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Lena und die weißen Bären (Nach-Lese vom 14. Mai 2011)

 

Frühe Sechziger. Im Hessischen Rundfunk wird täglich zwischen 17 und 18 Uhr aktuelle Schlagermusik gespielt. Ein Lied elektrisiert den Jungen. Es gefällt ihm so gut, dass er vier Wochen lang eisern alles Taschengeld spart und ins Musikgeschäft geht. Er möchte das Lied von … ja, von wem? Wer singt das? Der Verkäufer, seiner Kollegin zuzwinkernd: »Sing’s doch einfach mal vor.« Der Junge, der die Platte unbedingt haben will, vergisst alle Schüchternheit und singt den Verkäufer an: Monsieur, Monsieur, ich habe sie erkannt, / Monsieur, Monsieur, Sie sind galant und sehr charmant, / Monsieur, Monsieur, doch eines tut mir weh, / ich glaub, Sie sind nicht treu, Monsieur! / Ich möcht so gern mit Ihnen glücklich sein …

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Der Verkäufer hat Tränen in den Augen, seine Kollegin – scheinbar akuter Bauchschmerz – krümmt sich am Boden. Aber sie kennen die Platte. Monsieur, von Petula Clark. Stolz zieht der Junge ab. Erst Jahre später, als ihm die Szene wieder einfällt, schüttelt ihn Scham, und er ist gottfroh, dass youtube noch nicht erfunden war, denn die Schmach hätte er nicht überlebt.

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»Je mehr Botschaften auf uns einstürmen, desto weniger Zeit steht für ihre Verarbeitung zur Verfügung. Heute weiß man: Der entscheidende Flaschenhals dafür ist das sogenannte Arbeitsgedächtnis. Unsere Denkgeschwindigkeit, unsere Fähigkeit zum Fokussieren, zum Auswählen und Entscheiden – all das hängt vom Arbeitsgedächtnis ab. Leider ist seine Kapazität aber begrenzt.« (Die Zeit)

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Das kann ich leider bestätigen. Und: »Auch die Trennung von Wichtigem und Unwichtigem benötigt ›Rechenkapazitäten‹ in unserem Gehirn. Denn um eine störende Botschaft auszublenden, muss man sie zunächst einmal als unwichtig klassifizieren.« Dabei helfen wir Redakteure unseren Lesern, denn gerade das, was Zeit-Autor Ulrich Schnabel hier schreibt, definiert auch unseren Job. Das Arbeitsgedächtnis des Lesers zu entlasten, belastet aber das Arbeitsgedächtnis des Journalisten zusätzlich. Daher habe ich schon oft versucht, im eigenen Kopf Wichtiges und Unwichtiges zu trennen und den Müll zu entsorgen. Nur: Das Gehirn hat seinen eigenen Kopf, und mein Gehirn ist zudem noch ein echter Messi: Es hortet alte Schlagertexte, von denen ich jahrzehntelang nicht einmal wusste, dass ich sie kannte. Schreckliche Texte aus schrecklichen Schlagern tauchen nun auf und verstopfen das alte Hirn, das so gerne noch einmal neue Informationen sammeln würde. Richtig griechisch lernen, nicht nur beim Griechen rumstammeln, das wär doch was! Ich hab’s versucht. Doch statt wenigstens fünf Minuten lang griechisch deklamieren zu können, ist mir ganz ohne eigenes Zutun die Gabe zugeflogen, zwei Stunden lang alle möglichen und vor allem unmöglichen deutschen Schlagertexte aufsagen zu können.

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Damit könnte man sogar Geld verdienen – aber nur, wenn man Mario Adorf, Otto Sander, Rolf Boysen oder Axel Milberg heißt. Sie und andere renommierte Schauspieler lesen im Hörbuch »Die Männer sind alle Verbrecher« (Kunstmann, 69 Minuten, 14,90 Euro) deutsche Schlager als Gedichte. Von diesem Hörbuch habe ich allerdings nur gelesen (Besprechung in der Literarischen Welt), gekauft habe ich es nicht, denn mein Messi-Hirn kennt die Texte sowieso alle und sagt sie unentwegt selbst auf.

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Wäre das Hirn ein Computer, hätte ich die Lieder schon längst gelöscht. Das Hirn ist aber kein Computer, sondern ein fieser weißer Bär. Und da kommt der Psychologe Roy Baumeister ins Spiel beziehungsweise sein Test, in dem er der Sache auf den Grund ging, warum wir Wichtiges nicht von Unwichtigem trennen können und dadurch den Blick für das Wesentliche verlieren. »Um das zu demonstrieren, instruierte Baumeister Versuchspersonen, sechs Minuten lang ungehemmt ihren Gedankenfluss niederzuschreiben. Die Hälfte der Probanden wurde ermahnt, dabei auf keinen Fall an einen weißen Bären zu denken. Natürlich drängte sich gerade dadurch immer wieder ein Eisbär ins Bewusstsein, die Probanden mussten also ständig willentlich den Gedanken an ihn verdrängen. Wenn sie danach schwierige Probleme lösen mussten, gaben sie deutlich schneller auf als die Mitglieder der Kontrollgruppe« (Die Zeit). Die verbissene Bemühung, nicht an einen weißen Bären zu denken, hatte »so viel geistige Kapazität verbraucht, dass nur noch wenig davon übrig war, um die Frustration beim Problemlösen zu überwinden.«

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Meine weißen Bären sind zwei kleine Italiener, der alte Häuptling der Indianer oder Peter Lauch und die Regenpfeifer, sie machen Rudirallala, weil ihr Spargel wächst, sie »batschen« und sind, aber das fällt dem Monsieur-Jungen erst auf, als er alt wird, waschechte Machos, denen sich die Mädchen so willig hingeben wie unsereinem nur in den wildesten pubertären Träumen. Casanova batsch, batsch, Casanova batsch, batsch, Casanova batsche mi, Casanova kiss, kiss … sind auch andre Frauen heut noch dein, eines Tages liebst du mich allein … Petulas zweiter Hit. Das waren noch Zeiten! Dass das »Batschen« italienisch war (»baciare«) und Küssen heißt, ging dem Jungen nicht auf, er wunderte sich nur ein wenig, dass Lieben offenbar immer mit Hieben einherging, auch im Film, denn dort hieß es: Sie küssten und sie schlugen ihn.

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Irgendwann wurden die weißen Bären müde (oder waren es die weißen Tauben von Hans Harz?), denn als der Junge größer wurde und nur noch englische oder französische Lieder hörte, rauschten deren Texte zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Auch Messi-Hirne sind wählerisch, und was sie zuvor übersetzen müssen, kommt erst gar nicht in den Langzeit-Speicher.

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Schade, denn dadurch gingen Texte verloren, gegen deren Frauenbild die alten deutschen Macho-Träumereien am Schlagerfeuer wie kuschelige Softie-Anbiederungen wirken. Stand by your man / And show the world you love him / Keep giving all the love you can /Stand by your man!, sang Tammy Wynette, und da fragt der Hesse heutzutage ungläubig-freudig: Wynette? Wie nett! Warum ned? Oder Charlie Rich: Behind closed doors zeigt die US-Hausfrau, was in ihr steckt: Then she let’s her hair hang down / And she makes me glad that I’m a man / Oh, no one knows what goes on behind closed doors.

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Na ja, wir wollen gar nicht wissen, was hinter verschlossenen Türen in US-Schlafzimmern abgeht. Aber stellen wir uns einmal vor, heute Abend singt nicht Lena für Deutschland auf englisch, sondern eine ältere Ausgabe von ihr, die ebenfalls gerne im schwarzen Outfit auftritt, auf deutsch ein Medley aus den beiden Country&Western-Hits. Auftritt Alice Scharzer: Steh zu deinem Mann und zeig der Welt, du liebst ihn, so wie ich meinen, wenn ich hinter verschlossenen Türen meine Haare herunterlasse und ihn glücklich mache, ein Mann zu sein.

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Zwölf Punkte für Deutschland! Und jeder hätte Tränen in den Augen oder krümmte sich auf dem Boden, wie damals, als ein Junge sang: Monsieur, Monsieur …. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle