werden (zwei deutsche IOC-Triumphe binnen kurzer Zeit wären einer zu viel).
Alles nur Hinterher-Besserwisserei? Bitte sehr: »Allerdings wird München die Winterspiele 2018 sowieso nicht bekommen« (»Sport-Stammtisch« vom 27. November 2010).
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Zu oft bleibt verborgen, worum es wirklich geht. So kann der beidseitig unterschenkellose Oscar Pistorius an den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Beidbeiner teilnehmen, weil er zum einen mit 45,07 Sekunden die WM-Norm über 400 Meter erfüllt und zum anderen sich das internationale Sportgericht CAS gegen den Weltverband IAAF durchgesetzt hat. Ein Sieg der Menschlichkeit, ein Erfolg für die Sache der Behinderten? Nein, eine Niederlage für den Sport. Warum und wieso, das habe ich schon vor Jahren darzulegen versucht. Heute nur so viel: Pistorius läuft mit Hightech-Prothesen eines Herstellers, der voraussagt, bald schon werde ein Amputierter mit seinen Prothesen schneller laufen können als jeder Nichtamputierte. Und besser klettern – denn dafür schraubt sich der Amputierte Spezialfüße an die Prothese, die in dünnen Spitzen enden, so dass man auf kleinsten Trittflächen stehen kann, für die ein normaler Fuß zu groß ist. Nur am Rande: Die Firma wird vom Pentagon gesponsort – wegen der über tausend US-Soldaten, die mit fehlenden Gliedmaßen aus dem Irak zurückgekommen sind.
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Was Pistorius sportlich leistet, ist beeindruckend, ja phänomenal. Dennoch hat es mit einem »normalen« Lauf wenig zu tun, was jeder spätestens bei der WM in Südkorea sehen wird. Wenn beidbeinige Läufer auf der Zielgerade mit schweren Beinen immer langsamer werden, kommt dort sein gefederter Prothesen-Turbo erst so richtig in Fahrt. Pistorius’ Problem sind dann nicht die 400-m-typischen »dicken Beine«, sondern das technische Beherrschen seiner Siebenmeilenstiefel. Klar, dass er der WM eine Superquote bescheren wird, vielleicht eine höhere als Usain Bolt. Aber was sagen die Sensationsgierigen, wenn ihn der Ehrgeiz aus der Kurve trägt, wenn er schwer stürzt (man frage Thomas Gottschalk), oder was sagen die Konkurrenten, wenn Pistorius auf neuen Hightech-Geräten gut über die Runde kommt und in irrwitzigem Tempo von weit hinten (in der Kurve hat die Prothese noch Probleme) an allen vorbeirast und einen absurden Weltrekord läuft?
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Auf den Punkt brachte es bei den Paralympics 2008 in Peking ein einfach amputierter Konkurrent von Pistorius: »Mein gesundes Bein ist meine eigentliche Behinderung.« Und wenn Oscar Pistorius zur umjubelten Sensation der Leichtathletik-WM werden sollte – auf welche Idee die Ehrgeizigsten unter den Naturfüßigen dann kommen könnten, ist nicht nur unschwer vorstellbar, sondern auch heutzutage nicht einmal unwahrscheinlich.
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Pistorius betreibt eine andere Sportart  als zweibeinige Läufer, beide miteinander zu vergleichen ist unlogisch und unsportlich. Da fällt mir ein: Auf das Kugelstoßen kommt ein ähnlicher Fall zu, vielleicht schon in London 2012. Er hat aber nichts mit Hightech-Prothesen zu tun, sondern mit zwei unterschiedlichen Techniken. Bisher gab es noch keinen Athleten, der die höchst komplexe Drehtechnik optimal interpretierte.´Da ich einst selbst Kugel stieß und mit der Drehtechnik, obwohl ich sie beklagenswert schlecht, eigentlich gar nicht beherrschte, genauso weit kam wie mit dem herkömmlichen Angleiten, wusste ich damals schon: Sobald einer das Drehen wirklich drauf hat, ist das Angleiten gestorben – oder man splittet das Kugelstoßen in zwei unterschiedliche Wettbewerbe. Und jetzt gibt es einen 16-jährigen Neuseeländer namens Jacko Gill, weder besonders groß, stark oder frühreif, der bei der Junioren-WM die ältere Konkurrenz um vier Meter (!) distanzierte und mit blitzschneller und blitzsauberer Drehung unfassbare 24,35 m weit stieß (5-kg-Kugel). Merken Sie sich den Namen: Jacko Gill (Kostproben bei youtube).
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Ich weiß, es ist gemein, aber was tut man nicht alles, um die Spitzengruppe der »Wer bin ich?«-Reihe zu sprengen. Daher ohne Vorankündigung, nur mit klitzekleinem Logo (und für Online-Leser ganz ohne), zum Wohle des täglichen treuen Lesers heimlich still und leise die siebte Rätsel-Runde: »Ich habe an zwei Olympischen Spielen teilgenommen und als erster Schwimmer meines Landes eine damalige Traummarke unterboten. Dennoch war ich ein echter Amateur, also ein Dilettant, wie man in meiner Muttersprache sagt. Ich habe wenig trainiert, aber viel geraucht, sogar noch am Beckenrand. Wer weiß, wie weit ich es gebracht hätte, wenn ich nicht Kette geraucht hätte. Oder wenn ich nicht nur im Sommer trainiert hätte, wenn das Wasser warm war. Immerhin habe ich meinen Partner in meinem Schwimmklub kennengelernt. Was wir später trieben, in dem Metier, das uns bekannt gemacht hat, hatte auch ansatzweise etwas mit unserer Sportart zu tun, mit dem Synchronschwimmen, allerdings mit synchronisierten Pirouetten und heftigen Handbewegungen auf dem Lande. Wenn ich sehe, wie dünn die heutigen Schwimmer sind, wird mir noch klarer, dass ich zu wenig trainiert habe.«
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Meine Befürchtung: Viel zu leicht. Oder? Aber bleiben wir beim Wasser: Man müsse viel trinken, heißt es seit Jahren. Und so sieht man kaum jemanden auf der Straße, der keine Wasserflasche in der Hand hält (ersatzweise einen Kaffee Sambia. Nee, wie heißt das? Kaffee Togo? Ach so: Coffee to go). Doch urplötzlich Kommando zurück: Unmäßiges (Wasser-)Trinken sei sogar schädlich, heißt es nun. Neue Devise (meine alte): Trinken nur, wenn man Durst hat. Einschränkung: Gilt nicht für Tour-Fahrer auf dem Galibier und nicht für  Alte, Schwache oder Kranke ohne natürliches Durstgefühl.
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Weiterer frisch aufgedeckter populärer Irrtum: An heißen und windstillen Tagen im Wald zu joggen ist gesundheitsschädlicher als neben belebten Straßen, wo Abgase und Sonne die Bildung von Ozon fördern, das durch das Stickstoffmonoxid aus dem Auspuff gleich wieder abgebaut wird (aus dem Zeit-Heft »Wissen«). Auch dort gelesen: Wer mehr Salz isst, lebt nicht ungesünder, sondern gesünder, denn dann ist das Risiko geringer, an Herz- oder Gefäßleiden zu sterben.
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Kann man sich denn auf gar nichts mehr verlassen? Doch. Auf unsere Griechen. Erinnern Sie sich an meine Skat-Prognose? Als die Griechen auf Ramsch-Status abgewertet wurden? Dass beim Ramsch der gewinnt, der die schlechtesten Karten am geschicktesten ausspielt? Voila! Oder besser: Endaxi!
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Am 11. Juni hatte ich in den »Montagsthemen« als aktuelle Griechen-Hilfe allen Exhippies einen Pfingst-Trip in die ehemalige mittelhessische Exklave Pitsidia in Südkreta empfohlen, um im benachbarten Matala ein nostalgisches Open-Air-Festival zu erleben. »Werft die Krücken weg, nichts wie hin!«, ermunterte ich. Darauf mailte unser langjähriger Leser Sigi Egerer: »Ich würde liebend gerne meine Krücken in Pitsidia auf Weltrekordweite oder -verschuldung verschleudern, ist aber nicht ganz meine Altersklasse in Matala, da treib ich mich lieber auf der Peloponnes rum.«
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Vier Wochen später diese Mail von Helmut Cichorius: »Ich habe lange nachgedacht, ob es richtig ist, ihnen dies mitzuteilen: Sigi Egerer ist letzten Sonntag an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben. Er war ja ein begeisterter, langjähriger Leser ihrer Kolumnen. Er begeisterte auch mich für den ›Anstoß‹, und in unserer Umkleidekabine (wo auch sonst, denn es ist schließlich ein angemessener Ort!) haben wir beide immer wieder über Ihre sport-philosophischen Aufarbeitungen aktueller oder auch immer wiederkehrender Themen diskutiert und auch die dadurch entstehenden Ideen, Fantasien weitergesponnen. Sigi war ein großartiger Freund und Sportler. Wir beide kamen irgendwann zu der Erkenntnis: Wir sind im Auftrag des Programms unterwegs! Und das Programm hieß nach guter oberhessischer Tradition: Als weiter!«
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Neben allem Palavern über Sport, Gott und die Welt, bei allem Jux und aller Alberei: Auch das gehört zur virtuellen »Anstoß«-Familie. Memento mori. Trotzdem, gerade deswegen: Als weiter! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle