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Sport-Stammtisch (24. Juni/mit “Wer bin ich?”)

Nein, Helene Mayer war nicht die Gesuchte. Aus dem Leben der jüdischen Fechterin hätte man aber ebenfalls ein anspruchsvolles »Wer bin ich?« herausarbeiten können, beginnend mit der in die Irre führenden Frage, deren Aussage jedoch angeblich historisch verbürgt ist: Wen bezeichnete Hitler 1936 bei einem Empfang im Reichstag als »beste und fairste Sportlerin der Welt«? Helene Mayer, eine große, blonde, blauäugige Hessin, hatte als Schülerin 1932 Gold geholt, war nach der Machtübernahme der Nazis in die USA emigriert, startete 1936 in Berlin dennoch für Deutschland, gewann die Silbermedaille und hob bei der Siegerehrung die Hand zum Hitlergruß. Nach Olympia übernahm sie die US-Staatsbürgerschaft, kehrte 1952 aber wieder nach Deutschland zurück, wo sie, erst 42 Jahre alt, ein Jahr später an Brustkrebs starb.
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Auch die mehrfach genannte Marika Kilius war eine falsche Antwort, sie lebt ja zum Glück, dem Vernehmen nach frisch und fidel. Nein, eine andere Hessin, in Darmstadt geboren und gestorben, wurde gesucht, deren größte sportliche Tat sich in diesen Tagen zum 55. Mal (die kleine Schnapszahl) jährte und nach deren Tod es einen Skandal gab, denn Halla – ja, sie ist’s! –, die Stute, von der Hans-Günter Winkler 1956 in Stockholm, fast ohnmächtig vor Schmerzen, ins Gold-Ziel getragen wurde, landete beim Abdecker und daher als Seife in manch nichtsahnendem Pferdefreunde-Haushalt. Immerhin wurde später in Warendorf eine Straße nach ihr benannt, dort steht auch ihre lebensgroße Bronze-Plastik. Ach ja, und ihr »Debüt in einer anderen Sportart« gab sie als junges Pferdemädchen in Frankfurt-Niederrad auf der Galopprennbahn.
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Sensationell das Ergebnis: 26 richtige Lösungen! Das hätte ich nie und nimmer erwartet, zumal ich eine besonders selektive zweite Runde angekündigt hatte, um eine erste Top-10-Ehrenliste veröffentlichen zu können. Kann ich nun aber doch, denn die zweite Überraschung: Von den vielen Ottmar-Walter-Ratern der ersten Runde kamen nur genau zehn auf Halla, und das ergibt nach Adam Riese eine Top-10-Liste mit zehn Lesern, jeweils gleichauf mit zwei Punkten.
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Einer von ihnen erzählt eine hübsche Geschichte, ohne die er mit Sicherheit nicht auf Halla gekommen wäre: »In der Uni-Einführungswoche lernte ich eine junge, hübsche Darmstädterin kennen. Sie heißt Susanne, ist noch immer eine Freundin und die Enkelin von Halla-Besitzer Gustav Vierling. Gibt das einen Zusatzpunkt?« – Nein, das nicht, lieber M. Schäfer, aber: Sachen gibt’s ….
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Klar, dass mir auch diese Mail von Imme-Verena Berty aus Bad Nauheim richtig gut gefällt: »Seit ich vor fast genau vier Jahren nach Bad Nauheim gezogen bin, lese und genieße ich Ihre Kolumne täglich schweigend bzw. ich lese meinem Mann manchmal daraus vor, der sich leider viel weniger aus Sport und sprachlichen Feinheiten macht als ich. Heute also eine Premiere: Ich möchte mich am Rätsel beteiligen. Ich denke, es geht um Halla und den legendären Ritt mit Hans-Günter Winkler. (…) Beim erwähnten Skandal ging es, glaub’ ich, im entferntesten Sinne um Seife … Ich wünsche Ihnen weiterhin so viele kreative Ideen und Kolumnen!«
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Und ich mir solche Leser! Dankeschön allen, die ihre Lösung in sehr freundliche Worte verpackt haben. Drei für alle: Uwe Lemke aus Wöllstadt (»an meinen Lieblings-Sportkolumnisten/-glossisten«), Jochachim Bille aus Reiskirchen (»Spitzenrätsel!«) und Andreas Hofmann aus Bad Nauheim (»Tolles Rätsel. Weiter so!«).
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Weiter so: Da aus aktuellem Anlass (mehr zum Gelübde/Tabu morgen) eine Kolumnen-Pause ansteht und auch, um Neueinsteigern eine Top-10-Chance zu lassen, geht »Wer bin ich?« mit einem doppelten Doppelschlag in die Sommerpause.
Vorab der auch für die Zukunft gültige Tipp: Der/die Gesuchte muss kein bekannter Spitzensportler aus Vergangenheit oder Gegenwart und kann sogar bekennender Nichtsportler sein, muss auch nicht unbedingt ein Mensch sein (siehe Halla), sogar nicht einmal zwingend aus Fleisch und Blut, sondern eventuell auch aus Literatur oder Mythos stammend. Aber das ist vielleicht schon zu viel an Tipps.
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Auf geht’s, heute zwei und morgen zwei »Wer bin ich?«-Fragen, und da sie diesmal wirklich sehr selektiv sind, können Sie sich ruhig Zeit lassen mit der Mail-Antwort. Einsendeschluss: Abpfiff des Endspiels von … na, Sie wissen schon.
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Wer bin ich? (3. Runde): Als ich noch in der Ludwig-Thoma-Straße wohnte, hätte ein Nachbar und Freund von mir beinahe meine Frau umgebracht. Also, meine damalige Frau. An das Telefon des Freundes – ein bekannter Fernsehkommissar – hatte ich meine Alarmanlage angeschlossen, denn ich war ja oft weg von zu Hause, und als bei ihm der Alarm ertönte, schlich er mit seiner Pistole, wie ein echter Kommissar, in mein Haus, zielte auf die Tür – und heraus kam meine Frau, die Augen angstschlotternd auf die entsicherte Pistole gerichtet. Über meine sportlichen Erfolge verrate ich nichts, sonst wird es zu leicht für Sie. Außerdem lasse ich lieber andere über mich reden. Zum Beispiel Udo Jürgens: »Ich erinnere mich noch an unsere ›gemeinsamen‹ Langlauftouren am Schwarzsee. Ich war mit meiner ersten Runde kaum fertig, da hörte ich ihn auch schon wieder hinter mir. Unglaublich, was der Bursche an Kondition hatte.« Dafür kann der Udo besser singen als ich. Und der Toni Sailer konnte besser Ski laufen, daher nahm ich ihm auch nicht übel, was er einmal über mich geschrieben hat: »Irgendwann zu Anfang der 80er Jahre, da kam mir eine ganz merkwürdige Gestalt auf Brettern am Hang entgegen. Ich dachte, was ist das denn für ein Schlitten. Mit breiten Beinen, ungelenk, gebückt. Inzwischen läuft er aber wie ein alter Pistenfuchs.« Beim Golfen hätte ich den Toni, Gott hab ihn selig, beinahe schwer verletzt, als ich nach einem verschlagenen Ball mein Eisen vor Wut in hohem Bogen wegwarf, über einen Hügel, hinter dem Toni schon auf den nächsten Abschlag wartete. Apropos Abschlag – den macht man in der Golf-Fachsprache von einem »Tee«. Ich machte ihn einmal (nicht auf dem Golfplatz, aber vor Millionen Menschen) von einem ganz speziellen »Tee« aus. Hole-in-one!
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Wer bin ich (4. Runde): Wir leben in einem Zeitalter der anthropologischen Revolution: Survival of the fittest heißt das Evangelium. Statt Nächstenliebe regiert Eigenliebe, und die kann nur einem sportlichen Körper gelten. Der Neue Mensch marschiert nicht als kommunistischer Lottogewinn auf oder als nationalsozialistisch-arischer Blondinenwitz – der Neue Mensch ist eine Ware in der Marktwirtschaft. Der Neue Mensch ist eine Sex-, Arbeits- und Freizeitmaschine. Die muss funktionieren. Dadurch wird der Sport zum neuen Totalitarismus – er erfasst und regiert den Neuen Menschen, der sich selber herstellen muss, um lecker und attraktiv und verkäuflich zu sein. Statt Stasi und Gestapo haben wir Fitness-Studios und Solarien – das Schwimmbad wird zum Volksgericht, in dem johlend über den Schuldigen der Stab gebrochen wird, der seinen Body nicht zeitgerecht gestylt hat. – Was aber ist Komik? Sie ist nicht das Gegenteil von Ernst; Komik ist das Gegenteil von gut gelaunt. Darum entsteht wirkliche Komik dort am schönsten, wo es jemand sehr ernst meint und scheitert. Hier bietet sich das weite Feld des Sports an, der bekanntlich die ernsteste Hauptsache der Welt ist, zumindest für die, die ihn betreiben. Sport ist spannend oder komisch. Darum verweigere ich seit Kindesbeinen den Dienst am Sport. Ich möchte selbst darüber bestimmen, wann und wo ich mich blamiere. Ich fordere Selbstbestimmungsrecht für mich über den Zeitpunkt öffentlicher Peinlichkeit.
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Wenn das kein Kontrastprogramm ist! Eine Sport-Legende aus Deutschland  und ein Sport-Verweigerer aus Hessen. Da rauchen die Köpfe, da googelt’s vergeblich. Hoffentlich. Und morgen wird’s noch schwieriger. Versprochen.  (gw)

Top 10 nach zwei Runden

Platz 1 mit jeweils zwei Punkten:

Jost-Eckhard Armbrecht
Dr. Sylvia Börgens
Dr. Hans-Ulrich Hauschild
Doris Heyer
Andreas Kautz
Christian Lugerth
Matthias Reutzel
Walther Roeber
M. Schäfer
Paul-Gerhard Schmidt

Baumhausbeichte - Novelle