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Sport-Stammtisch (7. Mai/Eintracht Frankfurt)

Patrick Ochs ist ein verdienter Eintracht-Spieler und ein Profi der angenehmen Art. Da ihm Fan-Hass entgegenschlägt, würde ich ihn gerne verteidigen. Aber ich kann nicht. Sein Wechsel nach Wolfsburg entspricht zu sehr den üblen Mechanismen des Profifußballs, über die ich immer klage und mit denen ich nie meinen Frieden schließen werde. Stichwort: Die Ware Sport ist nicht der wahre Sport.
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Zu Ochs’ Gunsten kann angeführt werden, dass sein Verhalten kein Einzelfall ist, sondern gängige Praxis, und dass Podolski, hätte er gestern seinen Wechsel nach Frankfurt verkündet, heute im Stadion von genau den Fans begeistert gefeiert würde, die Ochs heute auspfeifen.
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Als so »normal« diese Art Wechsel in der Branche auch gesehen werden, und so einig, wie die Bruchhagens und Magaths auch sind: Die Sache selbst bleibt zutiefst unsportlich. Ochs wird zwar ganz gewiss nicht absichtlich schlecht spielen, er wird sein Bestes geben (was momentan leider nicht allzu viel ist), es wäre skandalös, ihn der Manipulation zu verdächtigen. Doch der Skandal, der echte, steckt in dem System, das zulässt, dass Ochs, je schlechter er spielt, nächste Saison sportlich und finanziell um so besser gestellt sein wird. Nicht der Fußballer ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt.
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Allerdings gilt auch ein noch verballhornterer Spruch: Den Abstiegskampf in seinem Lauf, halten weder Ochs noch Lakic auf. Lakic könnte zwar heute mit seinen geretteten Lauterern die Wolfsburger in die zweite Liga kicken, aber im Lauf einer Saison gleicht sich alles aus, die späten und potenziell manipulativen Schieflagen wie nächste Woche, wenn in Dortmund pure Lust (mit großer Schludrigkeit?) gegen pure Angst (mit großem Kampf?) spielt, sind das Ergebnis der 33 Spieltage zuvor.
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Und wer nach dem 34. Spieltag wo steht, das hängt auch damit zusammen, was vor dem ersten Spieltag geschehen ist. Matthias Reutzel aus Echzell, treuer Leser und eintrachtkundiger Statistiker, wurde von mir am 11. August 2010 mit seiner Feststellung zitiert, dass »erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Dauer der Vorbereitungsphase bestehen« sowie mit der fast prophetischen Frage, »ob sich diese drei Wochen Unterschied in der Saisonvorbereitung zwischen Mainz 05 und der Eintracht in den nächsten 34 Spieltagen auswirken werden«? Tja.
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Nur scheinbar verblüffend daher, dass die Reutzelsche Trainingsbeginn-Tabelle sehr der aktuellen Bundesliga-Tabelle ähnelt. Das Erreichen eines Saisonziels hängt zwar von vielen Faktoren ab, und nicht alle sind beeinflussbar – aber einige wichtige schon, wie Intensität und Periodisierung des Trainings, um langfristig Grundlagen zu liefern. Da hat die Eintracht durch Wohlfühl-Training monatelang etwas versäumt, was kurz vor Schluss durch einen Crash-Kurs nur verschlimmbessert wurde. Aber Daum hatte, muss man zugeben, kaum eine Wahl.
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Bestätigung meiner Vermutung, dass die in der Bundesliga übliche und jeglicher Trainingslehre widersprechende Sonntag-Montag-Freizeit (manchmal bis Dienstag verlängert) keine sportlichen, sondern private Gründe hat, fand ich in einer Hommage an Jürgen Klopp in der »Zeit«. Sie schreibt, dass andere Trainer in der Bundesliga »versuchen, ›Di-Mi-Do-Verträge‹ für sich auszuhandeln«, sprich: Sonntag und Montag frei, dann drei Tage Training, Freitag aktive Erholung, Samstag Spiel – und wer dann auch schon vor der Saison geschlampt hat, darf sich nicht wundern, wo er am 34. Spieltag steht.
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»Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch« (»Montagsthemen« vom 2. Mai): Bei Fußball-Fachmann Hölderlin Hoffnung im Frankfurter Elend zu suchen, war keine gute Idee, denn Dr. Hans-Ulrich Hauschild ist nicht nur ständiger Leser unserer Kolumne, sondern hat in Sachen Hölderlin eine ganz andere Kompetenz als der Kolumnist mit seiner journalistischen Halbbildung. Nachhilfe von Dr. Hauschild (der über Hölderlin promoviert hat …): »Was Sie da als Zeichen zur Rettung der Eintracht deuten, stammt, wie Sie wissen, aus Hölderlins Hymne ›Patmos‹. Wie denn nun also das Rettende und die Gefahr vom Hymnenanfang einordnen? Zunächst der Text: ›Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. / Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch. Im Finstern wohnen / Die Adler….‹ Und: ›Oh Fittige gib uns, treuesten Sinns / Hinüberzugehen und wiederzukehren‹. Aha, die Adler? Hat die Eintracht nicht den Adler als Wappentier? Sind die Hölderlinschen Adler die Eintrachtler? Na klar; und, ich deute festen Buchstabens: Sie gehen hinüber (wohin wohl?) und kommen aber gleich zurück. Aus dem Finsteren, in dem sie jetzt wohnen und bleiben, kommen sie in das Licht zurück: 2012.«
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Abstieg und sofortiger Wiederaufstieg – ob das die Eintracht-Fans tröstet? (gw)

Baumhausbeichte - Novelle