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Montagsthemen (23. Mai)

Betty Heidler ist eine große Athletin, Reginald Hill ein großer Krimi-Autor. Heidlers neue Leistung heißt Weltrekord, Hills neuer Krimi »Der Tod und der Dicke«. Wenige Stunden, bevor Betty Weltrekord wirft (wirklich!), lese ich auf Seite 14, wie »der Dicke« (Hill-Kenner wissen: Andy Dalziel) von einer Verflossenen schwärmt: »Tottie, die hatte nicht nur weiches Fleisch, sondern auch Muskeln. Bei Gott, wenn Frauen beim Hammerwerfen teilnehmen dürften, hätte sie die Goldmedaille gewonnen! Ich hab mal gesehen, wie sie bei einem Grillfest des Rugby-Clubs von der Mitte des Platzes einen Gummistiefel geschleudert hat, der war immer noch im Steigen begriffen, als er über die Torpfosten ging. Dachte daran, sie zu heiraten, aber dann ist sie religiös geworden.«
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Immer wieder gern gestellte Frage nach solchen Rekorden: Wie weit wirft ein Weltklasseathlet mit Frauengeräten? Klaus Wolfermann, Speer-Olympiasieger von 1972 und Ex-Weltrekordler (94,08/800 Gramm), erzählte einst, in den Tagen vor seinem Weltrekordwurf habe er gespürt, dass er gut drauf war, da er mit dem Frauenspeer (600 Gramm) locker 120 Meter weit geworfen habe. Und aus erster Hand ist zu berichten, dass ein Kugelstoßer (7,257 kg) nach einem 19-m-Stoß im Training einmal aus Jux und Dollerei mit der Frauenkugel (4 kg) stieß. In der Halle. 25 Meter entfernt von der Wand, die danach in knapp einem Meter Höhe ein Loch aufwies. Fürs Hammerwerfen (Gewichtsverhältnis ebenfalls 7,257/4 kg) kenne ich keine Vergleichszahlen. Werde mich erkundigen.
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Zum Fußball. Mit dem Pokalfinale ist die Spielzeit beendet. Der Überschwang aber bleibt. Der Hype um die neue deutsche Qualität scheint kaum zu stoppen, EM- und WM-Titel sind scheinbar schon »gebongt«, und manche fragen sich nur noch, ob Bayern oder der BVB die Champions League gewinnt. Doch Achtung! Oder »Warschau!«, wie der Seemann sagt: Meister Dortmund ist früh im Verlierer-Cup ausgeschieden, Schalke hat sich in der Champions-Klasse nach dem »Wunder (also unerklärlich) von Mailand« gegen Manchester United bis auf die Knochen blamiert, die Champions-League-Sieger kamen nach 2001 aus Spanien (3), Italien (3), England (2) und Portugal, die letzten Europameister hießen Spanien, Frankreich und, ja!, Griechenland, und die Weltmeistertitel im 21. Jahrhundert holten Brasilien, Italien und Spanien. Deutschlands größter Erfolg liegt bald zehn Jahre zurück (»Es gibt nur ein’ Rudi Völler«). Der ganze Überschwang basiert also nicht auf Fakten, sondern vorerst nur auf Hoffnung.
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Jetzt wird »tabula rasa« gemacht. Im Fußball wie in dieser Kolumne. Was hat nicht gestimmt im Hill-Zitat? Dies hier: »… wenn Frauen beim Hammerwerfen teilnehmen dürften.« Sie dürfen. Schon lange. Das kommt davon, verehrter Mr. Hill, wenn man sich in fremden Revieren auszukennen vorgibt. Und wenn man die eigene Mittelmäßigkeit . . . da fällt mir ein: So schnell geht’s, aus dem Frankfurter Eintracht-Unwort »Mittelmaß« ist ein Traumziel geworden . . . also noch einmal: Wenn man die eigene Mittelmäßigkeit hochstapelt, sollte man sich wenigstens vorab vergewissern, dass man die richtigen Worte findet. Wie bei »tabula rasa«. Ich hab nachgeschaut, kommt von der glattgeschabten (rasa) Wachstafel (tabula). Schon Caesar warnte: »Meide ein unvertrautes Wort, wie ein Seemann die Felsen meidet.«
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Rumms! Den ersten Felsen umschifft (Schülersprache: umgeschifft; war immer ein Brüller), am nächsten versunken: Der Warnruf der Matrosen kommt nicht von der polnischen Hauptstadt, sondern wird »Wahrschau!« geschrieben und ist laut Wikipedia »wahrscheinlich eine Fehladaption des englischen Warnrufes ›Watch out!‹«.
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Diese Kolumne hat ihr eigenes Wikipedia, gebildet (im doppelten Sinn) von ihren Lesern, zwei von ihnen reagieren auf die Samstags-Kolumne, was hier nicht verkürzt verhunzt werden soll, daher kommt beides (zu Armstrong & Co. von Andreas Kautz, zur Transzendentalen Meditation von einem ungenannt bleiben wollenden Stammleser) in voller Länge in den Online-Blog »Sport, Gott & die Welt«. Ahoi! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle