Archiv für Juni 2011

Sport, Gott & die Welt

30. Juni, 17.55 Uhr.

Endlich ist das neue Kleidchen angezogen. Hübsch, oder? Es zwickt noch hier und da. So muss man, wenn man die alten Beiträge in voller Pracht und Länge lesen will, vorerst noch einmal die Überschrift anklicken.

Wenn man heute die Überschriften der Nachrichtenagenturen anklickt, dominiert plötzlich wieder das Thema Doping (neben dem Großevent bzw. dem PR-Weltrekord). Contador fährt die Tour, wahrscheinlich sogar, ohne nachträglich gesperrt zu werden. Er müsste Deutschland auf Knien danken, denn unser Freispruch für unseren Clenbuterol-Fall unseres Tischtennisspielers ebnet ihm den Weg zum Tour-Sieg.

Die hyperaktive Pechstein geht in die nächste Runde, was man allerdings verstehen könnte, wenn sie wirklich unschuldig wäre.

Wenn Dieter Baumann wirklich unschuldig wäre (meine unmaßgebliche Meinung: ist er), dann … nein, den Gedanken muss ich neu formulieren, sonst wird’s zu kompliziert. Statt hypotaktischem Langsatz hypothetische Kurzsätze: Dieter Baumanns Fall ist ungeklärt. Stichwort Zahnpasta. Stephane Franke ist  gestorben. Dieter Baumanns Fall bleibt … nein. Schluss. Ich hab schließlich Urlaub.

Veröffentlicht von gw am 30. Juni 2011 .
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Baumhausbeichte

Gerhard Steines, »Anstoß«-Kultkolumnist und Mitglied der Chefredaktion der Gießener Allgemeinen, Alsfelder Allgemeinen und Wetterauer Zeitung, legt nach seinem erfolgreichen Krimi »Seemannsköpper« mit der »Baumhausbeichte« ein neues literarisches Werk vor. Es ist eine dicht gewobene, facettenreiche Novelle voller Überraschungen, die ab heute als »Fortsetzungsroman« an dieser Stelle abgedruckt wird.

Wovon die Geschichte eines Sommers handelt, erläutert Schriftsteller Matthias Altenburg alias Jan Seghers in seinem Vorwort. Wir wünschen unseren Lesern in den kommenden knapp drei Wochen spannende Unterhaltung mit »vielen Twists auf engstem Raum« (Seghers). mm

Vorwort:

Es beginnt wie ein Idyll, eine leichte Sommergeschichte, eine Coming-of-Age-Story, wie man sagen könnte. Als wolle der Autor uns beweisen, dass es so etwas eben doch gegeben hat: eine unbeschwerte Kindheit mitten in Nazi-Deutschland. Mit sparsamen Mitteln erweckt Gerhard Steines seine Figuren zum Leben und lässt sie vor unseren Augen zu wirklichen Menschen werden – zu liebenden, bangenden, hoffenden Jugendlichen. Verstrickt in noch unbekannte Gefühle versuchen Edgar, Magda und Abi die Balance zu halten zwischen Begehren und Freundschaft, zwischen Liebe und Verzicht. Und wie die drei dort im Baumhaus beieinanderhocken, einander suchend und fliehend, wird die verborgene Hütte im Wald zum Bild für die Wirren der Adoleszenz. So irrlichternd, so traurig, so schön.

Aber das Idyll ist umzingelt, die Wirklichkeit bricht ein. Bis in diesen abgelegenen Wald dringt das Bellen der Befehle, das Knallen der Stiefel und Schüsse. Bei Anna Seghers gab es die »Kraft der Schwachen«, den Mut jener unscheinbaren Menschen, die an einem entscheidenden Punkt über sich hinaus gewachsen sind und alles richtig gemacht haben. Gerhard Steines kehrt dieses Motiv um: Er zeigt uns einen starken, schönen Jungen, der die Gunst einer Sekunde nutzt, um sich für eine Zurückweisung zu rächen, der mit den Mächtigen paktiert und zum Verräter seines besten Freundes wird.

Doch den erhofften Lohn erhält er nicht, er bleibt ein »Judas ohne Silberlinge«, wie es bei Carl von Ossietzky heißt. Die Wucht seiner Schwäche wird sein Leben zerstören. Und als sich zum Schluss noch einmal alles zum Besseren zu wenden scheint, da ahnen wir, dass das Gelächter längst das Lachen übertönt. Eine wunderbare Geschichte – und so viel Dramatik, so viele Twists auf engstem Raum! Respekt!
Matthias Altenburg (»Jan Seghers«)


1
Im Sommer 1944 schickten mich die Eltern in den großen Ferien aufs Land, in den Süden, zu meiner Tante, die in der Nähe von München zusammen mit ihrem Vater einen großen Bauernhof führte.
Der Mann der Tante war schon zu Beginn des Krieges gefallen. Damals weinte Mutter, als die Nachricht kam. Vater wendete sich ab: »Ich hab’s ja gewusst. Das geht jetzt immer weiter, immer weiter.« Danach erst nahm er Mutter tröstend in den einen Arm, der ihm geblieben war.
Das Wort »gefallen« kannte ich nur in Verbindung mit »gefallene Mädchen«, worunter ich mir etwas verboten Aufregendes vorstellte. Erst viel später wurde mir klar, dass der Onkel tot war, totgeschossen in einem Krieg, der irgendwo weit weg stattfand, in dem aber immer mehr deutsche Soldaten – Vater behielt recht – als »gefallen« gemeldet wurden.
Den Arm hatte Vater in einem früheren Krieg »verloren«. Auch dieses Wort irritierte mich. Wenn man etwas verliert, sucht man danach, vor allem so etwas Wichtiges wie einen Arm.
Später, als ich die Bedeutung der beiden Ausdrücke kannte, blieb Vaters Arm für mich der erste Gefallene unserer Familie.
Ich erwähne das nicht, um Sie zu erheitern. Es soll verdeutlichen, wie naiv ich noch war, obwohl ich mich mit 16 schon erwachsen fühlte und im Gymnasium der beste Schüler meiner Klasse war. Wenn im Radio die Nachrichten von der Front gemeldet wurden, Mutter und Vater gebannt lauschten und der Vater danach die neue Lage in unserem Weltatlas nachzeichnete, hörte ich nicht zu. Ich durfte aber in der Goebbelsschnauze – so nannte Vater den Volksempfänger – nach Negermusik suchen. »Aber leise! Und sei vorsichtig, erzähl niemandem, dass in unserem Haus so etwas gehört wird!«

2
In unserem Städtchen hatte es schon mehrmals Bombenalarm gegeben, aber die Flugzeuge flogen über uns hinweg und zerstörten andere Städte. Ich fand die Aufregung spannend, die Flucht in den Keller, das Zusammenhocken – wenn der Alarm aufgehoben wurde, war ich sogar ein wenig enttäuscht. Keine einzige Bombe gefallen!
Aber Vater war sicher: »Über kurz oder lang sind wir dran, eher über kurz.«

Zu meiner Tante geschickt wurde ich, weil die Eltern Angst um mich hatten.
Ich war hin und her gerissen. Einerseits freute es mich, in den Ferien keine dieser krampfigen Gemeinschaftsaktionen mitmachen zu müssen. Die HJ ging mir auf die Nerven. Zwar waren meine wenigen Freunde auch dabei, alle mussten dabei sein, aber ich mochte es nicht, wie sie sich in der Gruppe veränderten.
Wie gerne sie Befehlen gehorchten! Wie wichtig sie sich fühlten, wenn sie befehlen durften!
Ich war sowieso am liebsten alleine, las und lernte und träumte davon, ein berühmter Schriftsteller zu werden.
Dass ich die HJ verachtete, dass ich Außenseiter war, bereitete mir keine Probleme. Ich war groß und kräftig, gewandt und schnell, und nicht nur Klassenprimus, sondern auch der beste Sportler der Schule. Ich gehörte nicht dazu, wurde aber respektiert.
Ich schwänzte zwar viele Pflichtstunden und Veranstaltungen, aber immer wenn ich hoffen konnte, dass auch der Bund Deutscher Mädchen kommen würde, war ich mit dabei. Eine bessere Gelegenheit, mich dem anderen Geschlecht zu nähern, gab es nicht. Und die blonden deutschen Mädchen, sie waren neben der Negermusik meine zweite geheime Leidenschaft. Sehr geheim, denn so, wie ich die Negermusik nur heimlich hörte, sah ich mir die BDM-Mädchen nur heimlich an. Kam mir eine zu nahe, lief ich rot an und brachte kein Wort heraus.
Da ich das wusste, beschränkte ich mich darauf zu gucken, aber auch das war schön.

Bei meiner Tante gab es zwar keine HJ, doch daher leider auch keinen BDM. Im Radio Negermusik zu suchen, traute ich mich nicht. Aber ich bekam ein eigenes Zimmer, durfte jedes Buch aus dem Bücherschrank des toten Onkels lesen und hatte den ganzen Tag für mich. Die Tante und ihr Vater arbeiteten mit einem älteren Knecht und einer Magd, seiner Frau, von morgens bis abends auf dem Feld. Wenn sie gemeinsam frühstückten, lag ich noch im Bett. Wenn ich aufstand, war mein Frühstück bereitet. Mittags punkt zwölf aßen sie gemeinsam im Feld. Oft fuhr ich mit dem Rad zu ihnen und aß mit, aber wenn ich keine Lust hatte, nahmen sie es mir nicht übel – und wahrscheinlich nicht mal Notiz davon –, dass ich nicht kam und mich in der Speisekammer bediente. Nur zum Abendessen, pünktlich um sechs, musste ich eine halbe Stunde mit ihnen am Tisch sitzen. Gesprochen wurde nicht viel, aber alle behandelten mich freundlich, die Tante nahm mich sogar manchmal in den Arm und drückte mich fest an sich, was ich mir nur widerstrebend gefallen ließ.
Nach dem Abendessen fuhr die Tante mit ihrem Vater fast täglich zum Nachbarhof, den ein verwitweter Bauer führte. Jahre später würde sie ihn heiraten. Der Knecht und seine Frau zogen sich in das Nebengebäude zurück, in dem sie wohnten. Ich blieb alleine und durfte tun und lassen, was ich wollte.
Der Hof der Tante lag ungefähr zwei Kilometer von einem winzigen Dorf entfernt in einer Hügellandschaft, hinter der ein dicht bewaldeter Berg aufragte, in dessen Einsamkeit ich mich am wohlsten fühlte.
Am Rand einer kleinen, kreisrunden Lichtung mitten in meinem Wald baute ich in einem Baumwipfel einen Beobachtungsstand. Bretter und Werkzeug nahm ich vom Hof mit.
Drei Tage lang arbeitete ich ununterbrochen und unbemerkt, dann war mein Reich fertig, ausgepolstert mit alten Decken und Kissen, die ich auf dem Dachboden des Hofs gefunden hatte. Die Leiter, die ich aus Ästen gebastelt hatte, um das Material hoch in den Baum hinein schaffen zu können, zerlegte ich wieder in ihre Einzelteile und verstreute diese im Wald.

3
Nach oben gelangte man jetzt nur noch mit einer Strickleiter. Wenn ich ging, schob ich sie, nachdem ich hinuntergeklettert war, mit einem Stock hoch über einen Ast, sodass sie nicht mehr zu sehen war.
Seitdem verbrachte ich die Tage fast nur noch in meinem geheimen Reich. Um halb sechs kletterte ich hinunter, um rechtzeitig zum Abendbrot zu kommen. Danach lief ich zurück und las, bis es dämmerte.
Dann beobachtete ich noch eine Weile die Tiere des Waldes, Rehe, die auf der Lichtung ästen, Füchse, die vorbeischnürten, Wildschweine, von denen ich allerdings mehr hörte als sah, und erst, wenn der Uhu vorbeischwebte, machte ich mich auf den Heimweg.
Angst im dunklen Wald? Hatte ich nicht.
Was ich las? Vor allem Klassiker. Aber auch »Mein Kampf«. Ein großartiges Buch, das mich so in seinen Bann zog, dass ich es gleich noch einmal las. Vor allem die Hauptfigur, Hanno, hatte es mir angetan. Denn unter dem Schutzumschlag von »Mein Kampf« steckten »Die Buddenbrooks«.
Mein Onkel muss ein interessanter Mann gewesen sein, aber damals machte ich mir darüber keine größeren Gedanken. Mir gefiel alles, was nach Abenteuer und Geheimnis roch, und das in »Mein Kampf« verborgene Buch war hier ein ebensolches Geheimnis wie zu Hause die Negermusik mit der Goebbelsschnauze.
Ich las auch Gedichte. Ein langes, eine Ballade, gefiel mir am allerbesten.
Die Bürgschaft.
Da war alles drin, was mich bewegte. Und das, was mir fehlte: echte Freundschaft, mit einem Blutsbruder, einem Geisteszwilling, dem man treu war und für den man alles getan hätte, für den man bis ans Ende der Welt gegangen wäre und jeder Gefahr getrotzt hätte.
Solch einen Freund zu haben, davon träumte ich.
Wenn ich nicht gerade davon träumte, eine Freundin zu haben.
Das waren noch schönere Träume.
Und sie schienen sogar in Erfüllung zu gehen.

Sie hieß Magda und war die Tochter des Dorfwirts. Wie ich kam auch sie nur in den Ferien hierher, denn sie ging in München auf die höhere Schule, ein Internat für besonders begabte Mädchen. Sie war klug, schön und hasste ihren Vater, der sie liebte. ›Dem gefällt an mir nur, dass ich arisch aussehe‹, sagte sie verächtlich, als ich sie schon gut genug kannte, dass sie offen mit mir redete.
In der Tat sah sie arisch aus: Fast so groß wie ich, schlank, strohblond, mit strahlend blauen Augen.
Sie liebte ihre Mutter. »Nur wegen ihr komme ich in den Ferien nach Hause. Sonst bliebe ich in München, dort gibt es viele, die ähnlich denken und fühlen wie ich, sogar einige Lehrerinnen.«
Die Mutter lernte ich nie kennen. Sie sei krank, hieß es, gemütskrank.
Magda sagte, die Krankheit ihrer Mutter sei nur ihr Mann, dieser »blöde Nazi«.
Ihr Vater, kleiner als Magda, dunkelhaarig und dicklich, war so stolz auf sein deutsches Prachtmädel, dass er ihr alles durchgehen ließ. Auch ihr Hass, den er durchaus spürte, machte ihm nichts aus. »Das ist nur die Publizität«, behauptete er, das gebe sich schon wieder, wenn sie mal 18, 19 sei. Er sagte immer »Publizität«, Magda verbesserte ihn nie, schaute ihn nur verächtlich an, was an ihm aber wirkungslos abprallte.
Magda war 16. Zu Hause half sie nicht in der Wirtschaft, sie ekelte sich vor den betrunkenen alten Männern – andere Gäste gab es nicht. Sie blieb bei ihrer Mutter, pflegte sie, sprach stundenlang mit ihr über »Dinge, von denen du nichts verstehst«. Sie sagte es nicht böse, schnippisch oder gar verächtlich, sondern . . . feststellend. Bedauernd feststellend.
»Du bist ein Junge. Ein lieber Junge. Aber ein Junge. Manches kannst du einfach nicht verstehen. Aber ich mag dich sehr.«
Ich hörte es nicht gerne, wenn sie sagte, dass sie mich mag. Denn ich liebte sie, es war Liebe auf den ersten Blick.
Ich sah sie zum ersten Mal, als ich nach dem Abendbrot zurück zu meinem Baumhaus laufen wollte.
Sie ging alleine spazieren, zwischen den Feldern, über Wiesen, gedankenversunken und aufschreckend, als ich plötzlich vor ihr stand.

4
»Wer bist denn du?«
»Ich bin der Edgar, ich wohne dort bei meiner Tante«, stotterte ich verlegen und deutete zurück zum Hof, starrte ihr aber weiter ins Gesicht.
»Ich heiße Magda«, antwortete sie und sah mich offen an. Unter dem Blick ihrer großen blauen Augen lief ich rot an.
»Ich will meiner Mutter einen Strauß Blumen pflücken, gehst du mit mir?«
Welche Frage.

Es war der schönste Tag in meinem Leben. Magda kam aus München zurück, wo sie fast eine Woche lang bei ihrer Musiklehrerin gewesen war. Vorbereitung auf ein Konzert, bei dem beide mitspielten. Ein großer Erfolg, Magda war bei der Rückkehr, ich holte sie an der Bushaltestelle ab, noch immer ganz aufgedreht. Sie brachte eine Flasche Schaumwein mit. »Die trinke ich jetzt mit meinem Freund, den ich lieb habe«, sagte sie und lachte mich aus, als sie mein Gesicht sah: »Du Dummer, ich meine doch dich!« Und küsste mich auf den Mund.
Ich war perplex. Woher dieser Sinneswandel? Ich verstand es nicht, aber warum auch? Hauptsache, sie liebte mich. Ich war viel zu glücklich, um nachzudenken.
Wir brachten ihr Köfferchen nach Hause und streiften dann durch die Felder, Magda wollte ihrer Mutter zur Begrüßung einen besonders schönen Blumenstrauß pflücken.
Das Gras stand hoch, ich nahm all meinen Mut zusammen.
»Komm, hier sieht uns keiner«, flüsterte ich und zog sie hinunter. Wir tranken den Schaumwein aus der Flasche.
Ich umarmte sie, streichelte ihre nackten, festen Arme, tastete mich in noch aufregendere Regionen vor, was Magda halbherzig abwehrte.
Sie kicherte und gluckste. »Ich bin doch nicht so eine.«
Was meinte sie?
»So eine«?
Ich küsste sie auf die Stirn, auf die Augen.
Auf den Mund.
»Was meinst du mit ›so eine‹?«

»Eine, die . . . Edgar, ich verrate dir ein großes Geheimnis, du darfst mich nie verpetzen!«
Ich versprach es hoch und heilig.
»Eine die . . . ihre Lehrerin küsst.«
»Deine Musiklehrerin?«
»Ja. Nach dem Konzert, bei ihr zu Hause, haben wir uns umarmt, und da habe ich gleich gespürt, dass sie ein bisschen komisch ist.«
»Wie, komisch?«
»Bei mir war es die Freude über das gelungene Konzert. Aber bei ihr . . . das war mehr, viel mehr. Ich spürte es. Aber sie ist trotzdem eine nette Frau, als sie gemerkt hat, dass ich das nicht will, hat sie mich überhaupt nicht bedrängt. Sie wurde nur traurig, drückte mich kurz an sich und sagte, sie sei müde, müsse ins Bett. Mir war es nur recht. Am nächsten Morgen benahm sie sich, als sei nichts geschehen. Der Schaumwein ist ein Geschenk von ihr.«
»Und warum hast du jetzt mich lieb?«
»Ich weiß nicht. Gestern Abend hatte ich Lust zu schmusen. Aber nicht mit meiner Lehrerin. Da fielst du mir ein. Denn ich mag dich so sehr. Neben meiner Mutter am meisten auf der Welt. Außerdem anders als meine Mutter. Ich hab an dich gedacht, und da wurde mir ganz warm im Bauch.«
Mir jetzt auch. Magda küsste mich, mit leicht geöffnetem Mund, ihre Zunge kitzelte meine Lippen. Ich wollte etwas sagen, doch in dem Moment kam die Zunge in meinen Mund.
»Das wollte die Lehrerin mit mir machen. Weil ich nicht wollte, wurde sie traurig. Ich nahm mir schon gestern vor, das heute mit dir zu machen. Ist schön, oder?«
»Und wie. Aber ich will nicht, dass du mich nur magst. Du hast vorhin gesagt, du hast mich lieb.«
»Hab ich auch. Ziemlich sehr sogar.«
»Ich . . . liebe dich!«
Jetzt war’s raus.
Obwohl Magda beschwipst war, machte sie ein ernstes Gesicht. »So etwas sagt man nicht einfach dahin. Ich liebe dich, das ist etwas ganz Großes, wenn man das sagt. Ich glaube, das dürfen wir nicht.
Ich hab dich aber wirklich lieb.«
So ging es eine ganze Weile hin und her.

5
Bis ich sagte: »Ich liebe dich, und ich werde dir beweisen, dass das für mich etwas ganz Besonderes ist. Ich zeige dir mein großes Geheimnis. Wenn du es verrätst, werde ich umgebracht. Ich vertraue dir mein Leben an. Komm mit.«
Magda lachte. Sie freute sich, dass das schwierige Thema beendet war. Sie dachte, ich wollte ein Spiel mit ihr spielen.
Ich zog sie über die Felder in den Wald hinein, zur Lichtung.
Ich wollte ihr mein Reich zeigen.
Schlimm.

Sie meinen, ein Baumhaus sei nicht unbedingt die Art von Geheimnis, mit dem ein 16-Jähriger ein gleichaltriges Mädchen beeindrucken könnte?
Sie täuschen sich. Um das zu verstehen, müssen Sie wissen, was ich in den Tagen zuvor getan hatte.
In der Woche ohne Magda lebte ich fast ausschließlich in meinem Baumhaus.
Ich hatte Magda zur Bushaltestelle gebracht, ihr nachgewinkt und war gleich in den Wald gelaufen. Ich wollte alleine sein mit meiner traurigen Sehnsucht.
Eine Woche ohne Magda! Sieben Ferientage! Eine unvorstellbar lange Zeit. Wie sollte ich sie überstehen?
Ich angelte die Strickleiter herunter, kletterte hoch, krabbelte in mein kleines Reich.
Und bekam einen schlimmen Schreck.
Ein Junge.
Er hatte es sich auf meinen Decken und Kissen bequem gemacht und las.
Er ließ das Buch sinken. Mein Kampf, also die Buddenbrooks.
»Schön hast du es hier. Darf ich bleiben? Ich heiße Abi.«
Lässig sagte er es, nicht im geringsten verlegen.
Er schaute mich freundlich, ja freudig an, erwartungsvoll, nicht wie ein ertappter Eindringling, sondern wie ein Freund, der froh ist, dass sein Freund gekommen ist.

»Ich habe dich beobachtet, schon seit zwei Tagen. Heute nacht bin ich hier hineingeklettert. Ich habe tief und fest geschlafen, so gut wie lange nicht mehr. Dann wollte ich ein wenig lesen. Ich hatte so lange kein Buch mehr in der Hand! Zuerst war ich sehr enttäuscht. Nachdem ich dich beobachtet hatte, glaubte ich, du könntest mir helfen. Du wirktest so . . . nett. Doch dann dieser Dreck . . . beinahe hätte ich das Buch zerrissen, ich wollte sogar dein Baumhaus zerstören und mich tiefer im Wald verstecken. Doch als ich das Buch hinauswarf, der Schutzumschlag durch die Luft trudelte und unten die Buddenbrooks aufschlugen, den Einband erkannte ich natürlich auch von hier oben sofort, da wusste ich: Du bist mein Retter, dir kann ich vertrauen.«
Ich hatte kein Wort gesagt, und als er aufhörte zu sprechen, sagte ich immer noch nichts. Ich wusste nicht, ob ich mich ärgern sollte, dass Abi in mein Reich eingedrungen war, oder mich freuen, dass ein älterer Junge, dessen Souveränität mich beeindruckte, mir gleich die Freundschaft anbot.
»Ich bin der Edgar«. Das war alles, was mir einfiel.
Abi war nicht älter, sondern wie ich erst 16. Er wirkte nur viel reifer. Auch die dunklen Locken, die ihm ins Gesicht fielen, trugen dazu bei, dass er erwachsener, erfahrener aussah als ich mit meinem blonden Kurzhaar.
Sie können sich schon denken, was mit Abi los war: Ein jüdischer Junge auf der Flucht.
Der Vater hatte ihn gewarnt und vorbereitet: Irgendwann würde die Gestapo kommen und ihn, die Mutter und Abi ins Konzentrationslager verschleppen, was den sicheren Tod bedeute. Er wundere sich, warum sie so lange unbehelligt geblieben seien. Mit viel Glück würden sie vielleicht bis zum Ende des Krieges durchhalten, das könne nicht mehr lange dauern, Deutschland liege am Boden. Aber wahrscheinlicher sei, dass sie schon bald für die Niederlagen an der Front und die Bombenangriffe auf deutsche Städte büßen müssten.

Als Abi eines Abends nach Hause kam, saßen die Eltern eng umschlungen auf dem Sofa. Auf dem Tisch lag die amtliche Anordnung, die Familie habe sich am nächsten Morgen am Bahnhof einzufinden.

6
Abi wusste, was er tun musste. Er zog die Jacke ohne Judenstern an, die seine Mutter für ihn versteckt hatte, nahm den Rucksack, den der Vater gepackt hatte, und ging, ohne ein Wort zu sagen. Geweint hätten sie in den Monaten zuvor jeden Tag, sagte er, es sei vereinbart gewesen, beim endgültigen Abschied ohne Szene auseinanderzugehen, gerade so, als ob man sich am nächsten Tag wiedersehe.
Abi sollte versuchen, in ein Waldgebiet im Alpenvorland zu gelangen, nachts, zunächst mit dem Fahrrad, dann zu Fuß. Der Vater hatte ihm eine Karte gezeichnet, an die sollte er sich halten, auf der markierten Route drohe die geringste Gefahr, entdeckt zu werden.
In der abgelegenen Gegend, zu der die Route führte, sollte Abi sich in einem der weit verstreut liegenden, massiv gebauten Heulager einnisten, am besten neben einem der vielen kleinen Bachläufe. Sauberes Wasser sei das wichtigste.
Im Heu sei es warm.
Essen könne er sich besorgen. Mit kleinen Diebstählen, die nicht auffielen, nachts, in den Vorratskammern der Bauernhöfe.
Für den Anfang habe er den Rucksack.
Mit Geld und einer eisernen Ration.
Abi versteckte sich an der Isar, bis es dunkel war. Dann ging er zurück nach Hause. Er hatte Angst vor dem Alleinsein, wollte bei den Eltern bleiben, was immer auch geschähe.

Die Eltern lagen eng umschlungen auf dem Sofa.
Tot.
Abi blieb bis zum Morgen bei ihnen.
Als es hell wurde, legte er eine Decke über die Eltern und ging davon.
Den Rucksack vergaß er.

Es kümmerte ihn nicht, ob er entdeckt würde. Er versteckte sich nicht. Abi ging und ging, ziellos, weg von der Stadt, irgendwohin. Er wusste nicht, wie lange er unterwegs gewesen war. Drei Tage, vier Tage? Eine Woche?
Als er sich im Wald ausruhte, an einer Lichtung, hörte er jemanden kommen. Abi zog sich in den Wald zurück.
Und sah mich.

Ich will Sie nicht langweilen, aber etwas muss ich noch einmal betonen: Ich lebte in meiner eigenen Welt, bekam zwar einiges mit von dem, was um mich herum geschah, war aber auf mich fixiert, auf meine kleinen Wünsche und Hoffnungen, die für mich so groß waren, dass ich die Welt um mich herum nur registrierte, aber nicht wirklich wahrnahm.
Ich wusste nicht, was Gestapo bedeutete, kannte keinen Juden persönlich und auch keinen Judenhasser, überflog zwar in der Zeitung die eine oder andere Überschrift, dass die Juden an irgendetwas oder sogar an allem schuld seien, was mir komisch vorkam, ohne weiter darüber nachzudenken, aber das Wort »KZ« hatte ich nur ein einziges Mal gehört, aus dem Mund eines alten Mannes aus der Nachbarschaft, den niemand ernst nahm. Als beim Fußballspielen der Ball in seinem Garten landete, einer von uns über den Zaun kletterte und ihn holte, riss er das Fenster auf und schrie: »Ihr gehört alle ins KZ!« Wir sahen uns an, tippten vielsagend an die Stirn, und bevor wir wegliefen, rief ich mutig zurück, ohne zu wissen, was ich da rief: »Selber KZ!«
Auch in der HJ spielte das Thema keine Rolle, jedenfalls nicht für mich. Manchmal hielt einer der HJ-Führer eine Rede, oder wir mussten uns im Radio das Geschrei von Goebbels oder Hitler anhören, aber das Gedöns über Volk und Reich und Führer ging mir zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus. Das einzig Wichtige an der HJ war für mich der stumme Kontakt zum BDM. Erst Abi klärte mich auf. Ich wollte glauben, was er sagte, denn es war das Spannendste, was ich je gehört hatte, viel spannender noch als all meine Bücher. Innerlich hegte ich zwar einige Zweifel, weil mir einiges nun doch zu unglaubhaft vorkam, doch ich verdrängte die Zweifel, weil ich mit dem aufregenden Geheimnis leben wollte, das mein Leben bereicherte. Erst Magda und nun Abi: Liebe, Geheimnis, Abenteuer, Freundschaft – ich war glücklich.
Meine Sehnsucht nach Magda blieb, aber sie war schön, da ohne Trauer.

7
Außerdem kam Magda ja wieder.

Abi hatte Hunger. Die Tante freute sich, dass mich die gute Landluft so hungrig machte, dass ich fast die Speisekammer leer aß.
Wir hockten in unserem Baumhaus, aßen, tranken Milch, lasen und redeten über das, was wir lasen und schon gelesen hatten. Und über Juden und Nazis.
Auch das fand ich zunächst nur spannend. Juden und Nazis, das klang nach Räuber und Gendarm. Doch Abi, der so viel erlebt hatte, über so viele Dinge Bescheid wusste, von denen ich keine Ahnung hatte, und der überhaupt viel gebildeter war als ich, der Klassenprimus, er klärte mich auf, und langsam sickerte das Unbekannte, das Unbegreifliche in meinen Kopf.
Ich war entsetzt und entschlossen, bei Abi zu bleiben und nie mehr nach Hause, in die Schule, zur HJ zurückzukehren. Wir würden im Baumhaus bleiben, bis der Krieg vorbei und verloren war. Auch Magda würde bei mir bleiben, bei uns, davon war ich fest überzeugt.

Wir tranken Blutsbrüderschaft. Milch mit ein paar Tropfen Blut. Ich fühlte mich wie Old Shatterhand, Abi war mein Winnetou. Den Vergleich fand ich passend, schließlich seien die Indianer ebenfalls brutal verfolgt worden, sagte ich, und Old Shatterhand war ihr großer weißer Freund.
Abi schaute mich skeptisch an, erwiderte nichts. Ich spürte, dass ihm dieser Vergleich nicht gefiel, und da ich Abi nicht ärgern wollte, stammelte ich schnell etwas von großer Freundschaft, wie bei Schiller, »Bürgschaft« und so.

Unglaublich schnell flog die Woche vorüber, trotz meiner Sehnsucht nach Magda.
Ich glühte.
Ich besorgte Essen und Trinken für Abi, ich brachte ihm Kleidung ins Baumhaus, teilte alles mit ihm, von der Zahnpasta bis zu meinen Büchern.
Wir saßen nebeneinander hoch oben im Baum und lasen im selben Buch. Abi blätterte die Seiten um, denn ich las schneller als er.
Abends, wenn es zu dunkel zum Lesen wurde und wir nicht wagten, die Kerze anzuzünden, die ich mitgebracht hatte, erzählte Abi von seinem bisherigen Leben, seinen Eltern, seinem Judentum, das ihm nichts bedeutet hatte, bis er erfuhr, dass seine Eltern und er gerade deswegen verachtet und verfolgt wurden. Seitdem war er stolz darauf, ein Jude zu sein. »Schau dir doch die Typen an, die uns hassen. Diese groben, dummen Gesichter! Dieses Marschieren, immer marschieren sie! Ekelhaft.«
Ich stimmte eifrig zu, sprach davon, wie unangenehm sich die anderen Jungen veränderten, wenn sie in der HJ marschierten oder Befehle erteilen durften.
Nur bevor ich ins Bett ging, die Zähne putzte und mein Gesicht im Spiegel ansah, zweifelte ich an mir: Bin ich nicht auch blond? Wie grob ist mein Gesicht, wie dumm?
Am Morgen sagte ich Abi, was ich in der Nacht vor dem Spiegel gedacht hatte. Er beruhigte mich. Dass ich anders sei, das habe er sofort gemerkt. Welcher Nazi-Junge würde sich schon in den Wald zurückziehen, in ein Baumhaus, und dort lesen, nichts als lesen? Als der »Buddenbrooks«-Band auf den Waldboden fiel, sei sowieso alles klar gewesen.
Wir seien Freunde. Auf immer und ewig.
Blutsbrüder.
Wir umarmten uns schweigend.
Nie wieder würde ich später irgendjemanden so tief in mein Herz hineinschauen lassen. Selbst Magda nicht.
Ich hatte sie Abi gegenüber nur beiläufig erwähnt. Die Gefühle, die ich für sie empfand, dieses Begehren, wenn ich sie berührte, das schien mir nicht das richtige Thema.
Zumal ich nicht zugeben wollte, dass ich Magda mehr liebte als sie mich. Dass sie mich eigentlich gar nicht liebte.
Nur mochte.
Nicht, dass ich mich vor Abi deswegen schämte. Wir hatten uns gegenseitig vieles gestanden, vor allem jene einsamen heimlichen Aufwallungen der Jugend. Aber ich scheute mich, ihm meine Liebe zu Magda zu offenbaren. Ich dachte, es könnte ihn traurig machen, dass ich noch einen anderen Menschen ins Herz geschlossen hatte.

8
Außerdem hatte ich geschworen, zu niemandem ein Wort über uns, über ihn zu sagen.

Mein sechzehnjähriger Kopf, benebelt von Geheimnis, Abenteurer, Freundschaft, Liebe und Begehren, nahm die tödliche Gefahr, in der Abi schwebte, nicht so ernst wie er. Für mich war es, als sei ich in ein spannendes Buch eingetaucht, und bisher hatte jedes dieser Bücher ein glückliches Ende gefunden.
Daher dachte ich mir nichts dabei, im Moment des größten Glücks auch mein größtes Geheimnis mit Magda zu teilen.
Als ich ins Baumhaus kletterte und sie hinter mir auftauchte, fuhr Abi zu Tode erschocken zusammen und wich kreidebleich zurück.
»Keine Angst, das ist Magda. Wir können ihr vertrauen. Ich weiß es genau.«
»Magda, das ist Abi, mein Blutsbruder. Wir haben ein großes Geheimnis. Nur du darfst davon wissen.«
Hörten die beiden mir überhaupt zu?
Magda schaute Abi an
Abi entspannte sich.
Er lächelte sie an.
Sie lächelte ihn an.
Ich lächelte beide an.
Mein Blutsbruder mochte mein Mädchen. Schön.
Wir waren zu dritt.
Abi fasste sofort Vertrauen zu Magda. Er offenbarte ihr sein Geheimnis, unser Geheimnis, nichts verschwieg er. Welch ein Wunder es sei, dass er mich beziehungsweise ich ihn gefunden hatte, ich sei sein Lebensretter. Er zählte sogar die Bücher auf, die wir in der letzten Woche gelesen hatten, auch, wie wir sie gelesen hatten – was mir ein bisschen peinlich war, ihm überhaupt nicht. Magda hörte wie gebannt zu, schaute Abi unentwegt ins Gesicht, was ihn zu verunsichern schien, denn er schaute beim Sprechen mich an und ließ nur hin und wieder seinen Blick zu ihr schweifen.
Ich ahnte es. Als ich nach Magdas Hand griff, zog sie sie weg.
Da wusste ich es.
Um es kurz zu machen: Magda verliebte sich Hals über Kopf in Abi. Als ich sie an diesem Abend nach Hause brachte, umarmte sie mich, küsste mich noch einmal, aber mit geschlossenen Lippen, auf den Mund und bat mich um Verzeihung: »Ich kann nichts dafür, Edgar. Es ist die große Liebe. Wir bleiben Freunde, ja?«
So einfach ging das also.
An einem Tag von der Hoffnung über die Glückseligkeit in die Verzweiflung getaumelt.
Sicher, wir waren erst 16, himmelhoch jauchzen, zu Tode betrübt sein, das gehört in diesem Alter dazu, sagen wir, wenn wir älter geworden sind und die Bandbreite der Gefühle schmaler wird. Aber können wir dann noch nachempfinden, wie sehr Jugendliche leiden, wenn sie leiden?
Ich weiß auch heute noch, wie sehr ich litt.
Aber das entschuldigt nichts.

Auf den Gedanken, dass Abi mein Rivale ist, der mir die Geliebte weggenommen hat, kam ich nicht.
So war es auch nicht. Er wusste ja zunächst nicht einmal, dass Magda sich auf den ersten Blick in ihn verliebt und sofort von mir entliebt hatte.
Ich lief an diesem Abend weinend zurück in den Wald und klagte Abi mein Leid. Der Freund tröstete mich. Ich solle mir keine Sorgen machen. Er würde mir Magda niemals wegnehmen.
Außerdem sei er nicht verliebt.
Er habe andere Sorgen.
Auch ihm liefen Tränen übers Gesicht.
›Warum weinst du?‹
›Ich denke an meine Eltern.‹
Seine Eltern. An sie hatte ich gar nicht mehr gedacht.
Ich nahm ihn tröstend in den Arm.
Ich gebe zu, ich war erleichtert. Ein Junge, der den Tod seiner Eltern betrauert, kann sich nicht in ein Mädchen verlieben, das schien mir sicher.
Aber dass Magda sich in mich zurückverlieben könnte, schien mir unmöglich.
Abi trauerte um seine Eltern, ich um meine Liebe, und Magda würde bald traurig sein, weil Abi sie nicht liebt.
Wie sollte es bloß mit uns weitergehen?
Hätte ich Magda in meinem kurzen Glücksrausch doch nur nicht in mein Geheimnis eingeweiht!

Aber es ging weiter, in aller Freundschaft und Harmonie.

9
Magda ahnte nicht, dass ich dem Freund die Wahrheit gesagt hatte. Mir hatte sie die Liebe zu Abi gestanden, als sei ich ihre beste Freundin, und die beste Freundin verrät keine Geheimnisse.
So wussten wir drei, dass Magda in Abi verliebt war, aber sie wusste nicht, dass Abi es wusste.
Welch ein Kuddelmuddel. Aber es hielt unsere Freundschaft am Leben.

Wir hatten noch zwei Wochen.
Der Sommer neigte sich, legte aber in einer letzten Anstrengung eine Hitzewelle übers Land.
Selbst in meinem luftigen Baumhaus hoch oben war es warm. Und eng. Sehr eng.
Wir redeten, lasen, schwiegen miteinander.
Vertraut wie eineiige Drillinge. Wir blickten tief in unsere Köpfe und Seelen, gaben uns einander preis.
Aber das Tabu blieb.
Wenn wir nebeneinander saßen, Magda in der Mitte, drängte ich mich an sie, sie wich aus, sodass sie enger an Abi rückte, der bis an die Bretterwand zurückwich. Wenn Magda ihm noch näher rückte, weil ich von der anderen Seite drängte, gab ich meine Annäherungsversuche auf, zog mich bis an meine Bretterwandseite zurück, weil Magda dann von Abi ablassen musste. Hätte sie es nicht getan, wäre zwischen uns eine große Lücke entstanden, während sie und Abi aneinandergepresst gesessen hätten. Danach sehnte sie sich, was wir alle drei wussten, aber wir wussten auch: Dies war das Tabu.
Gleicher Abstand für alle.

Wir witzelten sogar über unsere Körperkontakte.
»Igitt, ich stinke wie ein nasser Fuchs, bleib mir vom Leib, sonst stecke ich dich an mit meinem Gestank«, begründete Abi sein Zurückweichen vor Magda.
Ihr Zurückweichen vor mir kränkte und enttäuschte mich, aber ich kommentierte es in gespielter Beleidigung mit Sprüchen wie »Du kannst mich wohl nicht riechen, dabei habe ich mit der Parfümseife meiner Tante geduscht. Hat sie selbst gemacht, mit echtem Dunggeschmack.«
So blödelten wir. Und waren innerlich in Aufruhr.
Bis Abi eines Abends seufzte: »Ich würde so gerne einmal duschen.« Ich schöpfte zwar jeden Tag auf dem Weg zu ihm Wasser aus dem Bach in eine Literflasche, damit er sich notdürftig waschen konnte. Aber duschen?
Seife und Zahnpasta hatte ich ihm schon am ersten Tag mitgebracht, später sogar Kleider von mir zum Wechseln. Magda hatte es sich daraufhin nicht nehmen lassen, Abis eigene Hose und Hemd mit nach Hause zu nehmen und dort heimlich zu waschen. Sie versicherte Abi, dass niemand Verdacht schöpfen könne, ihre Mutter komme nie nach unten, und ihr Vater sei tagsüber nicht zu Hause.
Magdas Vater musste seit Kurzem arbeiten gehen, weil seine Wirtschaft zu wenig Gäste hatte. Er öffnete sie jetzt erst abends, nach »dem Dienst als Personalaufseher«, wie er es nannte.
Magda sprach nicht gerne über diesen »Dienst« in der kleinen Stadt am Rande der großen.

Wir erfüllten Abis Wunsch nach einer Dusche. In der Nacht brachte ich eine Badehose, ein langes, festes Seil und drei Gießkannen aus Tantes Garten in den Wald. Am Bachlauf füllte ich eine auf, ließ die beiden leeren stehen und schleppte die volle zur Lichtung. Dann ging ich zurück und ließ die anderen Gießkannen volllaufen. Abi durfte nicht helfen – auch nachts war es zu gefährlich, den schützenden Wald zu verlassen.
Es musste schon Mitternacht sein. Kein Mond am Himmel, nur die Sterne leuchteten.
Wir schauten aus dem Baumhaus auf die Lichtung.
Eine friedliche Nacht.
Schemenhaft tauchten Rehe auf.
Der Ruf des Uhus wirkte auf uns nicht unheimlich, sondern beruhigend.
Wenn der Uhu ruft, ist außer uns kein Mensch im Wald.
Dachten wir.
Magda lag längst zu Hause im Bett und schlief.
Über sie, über das Tabu hatten wir nicht mehr gesprochen. Wir waren uns einig.
Er wird mir Magda niemals wegnehmen.

10
Er ist nicht in sie verliebt.
Er hat andere Sorgen.
Die Frage war nur, ob ich Magda zurückgewänne.
»Ob Magda . . . «
Ich ließ es unausgesprochen.
Abi nahm meine Hand und drückte sie fest.
»Ich bin dein Freund.«

Am nächsten Morgen gingen Magda und ich Hand in Hand zum großen Abi-Duschen. Obwohl sie meine Hand unbefangen und freundschaftlich nahm, wuchs in mir neue Hoffnung.
Als Abi uns sah, kletterte er schnell aus dem Baumhaus.
Er hatte schon meine Badehose an.
Ich war froh, seinen nackten, weißen, mageren Oberkörper zu sehen und die spillerigen Beine. Auch ich zog schnell mein Hemd aus, damit Magda vergleichen konnte.
Sie sah mich gar nicht an.
Sie knöpfte ihr Kleid auf. Darunter trug sie einen Badeanzug. Es war ein anständiger, züchtiger Badeanzug, aber er weckte keine züchtigen Gedanken.
Bei Abi auch nicht.
Man konnte es sehen. Abi drehte sich um, griff nach dem Seil und warf es über einen Ast. Ich nahm das eine Ende des Seils und hielt es fest. Magda band das andere Ende um den Henkel der Gießkanne
»Auf geht’s, zieh das Seil hoch«, juchzte sie.
Ich tat es.
Abi stellte sich unter die hängende Gießkanne.
Magda trat hinter ihn, reckte sich und hob die Gießkanne von unten an.
Jubelnd duschte sie ihn ab.
Ich sah genau hin, wie sie dort stand, mit erhobenen Armen. Wie zufällig berührte sie ihn, scheinbar um Gleichgewicht bemüht, mit Stellen, die ich so gerne berührt hätte. Ihr Busen streifte seinen Rücken, Abis Rücken versteifte sich, aber nicht nur der, denn nun wurde sein Rücken auch noch eingeseift.
Die Prozedur wiederholte sich zweimal.
Magda schickte mich zum Bach, die beiden Gießkannen nachfüllen. Ich ging erst gemächlich.
Außer Sicht, sprintete ich zum Bach, füllte die Gießkannen und hastete zurück. Kurz vor der Lichtung tastete ich mich vorsichtig weiter.
Sie standen eng umschlungen.
Das heißt, Abi stand stocksteif, Magda hielt ihn umschlungen.
Und küsste ihn.
Wie sie mich einmal und nie wieder geküsst hatte.
Ihn küsste sie immer wieder.
Ich zog mich ein paar Schritte zurück und trampelte los.
Als ich auf die Lichtung kam, waren sie auseinander.
Magda lächelte selig, beachtete mich nicht.
Abi, im Gesicht rot angelaufen, sah mich leidend an.
Oder mitleidig? Er zuckte hilflos mit den Achseln.
Magda juchzte erneut. »Auf geht’s, zieh das Seil hoch!«
Während sie ihn abduschte, kreiste ein Vers aus der Bürgschaft in meinem Kopf.
Am Seil schon zieht man den Freund empor . . .

Am nächsten Morgen riss mich Magda aus dem Schlaf. Die Tante und ihre Leute arbeiteten schon auf dem Feld. Magda war in den Hof geradelt, ins Haus und in mein Zimmer gestürmt.
»Schnell, schnell, sie suchen Abi!«
Verschlafen und verdattert wie ich war, dauerte es eine Weile, bis ich verstand.
Magdas Vater musste früher zum »Dienst«, weil die regulären »Personalaufseher« – Magdas Vater war nur Aushilfe – nach einem »Judenbengel« suchten, der »seine Eltern ermordet hat«. Dafür bekomme er zwar mildernde Umstände, hoho, doch dass er seiner Einlieferung entflohen sei, werde ihm das Genick brechen. Heute früh beginne die Suche im Bergwald. In unserem Wald.
Ich sprang auf, kümmerte mich nicht darum, dass ich nackt geschlafen hatte, griff nach der Hose, schlüpfte in die Sandalen und rannte aus dem Haus, zu meinem Rad.
Platt.
Ich riss Magda das Rad aus den Händen und raste los, über Feld, Stock und Stein.
Am Bach ließ ich das Rad liegen und hastete weiter.
In meinem Kopf fuhr ein Bild Karussell, Magda hatte es heraufbeschworen, als sie mir nachgerufen hatte: »Die Gießkanne!«

11
Am Abend zuvor hatte ich zwei Gießkannen mit nach Hause genommen.
Die dritte lag unter dem Ast, über dem noch das Seil hing. Abi hatte bestimmt vergessen, sie zu verstecken.
Außer Atem stürmte ich auf die Lichtung zu.
Ich hörte Stimmen.
Langsam schlich ich weiter, versteckte mich hinter dem Stamm einer Eiche.
Auf der Lichtung stand ein Trupp Uniformierter.
Sie suchten Abi, wollten von der Lichtung aus den Wald durchkämmen
Sie ahnten nicht, dass Abi über ihnen im Baumhaus saß.
Die Gießkanne war weg.
Das Seil war weg.
Abi hatte aufgepasst.
Gott sei dank.

»Na, mein Junge, willst du uns suchen helfen?«
Eine schwere Hand legte sich von hinten auf meinen Kopf.
Der Mann schaute mich an.
Mich, den blonden, großen, muskulösen Arierbengel.
Keine Verwechslungsgefahr.

Abi war in Sicherheit, auch mir drohte keine Gefahr.
Gerade noch einmal gutgegangen.
Beim Duschen.
Seine Badehose.
Man konnte es sehen.
Ich überlegte nicht, es brach aus mir heraus.
Ich deutete nach oben, zu meinem perfekt getarnten Baumhaus.
»Dort oben, da ist er.«

Ich habe ihn verraten. Warum, weiß ich auch nicht. Ich wollte ihn warnen. Und dann dieser . . . Blackout. Das Zeigen mit dem Finger hinauf zum Baumhaus, der Satz, der aus mir herausbrach, das wollte ich nicht, das war nicht ich.

Als ich nach oben deutete und ihn verriet, blieb die Zeit für mich stehen. Das Leben ging weiter, die Zeit verrann, aber nicht für mich, ich stand all die Jahrzehnte auf der Lichtung und verriet meinen besten, meinen einzigen Freund und schickte ihn in den Tod.
Es gab keine Sekunde meines Lebens, in der ich dieses Bild vergessen habe.
Auch nicht, wie sie Abi aus dem Baumhaus, aus unserem Reich zerrten. Wie sie ihn herunterstießen, er aufschlug, umknickte, vor Schmerz aufschrie.
Einer sprang herunter, ein Buch in der Hand.
Die Buddenbrooks, im Mein Kampf-Umschlag.
»Das kleine Judenschwein hat sich in der Baumhütte dort oben versteckt, die ein deutscher Junge gebaut hat. Typisch Jude. Schmarotzer.«
Er schlug Abi die Faust ins Gesicht. Blut spritzte aus der Nase, angeekelt wich der Schläger zurück.
»Das Werk des Führers mit diesem entarteten Machwerk zu besudeln, das wirst du noch bereuen.«
Der Mann hinter mir hieb mir gönnerhaft auf die Schulter.
»Gut gemacht. Ohne dich hätten wir den Kerl da oben nie gefunden.«
Sie stießen Abi vor sich her, er strauchelte – sein verletzter Fuß. Sie wollten ihre Trophäe so schnell wie möglich stolz in der Stadt präsentieren, schleiften Abi hinter sich her, dann stand ich alleine auf unserer Lichtung.
Ich fühlte mich nicht wie erstarrt, ich war erstarrt, konnte mich nicht bewegen. Ich fühlte nichts, ich dachte nichts. Ich weiß nicht, wie lange ich dort regungslos stand. Irgendwann muss ich die Besinnung verloren haben.
Als ich zu mir kam, lag ich im Gras, schaute in den blauen Himmel und wollte sterben.

Die lange Zeit danach, sie ist schnell erzählt.
Magda hatte sich, als sie mir nachlaufen wollte, den Fuß gebrochen. Als meine Tante von der Feldarbeit zurückkam, sah sie Magda vor dem Hof liegen, zitternd und weinend, und ließ sie vom Knecht nach Hause bringen.
Ich wollte sie besuchen, konnte aber nicht zu ihr. Sie hatte hohes Fieber.
Als sich ihr Zustand nach einer Woche besserte, durfte ich sie endlich sehen.
In ihre Kammer kam ich nur in Begleitung der Musiklehrerin. Magdas Vater hatte sie verständigt, sie wollte sich bis zum Schulbeginn um ihre beste Schülerin kümmern, auch um deren Mutter.
Dem Vater war es nur recht, er ging tagsüber zu seinem »Dienst«, und war abends sein bester Gast.

12
Ich näherte mich beklommen Magdas Bett.
Sie sah wunderschön aus mit ihren goldenen Locken, dem schneeweißen Gesicht und den blutroten Lippen. Sie zog mich an sich, hob ihren Kopf, kam mit den Lippen näher, ich schloss die Augen . . . aber sie küsste mich nicht, sondern hauchte in mein Ohr: »Hast du Abi rechtzeitig gewarnt? Wo ist er? Pass bitte gut auf ihn auf.«
Das Fieber. Sie wusste also noch nicht, was das ganze Dorf wusste. Dass der »Judenbengel« gefunden und schon im Lager war, dass ein noch unbekannter deutscher Junge ihn entdeckt hatte, der brave, bescheidene Bub sollte sich zur Belobigung melden, hatte es aber noch nicht getan.
Verwirrt nickte ich, Magda lächelte erleichtert, sank in die Kissen zurück, da polterte jemand die Treppe hoch, riss die Tür auf. Ihr Vater.
»Das kleine Schwein wollte schon wieder abhauen. In meiner Dienstzeit! Aber nicht mit mir. Abgeknallt habe ich ihn, diesen verdammten Abraham Weiss! Sie wollen mich zur Belohnung fest anstellen, Mädchen, bald fahren wir beide in Urlaub, an die Nordsee, da wirst du schnell gesund. Das wird jetzt gefeiert!« Er polterte die Treppe hinunter, in seine Gaststube, in der er sich glücklich betrinken würde.
Ihr Vater hatte in seiner Euphorie nicht bemerkt, dass seine Tochter bei dem Namen »Abraham Weiss« wie vom Blitz getroffen zusammengezuckt war und nun ohnmächtig im Bett lag.
»Dieser Grobian«, zischte die Lehrerin. Mich scheuchte sie hinaus. Das sei zu viel gewesen für Magda, aber sie werde sich schon wieder erholen. Nur ein kleiner Rückfall.
Das letzte, was ich von Magda sah, als ich mich in der Tür noch einmal umdrehte, war ihr weißes Gesicht, über das die Lehrerin zärtlich mit einem feuchten Stück Stoff wischte.
Für die aufwallende Eifersucht hätte ich mich gehasst, aber noch mehr, als ich mich hasste, konnte ich mich nicht mehr hassen. Auch nicht für das Gefühl des Gekränktseins, weil Abi ihr und nicht mir gesagt hatte, wie er richtig hieß.
Abraham Weiss.
Der jüdische Elternmörder.
Auf der Flucht erschossen.
Es stand sogar in der Zeitung.
Mit Bild.
Abi. Mein Blutsbruder.
Er war es.
Kein Zweifel möglich.

Zwei Tage später stand ein vollgepacktes Auto vor dem Hof.
Meine Eltern.
Mutter weinte. Diesmal waren die Bomber nicht weitergeflogen. Unser Haus gab es nicht mehr.
Vater war in aufgekratzter Stimmung. »Wir sind gesund, der Krieg ist bald vorbei, was wollt ihr mehr?«
Auch die Tante freute sich. Sie glaubte, wir blieben bei ihr.
Aber wir blieben nicht. Ich musste schnell meine Sachen zusammenpacken und mich auf den Rücksitz zwängen. Ein alter Kriegskamerad von Vater war gestorben, er wohnte in einer kleinen Villa am Bodensee, ohne Angehörige.
Die Villa gehörte nun uns.
Fröhlich singend kutschierte Vater uns mit einem Arm zum Bodensee.
»So etwas nennt man Glück im Unglück, mein Sohn.«
In meinem Unglück gab es kein Glück mehr.

Ein paar Tage später schrieb die Tante einen Brief. Magda war spurlos verschwunden. Das ganze Dorf suchte sie.
Nach drei Tagen wurde sie gefunden.
Im Baumhaus.
Sie muss schon seit Tagen tot gewesen sein.

Ich war übrig. Der Letzte aus unserem Bunde, schuld am Tod der beiden geliebten Menschen.

Vater organisierte einen Lastwagen, mit dem wir unsere restliche gerettete Habe aus der Heimat holen wollten, die bei einem Nachbarn untergebracht war.
Am Abend heulten in der Ruinenlandschaft der Stadt die Sirenen. Sollte sie etwa noch einmal bombardiert werden?
Wir packten schnell zusammen und fuhren los.
Wir schafften es aus der Stadt heraus.

13
Ich drehte mich um, sah helle Lichtblitze und glutrote Flammen, schlug die Hände vor die Augen und drehte mich um. Da schlug der Blitz ein.

Ich erwachte in einem überfüllten Lazarett. Die Krankenschwestern waren zu beschäftigt, um mich schonend vorzubereiten: Eine Bombe hatte den Lastwagen getroffen, ich sei herausgeschleudert worden, die beiden Erwachsenen seien tot, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, mussten aber sofort tot gewesen sein, gelitten hätten sie nicht.
»Und wie heißt du, mein Junge?«
»Ich bin der Edgar …«
Ich verstummte.
In den nächsten Tagen und Wochen behauptete ich standhaft, ich heiße Edgar, mehr wisse ich nicht.
Die wenigen Ärzte hatten Wichtigeres zu tun, als sich um die Amnesie eines Jungen zu kümmern.
Ich hieß nur »der Junge«.
Später wurde mir ein Ersatzpass ausgestellt. Sinnigerweise auf »Edgar Junge«.
Der Krieg ging zu Ende, niemand kümmert sich um mich, der nun Edgar Junge hieß.
Abi, Magda, das Baumhaus – vorbei und nicht vergessen.
Mehr als 60 Jahre lang habe ich versucht, meine Sünden zu büßen.
Gelernt, studiert, gearbeitet, von morgens bis abends.
Freizeit hatte und wollte ich nie, denn dann wären die dunklen Gedanken gekommen.
Ich wurde Arzt, Chefarzt, ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft, obwohl ich nie heiratete, was anfangs für Gerede sorgte, das mich nie interessierte.
Hilfsorganisationen suchten meinen Rat, meine Hilfe und nicht zuletzt mein Geld. Ich gab ihnen alles, was ich geben konnte.
Das Gefühl der Schuld verließ mich nie und wurde größer, je mehr mein Nimbus als guter Mensch wuchs.
Als ich 80 wurde, sollte ich mit dem Friedenspreis geehrt werden. In den Tagen zuvor verstörten mich merkwürdige Anrufe aus dem Ministerium. Fragen nach meiner Gesundheit, nach meiner Amnesie, ob ich Freunde habe, mich an Freunde von früher erinnern könne, wenigstens ansatzweise. Ich musste mich einem Gesundheitscheck unterziehen. Nur zur Vorsicht, hieß es, ich wisse ja, dass Ärzte der eigenen Gesundheit gegenüber am nachlässigsten seien.
Was sollte das? Wurde meine politische Zuverlässigkeit abgeklopft? Nach verräterischen körperlichen Merkmalen gesucht? Hatte jemand Verdacht geschöpft, traute meinem Gedächtnisverlust nicht?
Zuletzt hatte es in Deutschland einige Schlagzeilen über literarische und akademische Größen gegeben, die »vergessen« hatten, dass sie als 16-Jährige stramme Jungnazis waren. Waren sie nun mir auf der Spur, einem 16-jährigen Jungnazi, der einen Jungen, der ihn als Freund ansah, ins KZ gebracht und ein gleichaltriges Mädchen in den Tod getrieben hatte?
Am liebsten hätte ich den Preis abgelehnt, aber das hätte noch mehr Aufsehen erregt als die Annahme. Ich versuchte, mich zu beruhigen: Alles nur Routinefragen, wüsste irgendjemand die Wahrheit, würde er mich bloßstellen und nicht öffentlich ehren.

Eine Woche später wurde mir in der Paulskirche der Friedenspreis verliehen.
In der Nacht zuvor träumte ich wieder von Abi und Magda.
Zusammen in der Baumhütte, uns laut aus den Buddenbrooks vorlesend. Magda zwischen uns, wir beide eng an sie herangerückt.
Wir waren glücklich.
Ich wusste nicht, wie ich die Ehrung überstehen sollte.
Als es hell wurde, verließ ich das Hotel und wanderte ziellos durch die Stadt.
Zur Ehrung ging ich wie zu meiner Hinrichtung.

Die Laudatio auf mich sollte ein Überraschungsgast halten.
Wer sollte mich schon überraschen?
Aber noch bevor ich sah, wer hinter dem Vorhang hervortrat und zum Rednerpult ging, lief es mir kalt und heiß über den Rücken. Ein alter Mann, aber jugendlich straff, sprang elastisch auf das Podium, wobei ihm eine graue Locke vorwitzig in die Stirn fiel.

 

14
Der alte Mann in der Paulskirche, es wird Sie nicht mehr überraschen, es war Abi. Alt, aber ungebeugt, viel jünger und lebendiger als ich.

Er hielt eine Laudatio, die alle zu Tränen rührte. Edgar, das Baumhaus, die Buddenbrooks. Magda, die gemeinsame platonische Freundin.
Wie er beide nach dem Krieg vergeblich gesucht hatte. Magda war tot, sie hatte aus Ekel über ihren Nazi-Vater nicht mehr leben wollen. Edgar war in den Wirren der letzten Kriegsmonate spurlos verschwunden. Er hatte ihn nie vergessen.
Jahrzehnte später, im Winter seines Lebens, hatte er den Freund eines unvergesslichen Sommers doch noch ausfindig machen können. Im Internet stieß er auf den Artikel einer deutschen Lokalzeitung, in dem über ein Hilfsprojekt berichtet wurde, das von einem einheimischen Arzt großzügig finanziert wurde. Mit einem Bild des Wohltäters. Unverkennbar, auch nach all den Jahren, Edgar, sein Freund Edgar.
Er wollte sich sofort ins Flugzeug setzen, von Tel Aviv nach Deutschland fliegen und Edgar besuchen. Aber dann kamen ihm Zweifel. Sie waren beide alt, wer weiß, wie gesund Edgar noch war und ob er diesen Überfall verkraften konnte.
Abi hatte in seiner neuen Heimat beruflich gute Beziehungen aufgebaut, die er nutzte, um vorsichtig auszukundschaften, in welcher Verfassung Edgar war.
Er sagte es mit einem Augenzwinkern, das im Auditorium mit hörbarem Schmunzeln beantwortet wurde.
Ich dachte: Mossad!
Er sagte: »Eine Tragödie.« Abi war alles andere als überrascht , als er feststellte, dass Edgar noch der gute Mensch war, der er schon mit 16 gewesen sei. Auch die Bescheidenheit überraschte ihn nicht, das Wirken im Hintergrund, ohne sich in der Öffentlichkeit eitel zu spreizen.
»So ist er nun mal, mein Freund Edgar.«
So viele gute Taten! Und die erste sei die beste gewesen, für ihn jedenfalls, den »Judenbengel«. Aber Edgar wusste nichts mehr davon, wie seine Kundschafter – Abi gebrauchte tatsächlich dieses Wort – ihm berichteten. Abi erfuhr von dem Unfall, von der Amnesie des armen Jungen Edgar, der nur seinen Vornamen wusste und fortan »Junge« hieß.
Daher bereitete Abi das Wiedersehen vorsichtig und akribisch vor. Der Gesundheitscheck, die Fragen zu meiner Belastungsfähigkeit, die seltsamen Andeutungen, die mich verstört hatten – alles von Abi gesteuert, damit ich den freudigen Schock verkraften konnte. Auch die Verleihung des Friedenspreises hatte Abi von langer Hand vorbereitet. Die Geschichte vom Baumhaus und den Buddenbrooks, von der Freundschaft, der Lebensgefahr und dem tragischen Tod der Freundin hatte das Komitee schnell überzeugt, einen besseren, würdigeren Preisträger, hieß es einstimmig, habe es noch nie gegeben.
»Und darum, lieber Freund, fliegen wir beide morgen zusammen nach Israel, nach Jad Vaschem. Es ist mir eine Ehre, dort dabei sein zu dürfen, wenn mein Freund, mein Blutsbruder, als Gerechter unter den Völkern gewürdigt wird.«
Ein Raunen ging durch die Menge, die Menschen standen auf, viele hatten Tränen in den Augen, Beifall brandete auf, von der Bühne her kam Abi auf mich zu, breit lachend, mit weit ausgebreiteten Armen, ich wollte in der Erde versinken . . . und plötzlich war Stille. Abi erstarrte in der Bewegung, die Welt hielt an, ich erhob mich. Und fiel in Ohnmacht.

Als ich aufwachte, lag ich im Krankenhaus. Abi saß neben meinem Bett und strahlte mich an.
»Mein Freund! Wie schön, dass du aufwachst. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn dir meine Heimlichtuerei geschadet hätte.«
Er drückte bewegt meine Hand.
Ich schloss die Augen.
Und dachte nach.
Wie hatte Abi überleben können?
Da fiel mir das Bein ein. Das Bein, das er sich verstaucht hatte. Schwer verstaucht, vielleicht sogar gebrochen.

 

15
»Auf der Flucht erschossen«? So war zwar damals die Sprachregelung, aber Magdas Vater sprach nicht in solchen Floskeln. Wenn er einen »Judenbengel« auf der Flucht erschoss, muss sein Opfer gelaufen, weggelaufen sein – das konnte Abi gar nicht. Ich nehme an, er kam zunächst auf die Krankenstation, nachdem ihm der Schädel geschoren und Häftlingskleidung verpasst worden war. Er hatte seinen Pass immer dabei, im Schuh, hatte er mir verraten, für später, für nach dem Krieg. Niemand durfte im Konzentrationslager seinen Pass behalten, vielleicht hat er ihn versteckt, wahrscheinlich hat ein Mithäftling Abis Pass gefunden, was weiß ich, jedenfalls muss ein anderer kahlgeschorener jugendlicher Häftling Abis Pass mitgeführt haben, als er auf der Flucht erschossen wurde.

Erst spätabends fuhr Abi zurück zu seinem Hotel, nicht ohne anzukündigen, am nächsten Morgen wiederzukommen, er werde mich nicht mehr aus den Augen verlieren, Jad Vaschem müsse zwar noch warten, aber sobald ich wieder auf dem Damm sei, in zwei, drei Tagen, flögen wir gemeinsam nach Israel.
»Mein Freund, du wahrer Gerechter unter den Völkern.«

In der Nacht verließ ich das Krankenhaus und irrte in der Stadt herum.
Selbstmord wäre die einfachste Lösung. Aber dann würde Abi sich schuldig fühlen.
Die Wahrheit sagen?
Abi würde sie nicht verkraften.

Am Morgen sah ich, wie Sie das Tor der Kirche öffneten.
Ich habe nun gebeichtet.
Ich will keine Vergebung.
Ich will nur eines wissen.

Vater, was soll ich tun?

Ende

Veröffentlicht von neumann_o am 30. Juni 2011 .
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Sport, Gott & die Welt (gw-Blog Juni)

Sonntag, 26. Juni, 6.30 Uhr (+ 10.15 Uhr).

Kein Fuchs, keine Rocknacht, aber HR-”Inspirationen”. Über “Nobody is perfect”. Die Schatten im eigenen und im Leben der anderen. Wer sie erkennt und anerkennt, weiß von der Einmaligkeit des eigenen und des anderen Lebens. Ob der  Verfasser wusste, dass “Nobody is perfect” der Schlusssatz des Filmes ist, der in meiner Top 10 auf Platz eins steht? Obwohl er sich selbst widerspricht, denn nobody mag perfekt sein, “Manche mögen’s heiß” aber ist perfekt.

Mal schauen, was die Nacht an Nachrichten gebracht hat. Die Hackergruppe LulzSec, die in den vergangenen Wochen durch spektakuläre Attacken von sich Reden gemacht hat, hat ihre eigene Auflösung verkündet. Der Name der Gruppe
leitet sich ab vom englischen Szenewort «lulz» (LOL steht für «laugh
out loud», laut lachen) und «Security» (Sicherheit).
Lulz.

Vier Tage nach der Freilassung des chinesischen Künstlers und Aktivisten Ai Weiwei ist ein weiterer prominenter Bürgerrechtler auf freien Fuß gekommen. Nach Verbüßung einer dreieinhalbjährigen Haftstrafe sei Hu Jia seit dem frühen
Sonntagmorgen wieder bei seiner Familie, teilte die Frau des 37-Jährigen am Sonntag via Twitter mit.
Hessischer Kommentar: Ai wei, ui ja!

Boxweltmeister Felix Sturm hat seinen Titel im
Mittelgewicht zum zehnten Mal in Serie erfolgreich verteidigt. Der 32
Jahre alte Kölner besiegte Samstagnacht in seiner Heimatstadt den
Iren Matthew Macklin in zwölf Runden nach Punkten (116:112, 116:112,
113:115). «Wir machen auf jeden Fall einen zweiten Kampf», sagte
Sturm noch im Ring.
Den Kampf muss man nicht gesehen haben, die Punkteverteilung sagt alles, und Sturms Reaktion bestätigt es.

Aber gibt die Nacht nicht mehr an großen Nachrichten her? Doch, hier, endlich: Zum Welttag der Schlümpfe haben sich am Samstag 4617 Menschen in 12 Ländern als blaue Gnome mit weißer Zipfelmütze verkleidet – und damit nach belgischen Angaben einen neuen Weltrekord aufgestellt. Nie zuvor hätten sich so viele Menschen gleichzeitig in Schlumpf-Kostümen versammelt. Damit sei der Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde gesichert, meldete die belgische Nachrichtenagentur Belga.

Gleich sieben. Vader Abraham gegoogelt Wikipedia: Vader Abraham, bürgerlich: Pierre Kartner (Petrus Antonius Laurentius Kartner), (* 11. April 1935 in Elst) ist ein niederländischer Sänger, Komponist, Texter und Produzent. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Kartner ist der Komponist von Peter Alexanders Erfolgslied Die kleine Kneipe (auch bekannt als: Das kleine Beisl), wurde aber wohl am bekanntesten mit dem Lied der Schlümpfe.

Aber was ich gesucht habe, war nicht zu finden. Hatte Vader Abraham nicht mal negative Schlagzeilen, weil er politisch … ach, wenn man’s nicht weiß und nicht findet, sollte man’s lassen. Üble Nachrede gibt es im Internet genug.

So, jetzt ran an die letzte Sonntagsarbeit vor der Megaevent-Pause. Ein paar “Nachdruck”-Kolumnen vorschreiben, falls den Kollegen der aktuelle Stoff ausgeht.  Ob’s die Leser interessiert? Immer wieder die gleiche bange Frage bei einem neuen Kolumnen-Start. Diesmal geht es ja wirklich arg in die Vergangenheit, der erste Nachdruck stammt vom 2. Oktober 1976 und hat den BAL zum Thema. Vielleicht zu abseitig? Reines Minderheiten-Programm?

Wort zum Sonntag: Wenn Richard David Precht der Dieter Bohlen der Fernseh-Philosophie ist, dann ist Margot Käßmann die Verona Feldbusch des deutschen Protestantismus. Es gab schon Leser, die gefragt haben, was ich bloß gegen die Frau habe  … na ja, Reinhard Mohr schreibt in der Literarischen Welt eine Rezension (daraus das Zitat) des Käßmann-Buches “Sehnsucht nach Leben”. Titel: Klebrige Erbauungsprosa.

So bös am Sonntagmorgen? Bin ich das?  Nobody is perfect.

10.15 Uhr.

26.6., Sonntag, 7.02 Uhr. Unser Fuchs ist auch nicht mehr da. War wohl doch derselbe. Nachrichten über Ihren Fuchs gehören seit Wochen meiner ungeteilten Aufmerksamkeit. Das Grinsen vor einigen Wochen war wohl doch, wie ich Ihnen schon geschrieben habe, ein Lächeln der Ermutigung. Denn der Anstoß wird immer mehr zum Forum – mehr noch als früher – des Austausches für den nicht „postmodernen“ Menschen. Diesen zeichnet der Mangel an Beliebigkeit aus, will sagen, diesem sind humanistisch und sozial unterlegte Prinzipien zu Eigen, die der postmoderne Mensch im Interesse seiner Wellness, des Spaßes und der ewigen Party nicht mehr kennt oder sogar hasst. Ob das Ihrer Dynastie, Sie sehen, dieser Ausdruck hat mich sehr beeindruckt (in welche Richtung verrate ich nicht direkt), gefällt? Naja, ein Minderheitenprogramm verträgt ja selbst der moderne Mensch, der sich vom Prinzipiellen längst verabschiedet hat – seit Odo Marquard.

Sie haben mich an meine Grenzen geführt – geht schnell, gell? Es stolpert durch meine Erkenntnis: F., M., J. und P.  – wäre der – P. – nur nicht im Juni 2009 als unmündig erklärt worden. Immerhin, lange Recherchen über diese Namen führen zu mehr Bildung, auch wenn alles falsch ist. Habe ja noch Zeit, das alles zu überdenken. F. nur, weil er mit Sailer und Jürgens so eng liiert war, M., weil mir kein anderer Hesse einfällt, der derartig pointiert tiefgehende Kritik in dieser Richtung formuliert hat. J.  liegt zu Tage, oder eben auch nicht. Und P., weil sichtlich eine literarische Figur gemeint ist.

Wie gesagt, ich habe deutlich Grenzen. Aber dennoch: es macht mir viel Freude und man lernt dazu, auch wenn alles falsch ist. Und man macht sich so seine Sonntag – Morgen – Gedanken. (Hans-Ulrich Hauschild)

Samstag, 25. Juni, 16.45 Uhr.

Nicht so hastig! Die Lösungen rauschen nur so in den Mail-Briefkasten, obwohl alle Teilnehmer noch lange Bedenkzeit haben. Da es bei uns nur um den Spaß und die Rater-Ehre geht, können alle Lösungen so lange revidiert werden, bis die richtigen Antworten veröffentlicht werden. Tipps gibt’s daher natürlich keine mehr.

Lieber Anstoß, ärgere mich inzwischen, mich nicht früher beteiligt zu haben, da Wissen, Glück und Zufall mir auch in den ersten beiden Runden Treffer beschert hätten. Ist aber wie beim Lotto. Gewinnen bedingt die Teilnahme. (Thomas Koch)

Ja. Aber da die Raterei unbefristet weitergehen und zwischendurch auch noch schwieriger werden soll, haben auch Späteinsteiger noch Top-10-Chancen.

Die Sportseite ist stets meine erste Lektüre am Frühstückstisch, wobei ich immer mit den Rubriken “Anstoß etc.” beginne, sagen sie mir doch inhaltlich und sprachlich unbedingt zu und waren vor etlichen Jahren für den Tageszeitungswechsel mit entscheidend. (Jost-Eckhard Armbrecht)

Sie haben mir heute aus der Seele geschrieben in Bezug auf die Damen-WM! Solch ein künstlich erzeugter Hype (noch so’n Wort!). Fast hätte ich nämlich schon einen Leserbrief geschrieben. (Hans Gutmann)

Freitag, 24. Juni, 17.45 Uhr.

»Wer bin ich?« Schon trudeln die ersten Lösungen ein, die meisten sind richtig, nur die sechste Frage bleibt noch offen, und das soll auch so bleiben, sonst wird’s wieder nix mit der gewollten Selektivität. Auch online gibt es keine Tipps mehr. »Wer bin ich?«, die Frage aller Fragen aller Sinnsuchenden, soll bei uns wenigstens zu einem Sechstel unbeantwortet bleiben.

Wie versprochen habe ich monatelang kein böses Wort zur Frauen-WM geschrieben, also gar kein Wort. Die Abstinenz habe ich im Zeitungsdruck durchgehalten, und auch das soll online so bleiben. Mir soll’s ja nicht gehen wie dem jungen und nachweislich klugen Formel-1-Fahrer Rosberg, der sich windet, um etwas Nettes zu sagen, aber dabei gleich in zwei Fettnäpfchen landet: »Man schaut doch auch Paralympics – Menschen, die nicht ganz so große Leistungen bringen können, aber unter sich ist es trotzdem spannend. Vielleicht schon beim Halbfinale, spätestens beim Finale werde ich vor dem Fernseher sitzen.« Ai wei, ai weiwei!
Der für klare Worte bekannte Potsdamer Frauentrainer Bernd Schröder im FR-Interview: »Ich sehe hier die Gefahr, dass vor allem in den öffentlich-rechtlichen Sendern etwas hochgejubelt wird, was nach der WM dort fast gar nicht mehr stattfindet. (…) Bei all den Jubelarien kann er (Anm.: der Zuschauer) sich schnell verarscht vorkommen.« In der Frauen-Bundesliga »haben die meisten nur 600 bis 800 Zuschauer« (Schröder). Also etwa so viele wie Bundesliga-Volleyballerinnen. Und nun stelle man sich vor, Volleyball-WM in Deutschland, und dann dieser Hype! Man würde auch gerne wissen, was Supersportlerinnen wie Ariane Friedrich dazu sagen.

Kein böses Wort zur Frauen-WM? Ja. Warum auch. Denn mir geht es nicht um fußballspielende Frauen, sondern um das, was mit ihnen derzeit geschieht. Und das kann keiner selbstbewussten Frau recht sein.

Ai weiwei. Außerhalb von Kulturseiten wurde dieser Name erstmals erwähnt … natürlich! … im Sport-Stammtisch. 2007 war’s, es ging um die Documenta und um die »spinnerte Idee wie die von Ai Weiwei, tausend Chinesen nach Kassel einfliegen zu lassen«. Erinnern Sie sich? Damals weiter geulkt: »Der Chinese bringt nicht nur 1001 Landsleute, sondern auch den größten aller Künstler zur Documenta nach Kassel: Am Mittwoch krachte seine Installation ›Template‹ im Gewittersturm zusammen. Wieder aufbauen will er sein scheinbar ruiniertes Werk nicht, denn Ai Weiwei freut sich: ›Das ist besser als zuvor.‹ Natürlich! Natur!«
Kunst und Natur. In Dänemark, auf der Insel Langeland, gibt es in einem riesigen Schlosspark einige beeindruckende »moderne« Kunstwerke, bewusst in die Landschaft gestellt, in ihr verwitternd und sich mit ihr ändernd. So eindrucksvoll (Park, Landschaft, Kunst), dass ich drei Jahre hintereinander dort war, mit der Liebsten aus der liebsten Zielgruppe und zwei Hunden, die ebenfalls begeistert an der Kunst schnupperten und ihr auf Hundeart huldigten.

Da ich drei Wochen hintereinander keine Zeitungs-Kolumnen schreibe, stapeln sich jetzt schon die Themenzettelchen. Wird alles Mitte Juli nicht mehr zu verwerten sein, daher online angemerkt und danach ab in den Papierkorb: In Dallas, so eine Agenturmeldung gestern, kostete die Siegesfeier der Mavericks durch die Straßen der Stadt 340 000 Dollar (Polizei, Feuerwehr, Sanitäter usw.). Was unsere Fußball-Bundesligaklubs nicht so gerne hören (der DFB wg. Frauen-WM erst recht nicht): In den USA zahlt nicht der Steuerzahler, sondern der Verein (in Person des milliardenschweren Klubchefs Cuban). Heikles Thema, fast so heikel wie das Hype-Thema.

In »Bild« gelesen, was nicht heißt, dass es nicht stimmen müsste (und in Sachen Boris B. ist »Bild« sowieso bestinformiertes Blatt): Ein spanisches Gericht hat Beckers millionenteure Finca auf Mallorca gepfändet, was aber nicht die mich interessierende Nachricht ist, denn sie bedeutet nicht, dass Boris pleite ist, sondern dass es um langwierige rechtliche Auseinandersetzungen geht (was Pfändungsbeschlüsse bedeuten, kann  ich als Sohn eines Obergerichtsvollziehers, der sein erstes Taschengeld mit Protokollabschriften verdiente – der Sohn, nicht der Vater –,  einigermaßen nachvollziehen). Nein, die aparte Seite der »Bild«-Meldung: Auf einem Foto der Finca beschreibt das Blatt das Anwesen, u. a. ein »Amphitheater, von Ex-Frau Barbara geplant, die hier für Freunde open air singen wollte«. Da hätte ich gerne mal hörendes Mäuschen gespielt, wenn Babsi für Freunde im eigenen Amphiteater open air singt.

Was noch? Unser guter alter running gag von Dr. Nirwana Schwesterle wird von der Realsatire überholt: Erst kupfert sie ab wie KT, und jetzt schiebt sie die Schuld der Uni in die Schuhe, denn, Originalton auf ihrer Homepage. » Zur guten wissenschaftlichen Praxis gehört es aber sicher auch, eine vorgelegte Arbeit ordentlich zu prüfen.« Als Krönung der Gag zum Gag: Sie wird im EU-Parlament ab sofort Vollmitglied im Ausschuss für Industrie, Energie und … Forschung!

Noch ne Meldung aus der Politik. »Freispruch für Geert Wilders.« Auch hier bewegt mich nicht die Nachricht an sich, sondern das Bild dazu. Welch ein Typ! Das Gesicht! Die Frisur! Bei der Fußball-WM dürfte er jedenfalls nicht mitspielen: zu unmännlich (liebe Kickerinnen, ihr habt doch Humor: War nur Spaß!).

Letzte Meldung: Der buddhistisch angehauchte Ron Artest von den Los Angeles Lakers will seinen Namen in »Metta World Peace« ändern, was ungefähr  »Liebende Güte Weltfrieden« bedeutet. Vor einigen Jahren, da hieß er eher noch  »Wütende Furie Draufschläger«, sprang er während eines NBA-Spiels  unter die Zuschauer und vertrimmte einen Fan. Tempi passati. Nun liebt er gütig den Weltfrieden, und Lakers-Manager Kupchak pflichtet beflissen ein: »Ich bin generell ein Verfechter des Weltfriedens.«

Ich doch auch.

Dienstag, 21. Juni, 12.00 Uhr.

“Was sagen Sie nun?”  “Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis ich das realisiert habe.” Wie oft schon hat mich diese Sportler-Floskel geärgert! (Die dumme Frage natürlich auch) Wenn ich ein Tor schieße, meine Mannschaft gewinnt, Meister wird usw. usw. – was gibt’s daran erst später zu realisieren?

Gerade eben ist der neue Bundesliga-Spielplan veröffentlicht worden. BVB beginnt gegen den HSV, steht drüber. Mich interessiert aber ein anderer Klub. Gegen wen spielt die Eintracht? Und erst auswärts, oder ein Heimspiel? Die Augen huschen über die Paarungen des ersten Spieltages, scheinbar vorbei an der Eintracht, also langsam von vorne. Immer noch keine Eintracht.

Ach so.

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis ich das realisiert habe.

Sonntag, 19 . Juni, 6.15 Uhr (und 10.40)

Wo ist bloß mein Fuchs geblieben? Kerlchen, du lebst doch noch, oder?

Wieder zu früh, um letzte Töne der ARD-Rocknacht nicht zu hören. Einer ruft an und erzählt, wie Wetten dass war. Malle, La ola, Bohlen, alles klasse. Na prima. Gottschalk ist okay, aber so was muss man wirklich nicht sehen. Ich seh ja gar nichts mehr – Sommers nie, es sei denn, toller Sport kommt.

Drei Tage in Österreich, und schon mag man die Ösis. Ob ich im Trainingslager der Eintracht recherchiert habe? Ha. Ha. Ha.

Schönste, weil mir gut tuendste (am besten tuende?) nachgelesene Geschichte der Woche: Amina Abdallah Arraf al-Omari, eine lesbische syrische Bloggerin, hat in ihrem Internet-Blog A Gay Girl in Damascus den Volksaufstand in Syrien begleitet. Als sie von Assads Regime entführt wurde, schrieb ihre Cousine Rania Ismail den Blog weiter. Es gab internationale Proteste gegen die Verhaftung Aminas, bis sich jetzt herausstellte, dass der Blog von einem amerikanischen Studenten geschrieben wurde, der in Schottland lebt, in der Nähe von Loch Ness.

Mein Reden und Schreiben seit hundert Jahren, wie leichtgläubig und manipulierbar wir sind. Und wahrscheinlich stimmt auch diese Geschichte nicht, und der US-Student ist eine Inkarnation von Nessie. Und meinen Blog schreibt in Wirklichkeit Amina, die syrische Lesbe. Ich dagegen heiße Birgit Prinz, manche nennen mich schon die Ballack der Frauenelf, aber denen werde ich es demnächst zeigen! Schade, dass ich es nicht selbst sehen kann – Sommers nie.

Die Leichtgläubigsten aber sind die ganz und gar Ungläubigen, die zu wissen glauben, wie die Welt entstanden ist, funktioniert und enden wird. Ein göttlicher Scherzkeks treibt seine Späße mit ihnen. Fake! Fake! Fake!

10.40 Uhr.

Montagsthemen sind erledigt. Der Verlockung erlegen, die frühmorgendliche Blog-Lesbe Amira und Birgit Ballack in die Kolumne einzubauen. Der gw-Blog bleibt halt auch ein Stein(es)bruch für die Zeitungskolumne.

Mein Fuchs, siehe oben,  ist weg, vielleicht ist er nach Berlin geschnürt (die Fachvokabel deutet an, dass hier einer schreibt, der mit “Horst wird Förster”, “Horst und das Raubwild” usw. groß wurde und mit diesen Schneider-Büchern als Lehrstoff fest entschlossen war, Förster zu werden). Jedenfalls hat ihn Kurt Kister adoptiert, der in einer ganz anderen Liga Kolumnen schreibt als ich, aber ebenfalls auf den Fuchs gekommen ist, denn heute früh lese ich in seinem Deutscher Alltag (SZ-Wochenende): Es ist nicht ungewöhnlich, dass einem am Reichstag ein Fuchs entgegenkommt. (…) Eigentlich gehört der Fuchs nicht in die Innenstadt. Andererseits tut ihm da kaum jemand etwas und er kann im Tiergarten die Reste jener vielen Grillfeste mit Migrationshintergrund fressen.

Kein Wunder, dass mein Fuchs weg ist. Bei dem feudal gedeckten Tisch in der Haupstadt!

Pfingstsonntag, 12. Juni, 5.55 Uhr (Nachtrag: und 8.30 Uhr).

Zu früh selbst für den Fuchs. Auch für die ruhigen “Inspirationen” des HR. Im Radio noch “ARD-Rocknacht” mit für diese Tageszeit zu nerviger Musik und nervigem Gerede. Obwohl die übermuntere Rocknacht gerade richtig zum Aufwärmen sein müsste, denn ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Um acht, vielleicht schon um sieben, wird im gesamten Haus der Strom abgeschaltet, bis zum Abend geht dann gar nichts mehr. Wichtige grundlegende Arbeiten, auf den Pfingstsonntag gelegt, weil an diesem Tag niemand redaktionell arbeiten muss, jedenfalls nicht unbedingt mit dem Redaktionssystem. Außer dem armen gw. Weil der ab morgen drei Tage unterwegs ist und Montagsthemen, Ohne weitere Worte und Wer bin ich (Folge 2) vorschreibt, um der peniblen Kontrolle der Leser zu entgehen. Online sind wir ja unter uns, da kann ich mein Trauma zugeben: Da ich seit hundert Jahren fast regelmäßig mit dem Kürzel gw in der Zeitung auftauche, kann ich keine drei Tage Schreibpause einlegen, ohne dass besorgte (und/oder belustigte) Leser fragen: Wohl wieder mal Urlaub? Wohl wieder mal vom Esel gefallen? Wohl wieder mal vom Rad gestürzt? Wohl wieder mal die Rippen gebrochen? Die Zitate und das Rätsel habe ich schon gestern geschrieben und ihnen das Layout-Kleidchen gegeben, die Montagsthemen sind ebenfalls vorgeschrieben, jetzt kommt die Korrektur für die beiden Kolumnen für Mittwoch und Donnerstag, dann werden die Montagsthemen zu Ende geschrieben und wenn die Zeit noch reicht, ins Layout-Kleidchen gesteckt.  Wenn ich’s nicht rechtzeitig schaffe, werden sie den Kollegen gemailt, die müssen sie dann morgen neu einkleiden. Den Montagsthemen geht’s in jedem Fall besser als dem Blog und dem gesamten Online-Anstoß, der schon seit Monaten auf das versprochene neue Kleidchen wartet, das ich voreilig und vor-eitel schon im Januar bei meinem Dilettantenball … wie heißt das Freudsche Wort richtig? … Debütantenball als Online-Blogger angekündigt hatte. Online-Blogger – kein weißer Schimmel, denn Blogger bin ich seit hundert Jahren, meine Zeitungs-Kolumnen sind nichts anderes als Blogs. Puristen werden’s anders definieren. Ist aber alles fließend, wie auch die literarischen Kategorien. Was ist eine Novelle? Können nur gelernte Germanisten (auswendig gelernt) aus dem Stegreif aufsagen. Bin ich nicht, also nur angeahnt: kürzer als ein Roman, länger als eine kurze Kurzgeschichte, kann aber kürzer als eine lange Kurzgeschichte sein, in jedem Fall ohne epische Schilderungen und Beschreibungen, sondern mit einem Knackpunkt, auf den die Geschichte hinsteuert und nach der sie eine andere ist. Zu dem Thema kommen wir demnächst noch, mit einem gw-Experiment in der Zeitungsroman-Rubrik und hier, aber bevor ich zu viel verrate und um nicht von abschaltenden Elektrikern überrascht zu werden und zumal ich soeben feststelle, dass ich im Blog schon wieder einmal zum Langlabern neige, mache ich jetzt einen Online-Punkt. Denn wir sind selbst schwarzgelben Umfrage-Panikern weit voraus: Abschalten jetzt und alles und komplett! Und auch beim Wiederanschalten werden wir schneller sein.

8.30 Uhr

Wettlauf gewonnen, hätte aber gar nicht laufen müssen: Zwar ist das Licht aus, der Kaffeeautomat funktioniert nicht, und Mails kann ich auch nicht schreiben, aber mein Rechner läuft und läuft auf Notstrom. Moment, da fällt mir ein, ich wollte ja die am Samstag vorgeschriebenen und am Sonntag beendeten Montagsthemen für Dienstag schon online stellen (Ohne weitere Worte und Wer bin ich? werden dagegen den Zeitungsausgaben bis Donnerstag online hinterherhinken). Das mach ich sofort, bis gleich.

So, bin wieder da. Die unnötige Hektik von gestern und die ebensolche Hetze heute früh haben auch ihre Vorteile, vor allem einen Sonntag ohne Kolumnen-Druck. Selbst das Durchforsten der vier großen Samstagsausgaben und der drei Sonntagszeitungen steht ja meist unter dem suchenden Anspruch, noch schöne Trüffel für die Zitaten-Kolumne zu finden oder Inspirationen für die Montagsthemen.  Hab’s gemütlich angehen lassen und bisher nur die Süddeutsche von vorne bis hinten entspannt gelesen. Man könnte neidisch werden, wenn man’s nicht schon wäre. Natürlich, wie immer, auf Kurt Kister und seinen deutschen Alltag, die Kolumne im SZ-Wochenende. Man schreibt das Zeug hin und glaubt, man habe gesagt, was endlich einmal gesagt werden musste. Man merkt oft nicht einmal, was man wieder zusammengeschwurbelt hat. So isses. Hinten ein tolles Interview mit Carl Djerassi, 87, Antibabypillenpapa, aus dem ich viele OWW-Zitate notieren könnte, wenn die Kolumne nicht schon fertig wäre und solche Sätze  … Unterbrechung, 8:47, Chefin ruft an, heute auch ein paar Minuten zu früh. Ihr angekündigt, heute früh zurück zu sein. Sofort den nachmittäglichen Hundegang aufs Auge gedrückt kriegt. Fluch der frühen Tat … weiter im Text: in einem Familienblatt nicht zu problematisch wären (über massenhafte Sperma-Einlagerungen, die eisgekühlt zwanzig Jahre haltbar sind): Du musst Leute finden, die bereit sind zu masturbieren. Du musst prüfen, ob sie fruchtbar sind. So kamen wir auf die Armee. Viele junge Männer, das Einzige, was sie alle tun, ist masturbieren.

Das Einzige, was ich tue, ist lesen. Auf der SZ-Literaturseite eine Besprechung von Robert Gernhardts Aufzeichnungen in seinen legendären Brunnen-Heften, eine Art Steinbruch (Wortbruch wäre ein blödes und falsches Wortspiel) für die meisten seiner Texte. 30 Jahre Notizen, geschrieben in seiner mittelitalienischen Wahlheimat, zusammengestellt von Kristina Maidt-Zinke (Toscana mia, S. Fischer Verlag). Kommt unbedingt auf die eigene Leseliste. Muss eine Art Monolog-Blog sein, ähnlich wie “Sport, Gott & die Welt”. Weitere Parallelen zu ziehen wäre das, was Brecht hochgestapelte Mittelmäßigkeit nannte. Da ich aber heute Zeit genug habe, versuche ich mal, an Hand (oder anhand? Keine Ahnung) eines sehr informativen Artikels von Sebastian Beck auf der SZ-Medienseite einen Wort-Steinesbruch zum Thema Regionalpresse, zwecks eventueller späterer Verwendung und vielleicht ebenso eventueller Fortsetzung meiner früheren Nach-Lese “Druck auf Papier” (siehe “gw-Beiträge Kultur”) von letztem Jahr. Zunächst aber klicke ich diesen Text in die Untiefen des Internets, man weiß ja nie, wann der Notstrom ausflackert (kommt der etwa aus Frankreich?).

Ist drin. Dass die Mails nicht funktionieren, habe ich gemerkt, als ich Christian Lugerth anschreiben wollte, den Schauspieler, Anstoß-Leser und Anstoß-Begleiter, dessen Online-Spielwiese von Archibald, dem Bären vom Brandplatz (unbedingt mal reinschauen!) heute die gleiche Uhrzeit trägt wie dieser Blog: 5.55. Wollte ihn fragen, ob Frühaufsteher wie ich oder Durchmacher wie ich nicht mehr.

So, jetzt zur Regionalpresse, also zum eigenen Hemd (ist dann der Blog der Rock? Wenn nicht, reimt es sich wenigstens). Überall das gleiche Bild: Die Auflagen sinken und sinken, ein Ende ist nicht absehbar. (…)  Die Mehrzahl der großen Regionalzeitungen aber hat binnen eines Jahrzehnts bis zu einem Drittel der Auflage verloren. (…) Noch vor ein paar Jahren kündigten Abonnenten, weil sie sich die Zeitung von Hartz IV nicht leisten konnten. Inzwischen aber sterben sie einfach weg. Doch junge Leser wachsen nicht nach. (…) Die großen Discounter wie Aldi, bisher Stammkunden der Tageszeitungen, drängen in die kostenlosen Anzeigenblätter. Denn mit dem Rückgang der Auflage büßen die Zeitungen ihre Attraktivität als vergleichsweise teurer Werbeträger ein. (…) Sie heben Kinder- und Jugendseiten ins Blatt, bei Schulbesuchen werben sie für’s Lesen  – und stellen fest: Nicht nur den Jugendlichen ist das Medium Zeitung ungefähr so fremd wie ein Plattenspieler, auch viele Lehrer haben sich davon längst verabschiedet. (…) “Die Tageszeitung wird es noch lange geben”, sagt Almert (Anm.: Bodo A., Geschäftsführer der Märkischen Oderzeitung) und fügt hinzu: “Aber nur, wenn sie sich ändert.” Bloß, in welche Richtung? Wird sie sich zu einem elitären Medium für wenige Bildungsbürger entwickeln? Muss die Zeitung jünger, weiblicher und leichter verständlich werden?

Glaube ich nicht. Aber vielleicht nur, weil ich älter, männlicher und manchmal schwerer verständlich bin? Aber von vorn: “Auflagenverluste” – uns geht’s zum Glück noch Gold, nicht nur auflagenmäßig. Ein Hoch auf die Kollegen, ein Hoch auf die verantwortliche Dynastie! Ein Hoch auf die Leser! “Plattenspieler” – schönes Stichwort. Ich habe einen, vor ein paar Jahren gekauft, um alte Singles und LPs (das “s” könnte ich mir schenken, ich weiß, liebe Korinthenfreunde) über Computer auf CD zu überspielen. Plattenspieler kommen auch in Mode, weil im authentischen Klang allen anderen Tonträgern überlegen (sagt man, kann ich als Ohrgeschädigter nicht bestätigen). Sie kommen aber nur in einem kleinen, exklusiven Kreis in Mode. Also Stichwort “elitäres Medium für wenige Bildungsbürger”? So halb und halb. Meine Vermutung: Langfristig bestehen kann die herkömmliche regionale Tageszeitung, wenn sie den langfristig unvermeidlichen Schrumpfungsprozess (kurzfristig gibt’s ja gerade eine konjunkturelle Brise, die auch uns guttut) mit Beharrungsvermögen auf Bewährtem und Offenheit für vernünftig Neues  begleitet und damit kein elitäres Medium für wenige Bildungsbürger wird, sondern unverzichtbarer Informations-Anker und journalistischer Lebens-Wegbegleiter einer (leider bedrohten und schmelzenden) Mittelschicht bleibt, auf einem quantitativen Niveau, das nach weiterem Absacken in etwa auf gleichbleibendem Klientel-Potenzial beruht. Dazu das Wort zum Pfingstsonntag, geschrieben von Tomasi di Lampedusa: Es muss sich alles ändern, damit es bleibt, wie es ist. Wir müssen nur aufpassen, dass es uns nicht geht wie dem Leoparden, dem alten sizilianischen Adligen von T. d. Lampedusa, denn der hat’s erkannt, aber die Gefahr nicht gebannt. Und auf Lampedusa haben sie heutzutage sowieso andere Sorgen.

Dienstag, 7. Juni, 17.10 Uhr.

Schade, schon wieder ist ein Themchen weg. Das “Streiflicht” der Süddeutschen Zeitung macht sich heute über das “Attentat” auf Berti Vogts lustig und und zieht dazu auch noch genüsslich alte Schoten von Berti aus dem Archiv. Genau das hatte ich auch vor, für die Samstag-Kolumne, und unter dem Stichwort “Unglückswurm” schon notiert, dass es das logische Ende einer langen Kette von Berti-Peinlichkeiten ist, wenn sich das von ihm geheimnisoll umraunte “Attentat” als Entrollen von Klopapier und aserbaidschanisch-folkloristisches blechernes Ausbuhen mit einer Gießkanne herausstellt.

Unterschied zum “Streiflicht”: In meiner Grundeinstellung zu Vogts überwiegen immer noch Respekt und Sympathie. Respekt, weil er für Beckenbauer die konzeptionelle und tägliche Trainingsarbeit erledigte, die 1990 zum WM-Titel führte, und weil ich mit eigenen Augen den Unterschied einer Frankfurter Trainingseinheit unter Charly Körbel (ach Gott, ach Gott; sorry, Herr Körbel) und eines von Vogts geleiteten Trainingstages des DFB-”Perspektivkaders” (so was gab’s mal) erleben musste bzw. durfte. Bleibende Feststellung: Vogts ist fachlich ein klasse Trainer. Sympathie, weil sich Berti Vogts 1997 auf Fürsprache von Jürgen Grabowski, der uns dem presse-misstrauischen Bundestrainer sehr empfohlen hatte, dazu breitschlagen ließ, sich von uns (das heißt: von mir) auf dem Weg zur WM 1998 begleiten zu lassen. Für die erste Folge der zehnteilig geplanten Serie traf ich mich mit Vogts in Frankfurt und begleitete ihn bei allen seinen Presseterminen, die ihm der DFB für diesen Tag aufgebrummt hatte, vom Exklusiv-Interview von Sport-Bild (Interviewer Hinko guckte irritiert, als Vogts mit mir als Bodyguard auftauchte) bis zur im Dreierpack abgefertigten Provinzpresse. Ich erlebte Vogts vor und nach diesen Terminen als freundlichen, sympathischen Menschen, der aber während der Termine sofort versteifte, misstrauisch wurde, verbissen den Locker-Souveränen spielte und, was keine allzu nette Eigenschaft ist, bei all seiner Kleinheit sehr von oben herab und scheinbar witzig, aber nur bissig reagieren konnte, wenn er sich einem der weniger einflussreichen und weniger kenntnisreichen Journalisten überlegen fühlte.

Bald schon merkte ich, dass diese Serie kein freudvolles Ende finden konnte. Der Fachmann Vogts stand sich selbst im Weg, da er nicht nur der Berti von 1990 sein wollte, sondern gleichzeitig auch noch ein bisschen wie Beckenbauer. So weltläufig, so elegant, so locker wie der “Kaiser” wollte er sein, der damals alle Lorbeeren für sich alleine sammeln konnte, obwohl Beckenbauer ohne ihn, ohne Berti wohl kein Weltmeister geworden wäre. Das Problem: Vogts erkannte nicht, dass auch er einen wie Beckenbauer gebraucht hatte, um erfolgreich zu sein (der Titel von 96 war ein sehr, sehr glücklicher Ausreißer und hätte statt Titel mit Desaster/Kroatien! enden können). Ich fühlte in der Nähe zu Vogts dessen galoppierende Unglückswurmigkeit schon früh und wollte kein sportlicher Sterbebegleiter sein, die Serie also sausen lassen. Aber wie? Hätte ich damals geschrieben, was ich gedacht hatte, hätte ich mich als Prophet feiern lassen können. Aber ich wollte unauffällig raus aus der Nummer, ohne Vogts für dessen freundliche Zuwendung auch noch mies öffentlich in den Rücken zu fallen. In der dritten Folge schrieb ich:

Wir standen neben dem Bundestrainer auf der Kommandobrücke und konzentrierten uns auf seine Sicht der Dinge, seine Fußball-Philosophie. Den kritischen Blick auf Schwachstellen und Ungereimtheiten darf diese Zusammenarbeit aber nicht verstellen. So gab es schon beim 3:2 gegen Albanien genügend Anlaß zum Kopfschütteln über Maßnahmen und Ansichten von Vogts. Alarmierender, speziell für den Kolumnisten, ist aber die Beobachtung, daß Vogts‘ (Selbst-)Kritikfähigkeit zu schwinden scheint. Manche Kritik versteht er nicht, will sie nicht verstehen oder versteht sie unbeabsichtigt oder bewußt falsch. Und was auch immer Vogts aus dieser Palette an Reaktionsmustern gerade benutzt, färbt er mit aggressiv-ironischem Unterton ein. Nicht erst seit dem saft- und kraftlosen 0:0 in der Ukraine, nein, schon seit geraumer Zeit mehren sich die Alarmzeichen. Gewiß, der EM-Titel war Vogts‘ Werk. Aber aus der langen, schwierigen und für Vogts manchmal demütigenden Vorgeschichte (WM 94) sowie dem Umkehreffekt von 1996, als der Bundestrainer über all seine Kritiker triumphierte und sie plötzlich nicht mehr an der Kehle spürte, sondern zu seinen Füßen sah, scheint Vogts nicht Lockerheit und Souveränität gewonnen zu haben (obwohl er sie verbissen munter vorspielen will), sondern eine oft überheblich wirkende Rechthaberei. Berti Vogts geht unbeirrt seinen Weg zur WM 98, und bei aller aufkeimenden Skepsis des journalistischen Beobachters, der Irrwege zu sehen glaubt, überwiegt weiter die Hochachtung vor der nachgewiesenen Leistung des Bundestrainers in widriger Zeit. Doch nun scheint der Zeitpunkt gekommen, zumindest vorübergehend die freundlich vom Bundestrainer ermöglichte Beobachterrolle auf der Kommandobrücke zu verlassen. Wenn ein Großtanker an Manövrierfähigkeit verliert, ja selbst wenn wichtige Antriebsmaschinen ausfallen, bleibt er noch kilometerlang auf Kurs. Auch der »Tanker« Nationalmannschaft hält mit seinem Kapitän Vogts noch Kurs WM. Noch. Wir steigen heute von der Kommandobrücke ins Beiboot.

Das war der erste Schritt. Im zweiten kam eine Folge mit Ansichten anderer über Vogts, und dann folgte … nichts mehr, die Serie entschlief leise, still und heimlich. Ein paar Monate später schrieb ich nur noch einmal dies:

Es gab keinerlei Differenzen mit Vogts. Der Respekt bleibt. Aber es gibt unterschiedliche Welten, unterschiedliche Wellenlängen. Es wäre schofelig gewesen, die nicht gerade selbstverständliche Kooperationsbereitschaft des Bundestrainers auf dieser unterschiedlichen Wellenlänge zwangsläufig zu mißbrauchen.

Und auch wenn Berti Vogts seitdem  als Trainer einen jahrelangen, von Misserfolgen und Peinlichkeiten begleiteten Weg angetreten hat, auf dem er nun bei aserbaidschanischen Klopapier-Attentaten angelangt ist, kann ihm keiner eine frühe Erfolgsbilanz nehmen, die ihn zu einem der ganz Großen des Fußballs macht: Als Fußballer Weltmeister, als Trainer Weltmeister (unter der Galionsfigur Franz B.), als Cheftrainer Europameister.

Das geht halt nur im Blog und nicht in der Zeitung: Ich wollte eine kurze Vogts-Notiz schreiben, und daraus wurde dieser Trumm. Wie lang habe ich dafür gebraucht? Schon sechs. Und jetzt: Fußball gucken. Mit Berti.

Sonntag, 5. Juni, 6.30 Uhr.

Mein Fuchs ist ein Gewohnheitstier. Schnürt wieder von rechts zur Straße, sieht mich, zieht die Lefzen hoch, wartet ab, und im Rückspiegel sehe ich, wie er hinter mir gemächlich die Straße überquert. In der Redaktion im Blog geblättert: Genau wie am 15. Mai, und ich schreibe es zur gleichen Uhrzeit, auch als Gewohnheitstier. Tiefsinnige Gedanken am frühen Morgen: Das räudig-schmutzigbraune Kerlchen – ist es ein Stadtfuchs, sind Stadtfüchse schon mutiert? Die Füchse, die ich ab und zu bei meinen morgendlichen Rad-Kurztouren durch Feld und Wald sehe (oder die tot am Straßenrand liegen), sind prächtige, wohl genährte ”fuchs”rote Gesellen mit vollem Fuchsschwanz. Ernähren die sich gesünder? Lebt mein räudiger Freund nur von Abfällen? Noch tiefsinnigere Gedanken gibt es um diese Uhrzeit nur in den “Inspirationen” bei HR1. Heute Thema Kirchentag. Einen Satz habe ich mir gemerkt: “Höchste Zeit, dass die Menschen wieder lernen zu leben.” Eben.  Ewwe drum. So hieß vor langer Zeit auch die Protagonistin einer Taschenbuch-Softpornokrimiserie, unter Pseudonym geschrieben von einem bekannten Schriftsteller, der sich damit seinen Lebensunterhalt verdiente (vom literarischen Schreiben konnte er nicht leben). Leben eben. Ewwe Drum. Letzte Worte zum Kirchentag: Die deutsche Menschheit scheidet sich in zwei große Gruppen, zu deren Gegensätzlichkeiten  auch diese Veranstaltung gehört. Die einen sehen sie wie Martin Mosebach (im letzten “Sport-Stammtisch” zitiert), die anderen laben dort ihre Seele, lassen sie am liebsten von Margot K. streicheln. Ach wie gut, dass niemand weiß … na ja, ich fürchte, fast jeder Leser weiß.

Höchste Zeit, dass … der Mensch gw wieder Montagsthemen schreibt. Auf geht’s.

Donnerstag, 2. Juni (Himmelfahrt), 6.50 Uhr.

Scheint ein herrlicher Tag zu werden. Auf den Straßen schon viel los, kein Vergleich mit meinen frühen Sonntagen. Wenn ich mich beeile, kann ich heute eine lange Mittagspause machen. Gestern schon die Stichworte für den Sport-Stammtisch zusammengestellt, der schon morgen ins Blatt soll, weil in der Samstags-Ausgabe wegen des Österreich-Spiels zu wenig Platz für die Lang-Kolumne ist. Dafür kommt dann die erste Folge einer neuen Serie zum Zug: “Wer bin ich?” Eine Rate-Kolumne.

Wie entsteht eine “Sport-Stammtisch”-Kolumne? Aus Langzeit-Materialsammlung des Zettelkastens, Tagesaktualitäten und gedanklichem Hin und Her, also Assoziationen zwischen Gesammeltem und Aktuellem. Diesmal sind folgende Stichworte übrig geblieben (in Klammern die geplante Reihenfolge):

FIFA, Ethikkommission, Contradictio, schwarzer Schimmel, Gewerbepark (1) / Geflügelte Worte (4) / Vorgriff auf Rätsel, Churchill (Weizsäcker?), Zitat (3) / Atom, Selbsteinschränkung (gestrichen, passt nicht) / Rasen mähen, das Gras ruft Aua (5) / Optimut, Nowitzki, Armstrong (2) / Wo ist die Trennlinie? Lagaro (vergessen, was ich damit sagen will. Das Wort, das ”Lagoro” heißen könnte, kann ich trotz eigener Handschrift nicht mehr entziffern) / Auch Kachelmann war Sport, Wettkampf zwischen den schreibenden Weibern (lass ich lieber) / Die Blumenkinder kommen zurück, Matala, Pitsidias, Gießen (vielleicht zum Schluss, spätestens aber Montagsthemen, da auf Pfingsten bezogen).

Mal sehen, was dabei rauskommt. Manchmal treibt’s mich vom ersten Stichwort an weg vom roten Faden, manchmal aber arbeite ich alles brav ab. Und jetzt noch das, bevor’s an die Kolumne geht:

Blogs boomen, oft sind es nur geschwätzig-beliebig-eitle Digital-Tagebücher. Das Tagebloggbuch von Jan Seghers aber ist eines der lesenswertesten überhaupt, auch wenn er in ihm bekennt: »Das öffentlich geführte Tagebuch ist eine Lüge. Es ködert die Leser mit der Erwartung, Intimes, wenigstens Privates zu erfahren. Aber jeder niedergeschriebene Satz ist eine Verstellung.«
Jan Seghers ist das Pseudonym von Matthias Altenburg, einst einer der jungen Wilden der deutschen Literatur. Solche Titulierungen haben aber keinen lebensunterhaltspraktischen Nährwert, für den sorgt nun Jan, was seinem Matthias nicht nur die reine Freude zu bereiten scheint: »Zerstört nach diesem Abend. (…) Wer aber auch so alles an einen ranredet. Dumpfes, selbstzufriedenes Geplapper. Haltlosigkeiten allerorten. ›Wie cool ist das denn?‹ Nach einem solchen Auswurf: Beschimpfungs-, Zertrümmerungsgelüste. Stattdessen lächle ich. Und bekomme die gerechte Strafe: ›Ich darf Sie doch duzen, oder?‹ Schließlich: ›Ich geb dir Mal mein Kärtchen, vielleicht …‹ Vielleicht bringe ich dich um, du …« – Tags darauf ein Anflug von Reue: »Der Eintrag gestern war von Hass diktiert. Er liest sich nicht einmal gut, er holpert und stolpert. Trotzdem stimmt er und bleibt so stehen. Stil ist nicht alles, Haltung auch nicht.« Und dann das Tiefblickenlassende: »Frage mich, ob es auch bei mir (…) etwas gibt, das ich eigentlich gerne schreiben würde? Nein, mir fällt nichts ein als das hier: Die Geisterbahn ist das Eigentliche. Der Kriminalroman ist die Wagenburg.«

(“Nach-Lese” vom 20. 11. 2010/siehe gw-Beiträge Kultur)

Im neuen Rowohlt-Prospekt geblättert. Buch-Ankündigung (“Erstverkaufstag: 16. 1. 2012): Matthias Altenburg: Jan Seghers’ Geisterbahn. Tagebuch mit Toten, 448 Seiten, ca. 24,95 Euro.”

Prima.

Nachtrag 11 Uhr.

Prima auch, weil: M. A. ließ damals wissen, dass die “Nach-Lese”-Notiz dem Verlag bekannt wurde und dass sie eventuell mit dazu beitragen könne, dass die “Geisterbahn” als Buch erscheint. Voila.

Nicht prima, aber typisch: “Manchmal treibt’s mich vom ersten Stichwort an weg vom roten Faden” – ha, diesmal schon vor dem ersten Stichwort, wegen Ricky Bruch. Geblieben ist nur der Stichpunkt “FIFA-Ethikkommission.” Immerhin: Die Kolumne ist schon fertig, steht online, und die verlängerte Sonnen-Pause ist gerettet.

Veröffentlicht von gw am 24. Juni 2011 .
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Sport-Stammtisch (25. Juni/mit “Wer bin ich?” Runde 5 und 6)

Als ich versprach, kein böses Wort über die Frauenfußball-WM zu schreiben und witzelte, das Versprechen sei leicht einzuhalten, weil es auch ohne das Attribut gelte, ahnte ich nicht, welch eine monströse PR-Maschinerie angeworfen würde, um aus dem Familienfest einer Randsportart ein neues deutsches GröFaZ zu machen (größtes Fußballfest aller Zeiten). In konzertierter Aktion pfiffen und trommelten Meinungs- und sonstige Mächtige für die Frauen-WM, und als selbst Haudegen wie Oliver Kahn und Lichtgestalten wie Franz Beckenbauer sich wie narrisch auf das Größtereignis zu freuen vorgaben, war klar, dass jeder, der das »Event« hinterfragte, als schlecht gelaunter Miesmacher dastünde und zudem als Frauenfeind (gegen das fiese Argument ist man/n machtlos).
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Nun haben sich einige Leser – in der Mehrzahl Leserinnen! – gemeldet, die sich im Stich gelassen fühlen, weil sie gerne mit mir gegen den Strom geschwommen wären. Wie soll ich mich da rausreden? Kann ich gar nicht. Zumal drei »gw«-lose Wochen folgen (eventuell aber schon mit einer neuen »historischen« Serie, beginnend in Zeiten, als »gw« noch kein Feigling war).
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Apropos »gw«-lo(o)s: »Freedom’s just another word for nothing left to loose«, zitierte ich aus Kris Kristoffersons »Me and Bobby McGee«. Gnädigerweise beanstandete kein Leser das zweite »o«, was aber nicht verhindert, dass ich durch das »loose« (und das Tabu) zum Loser wurde. Da fällt mir zwar gerade ein alter lautmalerischer Witz mit »two to Toulouse« ein, aber dafür haben wir jetzt keinen Platz mehr, denn es beginnt:
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Wer bin ich? (5. Runde): Die Black-Power-Demo von Tommie Smith und John Carlos  in Mexiko 1968 (schwarzer Handschuh, geballte Faust) hat mich schwer geärgert. Ich war so wütend, dass ich sagte: »Diese zornigen jungen Männer schwarzer Hautfarbe heizen das Klima an. Sie sind berufsmäßige Hasser, leben garantiert in teuren Appartements, speisen in teuren Restaurants und sondern sich auf dem Campus ab. Wenn sie nicht ihren Willen kriegen, werfen sie Bomben auf den Campus oder brennen die Bibliotheken nieder.« Na gut, da ging der Gaul mit mir durch. Apropos Gaul: Früher, kurz nach meiner aktiven Zeit, trieb ich auch mit Gäulen Sport. Nicht wie euer Winkler mit seiner Halla, nicht bequem auf dem Pferd sitzend, sondern … nicht verraten, sonst wird’s zu leicht? Okay. Warum ich Hitler noch 1938 als einen »Mann voller Würde« bezeichnet habe? Mann, ich hatte Wut auf unseren Präsidenten, nicht Hitler hat mich brüskiert, sondern dieser Typ! Weigerte sich doch glatt, mich im Weißen Haus zu empfangen. Mich, den Größten aller Zeiten! Dieser Penner. Ich dagegen war in jeder Beziehung einer der Fixesten. Ich war als notorischer Aufreißer bekannt, und da fragten mich Sportkameraden einmal, warum ich immer nur die weniger hübschen Mädchen bei Partys abschleppe. Meine Antwort: Ihr geht mit euren aus, ich geh mit meinen ins Bett – und das klappt mit meiner Methode viel schneller. Schnelligkeit war eben mein größtes Talent.
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Wer bin ich? (6. Runde): Ich bekomme Lust, mitzumachen. »Wie wär’s mit einem kleinen Spiel?«, frage ich ihn. Der Junge, Tiger nennt er sich, ist eine Spur verdattert, meine Hände schießen vor und umfassen den Basketball. Los geht’s. Ich habe Bermudashorts an und schäme mich meiner kreidigen Altmännerwaden nicht. »Warte, ich muss erst eine Pille nehmen«, sage ich. Das Nitrostat brennt mir unter der Zunge, und ich fühle mich am Anfang locker und frei. Ich fange Tiger den Ball weg und lasse einen altmodischen beidhändigen Wurf aufsteigen. Als der Ball meine Hände verlässt, weiß ich, er wird reingehen. »Mann«, sagt Tiger bewundernd, »das ist reinste Pferdescheiße«. Das Kompliment spornt mich an, ich achte nicht auf den messerscharfen Schmerz zwischen meinen Schulterblättern, springe hoch für einen Korbleger, steige hoch, höher, den zerrissenen Wolken entgegen, ein gewaltiger Schmerz fetzt durch meinen Rumpf, vom einen Ellbogen zum anderen, ich explodiere von innen und fühle etwas Ungeheures beharrlich an mir herumfummeln, dann falle ich bewusstlos auf den gestampften Lehmboden, höre aber noch, wie Tiger geschockt wiederholt: »Reinste Pferdescheiße.« – Tja, das war’s. Im Jenseits bin ich endlich in Ruhe. Menschen in aller Welt trauerten um mich und hofften lange, dass ich doch nicht tot sei. Aber seit dem 27. Januar 2009 ist alle Hoffnung erloschen.
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Zu schwierig? Lassen Sie’s sacken, Sie haben genügend Bedenkzeit. Hoffentlich einige schöne Sommerwochen lang. Mit oder ohne … Sie wissen schon. (gw)

Veröffentlicht von gw am 24. Juni 2011 .
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Sport-Stammtisch (24. Juni/mit “Wer bin ich?”)

Nein, Helene Mayer war nicht die Gesuchte. Aus dem Leben der jüdischen Fechterin hätte man aber ebenfalls ein anspruchsvolles »Wer bin ich?« herausarbeiten können, beginnend mit der in die Irre führenden Frage, deren Aussage jedoch angeblich historisch verbürgt ist: Wen bezeichnete Hitler 1936 bei einem Empfang im Reichstag als »beste und fairste Sportlerin der Welt«? Helene Mayer, eine große, blonde, blauäugige Hessin, hatte als Schülerin 1932 Gold geholt, war nach der Machtübernahme der Nazis in die USA emigriert, startete 1936 in Berlin dennoch für Deutschland, gewann die Silbermedaille und hob bei der Siegerehrung die Hand zum Hitlergruß. Nach Olympia übernahm sie die US-Staatsbürgerschaft, kehrte 1952 aber wieder nach Deutschland zurück, wo sie, erst 42 Jahre alt, ein Jahr später an Brustkrebs starb.
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Auch die mehrfach genannte Marika Kilius war eine falsche Antwort, sie lebt ja zum Glück, dem Vernehmen nach frisch und fidel. Nein, eine andere Hessin, in Darmstadt geboren und gestorben, wurde gesucht, deren größte sportliche Tat sich in diesen Tagen zum 55. Mal (die kleine Schnapszahl) jährte und nach deren Tod es einen Skandal gab, denn Halla – ja, sie ist’s! –, die Stute, von der Hans-Günter Winkler 1956 in Stockholm, fast ohnmächtig vor Schmerzen, ins Gold-Ziel getragen wurde, landete beim Abdecker und daher als Seife in manch nichtsahnendem Pferdefreunde-Haushalt. Immerhin wurde später in Warendorf eine Straße nach ihr benannt, dort steht auch ihre lebensgroße Bronze-Plastik. Ach ja, und ihr »Debüt in einer anderen Sportart« gab sie als junges Pferdemädchen in Frankfurt-Niederrad auf der Galopprennbahn.
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Sensationell das Ergebnis: 26 richtige Lösungen! Das hätte ich nie und nimmer erwartet, zumal ich eine besonders selektive zweite Runde angekündigt hatte, um eine erste Top-10-Ehrenliste veröffentlichen zu können. Kann ich nun aber doch, denn die zweite Überraschung: Von den vielen Ottmar-Walter-Ratern der ersten Runde kamen nur genau zehn auf Halla, und das ergibt nach Adam Riese eine Top-10-Liste mit zehn Lesern, jeweils gleichauf mit zwei Punkten.
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Einer von ihnen erzählt eine hübsche Geschichte, ohne die er mit Sicherheit nicht auf Halla gekommen wäre: »In der Uni-Einführungswoche lernte ich eine junge, hübsche Darmstädterin kennen. Sie heißt Susanne, ist noch immer eine Freundin und die Enkelin von Halla-Besitzer Gustav Vierling. Gibt das einen Zusatzpunkt?« – Nein, das nicht, lieber M. Schäfer, aber: Sachen gibt’s ….
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Klar, dass mir auch diese Mail von Imme-Verena Berty aus Bad Nauheim richtig gut gefällt: »Seit ich vor fast genau vier Jahren nach Bad Nauheim gezogen bin, lese und genieße ich Ihre Kolumne täglich schweigend bzw. ich lese meinem Mann manchmal daraus vor, der sich leider viel weniger aus Sport und sprachlichen Feinheiten macht als ich. Heute also eine Premiere: Ich möchte mich am Rätsel beteiligen. Ich denke, es geht um Halla und den legendären Ritt mit Hans-Günter Winkler. (…) Beim erwähnten Skandal ging es, glaub’ ich, im entferntesten Sinne um Seife … Ich wünsche Ihnen weiterhin so viele kreative Ideen und Kolumnen!«
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Und ich mir solche Leser! Dankeschön allen, die ihre Lösung in sehr freundliche Worte verpackt haben. Drei für alle: Uwe Lemke aus Wöllstadt (»an meinen Lieblings-Sportkolumnisten/-glossisten«), Jochachim Bille aus Reiskirchen (»Spitzenrätsel!«) und Andreas Hofmann aus Bad Nauheim (»Tolles Rätsel. Weiter so!«).
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Weiter so: Da aus aktuellem Anlass (mehr zum Gelübde/Tabu morgen) eine Kolumnen-Pause ansteht und auch, um Neueinsteigern eine Top-10-Chance zu lassen, geht »Wer bin ich?« mit einem doppelten Doppelschlag in die Sommerpause.
Vorab der auch für die Zukunft gültige Tipp: Der/die Gesuchte muss kein bekannter Spitzensportler aus Vergangenheit oder Gegenwart und kann sogar bekennender Nichtsportler sein, muss auch nicht unbedingt ein Mensch sein (siehe Halla), sogar nicht einmal zwingend aus Fleisch und Blut, sondern eventuell auch aus Literatur oder Mythos stammend. Aber das ist vielleicht schon zu viel an Tipps.
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Auf geht’s, heute zwei und morgen zwei »Wer bin ich?«-Fragen, und da sie diesmal wirklich sehr selektiv sind, können Sie sich ruhig Zeit lassen mit der Mail-Antwort. Einsendeschluss: Abpfiff des Endspiels von … na, Sie wissen schon.
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Wer bin ich? (3. Runde): Als ich noch in der Ludwig-Thoma-Straße wohnte, hätte ein Nachbar und Freund von mir beinahe meine Frau umgebracht. Also, meine damalige Frau. An das Telefon des Freundes – ein bekannter Fernsehkommissar – hatte ich meine Alarmanlage angeschlossen, denn ich war ja oft weg von zu Hause, und als bei ihm der Alarm ertönte, schlich er mit seiner Pistole, wie ein echter Kommissar, in mein Haus, zielte auf die Tür – und heraus kam meine Frau, die Augen angstschlotternd auf die entsicherte Pistole gerichtet. Über meine sportlichen Erfolge verrate ich nichts, sonst wird es zu leicht für Sie. Außerdem lasse ich lieber andere über mich reden. Zum Beispiel Udo Jürgens: »Ich erinnere mich noch an unsere ›gemeinsamen‹ Langlauftouren am Schwarzsee. Ich war mit meiner ersten Runde kaum fertig, da hörte ich ihn auch schon wieder hinter mir. Unglaublich, was der Bursche an Kondition hatte.« Dafür kann der Udo besser singen als ich. Und der Toni Sailer konnte besser Ski laufen, daher nahm ich ihm auch nicht übel, was er einmal über mich geschrieben hat: »Irgendwann zu Anfang der 80er Jahre, da kam mir eine ganz merkwürdige Gestalt auf Brettern am Hang entgegen. Ich dachte, was ist das denn für ein Schlitten. Mit breiten Beinen, ungelenk, gebückt. Inzwischen läuft er aber wie ein alter Pistenfuchs.« Beim Golfen hätte ich den Toni, Gott hab ihn selig, beinahe schwer verletzt, als ich nach einem verschlagenen Ball mein Eisen vor Wut in hohem Bogen wegwarf, über einen Hügel, hinter dem Toni schon auf den nächsten Abschlag wartete. Apropos Abschlag – den macht man in der Golf-Fachsprache von einem »Tee«. Ich machte ihn einmal (nicht auf dem Golfplatz, aber vor Millionen Menschen) von einem ganz speziellen »Tee« aus. Hole-in-one!
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Wer bin ich (4. Runde): Wir leben in einem Zeitalter der anthropologischen Revolution: Survival of the fittest heißt das Evangelium. Statt Nächstenliebe regiert Eigenliebe, und die kann nur einem sportlichen Körper gelten. Der Neue Mensch marschiert nicht als kommunistischer Lottogewinn auf oder als nationalsozialistisch-arischer Blondinenwitz – der Neue Mensch ist eine Ware in der Marktwirtschaft. Der Neue Mensch ist eine Sex-, Arbeits- und Freizeitmaschine. Die muss funktionieren. Dadurch wird der Sport zum neuen Totalitarismus – er erfasst und regiert den Neuen Menschen, der sich selber herstellen muss, um lecker und attraktiv und verkäuflich zu sein. Statt Stasi und Gestapo haben wir Fitness-Studios und Solarien – das Schwimmbad wird zum Volksgericht, in dem johlend über den Schuldigen der Stab gebrochen wird, der seinen Body nicht zeitgerecht gestylt hat. – Was aber ist Komik? Sie ist nicht das Gegenteil von Ernst; Komik ist das Gegenteil von gut gelaunt. Darum entsteht wirkliche Komik dort am schönsten, wo es jemand sehr ernst meint und scheitert. Hier bietet sich das weite Feld des Sports an, der bekanntlich die ernsteste Hauptsache der Welt ist, zumindest für die, die ihn betreiben. Sport ist spannend oder komisch. Darum verweigere ich seit Kindesbeinen den Dienst am Sport. Ich möchte selbst darüber bestimmen, wann und wo ich mich blamiere. Ich fordere Selbstbestimmungsrecht für mich über den Zeitpunkt öffentlicher Peinlichkeit.
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Wenn das kein Kontrastprogramm ist! Eine Sport-Legende aus Deutschland  und ein Sport-Verweigerer aus Hessen. Da rauchen die Köpfe, da googelt’s vergeblich. Hoffentlich. Und morgen wird’s noch schwieriger. Versprochen.  (gw)

Top 10 nach zwei Runden

Platz 1 mit jeweils zwei Punkten:

Jost-Eckhard Armbrecht
Dr. Sylvia Börgens
Dr. Hans-Ulrich Hauschild
Doris Heyer
Andreas Kautz
Christian Lugerth
Matthias Reutzel
Walther Roeber
M. Schäfer
Paul-Gerhard Schmidt

Veröffentlicht von gw am 23. Juni 2011 .
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