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Sport-Stammtisch (21. Mai)

»Ich kann das alles noch gar nicht realisieren.« – »Es wird ein paar Tage dauern, bis ich das begriffen habe.« Sportler-Phrasen, denkt man, und blättert am Donnerstag im »Kicker«. Und blättert und blättert. Erst auf Seite 31, ganz hinten, wo man sonst achtlos vorbei blättert, kommt auch was zur Eintracht. Rubrik: 2. Bundesliga. Was soll das? Ach so. Klick. Realisiert. Begriffen.
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Christoph Daum: Besser als er gearbeitet habe, könne man gar nicht arbeiten, er sei in Frankfurt nicht gescheitert, sondern gescheiter geworden. So isser halt. Zu Daums Hinterlassenschaft gehören auch Wortgirlanden wie »Neurolinguistische Programmierung«, »Positive Affirmation«, »Transzendentale Meditation« und »Hossa!« – Halt, Quatsch, »Hossa!« war ja Rex Gildos Schlachtruf, als er sang: »Heut geb ich zum Abschied für alle ein Fest / Es gibt viel Tequila, der glücklich sein lässt / Alle Eintracht-Freunde, sie sind hier / Feiern noch einmal mit mir / Adio, Adio Bundesliga / Ich komme wieder zu dir zurück / Hossa! Hossa! Hossa!«
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Wie »Hossa!« gehörte auch die Transzendentale Meditation (TM) nicht zu Daums Methoden in Frankfurt, wurde hier aber schon früh praktiziert. »Pardon«-Herausgeber Hans A. Nikel verkündete 1977 auf dem Titelblatt in heiligem Ernst: »Kein Witz – ich kann fliegen!« Nikel war esoterisch abgedriftet und fest davon überzeugt, dank TM im Sitzen mit gekreuzten Beinen abheben zu können. Womit wieder einmal bewiesen war, dass Satire nie und nimmer den Wahnsinn des wahren Lebens übertreffen kann. Dennoch gründeten die von Nikel genervten Satire-Größen um Robert Gernhardt ihre eigene »Pardon« namens »Titanic«, die nun schon seit über 30 Jahren unverdrossen versucht, dem echten Wahnsinn auf der Satire-Spur zu bleiben.
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Was wollte ich mit der TM sagen …? Ach so: Zur Ehrenrettung von Daum muss noch einmal betont werden, dass er von vornherein auf verlorenem Posten stand. Über die Gründe habe ich oft genug geschrieben, und wenn Daum mich widerlegt hätte, wäre ich noch überraschter gewesen, als wenn Nikel mit TM als Treibstoff tatsächlich geflogen wäre.
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Armstrong flog auch ohne TM die Berge hoch, er hatte anderen Treibstoff. Meldung des Tages: »Hamilton weiß, dass Armstrong oft EPO gespritzt hat.« Gähn. Wie »Hund beißt Mann«. Mich würde nur die Schlagzeile verblüffen: »Hamilton weiß, dass Armstrong nie EPO gespritzt hat.« Zum Glück bin ich mit dem Thema durch. Man macht sich ja noch lächerlicher, als man sowieso schon ist, wenn man über Doping philosophiert und weiß, dass jeder Doping verabscheut, aber nun schon über eine Million Kartenwünsche, absoluter Rekord, für das 100-m-Finale 2012 vorliegen, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kein Ungedopter gewinnen wird.
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Auch so eine Verkehrtherum-Meldung: Selbst in den seriösesten und journalistische Prinzipien (Nannen-Preis!) hochhaltendsten Medien tauchte in dieser Woche die Überschrift auf: »Helge Schneider zwingt seine Kinder nicht zum Musizieren.« Wäre es also normal, wenn er sie zwänge?
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Apropos Kinder: Millionen mussten Spinat essen, weil er viel Eisen enthält, was sich nach Megatonnen runtergequälten Gemüses als eine verrutschte Kommastelle herausstellte. Nach der Spinat-Lüge nun der »Armuts-Irrtum« (»Zeit«): Vor zwei Jahren hieß es in einer OECD-Statistik, Deutschland sei bei der Kinderarmut ein schmachvolles Negativ-Beispiel. Peinlich berührt versprach die Politik Besserung, Milliarden wurden ausgegeben, und nun erfährt man: Die OECD-Zahl war Datenmüll, in Wahrheit ist Deutschland kein Negativ-, sondern ein Positiv-Beispiel.
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Dennoch gibt es bei uns zu viele arme Kinder. Nicht nur materiell arme. Die einen werden gezwungen zu musizieren, die anderen schämen sich beim Fußballspielen für ihre Eltern zu Tode. Denn pöbelnde Väter und Mütter bereiten dem DFB (und den Kindern) immer größere Probleme, so dass in einigen Landesverbänden bei Jugendspielen schon Tabuzonen bis zu 15 Metern zum Spielfeldrand eingeführt wurden, die Eltern einhalten müssen.
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Wenigstens dieses eine Problem hatte jener junge Sportler nicht, der seinen Eltern nachdrücklich verboten hatte, bei Wettkämpfen anwesend zu sein, und dessen Vater sich nur einmal zum Sportplatz zu schleichen wagte und hinter einem Baum versteckt dem störrischen Sohn zusah. Aber das ist lange her und ein ganz anderes Thema. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle