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Sport, Gott & die Welt (gw-Blog Juni)

Dienstag, 21. Juni, 12.00 Uhr.

„Was sagen Sie nun?“  „Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis ich das realisiert habe.“ Wie oft schon hat mich diese Sportler-Floskel geärgert! (Die dumme Frage natürlich auch) Wenn ich ein Tor schieße, meine Mannschaft gewinnt, Meister wird usw. usw. – was gibt’s daran erst später zu realisieren?

Gerade eben ist der neue Bundesliga-Spielplan veröffentlicht worden. BVB beginnt gegen den HSV, steht drüber. Mich interessiert aber ein anderer Klub. Gegen wen spielt die Eintracht? Und erst auswärts, oder ein Heimspiel? Die Augen huschen über die Paarungen des ersten Spieltages, scheinbar vorbei an der Eintracht, also langsam von vorne. Immer noch keine Eintracht.

Ach so.

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis ich das realisiert habe.

Sonntag, 19 . Juni, 6.15 Uhr

Wo ist bloß mein Fuchs geblieben? Kerlchen, du lebst doch noch, oder?

Wieder zu früh, um letzte Töne der ARD-Rocknacht nicht zu hören. Einer ruft an und erzählt, wie Wetten dass war. Malle, La ola, Bohlen, alles klasse. Na prima. Gottschalk ist okay, aber so was muss man wirklich nicht sehen. Ich seh ja gar nichts mehr – Sommers nie, es sei denn, toller Sport kommt.

Schönste, weil mir gut tuendste (am besten tuende?) nachgelesene Geschichte der Woche: Amina Abdallah Arraf al-Omari, eine lesbische syrische Bloggerin, hat in ihrem Internet-Blog A Gay Girl in Damascus den Volksaufstand in Syrien begleitet. Als sie von Assads Regime entführt wurde, schrieb ihre Cousine Rania Ismail den Blog weiter. Es gab internationale Proteste gegen die Verhaftung Aminas, bis sich jetzt herausstellte, dass der Blog von einem amerikanischen Studenten geschrieben wurde, der in Schottland lebt, in der Nähe von Loch Ness.

Mein Reden und Schreiben seit hundert Jahren, wie leichtgläubig und manipulierbar wir sind. Und wahrscheinlich stimmt auch diese Geschichte nicht, und der US-Student ist eine Inkarnation von Nessie. Und meinen Blog schreibt in Wirklichkeit Amina, die syrische Lesbe. Ich dagegen heiße Birgit Prinz, manche nennen mich schon die Ballack der Frauenelf, aber denen werde ich es demnächst zeigen! Schade, dass ich es nicht selbst sehen kann – Sommers nie.

Die Leichtgläubigsten aber sind die ganz und gar Ungläubigen, die zu wissen glauben, wie die Welt entstanden ist, funktioniert und enden wird. Ein göttlicher Scherzkeks treibt seine Späße mit ihnen. Fake! Fake! Fake!

10.40 Uhr.

Montagsthemen sind erledigt. Der Verlockung erlegen, die frühmorgendliche Blog-Lesbe Amira und Birgit Ballack in die Kolumne einzubauen. Der gw-Blog bleibt halt auch ein Stein(es)bruch für die Zeitungskolumne.

Mein Fuchs, siehe oben,  ist weg, vielleicht ist er nach Berlin geschnürt (die Fachvokabel deutet an, dass hier einer schreibt, der mit „Horst wird Förster“, „Horst und das Raubwild“ usw. groß wurde und mit diesen Schneider-Büchern als Lehrstoff fest entschlossen war, Förster zu werden). Jedenfalls hat ihn Kurt Kister adoptiert, der in einer ganz anderen Liga Kolumnen schreibt als ich, aber ebenfalls auf den Fuchs gekommen ist, denn heute früh lese ich in seinem Deutscher Alltag (SZ-Wochenende): Es ist nicht ungewöhnlich, dass einem am Reichstag ein Fuchs entgegenkommt. (…) Eigentlich gehört der Fuchs nicht in die Innenstadt. Andererseits tut ihm da kaum jemand etwas und er kann im Tiergarten die Reste jener vielen Grillfeste mit Migrationshintergrund fressen.

Kein Wunder, dass mein Fuchs weg ist. Bei dem feudal gedeckten Tisch in der Haupstadt!

Pfingstsonntag, 12. Juni, 5.55 Uhr

Zu früh selbst für den Fuchs. Auch für die ruhigen „Inspirationen“ des HR. Im Radio noch „ARD-Rocknacht“ mit für diese Tageszeit zu nerviger Musik und nervigem Gerede. Obwohl die übermuntere Rocknacht gerade richtig zum Aufwärmen sein müsste, denn ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Um acht, vielleicht schon um sieben, wird im gesamten Haus der Strom abgeschaltet, bis zum Abend geht dann gar nichts mehr. Wichtige grundlegende Arbeiten, auf den Pfingstsonntag gelegt, weil an diesem Tag niemand redaktionell arbeiten muss, jedenfalls nicht unbedingt mit dem Redaktionssystem. Außer dem armen gw. Weil der ab morgen drei Tage unterwegs ist und Montagsthemen, Ohne weitere Worte und Wer bin ich (Folge 2) vorschreibt, um der peniblen Kontrolle der Leser zu entgehen. Online sind wir ja unter uns, da kann ich mein Trauma zugeben: Da ich seit hundert Jahren fast regelmäßig mit dem Kürzel gw in der Zeitung auftauche, kann ich keine drei Tage Schreibpause einlegen, ohne dass besorgte (und/oder belustigte) Leser fragen: Wohl wieder mal Urlaub? Wohl wieder mal vom Esel gefallen? Wohl wieder mal vom Rad gestürzt? Wohl wieder mal die Rippen gebrochen?

Blogger bin ich seit hundert Jahren, meine Zeitungs-Kolumnen sind nichts anderes als Blogs. Puristen werden’s anders definieren. Ist aber alles fließend, wie auch die literarischen Kategorien. Was ist eine Novelle? Können nur gelernte Germanisten (auswendig gelernt) aus dem Stegreif aufsagen. Bin ich nicht, also nur angeahnt: kürzer als ein Roman, länger als eine kurze Kurzgeschichte, kann aber kürzer als eine lange Kurzgeschichte sein, in jedem Fall ohne epische Schilderungen und Beschreibungen, sondern mit einem Knackpunkt, auf den die Geschichte hinsteuert und nach der sie eine andere ist. Zu dem Thema kommen wir demnächst noch, mit einem gw-Experiment in der Zeitungsroman-Rubrik und hier.

Dienstag, 7. Juni, 17.10 Uhr.

In meiner Grundeinstellung zu Vogts überwiegen immer noch Respekt und Sympathie. Respekt, weil er für Beckenbauer die konzeptionelle und tägliche Trainingsarbeit erledigte, die 1990 zum WM-Titel führte, und weil ich mit eigenen Augen den Unterschied einer Frankfurter Trainingseinheit unter Charly Körbel (ach Gott, ach Gott; sorry, Herr Körbel) und eines von Vogts geleiteten Trainingstages des DFB-„Perspektivkaders“ (so was gab’s mal) erleben musste bzw. durfte. Bleibende Feststellung: Vogts ist fachlich ein klasse Trainer. Sympathie, weil sich Berti Vogts 1997 auf Fürsprache von Jürgen Grabowski, der uns dem presse-misstrauischen Bundestrainer sehr empfohlen hatte, dazu breitschlagen ließ, sich von uns (das heißt: von mir) auf dem Weg zur WM 1998 begleiten zu lassen. Für die erste Folge der zehnteilig geplanten Serie traf ich mich mit Vogts in Frankfurt und begleitete ihn bei allen seinen Presseterminen, die ihm der DFB für diesen Tag aufgebrummt hatte, vom Exklusiv-Interview von Sport-Bild (Interviewer Hinko guckte irritiert, als Vogts mit mir als Bodyguard auftauchte) bis zur im Dreierpack abgefertigten Provinzpresse. Ich erlebte Vogts vor und nach diesen Terminen als freundlichen, sympathischen Menschen, der aber während der Termine sofort versteifte, misstrauisch wurde, verbissen den Locker-Souveränen spielte und, was keine allzu nette Eigenschaft ist, bei all seiner Kleinheit sehr von oben herab und scheinbar witzig, aber nur bissig reagieren konnte, wenn er sich einem der weniger einflussreichen und weniger kenntnisreichen Journalisten überlegen fühlte.

Bald schon merkte ich, dass diese Serie kein freudvolles Ende finden konnte. Der Fachmann Vogts stand sich selbst im Weg, da er nicht nur der Berti von 1990 sein wollte, sondern gleichzeitig auch noch ein bisschen wie Beckenbauer. So weltläufig, so elegant, so locker wie der „Kaiser“ wollte er sein, der damals alle Lorbeeren für sich alleine sammeln konnte, obwohl Beckenbauer ohne ihn, ohne Berti wohl kein Weltmeister geworden wäre. Das Problem: Vogts erkannte nicht, dass auch er einen wie Beckenbauer gebraucht hatte, um erfolgreich zu sein (der Titel von 96 war ein sehr, sehr glücklicher Ausreißer und hätte statt Titel mit Desaster/Kroatien! enden können). Ich fühlte in der Nähe zu Vogts dessen galoppierende Unglückswurmigkeit schon früh und wollte kein sportlicher Sterbebegleiter sein, die Serie also sausen lassen. Aber wie? Hätte ich damals geschrieben, was ich gedacht hatte, hätte ich mich als Prophet feiern lassen können. Aber ich wollte unauffällig raus aus der Nummer, ohne Vogts für dessen freundliche Zuwendung auch noch mies öffentlich in den Rücken zu fallen. In der dritten Folge schrieb ich:

Wir standen neben dem Bundestrainer auf der Kommandobrücke und konzentrierten uns auf seine Sicht der Dinge, seine Fußball-Philosophie. Den kritischen Blick auf Schwachstellen und Ungereimtheiten darf diese Zusammenarbeit aber nicht verstellen. So gab es schon beim 3:2 gegen Albanien genügend Anlaß zum Kopfschütteln über Maßnahmen und Ansichten von Vogts. Alarmierender, speziell für den Kolumnisten, ist aber die Beobachtung, daß Vogts‚ (Selbst-)Kritikfähigkeit zu schwinden scheint. Manche Kritik versteht er nicht, will sie nicht verstehen oder versteht sie unbeabsichtigt oder bewußt falsch. Und was auch immer Vogts aus dieser Palette an Reaktionsmustern gerade benutzt, färbt er mit aggressiv-ironischem Unterton ein. Nicht erst seit dem saft- und kraftlosen 0:0 in der Ukraine, nein, schon seit geraumer Zeit mehren sich die Alarmzeichen. Gewiß, der EM-Titel war Vogts‚ Werk. Aber aus der langen, schwierigen und für Vogts manchmal demütigenden Vorgeschichte (WM 94) sowie dem Umkehreffekt von 1996, als der Bundestrainer über all seine Kritiker triumphierte und sie plötzlich nicht mehr an der Kehle spürte, sondern zu seinen Füßen sah, scheint Vogts nicht Lockerheit und Souveränität gewonnen zu haben (obwohl er sie verbissen munter vorspielen will), sondern eine oft überheblich wirkende Rechthaberei. Berti Vogts geht unbeirrt seinen Weg zur WM 98, und bei aller aufkeimenden Skepsis des journalistischen Beobachters, der Irrwege zu sehen glaubt, überwiegt weiter die Hochachtung vor der nachgewiesenen Leistung des Bundestrainers in widriger Zeit. Doch nun scheint der Zeitpunkt gekommen, zumindest vorübergehend die freundlich vom Bundestrainer ermöglichte Beobachterrolle auf der Kommandobrücke zu verlassen. Wenn ein Großtanker an Manövrierfähigkeit verliert, ja selbst wenn wichtige Antriebsmaschinen ausfallen, bleibt er noch kilometerlang auf Kurs. Auch der »Tanker« Nationalmannschaft hält mit seinem Kapitän Vogts noch Kurs WM. Noch. Wir steigen heute von der Kommandobrücke ins Beiboot.

Das war der erste Schritt. Im zweiten kam eine Folge mit Ansichten anderer über Vogts, und dann folgte … nichts mehr, die Serie entschlief leise, still und heimlich. Ein paar Monate später schrieb ich nur noch einmal dies:

Es gab keinerlei Differenzen mit Vogts. Der Respekt bleibt. Aber es gibt unterschiedliche Welten, unterschiedliche Wellenlängen. Es wäre schofelig gewesen, die nicht gerade selbstverständliche Kooperationsbereitschaft des Bundestrainers auf dieser unterschiedlichen Wellenlänge zwangsläufig zu mißbrauchen.

Und auch wenn Berti Vogts seitdem  als Trainer einen jahrelangen, von Misserfolgen und Peinlichkeiten begleiteten Weg angetreten hat, auf dem er nun bei aserbaidschanischen Klopapier-Attentaten angelangt ist, kann ihm keiner eine frühe Erfolgsbilanz nehmen, die ihn zu einem der ganz Großen des Fußballs macht: Als Fußballer Weltmeister, als Trainer Weltmeister (unter der Galionsfigur Franz B.), als Cheftrainer Europameister.

 Sonntag, 5. Juni, 6.30 Uhr.

Mein Fuchs ist ein Gewohnheitstier. Schnürt wieder von rechts zur Straße, sieht mich, zieht die Lefzen hoch, wartet ab, und im Rückspiegel sehe ich, wie er hinter mir gemächlich die Straße überquert. Tiefsinnige Gedanken am frühen Morgen: Das räudig-schmutzigbraune Kerlchen – ist es ein Stadtfuchs, sind Stadtfüchse schon mutiert? Die Füchse, die ich ab und zu bei meinen morgendlichen Rad-Kurztouren durch Feld und Wald sehe (oder die tot am Straßenrand liegen), sind prächtige, wohl genährte „fuchs“rote Gesellen mit vollem Fuchsschwanz. Ernähren die sich gesünder? Lebt mein räudiger Freund nur von Abfällen? Noch tiefsinnigere Gedanken gibt es um diese Uhrzeit nur in den „Inspirationen“ bei HR1. Heute Thema Kirchentag. Einen Satz habe ich mir gemerkt: „Höchste Zeit, dass die Menschen wieder lernen zu leben.“ Eben.  Ewwe drum. So hieß vor langer Zeit auch die Protagonistin einer Taschenbuch-Softpornokrimiserie, unter Pseudonym geschrieben von einem bekannten Schriftsteller, der sich damit seinen Lebensunterhalt verdiente (vom literarischen Schreiben konnte er nicht leben). Leben eben. Ewwe Drum.

Donnerstag, 2. Juni (Himmelfahrt), 6.50 Uhr.

Blogs boomen, oft sind es nur geschwätzig-beliebig-eitle Digital-Tagebücher. Das Tagebloggbuch von Jan Seghers aber ist eines der lesenswertesten überhaupt, auch wenn er in ihm bekennt: »Das öffentlich geführte Tagebuch ist eine Lüge. Es ködert die Leser mit der Erwartung, Intimes, wenigstens Privates zu erfahren. Aber jeder niedergeschriebene Satz ist eine Verstellung.«
Jan Seghers ist das Pseudonym von Matthias Altenburg, einst einer der jungen Wilden der deutschen Literatur. Solche Titulierungen haben aber keinen lebensunterhaltspraktischen Nährwert, für den sorgt nun Jan, was seinem Matthias nicht nur die reine Freude zu bereiten scheint: »Zerstört nach diesem Abend. (…) Wer aber auch so alles an einen ranredet. Dumpfes, selbstzufriedenes Geplapper. Haltlosigkeiten allerorten. ›Wie cool ist das denn?‹ Nach einem solchen Auswurf: Beschimpfungs-, Zertrümmerungsgelüste. Stattdessen lächle ich. Und bekomme die gerechte Strafe: ›Ich darf Sie doch duzen, oder?‹ Schließlich: ›Ich geb dir Mal mein Kärtchen, vielleicht …‹ Vielleicht bringe ich dich um, du …« – Tags darauf ein Anflug von Reue: »Der Eintrag gestern war von Hass diktiert. Er liest sich nicht einmal gut, er holpert und stolpert. Trotzdem stimmt er und bleibt so stehen. Stil ist nicht alles, Haltung auch nicht.« Und dann das Tiefblickenlassende: »Frage mich, ob es auch bei mir (…) etwas gibt, das ich eigentlich gerne schreiben würde? Nein, mir fällt nichts ein als das hier: Die Geisterbahn ist das Eigentliche. Der Kriminalroman ist die Wagenburg.«

(„Nach-Lese“ vom 20. 11. 2010/siehe gw-Beiträge Kultur)

Im neuen Rowohlt-Prospekt geblättert. Buch-Ankündigung („Erstverkaufstag: 16. 1. 2012): Matthias Altenburg: Jan Seghers‘ Geisterbahn. Tagebuch mit Toten, 448 Seiten, ca. 24,95 Euro.“

Prima.

Prima auch, weil: M. A. ließ damals wissen, dass die „Nach-Lese“-Notiz dem Verlag bekannt wurde und dass sie eventuell mit dazu beitragen könne, dass die „Geisterbahn“ als Buch erscheint. Voila.