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Sport-Stammtisch (14. Mai)

Bizarre Momente: Christoph Daum, den HR heftigst beschimpfend, lobt gleichzeitig unsere Zeitung über den grünen Klee. Als »der Journalist der Zeitung aus Gießen« am Montag im HR-»Heimspiel« gesprochen habe, sei er, Daum, zu Hause vor dem Fernseher aufgesprungen und habe applaudiert. Daum kannte unseren »Kollegen« nicht, überhaupt kennt er Hessen immer noch nicht, denn er bezog sich auf unseren Freund und Hobby-Kolumnisten Henni Nachtsheim, der nicht nur für Gießener, sondern für alle unsere Leser zwischen Alsfeld und Bad Vilbel schreibt – und Henni nicht zu kennen, das ist ein Abgrund an hessischer Inkompetenz. Außerdem: Wenn Daum meine Kolumnen gelesen hätte, er wäre nicht applaudierend aufgesprungen, sondern hätte vor Wut in den Teppich gebissen.
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Ein anderer langjähriger Eintracht- und Kolumnen-Wegbegleiter, der Wöllstädter Schriftsteller Otto A. Böhmer (neues Werk: »Hegel & Hegel oder der Geist des Weines«), erhofft/befürchtet »ein inzwischen fast schon makaber anmutendes Restszenario: Die Eintracht, begleitet von hässlichen, randaletrunkenen Fans, gewinnt durch ein erstolpertes Gekas-Tor beim BVB; die anderen beiden (MG u. VW Wolfsburg) bekommen in letzter Minute Muffensausen, spielen beide nur remis, und schon hätten wir, neben Pauli, einen weiteren Absteiger der Herzen, einen mürrischen Relegationisten – sowie den unbeliebtesten Drinbleiber seit Jahren, nämlich ›unsere‹ (?) Eintracht.«
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Außerhalb Hessens freuen sich fast alle (und sogar innerhalb immer mehr?) viel doller über einen Drinbleiber aus Wolfsburg statt aus Frankfurt? Wenn Gladbach statt Frankfurt absteigt, trägt Fußball-Deutschland Trauer? Ich lass es lieber in Frageform, sonst fahren die Bekloppten vom letzten Samstag auf dem Weg nach Dortmund bei mir in der Redaktion vorbei.
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In seiner »Wutrede« sagt Daum sogar viel Wahres, wie über das kontraproduktive mediale Hochpushen der Randalierer, die von ihrer Szene geadelt werden, wenn sie im TV zu sehen sind. Aber dann empfindet er auch immer wieder einfache, normale, gar nicht bös gemeinte Fragen als Affront und beißt verbal wütend zurück, offenbar, weil er immer noch hinter allem und jedem bösartige Anspielungen auf Kokain und Scherbenlaufen wittert. Das Problem, das viele und ich mit Daum haben, hat damit aber überhaupt nichts zu tun. Sondern mit … na ja, Stichwort »geadelt«: Zum Beispiel mit einem ehemaligen Verteidigungsminister. Bei dem geht es mir auch nicht um gewisse Verfehlungen, sondern um das Gehabe, die Attitüde, das Hochstaplerische, Blenderische, das Aufgesetzte.
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Daum und Guttenberg sind wahrscheinlich intelligenter und fachkundiger als die meisten ihrer Kritiker, aber sie überziehen hemmungslos, wenn sie ihr Wunsch-Image bedienen. Warum tun sie das? Guttenberg wäre auch ohne Selbstinszenierungen ein erfolgreicher Politiker, Daum ein ebensolcher Trainer geworden. Vermutung: In ihrem Herzen sind beide so kleine, ängstliche Jungs wie wir alle, sie gestehen es nur nicht ein, vor allem sich selbst nicht, sondern glauben, nur eine wichtige Rolle spielen zu können, wenn sie eine Rolle spielen.
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Bei Daum hatte dann selbst die Haar-Affäre keine erkennbare Wirkung im Sinne der Katharsis im Drama, der reinigenden Läuterung. Bei Guttenberg könnte das anders werden. Er hat jetzt zugegeben, dem Erwartungsdruck der adlig-fordernden Familie und des hochangesehenen Doktorvaters nicht standgehalten zu haben, weil: »Ich wollte mir eine Schwäche nicht eingestehen.« Was er mit diesem Eingeständnis aber tut. Respekt!
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Da ist die Gelegenheit günstig, einen eigenen Fehler zu gestehen: Als Mario Gomez frisch vom Stylisten kam und ich ihn nur kurz im TV sah, bescheinigte ich ihm jovial eine bessere Frisur. Aber je öfter man hinguckt: Wär er doch beim Stirnband geblieben! Soo sieht er ja sowas von affig aus!
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War nur ein Scherz, dieses »Geständnis«. Kein Scherz dagegen die Meldung des Sport-Informationsdienstes (sid) über die 2:5-Niederlage einer »Weltauswahl« (mit Maradona und Figo) gegen eine tschetschenische Mannschaft. Ramsan Kadyrow, der berüchtigte Tschetschenen-Führer, spielte mit (was natürlich der Sinn des Ganzen war) und – sid-Originalton – »sorgte mit einem Dreierpack für den Sieg seiner Mannschaft« und »bot den Menschen in der durch viele Kriege geschundenen Region einen weiteren sportlichen Leckerbissen«. Weia!
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Wenn ich schon mal wieder dabei bin, im   Glashaus sitzend mit dem eigenen beschmutzten Nest zu werfen (Steine nehme ich nicht, zu gefährlich): Vor einigen Wochen hörte ich, wie ein in verantwortlicher Position überregional tätiger Kollege eine gestandene Männer-Runde an seinem Hoheitswissen deutscher Medien-Nomenklatura teilhaben ließ: Amerell werde den Prozess gegen Kempter haushoch gewinnen, was den DFB und seinen Präsidenten stark beschädigen werde, und zwar zu Recht. Mein Einwand, Amerell werde verlieren, die ganze Causa sei ekelhaft und Zwanziger in diesem Fall nur zu unterstützen, wurde süffisant als Einzelmeinung aus dem Provinztal der Ahnungslosen belächelt. Und nun: Amerell verlor nicht nur vor Gericht, sondern wurde vom Richter regelrecht abgewatscht. Dass besagte Nomenklatura von einem anderen Ergebnis ausging, lag daran, dass bei ihr der Wunsch der Vater des Gedankens war, denn Zwanziger steht unter ihrem Beschuss, und da nahm man gerne auch Schützenhilfe aus widerwärtigen Bereichen an.
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Die zweite »hundertprozentig wahre« Geschichte handelt von jenem Torwart, der sich umgebracht hat, weil er … das dürfe man nicht schreiben, die Witwe drohe mit … aber jeder ernstzunehmende Journalist Deutschlands wisse das doch! – Da bleibe ich lieber ein spaßzunehmender Journalist.
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Und damit noch einmal zur Eintracht und ihrer Rettung. Sie hat drei Griechen, aber die Hoffnung gilt einem vierten, denn was der Eintracht allein noch helfen kann, ist ein »deus ex machina«. Diesen hat der Dramatiker Euripides vor gut 2500 Jahren erfunden, als »Gott aus dem Bühnenkran«, indem er nach der Katharsis,  am Schluss des Dramas (sozusagen am letzten Spieltag, wenn die Handlung zu verwickelt wurde), einen Schauspieler, der an einem Bühnenkran hing, herabschweben und alles zur vollsten Zufriedenheit des Publikums erklären ließ.
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Der Vorhang fällt, die Frage bleibt nur offen: Wem wird applaudiert? Einem sympathischen Absteiger? Einem unsympathischen Drinbleiber? Oder … der Eintracht? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle