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Sport-Stammtisch (3. Juni)

Als der alte Schwede jung war, tröstete er den deutschen Kugelstoßer, der soeben bei den Hallen-Europameisterschaften in Rotterdam versagt hatte. In einem langen nächtlichen Gespräch über Sport, Gott & die Welt verpasste er dem Kreuzunglücklichen auch einen Spitznamen. »Hazweio«, weil: »Du hast zu viel Wasser in den Muskeln.« Na ja, klar, der schwedische Diskus-Gigant hatte anderes in den Muskeln als Wasser. Seinen Spruch, mit dem er nur zu gerne die »dumme Presse« provozierte, kündigte er schon in dem nächtlichen Gespräch an, »und du wirst sehen, alle diese Dummköpfe fahren darauf ab«. Das taten sie auch, denn seitdem gab es keinen Artikel über ihn ohne dieses Zitat: »So, wie ich lebe, werde ich keine 40 Jahre alt.« Aber als er fast schon 40 war, startete er ein Comeback und warf mit über 71 Metern den noch heute gültigen schwedischen Rekord. Davor und danach lebte er auf der Überholspur, mit Sex, Drugs (inklusive Dope) & Rock’n’Roll, mit 50 sah er schon älter aus als Rolling-Stones-Gruftie Keith Richard jemals aussehen wird, er geisterte als Phantom durch die Medien, Popmusiker bauten Ausschnitte aus einer Tele-Doku in ihre Song-Clips ein, mit 60 wirkte er in einem skurrilen Tele-Interview hochintelligent und vollkommen verrückt wie immer, äußerlich aber wie 120. Vor ein paar Tagen erst wollte »Hazweio« erstmals nach der Nacht von Rotterdam wieder Kontakt zu ihm aufnehmen, über Facebook, um eine exklusive Geschichte über den Exzentriker zu schreiben. Die »Freundschafts«-Anfrage blieb unbeantwortet. »Hazweio« war ein bisschen beleidigt. Bis diese dpa-Meldung kam: »Der schwedische Ex-Diskuswerfer Ricky Bruch ist in Stockholm im Alter von 64 Jahren gestorben.«
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Früher oder später ist jedes Leben lebensgefährlich. Sehr früh schon bei dem jungen Schweizer Skateboarder, der mit Tempo 60 auf der Stadtautobahn von Sydney in einen Tunnel raste und stürzte, was im Berufsverkehr ein Stau-Chaos verursachte. Der Skateboarder blieb bis auf leichte Schürfwunden unverletzt, doch die Meldung hinter der Meldung ist diese: Behaupte noch mal einer, Schweizer seien langsam!
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Noch eine Meldung hinter der Meldung, und zwar hinter der, dass die FIFA-Ethikkommission in dieser Woche viel Arbeit hatte. »FIFA-Ethikkommission«? Ist das nicht eine contradictio in adiecto, also ein schwarzer Schimmel? Dieses Stil(blüten)mittel gibt’s, siehe FIFA-Ethikkommission, auch ohne Adjektiv. Weiteres Beispiel, gestern auf einem Hinweisschild gelesen: »Gewerbepark« – ein trister Pflasterstrand  als »großer Landschaftsgarten« (Duden-Definition für »Park«). Was zudem ein Euphemismus ist, eine beschönigende Sprachregelung, die vor allem in politisch korrekter Rede gebraucht wird, siehe »Schoko-Kuss« statt »Mohrnkopp«.
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Kaum begonnen, schweift die Kolumne ab. Wer vergleichen will, was geschrieben werden sollte und was geschrieben wird, kann dies online nachprüfen, denn im Blog »Sport, Gott & die Welt« wurden unvorsichtigerweise vorab die ursprünglich geplanten Themen aufgelistet.
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Auch dies gehörte nicht dazu, muss aber wegen der üblichen Stilebene dieser Kolumne und passend zum »Mohrnkopp« unbedingt gesagt werden: Achtung, Ironie! Ein Arbeitnehmer sagte dies nicht, als ihm die Sekretärin einen Auftrag des Chefs übermittelte, sondern: »Jawoll mein Führer!« Die alte Petze hat’s dem Chef gesteckt und der den Mann fristlos entlassen. Immerhin hat ein Gericht jetzt die Fristlosigkeit gekippt. Begründung: Zuerst hätte abgemahnt werden müssen. Ironie bleibt halt Glücksache. Nicht nur in Deutschland, der ausgewiesen antinazistische Regisseur Lars von Trier, Däne und  notorischer Gutmenschen-Ärgerer, bekam’s in Cannes zu spüren, als er wegen eines ironischen Witzchens (»Ich bin ein Nazi«) vom Festival verbannt und fast gesteinigt wurde.
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Das könnte auch mir geschehen, wenn ich gefragt würde, ob ich zum Kirchentag gehe, und antwortete: »Mit Sicherheit nicht. Ich muss nicht frohsinnigen Menschen mit Sektenlächeln über den Weg laufen. Das sind Reichsparteitage des organisierten Christentums – entsetzlich!« Aber das sage nicht ich, sondern Martin Mosebach, der erzkonservative und erzkatholische und erzironische Schriftsteller, und ich distanziere mich davon mit Abscheu und Empörung, ist doch klar.
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Zumal wir wichtigere Themen haben. Zum Beispiel die Frisur von Mario Gomez. Seit er wieder trifft, wird er wieder geliebt, von mir sowieso und schon immer, denn entgegen seines Arroganz-Images ist er einer der seltenen Sorte unabgehoben reflektierender und intelligenter Fußball-Profis. Aber die Frisur! Lange, lange habe ich mit Friseuren und Friseurinnen aus allen möglichen Hairport- und Haarscharf-Salons Fachdiskussionen geführt, und nun weiß ich, was nicht stimmt: Die trotz Kurzhaar-Schnitt lang nach hinten gestriegelten Haare passen einfach nicht zu Gomez’ Kopfform.
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Bei den investigativen Kopfform-Recherchen bin ich allerdings online gescheitert, denn ich wollte jene alte Fernsehserie googeln, in der meiner Erinnerung nach der Satz »Achte lieber auf deine Kopfform« eine Running-Gag-Rolle spielt. Stattdessen erfuhr ich, dass die Kopfform eines der größten individuellen Probleme weltweit ist. Einer klagt: »Ich hasse meine Kopfform! Ich bin Brillenträger und muss immer in die Kinderabteilungen, weil mein Kopf einfach zu schmal ist.« Ein anderer fragt: »Wo bekomme ich einen Helm für meinen Eierkopf her?«
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Achten Sie also auf Ihre Kopfform! Gilt aber nicht für Mario – der soll sich heute aufs Toreschießen konzentrieren, damit er nicht wieder einen Slapstick hinlegt wie zuletzt gegen Österreich.  (gw)

Baumhausbeichte - Novelle