Archiv für Juli 2011

Sonntag, 31. Juli, 10.15 Uhr.

Soeben die Leser-Kritik auch in den Montagsthemen angesprochen (siehe gw-Beiträge Anstoß), damit sie nicht in der unendlichen Weite – und Beliebigkeit? – des Netzes untergeht. Es haben sich aber sogar zu dieser frühen Zeit schon Stammleser gemeldet, denen es gegen den Strich geht, wenn gw kritisiert wird. Sollte es nicht, mich freut es sogar, wenn nach langer Zeit einhelliger Zustimmung auch mal kritische Töne kommen. Die gehören dazu, wenn sie fehlen, fehlt auch etwas Wichtiges.

In Sachen Britta Steffen fällt auf, dass diese objektiv absolut tolle und subjektiv sehr sympathische Sportlerin von ihren Funktionären nicht überzeugt und überzeugend verteidigt wird, sondern dass sie es selbst tun muss. Überhaupt ist in letzter Zeit wieder erkennbar, dass diese Kaste mehr sich selbst als ihren Sportlern verpflichtet scheint. Auch in der Leichtathletik, obwohl dort das eine und andere erfreuliche Gegenexemplar tätig ist. Die Geherin, die wegen Formfehlern nicht für die WM nominiert werden kann, der Hürdenläufer, der bei der DM nicht zum Endlauf antreten darf, weil sein Kärtchen zu spät zum Stellplatz kam – da werden monatelang gehegte und hart ertrainierte Hoffnungen bürokratisch zunichte gemacht. Klar, laut Regelbuch rechtens und unvermeidlich. Aber kreative, sportnahe Köpfe würden begehbare Auswege finden, Bürokratismus hin oder her.

Merkwürdige Neben-Auffälligkeit: In welcher Sportart spielen Funktionäre die geringste Rolle, sportlich sogar so gut wie keine? Tennis! Warum und wieso? Weiß nicht. Stimmt’s überhaupt? Muss ich nicht im Internet nachrecherchieren, irgendein aufmerksamer und kundiger(er) Leser wird es widerlegen, falls es zu wiederlegen ist.

Leichtfertige Urteile sind im Sport lässliche Sünden und werden, wenn überhaupt, vergleichsweise gnädig geahndet. Leichtfertige Fragen und Antworten nicht aus dem Blog-Bereich Sport, sondern aus Gott & die Welt: Ist der norwegische Massenmörder verrückt? Fast jeder hat eine schnelle Meinung dazu. Ist Gaddafi verrückt? Dazu hatte ich eine frühe, schnelle Meinung. Aber kann ein Verrückter monatelang der geballten Militärmacht des Westens widerstehen? Oder jetzt: Der Air-France-Absturz, Pilotenfehler. Die einfachste und leichteste Lösung. Für uns Laien fällt in der Schuldzuweisung nur auf, dass die beschriebenen Pilotenfehler erst am Ende einer fatalen technischen Fehlerkette auftraten, und dass zu der Fehlerkette auch gehört habe, die Passagiere seien nicht rechtzeitig informiert worden. Hätte etwa ein “Liebe Passagiere, wir stürzen jetzt ab” den Absturz verhindert?

Nachtrag zum Blog-Eintrag vom Freitag zu meiner “lange vor Sarrazin gebildeten Meinung”: Bei der Materialsammlung für die “Ohne weitere Worte”-Kolumne habe ich eine Passage aus dem SZ-Magazin notiert, die zu lang ist für die Kolumne, aber nicht für den Blog:

In einem Interview prahlte er im Mai 2010 zum Währungsunion-Jubiläum von Bundesrepublik und DDR: “Es war keiner da, dem etwas einfiel, außer mir.” Und wenn man Sarrazin nach seinen beruflichen Stationen fragt, kommt die Antwort im Stakkato: “Ich habe am SPD-Parteiprogramm 1973 gearbeitet, damit die Passagen zur Ökonomie einigermaßen vernünftig waren. Ich habe als Ministerbüro-Leiter  den Bundeshaushalt saniert, ich habe die Deutsche Bahn konsolidiert, ich war in den Achtzigerjahren Leiter des Finanzreferates Finanzfragen des Verkehrs, Bundesbahn und Bundespost. Eigentlich ein unscheinbarer Titel, aber wenn ich nein sagte, stand alles still – einschließlich des Bundespostministers. Ich habe die deutsch-deutsche Währungsunion gemacht” … usw usw. Kaum zu ertragen. Aber wohl ein tiefsitzender Minderwertigkeitskomplex. Den werden auch Millionen verkaufter Buchexemplare nicht lindern.

Zu guter Letzt die schönste Meldung des Sonntags: (dpa) Die nach einem Säure-Attentat eines verschmähten Verehrers entstellte Iranerin Ameneh Bahrami hat auf die Bestrafung ihres Peinigers verzichtet. Das meldete die Webseite des staatlichen Senders IRIB. Die umstrittene Bestrafung nach dem
«Auge-um-Auge»-Prinzip, bei der die Frau ihren Peiniger mit ätzender
Flüssigkeit blenden sollte, sei für Sonntag geplant gewesen. (…)  Bahrami sagte der Nachrichtenagentur ISNA, dass sie ihrem Peiniger verziehen habe. «Ich habe dies aus diversen Gründen getan: wegen Gott, für mein Land und für mich selbst.» Außerdem habe ihre Familie diese Rache nicht gewollt. «Ich habe sieben Jahre dafür gekämpft, dass diese “Auge-um-Auge”-Bestrafung ausgeführt wird, aber ich fühle mich jetzt befreit, dass es nicht geschehen ist», sagte sie.

Das Schönste an dieser Meldung wäre, wenn die arme, vom Schicksal und ihrem Peiniger unfassbar schlimm geprüfte Frau ihre Entscheidung aus innerer Überzeugung getroffen hätte. Dann sollte sie den Friedensnobelpreis bekommen.

Veröffentlicht von gw am 31. Juli 2011 .
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Montagsthemen (vom 1. August)

Losglück? Wird sich weisen. Die Qualifikationsspiele beginnen erst im Herbst nächsten Jahres. Bis dahin gibt es noch so viele andere Hoffnungen und Sorgen im Sport und anderswo, dass wir die Gruppenauslosung registrieren. Und abhaken.
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Nichts gegen Wolfsburg, nichts gegen VW. Warum auch? Eine deutsche Stadt wie viele, ein deutscher Weltkonzern wie wenige. Aber VW Wolfsburg: Wenn sich nur halb Deutschland freut, dass der FC Bayern verliert (tut er heute sicher nicht), jubelt fast ganz Deutschland, wenn VW Wolfsburg in der ersten Pokalrunde jämmerlich ausscheidet. Warum diese Schadenfreude? Spurensuche: VW buttert dem Verein jährlich 100 Millionen zu (Quelle: SZ), und derzeit laufen Untersuchungen, ob VW-Lieferanten als Nebensponsoren zwangsrekrutiert worden sind
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Aber in Leipzig gewann nicht der wahre Sport gegen die Ware Sport, sondern eine Ware Sport gegen die andere: Es siegte der Rasenballverein, der so heißen muss und nicht Red Bull heißen darf, weil der DFB Werbung im Vereinsnamen verbietet (Bayer hat in Leverkusen Traditions-Ausnahmerecht, aber nicht das Recht auf Erreichen der zweiten Runde). In Leipzig vertrieb also Gut nicht Böse, sondern dort wurde eher der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.
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Auch die UEFA will den Teufel austreiben: Klubs sollen nur noch ausgeben dürfen, was sie durch den Spielbetrieb eingenommen haben. Sehr ambitioniert, sehr verdienstvoll, sehr unrealistisch. Ungefähr so, als würde die EU ihren Mitgliedern Neuverschuldung komplett verbieten.
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In die eigene Falle getappt: Wie oft schon habe ich böse kommentiert, wenn andere einen Sportler ohne echte Beweise des Dopings verdächtigen. Und nun, siehe Sport-Stammtisch vom Samstag, assoziiere ich Lochtes Zahnspange (die er in Shanghai nicht mehr trug) gleich mit Wachstumshormonen. Foulspiel. Dafür zeigt mir Leser Uwe Hermann die Rote Karte. Zu Recht. Seine ausführliche Kritik ist in voller Länge online nachzulesen.
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Online. Der Blog »Sport, Gott & die Welt« ist nicht nur die Fortsetzung und Ergänzung der gw-Kolumnen mit anderen, sondern auch der Versuch, mit eigenen bescheidenen Mitteln das mir unvereinbar Scheinende zu vereinen: Papier- und Netzzeitung. Das alte Problem der neuen Medienzeit: Ist es Online-Sägen am Zeitungs-Stamm, auf dem eigenen Ast sitzend? Oder – nicht gerade auferstehend aus Ruinen, aber der Zukunft zugewandt – die große Chance? Die sicher nicht. Eher: Hinwendung zum Unvermeidlichen.
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Unvermeidlich auch, dass der Platz im Netz unendlich, auf Papier aber begrenzt ist. Was Vor- und Nachteile hat: Hier Disziplinierung, Konkretisierung, dort unübersichtliche Vielfalt, die zur Einfalt führen kann, durch ausaufernde Laberei (aber die gibt’s auch auf Papier, mag der kritische Kolumnen-Leser einwenden). Und im gw-Blog? Urteilen Sie selbst, denn dort sind die nicht in diese Montagsthemen gelangten Notizen nachzulesen.
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Das Wichtigste muss natürlich aufs Papier: Nicht die Schwarmintelligenz des Netzes ist zu rühmen, sondern die Klugheit der Leser. Entgegen meiner festen »Wer bin ich?«-Überzeugung haben bisher schon einige Teilnehmer zwei der drei Fragen richtig beantwortet, zwei sogar alle drei, was ich für völlig unmöglich gehalten hatte. Demnächst mehr dazu. Heute nur noch die realistische Hoffnung, dass die links zitierte Becher-Hymne (“links” bezieht sich auf die Zeitungs-Ausgabe) sich im real existierenden Deutschland durchsetzen möge, jedenfalls deren Schluss. Denn wenn Rudi Carrell fragte, »wann wird’s denn wieder richtig Sommer?«, dann versprechen nicht nur altdeutsche Kommunisten, sondern auch neudeutsche Meteorologen, dass heute (“heute”: dito Zeitung) »die Sonne schön wie nie / Über Deutschland scheint«. (gw)

Veröffentlicht von gw am 31. Juli 2011 .
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Sonntag, 31. Juli, 6.45 Uhr.

Der Fuchs bleibt verschwunden. Verschwunden ist auch der bellende Hund vom Leiterhof, der auf der morgendlichen Kurzradtour (meiner, nicht seiner) seine Wächterrolle übererfüllte. Ich vermisse ihn. Schon den ganzen Sommer über. Dafür spielen momentan die Hasen verrückt. Einen hätte ich gestern fast überfahren. Ich dachte, die Rehböcke haben jetzt Rammelzeit, nicht die Hasen. Eigentlich müsste ich das wissen, als ehemals angehender Förster (war der erste Berufswunsch, kurz vor Schlagersänger). In verklärter Eigennostalgie das im Bücherschrank schon vor langem verschollene “Wuff, der Keiler, das Waldgespenst” bei Amazon gebraucht gekauft. Gab nur noch ein Exemplar. Wie konnte ich das nur als Kind begeistert verschlingen? Unerträgliches Waidmann-Pathos.
Seit langem mal wieder richtig deftige Kritik. Leider sogar in wesentlichen Teilen berechtigte:

Eben auf dem Klo nochmal schnell den Sportteil gelesen. Gut dass es da war, denn was Sie in einem Teil Ihrer Kolumne schreiben war wirklich scheiße! Ups…böse Wort, schlechter Einstieg, unpassend…vielleicht, aber treffend zum Bericht. Die Schwimm-WM läuft, an einem großen Teil der Deutschen Aktiven leider vorbei, für die Amerikaner, wie eigentlich immer, dagegen besonders erfolgreich, u.a. für Ryan Lochte. In diesen Tagen von Shanghai erfolgreicher und schneller als Phelps, diese Momentaufnahme ändert sich aber wieder in London, sicher! Ryan Lochte, Jg.84, tritt aus dem Schatten und liefert hervorragende Ergebnisse, und auch er wird in London auf mindestens zwei Einzelstrecken Olympiasieger, zusammen mit Phelps und Co. Zweimal mit der Staffel Gold gewinnen und in der Endabrechnung aller Strecken zusammen mit Phelps 50% aller Einzelstrecken bei den Herren gewinnen – sicher! Schön dass auch Sie die WM verfolgen und den extravaganten Lochte bei der Siegerehrung sehen – mit „Zahnspange“ und Brillies! Haben Sie sich, bevor Sie Ihre mit falschen Informationen gefüllte Kolumne geschrieben haben, mal ein Bild über Lochte gemacht? Ich weiß dass es nicht so war! Googlen Sie doch mal Ryan Lochte und klicken auf Bilder – wie viele sehen Sie da mit Zahnspange? Richtig, eines, von der WM in Shanghai! Ihre Mutmaßung bzgl. Doping liegt – zumindest in dem Bereich den Sie beschreiben – völlig falsch! Ob er jetzt dopt oder nicht kann und will ich hier nicht bewerten, aber er trägt KEINE Zahnspange! Im Anhang übersende ich Ihnen einen Schnappschuss von mir von der WM in Rom 2009 als Beispiel – auch hier ohne! Hat er Sie, die Zahnspange, zwecks Wachtumshormonen und Doping, also nur bei diese einen Strecke an und dann nicht mehr? Klingt komisch, ist aber so! Ich persönlich habe Ryan bei einem Trainingslager in Gainesville, Florida, vor 10 Jahren kennen gelernt. Damals, mit 17 Jahren, wo die meisten jugendlichen noch mit „Schneeketten“ im Mund ausgestattet sind hatte er auch schon keine. Der Deutsche WM-Medaillengewinner im Freiwasser-Teamwettbewerb, Jan Wolfgarten (SV Würzburg 05), gebürtig aus dem hessischen Langen, lange Jahre startberechtigt für die SG Frankfurt und von Ende 2000 – Oktober 2007 in Gainesville lebend, studierend und trainierend, war Zimmerkollege von Ryan. Schon im Jahr 2002 war klar, dass Ryan irgendwann einmal der schnellste der Welt sein wird – Einstellung, Fleiß, Ehrgeiz und Talent sprachen für den jetzt 1,85m großen und 80Kg schweren Schwimmer (diese Maße alleine sprechen schon von gezieltem Doping mit Wachstumshormonen, oder?). Er schwimmt jeden Tag mehr als Sie wahrscheinlich täglich mit dem Fahrrad fahren, am Tag 20-25km, in jeder Woche mehr als 100 KM, in Ausdauerphasen mehr als 150KM in der Woche, von Trainingslagern gar nicht zu reden, und dass schon seit mehr als 10 Jahren – und das ist nur das Trainingspensum im Wasser! Ich finde es sehr schade, dass Sie jemanden, der diesen Einsatz bringt, ohne es zu überprüfen oder hinterfragen, nur aufgrund eines visuellen Einmaleffektes mit Doping in Verbindung bringen – und das aus diesem lächerlichen Grund! Ryan ist schon immer aufgefallen, er hat mehr als 200 Paar Schuhe im Schrank, es gibt von Nike einen eigenen Ryan Lochte Schuh – und diesmal war es bei 1! Siegerehrung die Zahnspange – weswegen er gleich auffällig ist? Klingt komisch, ist aber auch so!Schade dass jemand wie Sie, der vom Schwimmen nur weiß dass es im Wasser stattfindet und es einen Seemannsköpper gibt, in regelmäßigen Abständen über diese Sportart sehr unquailifizert berichtet! Bleiben sie lieber bei Ihrem Liebling Ullrich, seinem neuen Manager und dem Radfahren!

 Mit dem Schwimmergruß „Patschnass“

Uwe Hermann

Das musste am frühen Sonntagmorgen natürlich sofort beantwortet werden:
Ihre deftige Kritik wird akzeptiert und sogleich in den Online-Anstoß gestellt. Manche Ihrer Indizien (wann Zahnspange und wann nicht) sprechen zwar nicht unbedingt für Lochte, aber Ihre Ausführungen sind insgesamt sehr kenntnisreich und erhellend. Außerdem habe ich in der Tat das getan, was ich ansonsten bei anderen kritisiere: einen Sportler zwar nicht expressis verbis, aber doch ziemlich deutlich des Dopings verdächtigt, ohne Beweise zu haben (mit Ausnahme des Bildes mit der diamantbesetzten Zahnspange, war, glaube ich, in der SZ).
Einen schönen Sonntag noch!

Veröffentlicht von gw am 31. Juli 2011 .
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Freitag, 29. Juli, 17.10 Uhr.

Soeben im Zeitungs-Anstoß noch die Griechinnen untergebracht, die im Härtestmännersport Wasserball-Weltmeisterinnen wurden. Der Online-Anstoß (siehe dort) bleibt der alte. Auf Papier war aber kein Platz mehr für Britta Steffen, daher hier meine Kontra-Meinung zu den im deutschen Sportmedienland veröffentlichten (und sicher auch zu mancher Leser-Meinung): Dass sie heimfliegt und nicht mehr in der Staffel schwimmt, dafür habe ich Verständnis. Wer als Höchstleistungssportler in ein derart unerklärliches Leistungsloch fällt, von dem kann man nicht verlangen, wie von Hinz, Kunz und mir am Arbeitsplatz, er möge sich gefälligst zusammenreißen. Britta Steffen ist fertig, down, kaputt, selbst wenn sie sich zusammenrisse, könnte sie keine schnellere Zeit schwimmen als ihre Ersatzfrau im deutschen Team. Die Trainer, wenn sie denn Fachleute sind, und das sind sie wohl, würden sie erst gar nicht aufstellen. Von den Funktionären darf man eh nicht viel verlangen, sie hängen ihre Fähnchen traditionell in den Medienwind. Letztes Wort zur Schwimm-WM: Griechenland im Medaillenspiegel weit vor Deutschland. Ela, Elatha!

Im Stammtisch-Anstoß heute auch Bild-Stoff eingebaut, Lehmann und eine aparte Schlagzeile (Sie können’s also noch!). Nein, nicht die alte Schlagzeile zu deutschen Schwimmern (“Hurra, keiner ertrunken”), sondern eine über ein beim Poppen pupendes Lama (würd ich mich auf Papier nicht zu schreiben trauen). Eigentlich wollte ich auch Böses schreiben, aber es wäre zu langatmig geworden, zu kompliziert zu erklären, außerdem hat es mit Sport nun mal gar nix zu tun. Es geht wieder einmal um Sarrazin, sein Buch, den ZDF-Film, eine RBB-Klamotte um ein angeblich geklautes Interview und um FAZ-Größe Frank Schirrmacher, den Bild zum Kronzeugen aufruft und  viel aus seinem FAZ-Artikel vom Donnerstag (ab)schreibt. Der uninformierte Bild-Leser muss glauben, Schirrmacher stehe auf Sarrazins Seite, denn Bild verschweigt Schirrmachers grundsätzliche Haltung: Dass Sarrazins Ausführungen über Genetik und Intelligenz gefährlicher, niederträchtiger Blödsinn sind (Interpretation in meinen Worten). Nicht von Sch., sondern nur von mir: Anderes, was Sarrazin schreibt, mag stimmen und wird wohl stimmen (ich habe das Buch aus Prinzip nicht gelesen, weil es zu lesen, sich darüber aufzuregen oder über die aufzuregen, die sich darüber aufregen, das ist ja der eigentliche Zweck der Übung, und da mache ich nicht mit), aber insgesamt halte ich mich ganz allgemein an meine Überzeugung, lange vor Sarrazin gebildet: Wenn ein Arschloch um fünf vor zwölf sagt, es ist fünf vor zwölf, hat es recht und bleibt ein Arschloch.

Auch das wär zu hart für Papier (o, schönes Wort: zu hart für Papier). Zum Arschlochsein fällt mir noch ein: Auch als albernster Kolumnist in der ganzen großen hessischen Welt finde ich es abgrundtief unwitzig, dass sich ein brasilianischer Fernsehkomiker ins Amy-Winehouse-Begräbnis einschleicht, dort den untröstlich Trauernden mimt und sich gebeugt und gebrochen interviewen lässt, um später diese Verarschung in seiner Komiksendung zum Besten zu geben. Witzischkeit kennt keine Grenzen, Hape? Doch. Nur Arschlochsein kennt keine.

Veröffentlicht von gw am 29. Juli 2011 .
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Sport-Stammtisch

Abends zwischen acht und elf, Primetime, die Öffentlich-Rechtlichen beweisen eindrucksvoll ihre grundversorgende Unverzichtbarkeit. Vor allem im Sommer. Da geht man dem Bürger mit gutem Beispiel voran und spart (schließlich müssen Kirmesbox-Verträge finanziert werden), indem alle »Tatort«-Folgen der letzten hundert Jahre wiederholt werden. Doch was ist das? Plötzlich, an drei Tagen hintereinander, wird das bewährte Muster aufgebrochen. Drei Fußballspiele, die sonst allenfalls in Spartenkanälen zu besichtigen sind, werden vom ZDF in voller Länge live übertragen, mit aufgemotzten und ausgeuferten Vor- und Nachberichten. Im wichtigsten geht es um die erste Halbzeit (= Hinspiel) einer Qualifikation für die Teilnahme am europäischen B-Wettbewerb, dem allerdings aus medialen Relevanz-Gründen niemand mehr, auch nicht der Erstbenutzer Franz B., öffentlich das böse Wort vom Verlierer-Cup anhängen darf.
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Wer kann das ohne Sarkasmus kommentieren? Ich nicht. Aber was sagen die Gebührenzahler dazu, die sich nicht für Fußball interessieren, zumindest nicht für Fußball unterhalb eines anerkannten Beachtungswertes? Hauptsache Bayern gegen Barca, egal, ob mit B-Teams, trainingsgeschlaucht und nur individuell (ich will ins Team!) und experimentell engagiert (System-Einspielung)? Auch auf Kosten eines in diesen von Oslo bis Obama ereignisreichen Tagen auf Miniformat geschrumpften Heute-Journals?
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Immerhin gab es in Sachen FC Bayern gewisse … nein, nicht Erkenntnisse, aber Vermutungsindizien: Ribery und Robben werden zusammen ungefähr auf die Hälfte der Einsatzzeiten von Neuer oder Lahm kommen – aber selbst das ist sehr optimistisch geschätzt. Und auch Heynckes scheint den Bayern kein überzeugendes Spielsystem beizubringen, sondern auf die alte Masche zu setzen: So viel Klasse wie möglich aufbieten, dann wird’s schon irgendwie klappen. Nur bei van Gaal hat’s mal kurzfristig andersrum funktioniert: Dass sich die individuelle Klasse ans System anpassen muss und nicht umgekehrt. Immer noch schade, dass sich der Holländer in seiner Selbstherrlichkeit nicht dem FC Bayern anpassen konnte.
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Schwimmen. Der neue Star heißt Lochte. Er zeigt stolz seine Diamanten im Mund – und da fällt mir seine Zahnspange wie Schuppen von den Augen. Schon in uralten »gw«-Kolumnen ging es um – auch heute noch so gut wie nicht nachweisbare – Wachstumshormone und dass sie Knochen wuchern lassen mit dem Nebeneffekt, auch Zahnspangen-Syndrom genannt, dass als Folge von Kieferverwachsungen die Zähne im Zahnbett ihren festen Halt verlieren können.
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Wer war der erste auffällige Zahnspangen-Olympiasieger? Könnte in die »Wer bin ich?«-Serie passen, wäre aber zu leicht: Carl Lewis. An den drei neuen Folgen vom Donnerstag werden sich nicht nur kieferverwachsungsgeschädigte Doper die Zähne ausbeißen, so viel ist nach den ersten Reaktionen schon sicher. Ich verrate nichts, obwohl ich von ungeduldigen Ratern gelöchert werde. Die Zehn-Tage-Frist läuft.
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Dass mir Lochtes diamantenbesetzte Zahnspange wie Schuppen von den Augen fällt, sei eine Stilblüte? Ja, aber mit Lust zum Blühen gebracht, denn: Seit ich ein Bild von Annibale Carracci gesehen habe, weiß ich, woher dieses geflügelte Wort kommt. Der biblische Tobias heilte seinen blinden Vater, indem er ihm Fischgalle auf die Lider strich. Aber warum sind es im geflügelten Wort Schuppen? Weil zu eklig klänge, dass es einem wie Fischgalle von den Augen fällt. Dann doch lieber wie Zahnspangen (übrigens: Das Bild hängt bei uns in Hessen, im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe).
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Bleiben wir im Wasser. Ein Grieche wird vor einem Deutschen Weltmeister im Langstreckenschwimmen! Bei all meinen Aufenthalten an griechischen Stränden habe ich nie einen Einheimischen gesehen, der sportlich schwamm oder sich gar, wie viele Urlauber, weit ins Meer hinaus wagte. Die überhaupt ins Wasser stiegen, standen  nur in Strandnähe und redeten, im Redefluss aber ausdauernd wie die Wellen, die in Kniehöhe plätscherten.
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Und dennoch wird ein Grieche Weltmeister! Man sollte sie eben nicht unterschätzen. Aber ich hab ja schon gewarnt, als ihr Staat von den Ratingagenturen auf Ramschniveau heruntergewertet wurde, dass beim Ramsch die schlechtesten Karten die besten sind. Und damit spielt niemand so gut wie die Griechen. Als ihr junger Staat sich im frühen 19. Jahrhundert gründete, war eine seiner ersten Handlungen, sich in London eine Anleihe über 2,8 Millionen britische Goldpfund zu sichern. Damit sollten Kriegsschiffe für den Unabhängigkeitskrieg gegen die Osmanen gebaut werden. Das meiste Geld wurde aber auf private Konten abgezweigt, so dass nur ein einziges Schiffchen fertig wurde – lange nach Ende des Krieges.
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Solche und ähnliche Schoten lese ich in der wie ich an Griechenfreundlichkeit nicht zu übertreffenden Griechenland-Zeitung. Hübsch auch, dass die »Aufgebrachten Bürger« auf dem Platz »Syntagma« (»Sindagma« gesprochen = Verfassung) protestieren. Das taten sie schon 1843, was dem Platz sogar seinen Namen gab. Damals gingen sie gegen König Otto auf die Barrikaden, der ein ähnliches Sparpaket wie die EU heute durchgesetzt hatte, mit starken Gehaltskürzungen für Staatsbedienstete. Ach ja: König Otto war ein Deutscher.
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Und sonst? Bernd Clüver ist tot. Treppensturz auf Mallorca. Dort sagte er der Bildzeitung einmal: »In den Siebzigern war ich so berühmt, dass mir die Hunde hinterherbellten. Heute verwechseln mich manche schon mit Jürgen Drews.« Dass ihm die Hunde hinterherbellten, war aber kein Wunder, denn meinesgleichen kannte Clüvers größten Hit nur als »Der Junge mit dem Hund von Monika«. Da Clüver Humor hatte (siehe Drews), nahm er auch den Hund von Monika mit ebensolchem.
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Gestern in Bild gelesen: Jens Lehmann darf auf seinem Grundstück am Starnberger See keinen Basketball-Platz bauen. Weil mehr Fläche als erlaubt versiegelt würde, verbot die Gemeinde den Bau, wie zuvor schon bei ähnlichen Anträgen. Lehmanns Kommentar laut Bild: »Es ist doch schön für Lokalpolitiker, wenn sie auf diese Art auch mal einen Tag ins Rampenlicht kommen.« Was Lehmann lässig-ironisch gemeint haben möchte, kommt so rüber, wie er nun mal ist. Und wie wir und Olli Kahn ihn ganz doll lieb haben.
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Statt weiterer Worte eine Schlagzeile, ebenfalls gestern in Bild: »Da bleibt einem die Spucke weg – rasiertes Lama rülpst nach Sex.« (gw)

Veröffentlicht von gw am 29. Juli 2011 .
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Baumhausbeichte - Novelle