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Dienstag, 19. Juli 2011

War was? Abgetaucht, aufgetaucht, weiter geht’s. Keine einzige Sekunde Megasuperevent geguckt, aber nach dem Auftauchen mitgekriegt, dass alle (meine) Befürchtungen eingetroffen sind. Die PR-Walze. Wollt ihr die totale Fußball-Frauen-WM? Plus: Meilenstein für die Emanzipation, Sommer-Märchen der Sommer-Mädchen, der Girlie-Wahn (erstes Opfer, wie befürchtet, Birgit “Ballack” Prinz), dann das sportliche Ergebnis des medialen Overkills: Unsere Fußballerinnen erlebten statt eines Lebens-Höhepunktes eine Wahnsinnsenttäuschung, an der sie noch lange zu knabbern haben werden. Ohne die überfrachteten Erwartungen hätten sie locker die WM gewonnen.  Immerhin hatten 15 Millionen ihre Freude, und 15 Millionen können nicht irren.

Der nächste Zeitungs-Anstoß von mir kommt erst am Freitag, der Sport-Stammtisch am Samstag. Dann noch ein paar Worte dazu. Ein paar mehr wird’s geben zum echten und wahren und einzigen Sommer-Event, der “Wer bin ich?”-Serie. Runde drei bis sechs wird am Freitag aufgelöst. In den vergangenen drei Wochen trudelten noch viele Lösungen ein, auch Berichtigungen von Lösungen, sogar Berichtigungen von Berichtigungen (manche hätten bei der ersten Lösung bleiben sollen …). Jetzt mach ich mich an die Auswertung, weiß bisher nur: Die gewünschte Selektierung ist eingetreten. Selektierung? Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. Muss ein anderes Wort finden.

Danke für viele Sommer-Mails in den gw-losen Wochen. Es folgt, ohne weitere Worte, ein sehr besonderer Mail-Dialog:

Lieber Herr Steines,
vorab, ich habe lange nachgedacht, ob es richtig ist, ihnen dies mitzuteilen: Sigi Egerer ist letzten Sonntag an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben.
Er war ja ein begeisterter, langjähriger Leser ihrer Kolummnen, und meines Wissens war dabei zwischen Ihnen beiden oft Geben und Nehmen von literarischen und dialektischen Anregungen oder Geschichten.
Er begeisterte auch mich für den »Anstoss«, und in unserer Umkleidekabine (wo auch sonst, denn es ist schließlich ein angemessener Ort!) haben wir beide immer wieder über Ihre neuesten, ich nenne sie jetzt einfach einmal sport-philosophischen Aufarbeitungen aktueller, oder auch immer wiederkehrender Themen diskutiert, und auch die dadurch enstehenden Ideen, Fantasien weitergesponnen.
Sigi war ein großartiger Freund und Sportler, und er hatte die bemerkenswerte Gabe, schnell Zugang zu anderen Menschen zu finden, und die, die ihn kannten, durften an seiner Energie und seinem Wissen teilhaben (ohne belehrend zu wirken).
Dies ist auch der Grund, warum ich glaube, dass es richtig war, Sie davon in Kenntnis zu setzen, denn er hat ja verhältnismäßig oft mit ihnen kommuniziert, und hiermit gebe ich vielleicht so ihren unausgesprochenen Fragen eine Antwort.
Einen ganz herzlichen Gruß,
Ihr Helmut Cichorius.

Lieber Herr Cichorius,
eine traurige Nachricht. Ich bedanke mich dennoch sehr, dass Sie sie mir mitgeteilt haben. Ich habe Herrn Egerer persönlich leider nicht gekannt, kann mich aber gut an seine Anmerkungen und an Dialoge erinnern, die wir per Mail geführt haben. Jetzt denke ich darüber nach, ob ich einige Zeilen Ihrer Nachricht online und/oder im Zeitungs-Anstoß veröffentlichen sollte, eventuell mit seiner letzten Anstoß-Anmerkung (Pitsidia/Krücken auf Weltrekordweite schleudern / gar nicht lange her). Was meinen Sie?
Ich bin in Urlaub und schaue nur sporadisch in der Redaktion vorbei, mein nächster Anstoß kommt erst in der Woche nach dem 17. Juli, lassen Sie sich also ruhig Zeit.
Noch einmal Dankeschön.
Sehr herzlich grüßt
Ihr Gerhard Steines

Lieber Herr Steines,
ich bin froh, dass Sie die Nachricht so aufgenommen haben, wie ich es gehofft habe, plagte mich doch ein kleines schlechtes Gewissen Ihnen gegenüber, ob man solche Nachrichten überhaupt noch verbreiten darf, in einer Welt, in der es oft nur um Äußerlichkeiten und Materielles geht. Aber: zum Leben gehört der Tod dazu, eine Erkenntnis, die auf dem Land in Dorfgemeinschaften tatsächlich noch gelebt wird, in der Stadt aber immer mehr in den Hintergrund tritt.
Ich muss gestehen, dass ich die letzte Anmerkung (Krückenweitwurf) von Sigi bei Ihnen nicht kenne, aber es klingt ganz nach einem echten, in der griechischen Sonne gereiften Egerer; und bei »Pitsidia« habe ich zuerst an eine spezielle Mobilisierungsmethode gedacht, habe dann zum Glück aber noch meine Geographiekenntnisse aufgefrischt.
Ich denke, es ist auch in Sigis Sinne, wenn Sie noch ein Zitat bringen, an dem sich andere Leser noch einmal erfreuen könnten.
Wir beide kamen irgendwann zu der Erkenntnis: Wir sind im Auftrag des Programms unterwegs! Und das Programm hieß nach guter oberhessischer Tradition: Als weiter!
Und wer sich gehen lässt, landet eines Tages im Rollstuhl: Ein Wortspiel zum drüber nachdenken.
Ihnen noch eine schöne freie Restzeit,
Helmut Cichorius.

Baumhausbeichte - Novelle