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Sport-Stammtisch (18. Juni)

Pfingstsonntag drei Kolumnen vorgeschrieben, dann drei Tage weggefahren und rumpelstilzchenhaft frohlockt: Ach wie gut, dass niemand weiß … Und die Hände gerieben: Diesmal werden nicht schon nach dem zweiten Tag besorgt-belustigte Leser nachfragen: Vom Esel gefallen? Rippe gebrochen? Schlüsselbein?
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Nein! Diesmal war’s … aber das geht niemanden etwas an. Außerdem: Nichts ist passiert seit Pfingstsonntag. Aber auch gar nichts. Erste Meldung, auf die ich beim Abtragen der Zeitungsberge stoße: »Caio scheitert am Laktattest.«
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Nichts ist passiert? Na gut, Nowitzki. Alle überbieten sich in Lobpreisungen. Nur der Donnerstag-»Kicker« bleibt cool bei seinem Leisten: Fußball, nichts als Fußball, und auf den beiden Seiten, die nicht dem Fußball gewidmet sind, geht’s um Tennis und Autos. Fast schon sympathisch, dieses Beharrungsvermögen, während andere flinker in den Basketball einsteigen als Merkel in den Atomausstieg.
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Die Kollegen gehen stilistisch und superlativistisch in die Vollen, als würden sie um den Lob-Königstitel wettschreiben. Ich versuch’s mal so: »Sportlich und menschlich rundum erfreuliche Erscheinungen wie ihn gibt es selten. Schumi hat seine Feinde, Boris seine Spötter, der ›Kaiser‹ seine Verächter – aber ihn müssen alle mögen. Zu preisen ist Dirk, der tolle Nowitzki, der beste aktive deutsche Sportler, zudem der Idealtyp des überragenden Individualisten, der alles für seine Mannschaft tut.« Das mag zwar in Zeiten der Dirkomania fast zu nüchtern klingen, hat aber den Vorteil, schon vor zehn Jahren in dieser Kolumne geschrieben worden zu sein, als Basketball und Nowitzki in den Sportteilen seltener auftauchten als Rhönradturnen und Tamara Sigalla.
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Tamara Sigalla? Nein, das ist nicht die Lösung für unser zweites »Wer bin ich?« (läuft noch, Nachzügler mögen bitte den Online-Anstoß lesen). Eher geeignet als neue Frage wäre dieser Sportler: Vor fast einem halben Jahrhundert »gab es schon einen deutschen Basketballer mit NBA-Qualitäten. In Bad Nauheim geboren, in Laubach beim legendären Theo Clausen basketballerisch groß geworden, mit 19 schon Deutscher Meister mit dem MTV 1846 Gießen, viele Jahre lang bester deutscher Basketballer, extremer Individualist, hoch intelligent (Mathematiker und Physiker), wie viele Höchstbegabte aber aneckend, nicht unumstritten, in seinem Potenzial nicht gebührend gewürdigt und insofern Gorbatschow widerlegend, denn das Leben kann auch den bestrafen, der zu früh kommt. Er kam zu früh für den deutschen Basketball – heute holt er als Mentor von Nowitzki nach, was ihm zusteht.« – Als Rätselfrage momentan viel zu leicht. Holger Geschwinder natürlich, wörtlich vor zehn Jahren von mir hier so gepriesen.
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Nichts Neues auch in Sachen Ballack. Die 2010-Wette habe ich gewonnen: »Wetten, dass er bei Löw nicht mehr spielt!?« – Obwohl: So ganz sicher bin ich mir da gar nicht, und verstanden habe ich das Theater erst recht nicht. Ballack spielt demnächst Champions League, vielleicht in großer Form, und wenn ein Schweinsteiger oder Khedira schwächelt oder sich verletzt und Reservisten Marke Kroos oder Rolfes weiter stagnieren, rutscht Löw noch auf Knien zu Ballack. Warum nicht den natürlichen Weg gehen? So lange Ballack nicht nationalmannschaftsreif bleibt, und das bleibt er wohl, wird er nicht aufgestellt, Kommt er aber sensationell gut in Form und wird gebraucht, spielt er, und zwar mit dieser seltsam überhöhten Binde. Was sonst?
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Auch sollte man nicht darauf rumreiten, dass Ballack nicht mehr in das System passt. Gute Systeme sind nie starr, und gerade ein Ballack hätte der deutschen Elf vor allem im WM-Spiel gegen Spanien gutgetan, die Kreise der Ballzwerge brachial gestört statt bewundernd zugeschaut, und vorne hätte er womöglich den Puyol gemacht und Deutschland ins Endspiel geköpft.
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So, jetzt blättere ich in der Post zur zweiten »Wer bin ich?«-Folge (die dritte kommt nächste Woche): »Hallo, hiermit erhalten Sie aktuelle Informationen zum Thema Nageldesign von nail-designer.com, dem weltweit ersten Anbieter von selbstdesignten Nagelfolien im Internet, mit Stylingtipps zur Frauenfußball-WM.« – Wohl ein Mail-Missverständnis. Ich verstehe überhaupt immer öfter miss, wie bei dieser Überschrift im eigenen Blatt: »Nach dem ersten Bruch ist der zweite nicht weit.« Ich denke an jugendliche Rechtsbrecher, doch es geht um alte Osteoporose-Geschädigte. Und nun die Nagelstudios – darunter hatte ich mir früher, Haupt- und Tuwort verwechselnd, immer etwas ganz anderes vorgestellt. Aber das ist ein ganz anderes Thema … (gw)

Baumhausbeichte - Novelle