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Sport-Stammtisch (28. Mai)

Nur zur Erinnerung: Das weltweit größte  Fußballfest des Jahres findet ohne deutsche Beteiligung statt. Wir sollten also, wenn wir heute Messi gucken, auch immer daran denken, dass alle Lobeshymnen auf den deutschen Fußball nur Vorschusslorbeeren sind.
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Das deutschlandweit größte Fußballfest des Jahres findet ohne weltweite … nein, es bleibt dabei: Kein böses Wort zu diesem »Event«. Ich halte mein Versprechen. Ist ohne das Adjektiv leicht einzuhalten.
Dunkel ist der Worte Sinn? Weil ich ein kleiner Feigling bin. Aber kein Heuchler, jedenfalls kein großer. Zu den großen Heuchlern kommen wir später, vorher aber eine Lobeshymne auf einen großen Sportler: Dirk Nowitzki. Können, Persönlichkeit, Haltung, Bodenhaftung – einfach großartig. Meine Nr. 1 in der jüngeren deutschen Sportvergangenheit. Was jetzt keine besonders originelle Feststellung ist, denn für fast alle Sportfreunde und -kenner ist Nowitzki schon lange die Nr. 1. Kontrovers wird es erst, wenn ich meine Nr. 2 benenne: Jan …
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»Wahrschau!« Ulle wäre der zweite Stolperstein, also lasse ich das Thema und stattdessen einen alten holländischen Freund unserer Kolumne zu Wort kommen, der wieder einmal beweist, dass es immer mindestens einen Leser gibt, der über das in der Kolumne Geschriebene mehr weiß als sein Schreiber. In diesem Fall über »Wahrschau!«, den Warnruf der Matrosen: »Etymologisch ist der Begriff recht interessant, denn im Niederländischen sagen wir generell ›waarschuwen‹ wenn wir ›warnen‹ meinen. Waarschuwen besteht aus zwei Teilen, und zwar ›waer‹ (Aufmerksamkeit) und ›schuwen‹ (Angst einjagen). Schuwen findet man zurück in dem deutschen ›scheuen‹ oder ›scheu‹ (wie ›furchtsam‹). Ursprünglich hieß es ›waernen‹, auf Deutsch ›warnen‹, auf Englisch ›to warn‹«.
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Danke, lieber Douglas Herbert. Die Anrede für den auf die 90 zugehenden Bad Nauheimer ist ehrlich gemeint und bringt uns zu einem sogar noch etwas älteren Leser. Ein Gießener Pfarrer fragt, meinen sprachlichen Erfindungsreichtum (weit über-)schätzend, ob ich eine bessere briefliche Anrede für nicht liebe und nicht geehrte Menschen wüsste als »Lieber« oder »Sehr geehrter«. Er fragte das just in dem Moment, in dem ich einen beruflichen Glückwunsch-Brief an einen nicht lieben und nicht geehrten Menschen schreiben musste. Nach reiflicher Überlegung schrieb ich, zwischen absoluter Ehrlichkeit (die es nur im Irrenhaus gibt) und Nächstenliebe (die Christenpflicht ist): »Sehr geehrter Herr …« – Tja, wenn Leser schon mal was von mir wissen wollen, versage ich, leise heuchelnd.
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Laut heucheln andere. Wie die »großen« Kollegen in ihrem Elfenbeinbüroturm. Die schustern sich die Nannen-Preise sowieso nur untereinander zu (sonst müsste ich sie alle gewinnen, ist doch klar), und jetzt erkannten sie einem jungen Kollegen bürokratenhengstisch einen Preis ab; weil das Kriterium für eine »Reportage« nicht erfüllt sei (Sie wissen schon, liebe Leser: Seehofers Spielzeugeisenbahn). Dabei erfüllen die Prinzipienreiter in diesen Tagen selbst alle nicht das Kriterium für sauberen Journalismus. Vom »Stern« über die »Zeit« bis zum »Spiegel« veröffentlichen sie vielseitenlange Artikel, in denen sie das, was Strauß-Kahn vorgeworfen wird, in einen Topf werfen mit den üblichen Sex-Affären der Mächtigen von Mitterand bis Schwarzenegger, wodurch sie gleichzeitig das vermutliche Strauß-Kahn-Delikt, ein Schwerverbrechen, verharmlosen. Ähnliches, nur andersrum, geschieht im Fall Kachelmann: Er mag ein arg mieser Typ sein, aber selbst wenn das noch tausend weitere Exgeliebte in der »Bunten« bestätigen, ist Mieser-Typ-Sein noch kein Straftatbestand, denn sonst würden die Knäste überquellen.
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Auch in scheinbaren Kleinigkeiten erfüllen sie nicht die selbst geforderte Sorgfaltspflicht. Die »Süddeutsche Zeitung« in der Überschrift zu einem Rosberg-Interview: »Inzwischen bin ich mit Michael auf einem Level.« Aber was sagte Rosberg wirklich, im SZ-Text nachlesbar? »Inzwischen habe ich das Gefühl, dass ich mit Michael auf einem ähnlichen Level bin.« Das klingt sehr viel dezenter, überlegter und respektvoller.
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Gut, dass ich hier in der hessischen Provinz mit dem Elfenbeinbüroturm nichts zu tun habe und auch journalistisch keiner Partei angehöre, sondern im eigenen Boot sitze. Das ist vielleicht nicht so toll wie andere Boote, aber: meins! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle