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Sport-Stammtisch (25. Juni/mit “Wer bin ich?” Runde 5 und 6)

Als ich versprach, kein böses Wort über die Frauenfußball-WM zu schreiben und witzelte, das Versprechen sei leicht einzuhalten, weil es auch ohne das Attribut gelte, ahnte ich nicht, welch eine monströse PR-Maschinerie angeworfen würde, um aus dem Familienfest einer Randsportart ein neues deutsches GröFaZ zu machen (größtes Fußballfest aller Zeiten). In konzertierter Aktion pfiffen und trommelten Meinungs- und sonstige Mächtige für die Frauen-WM, und als selbst Haudegen wie Oliver Kahn und Lichtgestalten wie Franz Beckenbauer sich wie narrisch auf das Größtereignis zu freuen vorgaben, war klar, dass jeder, der das »Event« hinterfragte, als schlecht gelaunter Miesmacher dastünde und zudem als Frauenfeind (gegen das fiese Argument ist man/n machtlos).
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Nun haben sich einige Leser – in der Mehrzahl Leserinnen! – gemeldet, die sich im Stich gelassen fühlen, weil sie gerne mit mir gegen den Strom geschwommen wären. Wie soll ich mich da rausreden? Kann ich gar nicht. Zumal drei »gw«-lose Wochen folgen (eventuell aber schon mit einer neuen »historischen« Serie, beginnend in Zeiten, als »gw« noch kein Feigling war).
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Apropos »gw«-lo(o)s: »Freedom’s just another word for nothing left to loose«, zitierte ich aus Kris Kristoffersons »Me and Bobby McGee«. Gnädigerweise beanstandete kein Leser das zweite »o«, was aber nicht verhindert, dass ich durch das »loose« (und das Tabu) zum Loser wurde. Da fällt mir zwar gerade ein alter lautmalerischer Witz mit »two to Toulouse« ein, aber dafür haben wir jetzt keinen Platz mehr, denn es beginnt:
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Wer bin ich? (5. Runde): Die Black-Power-Demo von Tommie Smith und John Carlos  in Mexiko 1968 (schwarzer Handschuh, geballte Faust) hat mich schwer geärgert. Ich war so wütend, dass ich sagte: »Diese zornigen jungen Männer schwarzer Hautfarbe heizen das Klima an. Sie sind berufsmäßige Hasser, leben garantiert in teuren Appartements, speisen in teuren Restaurants und sondern sich auf dem Campus ab. Wenn sie nicht ihren Willen kriegen, werfen sie Bomben auf den Campus oder brennen die Bibliotheken nieder.« Na gut, da ging der Gaul mit mir durch. Apropos Gaul: Früher, kurz nach meiner aktiven Zeit, trieb ich auch mit Gäulen Sport. Nicht wie euer Winkler mit seiner Halla, nicht bequem auf dem Pferd sitzend, sondern … nicht verraten, sonst wird’s zu leicht? Okay. Warum ich Hitler noch 1938 als einen »Mann voller Würde« bezeichnet habe? Mann, ich hatte Wut auf unseren Präsidenten, nicht Hitler hat mich brüskiert, sondern dieser Typ! Weigerte sich doch glatt, mich im Weißen Haus zu empfangen. Mich, den Größten aller Zeiten! Dieser Penner. Ich dagegen war in jeder Beziehung einer der Fixesten. Ich war als notorischer Aufreißer bekannt, und da fragten mich Sportkameraden einmal, warum ich immer nur die weniger hübschen Mädchen bei Partys abschleppe. Meine Antwort: Ihr geht mit euren aus, ich geh mit meinen ins Bett – und das klappt mit meiner Methode viel schneller. Schnelligkeit war eben mein größtes Talent.
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Wer bin ich? (6. Runde): Ich bekomme Lust, mitzumachen. »Wie wär’s mit einem kleinen Spiel?«, frage ich ihn. Der Junge, Tiger nennt er sich, ist eine Spur verdattert, meine Hände schießen vor und umfassen den Basketball. Los geht’s. Ich habe Bermudashorts an und schäme mich meiner kreidigen Altmännerwaden nicht. »Warte, ich muss erst eine Pille nehmen«, sage ich. Das Nitrostat brennt mir unter der Zunge, und ich fühle mich am Anfang locker und frei. Ich fange Tiger den Ball weg und lasse einen altmodischen beidhändigen Wurf aufsteigen. Als der Ball meine Hände verlässt, weiß ich, er wird reingehen. »Mann«, sagt Tiger bewundernd, »das ist reinste Pferdescheiße«. Das Kompliment spornt mich an, ich achte nicht auf den messerscharfen Schmerz zwischen meinen Schulterblättern, springe hoch für einen Korbleger, steige hoch, höher, den zerrissenen Wolken entgegen, ein gewaltiger Schmerz fetzt durch meinen Rumpf, vom einen Ellbogen zum anderen, ich explodiere von innen und fühle etwas Ungeheures beharrlich an mir herumfummeln, dann falle ich bewusstlos auf den gestampften Lehmboden, höre aber noch, wie Tiger geschockt wiederholt: »Reinste Pferdescheiße.« – Tja, das war’s. Im Jenseits bin ich endlich in Ruhe. Menschen in aller Welt trauerten um mich und hofften lange, dass ich doch nicht tot sei. Aber seit dem 27. Januar 2009 ist alle Hoffnung erloschen.
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Zu schwierig? Lassen Sie’s sacken, Sie haben genügend Bedenkzeit. Hoffentlich einige schöne Sommerwochen lang. Mit oder ohne … Sie wissen schon. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle