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Montagsthemen (9. Mai/Eintracht Frankfurt)

Auch frühe Besserwisserei ist blöde. Dass und wie es bei der Eintracht kam, wie es kommen musste, und dass dennoch Resthoffnung bleibt, weil in Dortmund nach meisterfeierlichem Verpuffen des Überschwangs die erwartete Schlagbarkeit eintritt, darauf soll nicht noch einmal herumgeritten werden. Auch auf Daum nicht, denn da halten wir uns an den alten Spruch des evangelischen Theologen Drewermann (anlässlich kroatischer Treterei in einem EM-Spiel 1996), dass auf Menschen, die am Boden liegen, nicht einmal Pferde treten, sondern nur … (was von Drewermann allerdings ziemlich unchristlich kroatenverachtend formuliert war).
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Halten wir uns also an Stärkere, an Bruchhagen und die Eintracht-Fans. In später Besserwisserei titelt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom »Daum-Desaster«, aber wer die Entwicklung der letzten Monate aufmerksam verfolgt hat, muss bei allem Respekt vor der Frankfurter Lebensleistung des Eintracht-Chefs die FAS-Schlagzeile umformulieren in: »Das Bruchhagen-Desaster«.
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Heribert Bruchhagen (und nun doch etwas Rumreiterei) ist verantwortlich dafür, dass der Wellness-Coach Skibbe widerspruchslos eine Mannschaft mit kleinem, leichten Akku geformt hat, die wegen ihrer Leichtgängigkeit frühe Erfolge auf Kosten von (sorry für das alte Mode-Wort:) Nachhaltigkeit feiern konnte. Als der kleine Akku leer war und die im Fußball immer lauernde Zufälligkeit des »schlechten Laufs« dazu kam, nutzte ein Amanatidis, der sich kurioserweise als Fußball-Genie fühlt, die Chance, den Coach frontal anzugreifen, und das auf eine Art, die nur die Alternative Suspendierung oder Skibbe-Abschied zuließ. Skibbe tat, was er tun musste, Bruchhagen funkte dazwischen und enteierte den Trainer, so dass zum kleinen, leeren Akku und dem miesen Lauf ein weiterer Negativfaktor hinzu kam. Als alle Punktedämme zu brechen drohten, geriet Bruchhagen ins Schleudern und holte, gegen sein Naturell und sein gesamtes vorheriges Wirken, einen Trainer wie Daum, eine reine Panik-Reaktion, und, altes »Anstoß«-Karma: Wer panikt, steigt ab. Daum überlud den kleinen Akku mit spontanem Crash-Training, was die FAS jetzt zu spät erkennen lässt: »Er hatte die Belastung offenbar überzogen.« Das aber und dass dies den Mini-Akku irreparabel beschädigt, hätte jeder halbwegs Kundige und vor allem Bruchhagen schon vorher wissen müssen, zumindest weiß das jeder Sportstudent im ersten Semester.
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Bruchhagen weiß immerhin, dass er der Hauptverantwortliche ist, und er wird nicht das tun, was andere tun, die angeblich die Verantwortung übernehmen, indem sie zurücktreten. Bruchhagen bleibt, und das ist gut so, denn Verantwortung übernehmen heißt, Verbocktes selbst zu bereinigen. Leider dauert das im Fußball mindestens eine Saison, aber … siehe Resthoffnung.
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Dass ein Promilleanteil bekloppter Fans ein Skandälchen buchstäblich vom Zaun bricht, ist keiner »Anstoß«-Rede wert. Das sollen andere als Untergang des Abendlandes werten. Aber dass eine Mehrheit der Fans gegen Schluss einer unsagbar armseligen Partie, nach der beide sofort absteigen müssten, in Sprechchören nach Amanatidis riefen – das klang wie der Ruf nach dem Strohhalm, wenn die letzte Stunde naht. Doch ein Strohhalm ist im Vergleich zu dem, nach dem sie riefen, ein stählerner Anker.
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Noch eine Merkwürdigkeit, aber zu guter Letzt (Eintracht-Fans: Nicht aufgeben! Hauptsache, der BVB feiert noch ein bisschen weiter!) eine ganz andere: Turn-Olympiasieger Peter Vidmar ist als Chef de Mission der USA für Olympia 2012 zurückgetreten. Vidmar, ein Mormone, war in die Kritik geraten, nicht weil er für Vielweiberei eintritt, worauf die Mormonen 1890 offiziell verzichteten (die aber von Fundamentalisten heimlich toleriert und praktiziert wird), sondern weil er gegen gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften wettert.
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Zum Sinn oder Unsinn von Polygamie oder Homo-Ehe lasse ich meinen Senf in der Tube. Aber warum tritt Vidmar zurück? Was hat das mit London 2012 zu tun? Ist »gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft« neue olympische Disziplin? Und Vielweiberei nur Demonstrations-Sportart? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle