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Sport-Stammtisch (11. Juni)

Das aserbaidschanische »Attentat« auf Vogts stellte sich als verächtliches Entrollen von Klopapier und folkloristisches blechernes Ausbuhen mit einer Gießkanne heraus – mein Gott, Berti! Da kamen Erinnerungen an die zehnteilig geplante Serie hoch, mit der ich Vogts 1998 zur WM begleiten durfte, die ich dann aber, das Fiasko ahnend, heimlich, still und leise schon nach Folge drei beendete, ebenfalls leise seufzend: Mein Gott, Berti! (Im Blog »Sport, Gott & die Welt« ist einiges dazu nachzulesen, auch zum dennoch bleibenden Respekt vor Vogts.)
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Wenn in diesen Tagen von Größe und Respekt die Rede ist, geht es um Dirk Nowitzki, der nun auch in Deutschland die Anerkennung erhält, die er schon lange verdient und in dieser Kolumne immer bekommen hat. Da kann ich also kurz aus dem Chor der Lobeshymner ausscheren und Bedenken äußern, ob es richtig war, mit 38,4 Grad Fieber zu Spiel vier anzutreten. Ebenfalls ein altes Thema von uns, diese vor allem unter Mannschaftssportlern und speziell Fußballern gängige Praxis, trotz fiebriger Infekte zu trainieren und zu spielen. Da nistet sich leicht etwas ein, was später, auch noch Jahre später, zu einem der signifikant häufigen »unerklärlichen« Todesfälle von Profisportlern führen kann.
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Doch hätte sich Dirk Nowitzki wirklich ins Bett legen sollen? In seiner Extremsituation, in der wahrscheinlich wichtigsten Phase der Karriere, täte das niemand. Es geht auch nicht um den Basketballer, sondern um die Warnung, es ihm gleichzutun. Er taugt in jeder Beziehung zum großen Vorbild, außer in dieser, und kein Trainer oder Betreuer möge bitte einem kranken Sportler mit dem Spruch kommen: »Reiß dich zusammen, Nowitzki hat sich auch nicht hängen lassen!«
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Bevor in diese Kolumne ein ungewohnt pastoraler Stil schleicht, bekenne ich, mich morgens fiebrig krank gefühlt zu haben und jetzt dennoch diese Kolumne zu schreiben. Ich und Dirk, wir sind Kerle! Ich hatte keine popeligen 38,4, sondern gefühlte 40 Grad Fieber. Die genaue Zahl kenne ich leider nicht, da auf beiden offenbar defekten Thermometern mehrmals nachgemessene 36,1 Grad ablesbar waren. So viel für heute zum Thema Hypochondrie.
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Aber wie krank muss man sein, um am Vulkan Cerro Negro in Nicaragua einen Mountainbike-Weltrekordversuch zu starten? Markus Stöckl hat es nicht nur versucht, sondern auch geschafft, wie dieser Meldung zu entnehmen ist. »Der 105 kg schwere Österreicher stellte mit 164,95 km/h einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord auf Schotterpisten auf.«
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Na ja, so »schwer« kann das auch wieder nicht sein, die erste Zahl schaffe ich jedenfalls auch ohne Training, und bei der zweiten … nein, nicht angeben, sonst geht’s mir noch wie dem mittelklassigen Fünfkämpfer, der in Äsops Fabel prahlt, er habe auf Rhodus den Olympiasieger geschlagen, worauf ein Zuhörer trocken sagt: Hic Rhodus, hic salta.
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Hic Pitsidia: In den »Montagsthemen« hatte ich kurzentschlossenen Exhippies einen Pfingst-Trip in diese ehemalige mittelhessische Exklave in Südkreta empfohlen, um im benachbarten Matala ein Open-Air-Festival der nostalgischen Superlative zu erleben. »Werft die Krücken weg, nichts wie hin!«, ermunterte ich. Aber: »Die Krücken brauche ich noch nicht (glücklicherweise), aber heute scheitert die Sache doch schon daran, dass es kein Bett mit Dusche gibt. Der Schlafsack auf freiem Feld war vor 40 Jahren genug, aber man ist älter geworden (und anspruchsvoller). Darüber sollte ich nicht lamentieren. Gegen älter werden hilft nur, jung zu sterben. Das wollte ich auch nicht.« Wem sagen Sie das, lieber Wolfgang Happich?! Christian Lugerth war erst vor zwei Jahren in Pitsidia, »da haben wir bei der abendlichen Rückkehr vom Kommos-Beach öfters das erste Amstel eingenommen. Wusste gar nicht, dass wir uns dabei auf mittelhessisch-nostalgischem Gebiet aufgehalten hatten.« Doch, doch! Sigi Egerer würde »liebend gerne meine Krücken in Pitsidia auf Weltrekordweite oder -verschuldung verschleudern, ist aber nicht ganz meine Altersklasse in Matala, da treib ich mich lieber auf der Peloponnes rum.« Aber auch da gibt es eine kleine mittelhessische Exklave – auf einem Campingplatz nahe Olympia, immer in den Sommerferien (sogar mit »Anstoß«-Lesern besetzt).
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Das Wortspiel vom weltrekordreifen Verschuldungs-Verschleudern gab es gestern im Bundestag nicht, da wurde, gemäß der Herabwertung Griechenlands durch die Ratingagenturen, Ramsch gespielt, und wie schon ebenfalls in den »Montagsthemen« erwähnt: Da gewinnt immer der mit den schlechtesten Karten, also Griechenland.
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Hab mal nachgeschlagen, wie ein Parasit definiert wird: »P. ist ein Organismus, der an oder in einem anderen Organismus lebt und seine Nahrung oder andere Leistung ohne gleichwertige Gegenleistung von seinem Wirt bezieht.«
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Nein, damit meine ich natürlich nicht die Griechen. Außerdem ist ein »parasitos« im griechischen Wortsinn jener Mann, den sich Reiche im alten Hellas quasi als persönlichen Assistenten hielten, damit der sie in Gesellschaft umschmeichelte. Und was derzeit täglich auf dem Syntagma-Platz und anderswo zu sehen und zu hören ist, hat mit Einschmeichelei bei reichen Geldgebern recht wenig zu tun.
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Nein, meine Parasiten sind die Schnecken. Man ist halt nie zufrieden. Erst jammert man über die wochenlange Trockenheit, und wenn’s nun regnet über die Rückkehr der Schnecken. Dass über Wochen hinweg kaum einmal der Rasen gemäht werden musste, hat man auch nicht gebührend gewürdigt. Jetzt mäht man wieder. Und es riecht. Nach frisch gemähtem Gras. Angenehm. Für uns. Nicht für die Graspflanze, denn der Duft ist ihr Hilferuf, wenn an ihr Raupen knabbern (oder Mäher mähen), er soll Wanzen anlocken, die Raupen fressen. Hilft allerdings nicht gegen die große Raupe Mensch. Da muss die Evolution dem Gras noch auf die Sprünge helfen: Jämmerlich schreien statt gut duften! Dann beißt nicht die Wanze, sondern das Gewissen. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle