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Montagsthemen (20. Juni)

Was Löw mit Ballack im Sinn hatte, deutete sich mit Podolskis Länderspiel-Ohrfeige an und war spätestens nach Lahms Kapitäns-Revolte klar. Beides hätte nach ungeschriebenen, in jedem Mannschaftssport gültigen Regeln hart bestraft werden müssen. Löw aber, im Kopf wohl noch das frühe Kampfansage-Interview Ballacks in der FAZ, beließ es bei Podolski mit einem verständnisvollen Klaps und bei Lahm mit vielsagendem Schweigen, was als jeweils klammheimliche Zustimmung nicht fehlinterpretiert sein dürfte. Nun ist der knurrige, bissige Leitwolf weg und Löw hat seinen Streichelzoo. Die sind ja alle sooo lieb!
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Boulevard-Gewisper: Wurde Ballack für Löw erst so richtig untragbar, als es im Rudelchen nicht nur knurrte und bellte, sondern auch lellte? Zur Erinnerung: Ex-Bayern-Profi Lell hatte sich wegen privater Probleme krankschreiben lassen und angedeutet, dass Ballack der Auslöser gewesen sei. Es soll um Lells damals schwangere Freundin gegangen sein … nee, in diesem Schlamm wollen wir uns nicht suhlen.
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Nachdem die Strippen hinter den Kulissen gezogen waren, hielt sich Löw öffentlich vornehm zurück, vertrauend auf Biologie und Psychologie: Ballacks ramponierter alternder Körper regenerierte nicht mehr schnell genug, und schnell genug für Löws angestrebtes Spiel war er sowieso nie. Je mehr Ballack schwächelte, desto verstockter und knurriger wurde er, er verhielt sich öffentlich nicht mehr smart, sondern gab sich ruppig, beleidigt und ungeschickt, sein dem natürlichen Ende zustrebendes sportliches Schicksal nicht klaglos akzeptierend, sondern verbissen dagegen ankämpfend, ganz im Sinne seines alten Kumpels Frings und unter dem allgültigen menschlichen Phänomen, dass der Wille immer stärker ist als der Verstand, in diesem Fall der sportliche Verstand.
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Wenn hier nicht ein freiwilliges Tabu in Sachen eines gewissen Supermegaevents gälte, käme jetzt nicht nur die Frage, ob monströse PR ein nettes sportliches Familienfest auch bis in den Overkill hochpushen kann, sondern auch die Befürchtung, dass eine große Sportlerin und knorrige Hessin inmitten der Girlie-Camouflage zur Birgit Ballack werden könnte.
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Ballack selbst hat ja nun den Blues und sollte sich daher mit Kris Kristofferson trösten und dessen Bobby McGee: »Freedom’s just another word for nothing left to loose«. Auch Ballack hat nichts mehr zu verlieren – im Gegensatz zu Löw und seiner Boygroup, die ja bisher noch weniger gewonnen hat als Ballack.
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Ach, Kris Kristofferson: Der Mann hat nicht nur Janis Joplins Ewigkeits-Hit geschrieben, sondern noch viele mehr, hat sie auch selbst gesungen, war als Schauspieler erfolgreich (unter anderem zusammen mit Bob Dylan in »Pat Garrett and Billy the Kid«), seine »Best of«-CD läuft derzeit straßauf, straßab im Autoradio eines mittelhessischen Sportkolumnisten und versöhnt diesen mit früher verachtetem »Stickbuddy Jamboree«-Countrygedudel bei AFN Frankfurt . . . und K. K. feiert am Mittwoch 75. Geburtstag. Unfassbar. Ein früherer »Monsieur 100 000 Volt« (Gilbert Becaud, kennt auch keiner mehr) würde nun singen: »Und die Zeit und die Zeit und die Zeit  . . . sie löst sie auf« – und zwar alle Probleme dieser Welt.
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Ich singe nicht, ich warne. Das BKA raunt von einem womöglich geplanten Anschlag auf Deutschland beim Supermegaevent. Oder ist schon das Supermegaevent der . . . . Tabu!
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Auch das noch: Amina Abdallah Arraf al-Omari, eine lesbische syrische Bloggerin, hat in ihrem Internet-Blog den Volksaufstand in Syrien begleitet. Als sie von Assads Regime verhaftet wurde, schrieb ihre Cousine den Blog weiter. Es gab internationale Proteste gegen die Verhaftung, bis sich jetzt herausstellte, dass der Blog von einem US-Studenten geschrieben wurde, der in Schottland lebt, in der Nähe von Loch Ness.
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Mein Reden und Schreiben seit hundert Jahren: Wie leichtgläubig und manipulierbar wir doch sind. Die Leichtgläubigsten aber sind die ganz und gar Ungläubigen, die zu wissen glauben, wie die Welt entstanden ist, funktioniert und enden wird. Ein göttlicher Scherzkeks treibt seine Späße mit ihnen. Fake! Fake! Fake!
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Und wahrscheinlich stimmt auch die Geschichte vom US-Studenten nicht (Loch Ness!), und diese »Montagsthemen« schrieb in Wirklichkeit Amina, die syrische Lesbe.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle