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Mittwoch, 20. Juli, 18.00 Uhr

Nachdem der “Blade Runner” mit einer 45er-Zeit qualifiziert ist,  hat die Leichtathletik-WM in Südkorea ihre gewünschte Sensation. Passt in die Zeit, passt aber nicht in das, was ich unter Sport verstehe. Schon vor vier Jahren wäre es beinahe soweit gewesen. Aus dem, was ich damals schrieb, werde ich mich auch im Sport-Stammtisch in der Samstags-Zeitungsausgabe bedienen, denn am Sachstand hat sich nichts geändert:

Eine ganz andere Frage der Sportmoral
Der 20 Jahre alte Südafrikaner Oscar Pistorius, 400-Meter-Bestzeit 46,34 Sekunden, will an der Leichtathletik-WM in Osaka/Japan (25.8.-2.9.) teilnehmen. Warum auch nicht? Wo ist das Problem? Die Zeit ist ordentlich, und da es in Südafrika keine drei Schnelleren gibt, dürfte einer Nominierung nichts im Wege stehen.

Das Problem: Oscar Pistorius ist an beiden (von Geburt fehlenden) Unterschenkeln amputiert. Er läuft mit Carbonfieber-Spezialprothesen, und das verwandelt eine aus »normaler« Sicht ordentliche Zeit von 46,34 Sekunden in eine phänomenale, eine kaum fassbare Leistung. Seit dem Jahr 1967, als die damals schier unglaubliche Nachricht von einem US-Hochspringer bekannt wurde, der rückwärts die Latte überquerte und mit diesem verrückt-ulkigen Stil Weltklasse-Höhen meisterte, hat mich keine Meldung aus der Leichtathletik mehr verblüfft als diese 46,34 Sekunden eines beidseitig Beinamputierten.

 Doch jetzt will Pistorius nicht nur bei Paralympics, sondern auch bei den Weltmeisterschaften der Nichtbehinderten starten. Noch ziert sich der Weltverband IAAF, der erst entscheiden will, nachdem der Beinamputierte am 15. Juli in Sheffield ein Rennen gegen 400-m-Olympiasieger Jeremy Wariner (USA/Bestzeit 43,02) bestritten hat. Was ein Skandal, eine beispiellose Diskriminierung ist: Ein Behinderter darf nur bei den Nicht-Behinderten starten, wenn er gegen den aktuell Weltbesten besteht? Damit unterliegt die IAAF einem fundamentalen Missverständnis: Es darf nicht darum gehen, wie gut oder schlecht Pistorius gegen Wariner abschneidet – das ist nur ein interessanter Schaulauf und hat mit echtem Wettkampfsport nichts zu tun. Es geht vielmehr um die Basis des Sports – und, nun ja, auch um seine Ethik und Moral, diese in der Dopingfrage überstrapazierten Begriffe. 

 Soll der beinamputierte Sportler bei der WM in Osaka starten dürfen? Bei einer repräsentativen Umfrage würden wohl über 90 Prozent der Befragten die Frage ohne lange zu überlegen bejahen. Wer aber behauptet, es sei zutiefst unsportlich, dem großen Sportler Pistorius die Teilnahme zu verweigern, dem schlüge ethisch-moralische Verachtung entgegen. Ich wage es trotzdem – und bitte um Ihre Bedenkzeit.

In der »Zeit« lese ich einen Bericht über den Biomechaniker und Maschinenbauer Hugh Herr, der als Jugendlicher beim Klettern beide Unterschenkel verloren hatte und später begann, über künstliche Gliedmaßen zu forschen. Seitdem stellt Hugh Herr immer weiter verbesserte motorisierte High-tech-Prothesen her, mit zwei von ihnen lief Pistorius seine Bestzeit. Schon in wenigen Jahren, Herr ist absolut sicher, wird ein Amputierter mit seinen Prothesen schneller laufen können als jeder Nichtamputierte. Und besser klettern – denn dafür schraubt sich der Amputierte Spezialfüße an die Prothese, die in dünnen Spitzen enden, so dass man auf kleinsten Trittflächen stehen kann, für die ein normaler Fuß zu groß ist. Herr arbeitet an den verschiedenartigsten Spezialprothesen, auswechselbare Titanfüße für die verschiedensten Gelegenheiten: Laufen, Klettern – oder um gefahrlos, weil optimal gefedert, aus dem dritten Stock springen zu können. Eine faszinierende Entwicklung, die stürmisch voran«schreitet«, auch weil genügend Forschungsgeld vorhanden ist: Herr wird vom Pentagon gesponsort, da schon bald tausend Soldaten mit fehlenden Gliedmaßen aus dem Irak zurückgekehrt sein werden. * Doch zurück zum Sport: Vor zwanzig Jahren hätte kein amputierter Sportler bei den Nichtamputierten starten wollen. In zwanzig Jahren wird dies auch niemand anstreben: Zu chancenlos wären die beidbeinig Naturfüßigen. Dass die Forschungslage derzeit einen sportlichen Zeitvergleich überhaupt zulässt, ist nur eine trügerische Momentaufnahme und sollte nicht zum Anlass genommen werden, Unvergleichliches wettkampfmäßig mit- und aneinander zu messen – allein schon aus Respekt vor dem jeweiligen sportlichen Können, dessen Qualität nicht von der (egal ob scheinbar besseren oder schlechteren) Leistung des Kunst- oder Naturfüßigen abhängt. 

 Falls es doch einmal gemeinsame Starts bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen geben sollte – auf welche Idee die Ehrgeizigsten unter den Naturfüßigen dann kommen könnten . . . das will ich lieber nicht mal andeuten. (gw/2007)

Nun ist es soweit.

Es folgen zwei Mails langjähriger “Anstoß”-Leser zum gestrigen Wiedereinstieg in den Blog.

Hallo gw;
herzlich Willkommen in den Niederungen des Alltags! Schreibtisch und Postkorb sind nach dem Urlaub immer voll, vieles bleibt aufzuarbeiten. Ich freue mich schon auf Ihre Resümees.
Vielleicht fällt mir auch noch ein Wort zum Ersatz für »Selektion« ein, aber alle Begriffe, die ich bisher so im Kopf hatte, klingen zu pathetisch oder »übersportlich« (Rangliste, Rangfolge, Skala/Skalierung, Gewichtung, Vereinzelung…) Es soll doch ein Vergnügen bleiben und nicht »zu tierisch ernst« genommen werden.

Womit mir eine Überleitung zu den ersten Fussball«spielen« der Saison gelungen ist … Erster Eindruck: Männer sind eben doch schneller, aber auch noch um einiges brutaler, oder sind manche in Gedanken doch noch am Strand?
Egal ob 2. Liga oder solche Nichtereignisse wie »Liga-Cup«, wie da schon eingestiegen wird, lässt mich mit Bangen auf die Saison gucken.
Der berühmt-berüchtigte Schritt zu spät, die falsche »Antizipation, oder auch das »Durchziehen« in völlig unnötiger Situation unter In-Kauf-Nahme von bösen Verletzungen, ich muss zugeben, ich bin besorgt.
Einsatz von Faust und Ellbogen in der Luft, Kopfstösse, und am Boden der Einsatz von roher Gewalt (sei es mit Stollen, sei es mit »hinterfotzigen« Griffen oder Tritten in die Hacken oder einfach »körperliche« Überlegenheit)…
Wo wird das Hinführen?
Wenn dann die Schiedsrichter nicht ein-/durchgreifen, sind wir auf dem Weg zu »Rollerball« (Film von 1975 mit James Caan).

Abschließend:
Ich finde es sehr gut, dass Sie den »besonderen mail-Dialog« mit den Lesern geteilt haben! (Walther Roeber)

Das findet auch Andreas Kautz:

Noch eine Anmerkung zum Blog vom 19 Juli. Ich habe Gänsehaut bekommen.

Danke

ps Ich bin wirklich froh,das der andere Fussball jetzt wieder von der ersten Seite verschwindet. Auch in Ihrem Blatt war ein Hang zur Übertreibung und Übersättigung mit diesem Thema. Dies habe ich auch persönlich einem mir bekannten Mitarbeiter Ihrer Bad Nauheimer Sportredaktion kundgetan. (Zitat aus einem Kicker Leserbrief:»Das wahre Sommermärchen fand in Mexico statt !!!!!!!). Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Danke für diese und alle anderen Mails. Morgen schreibe ich das vorläufige “Wer bin ich?”-Fazit plus Veröffentlichung der Spitzengruppe. Entgegen des ersten Anscheins hat’s doch nicht so richtig geklappt mit der gewünschten “Selektierung”. Bis dann.

Baumhausbeichte - Novelle