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Sport, Gott & die Welt (gw-Blog Juni)

Dienstag, 21. Juni, 12.00 Uhr.

“Was sagen Sie nun?”  “Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis ich das realisiert habe.” Wie oft schon hat mich diese Sportler-Floskel geärgert! (Die dumme Frage natürlich auch) Wenn ich ein Tor schieße, meine Mannschaft gewinnt, Meister wird usw. usw. – was gibt’s daran erst später zu realisieren?

Gerade eben ist der neue Bundesliga-Spielplan veröffentlicht worden. BVB beginnt gegen den HSV, steht drüber. Mich interessiert aber ein anderer Klub. Gegen wen spielt die Eintracht? Und erst auswärts, oder ein Heimspiel? Die Augen huschen über die Paarungen des ersten Spieltages, scheinbar vorbei an der Eintracht, also langsam von vorne. Immer noch keine Eintracht.

Ach so.

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis ich das realisiert habe.

Sonntag, 19 . Juni, 6.15 Uhr (und 10.40)

Wo ist bloß mein Fuchs geblieben? Kerlchen, du lebst doch noch, oder?

Wieder zu früh, um letzte Töne der ARD-Rocknacht nicht zu hören. Einer ruft an und erzählt, wie Wetten dass war. Malle, La ola, Bohlen, alles klasse. Na prima. Gottschalk ist okay, aber so was muss man wirklich nicht sehen. Ich seh ja gar nichts mehr – Sommers nie, es sei denn, toller Sport kommt.

Drei Tage in Österreich, und schon mag man die Ösis. Ob ich im Trainingslager der Eintracht recherchiert habe? Ha. Ha. Ha.

Schönste, weil mir gut tuendste (am besten tuende?) nachgelesene Geschichte der Woche: Amina Abdallah Arraf al-Omari, eine lesbische syrische Bloggerin, hat in ihrem Internet-Blog A Gay Girl in Damascus den Volksaufstand in Syrien begleitet. Als sie von Assads Regime entführt wurde, schrieb ihre Cousine Rania Ismail den Blog weiter. Es gab internationale Proteste gegen die Verhaftung Aminas, bis sich jetzt herausstellte, dass der Blog von einem amerikanischen Studenten geschrieben wurde, der in Schottland lebt, in der Nähe von Loch Ness.

Mein Reden und Schreiben seit hundert Jahren, wie leichtgläubig und manipulierbar wir sind. Und wahrscheinlich stimmt auch diese Geschichte nicht, und der US-Student ist eine Inkarnation von Nessie. Und meinen Blog schreibt in Wirklichkeit Amina, die syrische Lesbe. Ich dagegen heiße Birgit Prinz, manche nennen mich schon die Ballack der Frauenelf, aber denen werde ich es demnächst zeigen! Schade, dass ich es nicht selbst sehen kann – Sommers nie.

Die Leichtgläubigsten aber sind die ganz und gar Ungläubigen, die zu wissen glauben, wie die Welt entstanden ist, funktioniert und enden wird. Ein göttlicher Scherzkeks treibt seine Späße mit ihnen. Fake! Fake! Fake!

10.40 Uhr.

Montagsthemen sind erledigt. Der Verlockung erlegen, die frühmorgendliche Blog-Lesbe Amira und Birgit Ballack in die Kolumne einzubauen. Der gw-Blog bleibt halt auch ein Stein(es)bruch für die Zeitungskolumne.

Mein Fuchs, siehe oben,  ist weg, vielleicht ist er nach Berlin geschnürt (die Fachvokabel deutet an, dass hier einer schreibt, der mit “Horst wird Förster”, “Horst und das Raubwild” usw. groß wurde und mit diesen Schneider-Büchern als Lehrstoff fest entschlossen war, Förster zu werden). Jedenfalls hat ihn Kurt Kister adoptiert, der in einer ganz anderen Liga Kolumnen schreibt als ich, aber ebenfalls auf den Fuchs gekommen ist, denn heute früh lese ich in seinem Deutscher Alltag (SZ-Wochenende): Es ist nicht ungewöhnlich, dass einem am Reichstag ein Fuchs entgegenkommt. (…) Eigentlich gehört der Fuchs nicht in die Innenstadt. Andererseits tut ihm da kaum jemand etwas und er kann im Tiergarten die Reste jener vielen Grillfeste mit Migrationshintergrund fressen.

Kein Wunder, dass mein Fuchs weg ist. Bei dem feudal gedeckten Tisch in der Haupstadt!

Pfingstsonntag, 12. Juni, 5.55 Uhr (Nachtrag: und 8.30 Uhr).

Zu früh selbst für den Fuchs. Auch für die ruhigen “Inspirationen” des HR. Im Radio noch “ARD-Rocknacht” mit für diese Tageszeit zu nerviger Musik und nervigem Gerede. Obwohl die übermuntere Rocknacht gerade richtig zum Aufwärmen sein müsste, denn ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Um acht, vielleicht schon um sieben, wird im gesamten Haus der Strom abgeschaltet, bis zum Abend geht dann gar nichts mehr. Wichtige grundlegende Arbeiten, auf den Pfingstsonntag gelegt, weil an diesem Tag niemand redaktionell arbeiten muss, jedenfalls nicht unbedingt mit dem Redaktionssystem. Außer dem armen gw. Weil der ab morgen drei Tage unterwegs ist und Montagsthemen, Ohne weitere Worte und Wer bin ich (Folge 2) vorschreibt, um der peniblen Kontrolle der Leser zu entgehen. Online sind wir ja unter uns, da kann ich mein Trauma zugeben: Da ich seit hundert Jahren fast regelmäßig mit dem Kürzel gw in der Zeitung auftauche, kann ich keine drei Tage Schreibpause einlegen, ohne dass besorgte (und/oder belustigte) Leser fragen: Wohl wieder mal Urlaub? Wohl wieder mal vom Esel gefallen? Wohl wieder mal vom Rad gestürzt? Wohl wieder mal die Rippen gebrochen? Die Zitate und das Rätsel habe ich schon gestern geschrieben und ihnen das Layout-Kleidchen gegeben, die Montagsthemen sind ebenfalls vorgeschrieben, jetzt kommt die Korrektur für die beiden Kolumnen für Mittwoch und Donnerstag, dann werden die Montagsthemen zu Ende geschrieben und wenn die Zeit noch reicht, ins Layout-Kleidchen gesteckt.  Wenn ich’s nicht rechtzeitig schaffe, werden sie den Kollegen gemailt, die müssen sie dann morgen neu einkleiden. Den Montagsthemen geht’s in jedem Fall besser als dem Blog und dem gesamten Online-Anstoß, der schon seit Monaten auf das versprochene neue Kleidchen wartet, das ich voreilig und vor-eitel schon im Januar bei meinem Dilettantenball … wie heißt das Freudsche Wort richtig? … Debütantenball als Online-Blogger angekündigt hatte. Online-Blogger – kein weißer Schimmel, denn Blogger bin ich seit hundert Jahren, meine Zeitungs-Kolumnen sind nichts anderes als Blogs. Puristen werden’s anders definieren. Ist aber alles fließend, wie auch die literarischen Kategorien. Was ist eine Novelle? Können nur gelernte Germanisten (auswendig gelernt) aus dem Stegreif aufsagen. Bin ich nicht, also nur angeahnt: kürzer als ein Roman, länger als eine kurze Kurzgeschichte, kann aber kürzer als eine lange Kurzgeschichte sein, in jedem Fall ohne epische Schilderungen und Beschreibungen, sondern mit einem Knackpunkt, auf den die Geschichte hinsteuert und nach der sie eine andere ist. Zu dem Thema kommen wir demnächst noch, mit einem gw-Experiment in der Zeitungsroman-Rubrik und hier, aber bevor ich zu viel verrate und um nicht von abschaltenden Elektrikern überrascht zu werden und zumal ich soeben feststelle, dass ich im Blog schon wieder einmal zum Langlabern neige, mache ich jetzt einen Online-Punkt. Denn wir sind selbst schwarzgelben Umfrage-Panikern weit voraus: Abschalten jetzt und alles und komplett! Und auch beim Wiederanschalten werden wir schneller sein.

8.30 Uhr

Wettlauf gewonnen, hätte aber gar nicht laufen müssen: Zwar ist das Licht aus, der Kaffeeautomat funktioniert nicht, und Mails kann ich auch nicht schreiben, aber mein Rechner läuft und läuft auf Notstrom. Moment, da fällt mir ein, ich wollte ja die am Samstag vorgeschriebenen und am Sonntag beendeten Montagsthemen für Dienstag schon online stellen (Ohne weitere Worte und Wer bin ich? werden dagegen den Zeitungsausgaben bis Donnerstag online hinterherhinken). Das mach ich sofort, bis gleich.

So, bin wieder da. Die unnötige Hektik von gestern und die ebensolche Hetze heute früh haben auch ihre Vorteile, vor allem einen Sonntag ohne Kolumnen-Druck. Selbst das Durchforsten der vier großen Samstagsausgaben und der drei Sonntagszeitungen steht ja meist unter dem suchenden Anspruch, noch schöne Trüffel für die Zitaten-Kolumne zu finden oder Inspirationen für die Montagsthemen.  Hab’s gemütlich angehen lassen und bisher nur die Süddeutsche von vorne bis hinten entspannt gelesen. Man könnte neidisch werden, wenn man’s nicht schon wäre. Natürlich, wie immer, auf Kurt Kister und seinen deutschen Alltag, die Kolumne im SZ-Wochenende. Man schreibt das Zeug hin und glaubt, man habe gesagt, was endlich einmal gesagt werden musste. Man merkt oft nicht einmal, was man wieder zusammengeschwurbelt hat. So isses. Hinten ein tolles Interview mit Carl Djerassi, 87, Antibabypillenpapa, aus dem ich viele OWW-Zitate notieren könnte, wenn die Kolumne nicht schon fertig wäre und solche Sätze  … Unterbrechung, 8:47, Chefin ruft an, heute auch ein paar Minuten zu früh. Ihr angekündigt, heute früh zurück zu sein. Sofort den nachmittäglichen Hundegang aufs Auge gedrückt kriegt. Fluch der frühen Tat … weiter im Text: in einem Familienblatt nicht zu problematisch wären (über massenhafte Sperma-Einlagerungen, die eisgekühlt zwanzig Jahre haltbar sind): Du musst Leute finden, die bereit sind zu masturbieren. Du musst prüfen, ob sie fruchtbar sind. So kamen wir auf die Armee. Viele junge Männer, das Einzige, was sie alle tun, ist masturbieren.

Das Einzige, was ich tue, ist lesen. Auf der SZ-Literaturseite eine Besprechung von Robert Gernhardts Aufzeichnungen in seinen legendären Brunnen-Heften, eine Art Steinbruch (Wortbruch wäre ein blödes und falsches Wortspiel) für die meisten seiner Texte. 30 Jahre Notizen, geschrieben in seiner mittelitalienischen Wahlheimat, zusammengestellt von Kristina Maidt-Zinke (Toscana mia, S. Fischer Verlag). Kommt unbedingt auf die eigene Leseliste. Muss eine Art Monolog-Blog sein, ähnlich wie “Sport, Gott & die Welt”. Weitere Parallelen zu ziehen wäre das, was Brecht hochgestapelte Mittelmäßigkeit nannte. Da ich aber heute Zeit genug habe, versuche ich mal, an Hand (oder anhand? Keine Ahnung) eines sehr informativen Artikels von Sebastian Beck auf der SZ-Medienseite einen Wort-Steinesbruch zum Thema Regionalpresse, zwecks eventueller späterer Verwendung und vielleicht ebenso eventueller Fortsetzung meiner früheren Nach-Lese “Druck auf Papier” (siehe “gw-Beiträge Kultur”) von letztem Jahr. Zunächst aber klicke ich diesen Text in die Untiefen des Internets, man weiß ja nie, wann der Notstrom ausflackert (kommt der etwa aus Frankreich?).

Ist drin. Dass die Mails nicht funktionieren, habe ich gemerkt, als ich Christian Lugerth anschreiben wollte, den Schauspieler, Anstoß-Leser und Anstoß-Begleiter, dessen Online-Spielwiese von Archibald, dem Bären vom Brandplatz (unbedingt mal reinschauen!) heute die gleiche Uhrzeit trägt wie dieser Blog: 5.55. Wollte ihn fragen, ob Frühaufsteher wie ich oder Durchmacher wie ich nicht mehr.

So, jetzt zur Regionalpresse, also zum eigenen Hemd (ist dann der Blog der Rock? Wenn nicht, reimt es sich wenigstens). Überall das gleiche Bild: Die Auflagen sinken und sinken, ein Ende ist nicht absehbar. (…)  Die Mehrzahl der großen Regionalzeitungen aber hat binnen eines Jahrzehnts bis zu einem Drittel der Auflage verloren. (…) Noch vor ein paar Jahren kündigten Abonnenten, weil sie sich die Zeitung von Hartz IV nicht leisten konnten. Inzwischen aber sterben sie einfach weg. Doch junge Leser wachsen nicht nach. (…) Die großen Discounter wie Aldi, bisher Stammkunden der Tageszeitungen, drängen in die kostenlosen Anzeigenblätter. Denn mit dem Rückgang der Auflage büßen die Zeitungen ihre Attraktivität als vergleichsweise teurer Werbeträger ein. (…) Sie heben Kinder- und Jugendseiten ins Blatt, bei Schulbesuchen werben sie für’s Lesen  – und stellen fest: Nicht nur den Jugendlichen ist das Medium Zeitung ungefähr so fremd wie ein Plattenspieler, auch viele Lehrer haben sich davon längst verabschiedet. (…) “Die Tageszeitung wird es noch lange geben”, sagt Almert (Anm.: Bodo A., Geschäftsführer der Märkischen Oderzeitung) und fügt hinzu: “Aber nur, wenn sie sich ändert.” Bloß, in welche Richtung? Wird sie sich zu einem elitären Medium für wenige Bildungsbürger entwickeln? Muss die Zeitung jünger, weiblicher und leichter verständlich werden?

Glaube ich nicht. Aber vielleicht nur, weil ich älter, männlicher und manchmal schwerer verständlich bin? Aber von vorn: “Auflagenverluste” – uns geht’s zum Glück noch Gold, nicht nur auflagenmäßig. Ein Hoch auf die Kollegen, ein Hoch auf die verantwortliche Dynastie! Ein Hoch auf die Leser! “Plattenspieler” – schönes Stichwort. Ich habe einen, vor ein paar Jahren gekauft, um alte Singles und LPs (das “s” könnte ich mir schenken, ich weiß, liebe Korinthenfreunde) über Computer auf CD zu überspielen. Plattenspieler kommen auch in Mode, weil im authentischen Klang allen anderen Tonträgern überlegen (sagt man, kann ich als Ohrgeschädigter nicht bestätigen). Sie kommen aber nur in einem kleinen, exklusiven Kreis in Mode. Also Stichwort “elitäres Medium für wenige Bildungsbürger”? So halb und halb. Meine Vermutung: Langfristig bestehen kann die herkömmliche regionale Tageszeitung, wenn sie den langfristig unvermeidlichen Schrumpfungsprozess (kurzfristig gibt’s ja gerade eine konjunkturelle Brise, die auch uns guttut) mit Beharrungsvermögen auf Bewährtem und Offenheit für vernünftig Neues  begleitet und damit kein elitäres Medium für wenige Bildungsbürger wird, sondern unverzichtbarer Informations-Anker und journalistischer Lebens-Wegbegleiter einer (leider bedrohten und schmelzenden) Mittelschicht bleibt, auf einem quantitativen Niveau, das nach weiterem Absacken in etwa auf gleichbleibendem Klientel-Potenzial beruht. Dazu das Wort zum Pfingstsonntag, geschrieben von Tomasi di Lampedusa: Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist. Wir müssen nur aufpassen, dass es uns nicht geht wie dem Leoparden, dem alten sizilianischen Adligen von T. d. Lampedusa, denn der hat’s erkannt, aber die Gefahr nicht gebannt. Und auf Lampedusa haben sie heutzutage sowieso andere Sorgen.

Dienstag, 7. Juni, 17.10 Uhr.

Schade, schon wieder ist ein Themchen weg. Das “Streiflicht” der Süddeutschen Zeitung macht sich heute über das “Attentat” auf Berti Vogts lustig und und zieht dazu auch noch genüsslich alte Schoten von Berti aus dem Archiv. Genau das hatte ich auch vor, für die Samstag-Kolumne, und unter dem Stichwort “Unglückswurm” schon notiert, dass es das logische Ende einer langen Kette von Berti-Peinlichkeiten ist, wenn sich das von ihm geheimnisoll umraunte “Attentat” als Entrollen von Klopapier und aserbaidschanisch-folkloristisches blechernes Ausbuhen mit einer Gießkanne herausstellt.

Unterschied zum “Streiflicht”: In meiner Grundeinstellung zu Vogts überwiegen immer noch Respekt und Sympathie. Respekt, weil er für Beckenbauer die konzeptionelle und tägliche Trainingsarbeit erledigte, die 1990 zum WM-Titel führte, und weil ich mit eigenen Augen den Unterschied einer Frankfurter Trainingseinheit unter Charly Körbel (ach Gott, ach Gott; sorry, Herr Körbel) und eines von Vogts geleiteten Trainingstages des DFB-”Perspektivkaders” (so was gab’s mal) erleben musste bzw. durfte. Bleibende Feststellung: Vogts ist fachlich ein klasse Trainer. Sympathie, weil sich Berti Vogts 1997 auf Fürsprache von Jürgen Grabowski, der uns dem presse-misstrauischen Bundestrainer sehr empfohlen hatte, dazu breitschlagen ließ, sich von uns (das heißt: von mir) auf dem Weg zur WM 1998 begleiten zu lassen. Für die erste Folge der zehnteilig geplanten Serie traf ich mich mit Vogts in Frankfurt und begleitete ihn bei allen seinen Presseterminen, die ihm der DFB für diesen Tag aufgebrummt hatte, vom Exklusiv-Interview von Sport-Bild (Interviewer Hinko guckte irritiert, als Vogts mit mir als Bodyguard auftauchte) bis zur im Dreierpack abgefertigten Provinzpresse. Ich erlebte Vogts vor und nach diesen Terminen als freundlichen, sympathischen Menschen, der aber während der Termine sofort versteifte, misstrauisch wurde, verbissen den Locker-Souveränen spielte und, was keine allzu nette Eigenschaft ist, bei all seiner Kleinheit sehr von oben herab und scheinbar witzig, aber nur bissig reagieren konnte, wenn er sich einem der weniger einflussreichen und weniger kenntnisreichen Journalisten überlegen fühlte.

Bald schon merkte ich, dass diese Serie kein freudvolles Ende finden konnte. Der Fachmann Vogts stand sich selbst im Weg, da er nicht nur der Berti von 1990 sein wollte, sondern gleichzeitig auch noch ein bisschen wie Beckenbauer. So weltläufig, so elegant, so locker wie der “Kaiser” wollte er sein, der damals alle Lorbeeren für sich alleine sammeln konnte, obwohl Beckenbauer ohne ihn, ohne Berti wohl kein Weltmeister geworden wäre. Das Problem: Vogts erkannte nicht, dass auch er einen wie Beckenbauer gebraucht hatte, um erfolgreich zu sein (der Titel von 96 war ein sehr, sehr glücklicher Ausreißer und hätte statt Titel mit Desaster/Kroatien! enden können). Ich fühlte in der Nähe zu Vogts dessen galoppierende Unglückswurmigkeit schon früh und wollte kein sportlicher Sterbebegleiter sein, die Serie also sausen lassen. Aber wie? Hätte ich damals geschrieben, was ich gedacht hatte, hätte ich mich als Prophet feiern lassen können. Aber ich wollte unauffällig raus aus der Nummer, ohne Vogts für dessen freundliche Zuwendung auch noch mies öffentlich in den Rücken zu fallen. In der dritten Folge schrieb ich:

Wir standen neben dem Bundestrainer auf der Kommandobrücke und konzentrierten uns auf seine Sicht der Dinge, seine Fußball-Philosophie. Den kritischen Blick auf Schwachstellen und Ungereimtheiten darf diese Zusammenarbeit aber nicht verstellen. So gab es schon beim 3:2 gegen Albanien genügend Anlaß zum Kopfschütteln über Maßnahmen und Ansichten von Vogts. Alarmierender, speziell für den Kolumnisten, ist aber die Beobachtung, daß Vogts‘ (Selbst-)Kritikfähigkeit zu schwinden scheint. Manche Kritik versteht er nicht, will sie nicht verstehen oder versteht sie unbeabsichtigt oder bewußt falsch. Und was auch immer Vogts aus dieser Palette an Reaktionsmustern gerade benutzt, färbt er mit aggressiv-ironischem Unterton ein. Nicht erst seit dem saft- und kraftlosen 0:0 in der Ukraine, nein, schon seit geraumer Zeit mehren sich die Alarmzeichen. Gewiß, der EM-Titel war Vogts‘ Werk. Aber aus der langen, schwierigen und für Vogts manchmal demütigenden Vorgeschichte (WM 94) sowie dem Umkehreffekt von 1996, als der Bundestrainer über all seine Kritiker triumphierte und sie plötzlich nicht mehr an der Kehle spürte, sondern zu seinen Füßen sah, scheint Vogts nicht Lockerheit und Souveränität gewonnen zu haben (obwohl er sie verbissen munter vorspielen will), sondern eine oft überheblich wirkende Rechthaberei. Berti Vogts geht unbeirrt seinen Weg zur WM 98, und bei aller aufkeimenden Skepsis des journalistischen Beobachters, der Irrwege zu sehen glaubt, überwiegt weiter die Hochachtung vor der nachgewiesenen Leistung des Bundestrainers in widriger Zeit. Doch nun scheint der Zeitpunkt gekommen, zumindest vorübergehend die freundlich vom Bundestrainer ermöglichte Beobachterrolle auf der Kommandobrücke zu verlassen. Wenn ein Großtanker an Manövrierfähigkeit verliert, ja selbst wenn wichtige Antriebsmaschinen ausfallen, bleibt er noch kilometerlang auf Kurs. Auch der »Tanker« Nationalmannschaft hält mit seinem Kapitän Vogts noch Kurs WM. Noch. Wir steigen heute von der Kommandobrücke ins Beiboot.

Das war der erste Schritt. Im zweiten kam eine Folge mit Ansichten anderer über Vogts, und dann folgte … nichts mehr, die Serie entschlief leise, still und heimlich. Ein paar Monate später schrieb ich nur noch einmal dies:

Es gab keinerlei Differenzen mit Vogts. Der Respekt bleibt. Aber es gibt unterschiedliche Welten, unterschiedliche Wellenlängen. Es wäre schofelig gewesen, die nicht gerade selbstverständliche Kooperationsbereitschaft des Bundestrainers auf dieser unterschiedlichen Wellenlänge zwangsläufig zu mißbrauchen.

Und auch wenn Berti Vogts seitdem  als Trainer einen jahrelangen, von Misserfolgen und Peinlichkeiten begleiteten Weg angetreten hat, auf dem er nun bei aserbaidschanischen Klopapier-Attentaten angelangt ist, kann ihm keiner eine frühe Erfolgsbilanz nehmen, die ihn zu einem der ganz Großen des Fußballs macht: Als Fußballer Weltmeister, als Trainer Weltmeister (unter der Galionsfigur Franz B.), als Cheftrainer Europameister.

Das geht halt nur im Blog und nicht in der Zeitung: Ich wollte eine kurze Vogts-Notiz schreiben, und daraus wurde dieser Trumm. Wie lang habe ich dafür gebraucht? Schon sechs. Und jetzt: Fußball gucken. Mit Berti.

 Sonntag, 5. Juni, 6.30 Uhr.

Mein Fuchs ist ein Gewohnheitstier. Schnürt wieder von rechts zur Straße, sieht mich, zieht die Lefzen hoch, wartet ab, und im Rückspiegel sehe ich, wie er hinter mir gemächlich die Straße überquert. In der Redaktion im Blog geblättert: Genau wie am 15. Mai, und ich schreibe es zur gleichen Uhrzeit, auch als Gewohnheitstier. Tiefsinnige Gedanken am frühen Morgen: Das räudig-schmutzigbraune Kerlchen – ist es ein Stadtfuchs, sind Stadtfüchse schon mutiert? Die Füchse, die ich ab und zu bei meinen morgendlichen Rad-Kurztouren durch Feld und Wald sehe (oder die tot am Straßenrand liegen), sind prächtige, wohl genährte ”fuchs”rote Gesellen mit vollem Fuchsschwanz. Ernähren die sich gesünder? Lebt mein räudiger Freund nur von Abfällen? Noch tiefsinnigere Gedanken gibt es um diese Uhrzeit nur in den “Inspirationen” bei HR1. Heute Thema Kirchentag. Einen Satz habe ich mir gemerkt: “Höchste Zeit, dass die Menschen wieder lernen zu leben.” Eben.  Ewwe drum. So hieß vor langer Zeit auch die Protagonistin einer Taschenbuch-Softpornokrimiserie, unter Pseudonym geschrieben von einem bekannten Schriftsteller, der sich damit seinen Lebensunterhalt verdiente (vom literarischen Schreiben konnte er nicht leben). Leben eben. Ewwe Drum. Letzte Worte zum Kirchentag: Die deutsche Menschheit scheidet sich in zwei große Gruppen, zu deren Gegensätzlichkeiten  auch diese Veranstaltung gehört. Die einen sehen sie wie Martin Mosebach (im letzten “Sport-Stammtisch” zitiert), die anderen laben dort ihre Seele, lassen sie am liebsten von Margot K. streicheln. Ach wie gut, dass niemand weiß … na ja, ich fürchte, fast jeder Leser weiß.

Höchste Zeit, dass … der Mensch gw wieder Montagsthemen schreibt. Auf geht’s.

Donnerstag, 2. Juni (Himmelfahrt), 6.50 Uhr.

Scheint ein herrlicher Tag zu werden. Auf den Straßen schon viel los, kein Vergleich mit meinen frühen Sonntagen. Wenn ich mich beeile, kann ich heute eine lange Mittagspause machen. Gestern schon die Stichworte für den Sport-Stammtisch zusammengestellt, der schon morgen ins Blatt soll, weil in der Samstags-Ausgabe wegen des Österreich-Spiels zu wenig Platz für die Lang-Kolumne ist. Dafür kommt dann die erste Folge einer neuen Serie zum Zug: “Wer bin ich?” Eine Rate-Kolumne. 

Wie entsteht eine “Sport-Stammtisch”-Kolumne? Aus Langzeit-Materialsammlung des Zettelkastens, Tagesaktualitäten und gedanklichem Hin und Her, also Assoziationen zwischen Gesammeltem und Aktuellem. Diesmal sind folgende Stichworte übrig geblieben (in Klammern die geplante Reihenfolge):

FIFA, Ethikkommission, Contradictio, schwarzer Schimmel, Gewerbepark (1) / Geflügelte Worte (4) / Vorgriff auf Rätsel, Churchill (Weizsäcker?), Zitat (3) / Atom, Selbsteinschränkung (gestrichen, passt nicht) / Rasen mähen, das Gras ruft Aua (5) / Optimut, Nowitzki, Armstrong (2) / Wo ist die Trennlinie? Lagaro (vergessen, was ich damit sagen will. Das Wort, das ”Lagoro” heißen könnte, kann ich trotz eigener Handschrift nicht mehr entziffern) / Auch Kachelmann war Sport, Wettkampf zwischen den schreibenden Weibern (lass ich lieber) / Die Blumenkinder kommen zurück, Matala, Pitsidias, Gießen (vielleicht zum Schluss, spätestens aber Montagsthemen, da auf Pfingsten bezogen).

Mal sehen, was dabei rauskommt. Manchmal treibt’s mich vom ersten Stichwort an weg vom roten Faden, manchmal aber arbeite ich alles brav ab. Und jetzt noch das, bevor’s an die Kolumne geht:

Blogs boomen, oft sind es nur geschwätzig-beliebig-eitle Digital-Tagebücher. Das Tagebloggbuch von Jan Seghers aber ist eines der lesenswertesten überhaupt, auch wenn er in ihm bekennt: »Das öffentlich geführte Tagebuch ist eine Lüge. Es ködert die Leser mit der Erwartung, Intimes, wenigstens Privates zu erfahren. Aber jeder niedergeschriebene Satz ist eine Verstellung.«
Jan Seghers ist das Pseudonym von Matthias Altenburg, einst einer der jungen Wilden der deutschen Literatur. Solche Titulierungen haben aber keinen lebensunterhaltspraktischen Nährwert, für den sorgt nun Jan, was seinem Matthias nicht nur die reine Freude zu bereiten scheint: »Zerstört nach diesem Abend. (…) Wer aber auch so alles an einen ranredet. Dumpfes, selbstzufriedenes Geplapper. Haltlosigkeiten allerorten. ›Wie cool ist das denn?‹ Nach einem solchen Auswurf: Beschimpfungs-, Zertrümmerungsgelüste. Stattdessen lächle ich. Und bekomme die gerechte Strafe: ›Ich darf Sie doch duzen, oder?‹ Schließlich: ›Ich geb dir Mal mein Kärtchen, vielleicht …‹ Vielleicht bringe ich dich um, du …« – Tags darauf ein Anflug von Reue: »Der Eintrag gestern war von Hass diktiert. Er liest sich nicht einmal gut, er holpert und stolpert. Trotzdem stimmt er und bleibt so stehen. Stil ist nicht alles, Haltung auch nicht.« Und dann das Tiefblickenlassende: »Frage mich, ob es auch bei mir (…) etwas gibt, das ich eigentlich gerne schreiben würde? Nein, mir fällt nichts ein als das hier: Die Geisterbahn ist das Eigentliche. Der Kriminalroman ist die Wagenburg.«

(“Nach-Lese” vom 20. 11. 2010/siehe gw-Beiträge Kultur)

Im neuen Rowohlt-Prospekt geblättert. Buch-Ankündigung (“Erstverkaufstag: 16. 1. 2012): Matthias Altenburg: Jan Seghers’ Geisterbahn. Tagebuch mit Toten, 448 Seiten, ca. 24,95 Euro.”

Prima.

Nachtrag 11 Uhr.

Prima auch, weil: M. A. ließ damals wissen, dass die “Nach-Lese”-Notiz dem Verlag bekannt wurde und dass sie eventuell mit dazu beitragen könne, dass die “Geisterbahn” als Buch erscheint. Voila.

Nicht prima, aber typisch: “Manchmal treibt’s mich vom ersten Stichwort an weg vom roten Faden” – ha, diesmal schon vor dem ersten Stichwort, wegen Ricky Bruch. Geblieben ist nur der Stichpunkt “FIFA-Ethikkommission.” Immerhin: Die Kolumne ist schon fertig, steht online, und die verlängerte Sonnen-Pause ist gerettet.

Baumhausbeichte - Novelle