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Sport, Gott & die Welt (gw-Blog März/April)

Freitag, 29. April, 15.40 Uhr.

Bericht der persönlichen Informantin aus dem Fitnesscenter: In der Bauch-Beine-Po-Gruppe blieben heute früh fast alle Problemzonen zu Hause. Dialog: Warum? -Außer dir fragt das heute niemand. – Ach so.

Meine persönliche Problemzone (Anhängerkupplung vs. Nummernschild) ist bereinigt. 100 Euro auf die Hand. Mancher Deutsche hätte das Zigfache rausgeschlagen. Bisschen Scham wg. letztem Blog-Eintrag. Und der Junge aus Eritrea ist wirklich ein netter Kerl. Spricht sogar besser deutsch als Bo-ei-Alder-Deutsche.

Bericht von der morgendlichen Rad-Front: Heute kein Fohlen da. Auch weder Reh, Fuchs noch Hase gesichtet. Nur die alten Kameraden Pferd und Schaf. Und ein Insekt. In den Mund geflogen, ausgespuckt. Dazu mein Höhlen-Gleichnis:

Ich stelle mir vor, ich bin das Insekt und habe die gleiche Erkenntnisfähigkeit wie der Mensch. Ich sirre summend vor mich hin, plötzlich öffnet sich ein  gigantischer Schlund, verschlingt mich und schließt sich. Um mich wabert und zischt es, ein riesiger Lappen züngelt nach mir, befühlt mich, sprüht mich mit wässrigem Schleim ein, ein insektenerschütterndes Grollen ertönt, der Schlund öffnet sich und speit mich in einer Schleimkugel aus. Der Schleim schützt mich beim Aufprall, zerplatzt, ich bin frei, schüttele mich, bewege die Flügel, Glück gehabt, alles funktioniert noch, ich sirre davon, nicht summend, sondern sinnend: Wie passen der zischende, schleimige Schlund und die Höllenfahrt im wässrigen Klumpen in unsere wissenschaftlich exakte Insekten-Weltordnung? Wie in unsere insektoide Seins-Philosophie? Wenn überhaupt, dann nur mit Hilfe eines hoch komplexen und spekulativen gedanklichen Überbaus. Und ich hab doch nur eine Fliege ausgespuckt.

“Mach doch die Auche uff, du blinde Hummel!”

Beinahe den schimpfenden Waldarbeiter überfahren.

Entschuldigend hebt der Rad-Platon den Arm.

 Mittwoch, 27. April, 11.15 Uhr.

Heute früh schlecht gelaunt aufs Rad gestiegen. Nicht wegen Schalke. War zwar ärgerlich, mit wieviel Ballast in der Hose sie spielten, aber auch mit etwas mehr Mut hätte es nicht gereicht. Höchstens mit zwei Neuers. Manu super, klar. ManU auch? Man spielt immer nur so gut, wie es der Gegner zulässt.

Nach dieser Binse zum Grund der schlechten Laune: Gestern Chr. in seine neue Wohnung begleitet. Er liest und unterschreibt Mietvertrag. Mit dem Vermieter, dem Sohn der Besitzerin, physiognomisch Typ Stuckrad-Barre, derweil ins Gespräch gekommen. Er liest keine Zeitung, informiert sich im Internet. Auch die Anzeige stand nur im Internet. Der noch recht junge Mann vertritt eine mir sehr sonderbar vorkommende Haltung, nämlich die absurde Meinung, das Copyright gehöre abgeschafft und alles, was im Internet stehe, sei Allgemeinbesitz und habe gefälligst kostenlos zu sein bzw. zu bleiben. Geistiges Eigentum gebe es nicht, und wenn zum Beispiel ein Verlag für den Abruf eines wissenschaftlichen Aufsatz 20 oder 30 Euro verlange, sei das eine Unverschämtheit und öffne zudem die Schere zwischen arm und reich noch weiter, denn dadurch könnten sich Ärmere wissenschaftlich nicht so gut fortbilden wie Reichere. Besonders apart auch seine Unterscheidung zwischen materiellem Besitz (natürlich erlaubt) und immateriellem (geistiges Eigentum), denn auf diesem Unterschied bestand er, als ich als Konsequenz auf seine “Alles umsonst”-Theorie vorschlug, die Wohnung umsonst zu vermieten.

Die Haltung des Besitzer-Sohnes ist leider keine skurrile Ausnahme, sondern in immer größere Kreise ziehenden Kreisen mehrheitsfähig. Das drängt die gedruckte Kauf-Zeitung in kleiner werdende Kreise (älter werdende bürgerliche Mittelschicht) zurück, was doppelt fatal ist, denn auf der ganz anderen Seite wird der Kreis der bildungs- und zeitungsfernen Unterschicht immer größer. Und dann gibt es immer weniger Menschen wie mich, die glauben, dass eine Tageszeitung, die man kaufen muss (auf welchem “Papier” auch immer), zum unverzichtbaren Bestand einer ganzheitlich informierten Gesellschaft gehört und dass ihr allmähliches Schwinden nicht nur ihr immaterielles Niveau gefährdet, sondern im Endeffekt auch ihr materielles.

Mit diesen Gedanken ins Auto gesetzt, beim Ausparken mit der Anhängerkupplung ganz leicht das Nummernschild eines Autos hinter mir touchiert. Der Besitzer, ein Mitbürger mit migrantischen Wurzeln,  steht daneben und ist ganz offensichtlich nicht der Meinung, dass sein recht betagtes Eigentum Allgemeingut ist, sondern sehr, sehr wertvoll für ihn. Jedenfalls fotografiert er schon, während ich aussteige, mit seinem Handy das Nummernschild, an dem ich keinen Schaden erkennen kann. Da aus der nahen Kneipe, die ebenfalls  migrantische Wurzeln hat, migrantische Zeugen auftauchen und da ich in dieser Gegend selbst sehr migrantisch wirke, schlage ich im Dienste der Völkerverständigung vor, 50 Euro zu spenden. Der Vorschlag wird freundlich abgelehnt. Erst müsse der Schaden genau untersucht werden. Ende offen.

Morgens also schlecht gelaunt aufs Fahrrad. Und dann: Frische, kühle, durch nächtliche Schauer und Winde gereinigte Luft, die Pollen sind weg, es ist eine Lust zu fahren. Auf der Weide schließt ein allerhöchstens zwei Tage altes Fohlen Bekanntschaft mit der Welt und ist begeistert. Es hoppelt und springt und taumelt und knickt ein und sortiert vier Beine, deren binsendünne Länge jedes Model vor Neid noch blasser macht … und springt und hoppelt, immer begleitet und beäugt von der fürsorglichen Frau Pferdemama.

Hatte ich schlechte Laune? Was ist das überhaupt? Und fast hätte ich es vergessen: Sowohl der Besitzer der Wohnung als auch der Besitzer des Autos waren richtig nette Kerle.

Ostermontag, 25. April, 15.40 Uhr.

Am Morgen in der Mailbox: Ein treuer und kritischer Leser äußert sich zum Sport-Stammtisch vom Samstag.

Vielleicht brauchen manche Ihrer Leser/innen, darunter vor allem die geistigen Freunde (ich zum Beispiel, aber seine Freunde kann man sich auch nicht immer aussuchen, jedenfalls in Ihrer Position nicht), einige Zeit, um diesen Anstoß zu verdauen. Will sagen: für einen konservativen Intellektuellen war die Rede von der „Parteilosigkeit“ bei Atomkraftfragen, der offenkundig zustimmend formulierte Satz des Anstoßlesers Dr. Güttner, in welchem die – pardon, etwas pathetisch – ungeheuerliche Begriffsbildung „Widerstandskämpfer“ vorkommt, und die nur zurückhaltende Entschuldigung – auch hier wieder nur Ironie – „falls die gesellschaftspolitisch den guten Ton angebende Kreise sich von unseren beiden Lesern und mir verhohnepiepelt fühlen“ doch wohl etwas wenig, oder hinwiederum und dennoch etwas zuviel. Es gibt Gegenstände der öffentlichen Diskussion, bei denen Spaß und Ironie selbst auf diesem Niveau nicht mehr erlaubt sind. Und was endlich heißt „Parteilosigkeit“? Wollen Sie damit sagen, dass das Atomthema ein parteipolitisches ist? Oder haben Sie einfach keine Meinung dazu? Oder eine, bei denen Sie sich nicht trauen, gegen die „Widerstandskämpfer“ eine Auffassung zu vertreten?

Jawohl, lieber Herr Steines, ich fühle mich verhöhnt – nicht durch Ihre Auffassung, sondern durch die Begriffe „Parteilosigkeit“ und „Widerstandskämpfer“. Denn dass letzterer Begriff in deutlich verletzender Absicht hier hin gesetzt werden wollte, wird nur allzu deutlich. Man kann und darf über die Energiepolitik unterschiedliche Meinungen haben, aber doch nicht in dieser Form. Man kann hier allerhand Kosten- und Verzichtsargumente einbringen, bei deren Diskussion sich dann ja zeigen würde, wie ernst es den Menschen mit ihrer Kritik an der Atomkraft ist, man kann sicher auch Klima – Argumente einsetzen.

Da hilft am Ende auch nicht mehr, dass Sie das Wort „neoliberal“ hier hinsetzen. Denn nichts, gar nichts, war dem neoliberalen Zeitgeist mehr verpflichtet als die Atompolitik der Bundesregierung: Gewinn generieren um jeden Preis.

Gesegnetes Osterfest wünscht

Ihr

Hans-Ulrich Hauschild

Da muss ich natürlich antworten, noch vor Tau und Tag und den redaktionellen Pflichtaufgaben des Tages: Lieber Herr Dr. Hauschild,
in aller Ostermontagsfrühe und vor dem Pflichtprogramm eine kurze, ehrliche Antwort: Ich habe eine sehr entschiedene Auffassung zur AKW-Debatte, nämlich eine sehr unentschiedene. Seit Wochen liegt in meinem Zettelkasten ein Stern-Interview mit dem britischen Öko-Aktivisten und Klimaschützer George Monbiot mit einigen unterstrichenen Kernsätzen (“Kohlekraft ist noch gefährlicher”, “Was in Deutschland passiert, erscheint mir eine wilde Übertreibung”, “Und es ist einfacher, gegen eine kleine Zahl von Atomkraftbetreibern anzugehen als gegen uns alle”). Dazu kommt die allerdings nicht sehr originelle Beobachtung und von interessierter Seite auch argumentativ missbrauchte Tatsache eines deutschen Sonderweges (der mir in jeder Beziehung verdächtig ist), ironisch kommentiert von Bill Gates (“Deutschland ist ein reiches Land”). Dass ich bisher nicht näher darauf eingegangen bin, liegt nicht nur daran, dass es mit Sport nichts zu tun hat, sondern weil ich mich als Laie nicht in eine Diskussion einmischen möchte, die überwiegend emotional geführt wird und zu der ich nichts originär Fachliches, sondern ebenfalls nur Gefühlsmäßiges beizutragen hätte. Mein Gefühl also: Es hängt alles mit dem Fetisch Wachstum und Umsatz zusammen, auch bei den erneuerbaren Energiequellen, und das bringt uns und späteren Generationen großen physischen und psychischen Schaden, auch mit dem scheinbaren Allheilmittel der Energiewende. Atomkraft wäre ein wahres Allheilmittel, gäbe es die statistisch minimalen, in der Auswirkung aber apokalyptisch-katastrophalen Risiken nicht. Die Gefahren der Alternativ-Energien sind nicht statistisch minimal, sondern mit Sicherheit gegeben, mit allerdings nicht so plötzlichen und nicht so endgültigen Auswirkungen. Sie merken, dass ich doch nicht kurz bleibe und aus der hohlen Montagsmorgen-Hand geschrieben auch nicht stringend argumentiere. Vielleicht wirklich kurz noch die Gründe für meine distanzierte Ironie: Ich finde es erstaunlich, wie sicher sich die unterschiedlich Meinenden ihrer Meinungen sind, und daraus erwächst kritisch distanzierte Ironie zu allen.
Ihnen als einem kritischen Leser, der mir immer wieder Anstöße zum Überdenken gibt, auch was eher flapsig-gedankenlos Hingeschriebenes angeht, wünsche ich noch ein angenehmes Rest-Ostern

Schon kurz darauf kommt die Antwort des ebenfalls Frühaufgestandenen:

 Danke für die Antwort – man fühlt sich ernst genommen. Nur noch ein Wort dazu: ich gehe davon aus, dass der wesentliche Antrieb von Menschen, die die Kernenergie als Versorgungsquelle, wenigstens seit kurzer Zeit, nämlich seit Japan, ablehnen, nicht nur im rein Fachlich-Naturwissenschaftlichen, und schon gar nicht im Emotionalen, liegt, sondern jedem immer die grinsend – hässliche Geste mancher AKW – Betreiber bei der Verlängerung der Laufzeiten vor Augen steht. Es fehlte, so sicherlich die Gefühlslage vieler Menschen, nur noch das V – Zeichen. Will sagen: die rein ökonomischen Interessen – hier nicht im Sinne der Makroökonomie, da kann man ja noch nachdenken, sondern reiner, purer und rücksichtsloser mikroökonomischer, also egoistischer, Gewinnschacher – treten so klar zu Tage, dass man sich angeekelt abwendet.

Das ist ja wohl auch Ihre Meinung, wenn Sie sagen es hänge alles mit dem „Fetisch Wachstum..“ zusammen. Und das alles hat wiederum mit Emotionen nichts zu tun, sondern scheint klare Erkenntnis: man verkauft unsere Sicherheit an die Gewinninteressen Einzelner. Auch deshalb der Widerstand.

Also: nochmals vielen Dank für die Antwort.

Herzliche Grüße

Ihr

Hans-Ulrich Hauschild

Anschließend die Montagsthemen geschrieben, wobei das in Sachen Neuer-Wechsel angedeutete Phänomen als ein generell gesamtgesellschaftliches thematisch zu dem in meiner Mail-Antwort genannten Fetisch gehört. Ins Unreine geschrieben:  Expansion geht vor Konsolidierung statt umgekehrt. Ist aber immer noch gedanklich und argumentativ zu schwierig, zumindest für mich, um diese Meinung in der Kolumne klar und überzeugend auf den Punkt zu bringen. Vielleicht gelingt mir’s ja irgendwann einmal. Konstruktive Leser-Hilfe wird gerne angenommen.

 Ostersonntag, 24. April, 6.29 Uhr

Als erste Amtshandlung die Gedanken von Eintracht-Blogger Kid Klappergass zum Frankfurter Spiel gelesen. Besseres und Zutreffenderes wird auch übermorgen in den Frankfurter Zeitungen kaum zu finden sein, trotz der 48stündigen Bedenkzeit der Kollegen.

Seltsam, dass zum eigenen Blog und zum gedruckten Samstags-Stammtisch noch null  Reaktionen vorliegen. Sehr ungewöhnlich. Oder bringt der Serverhase an Ostern die Mail-Eier gesammelt erst am Ostermontag?

Jetzt nur ein paar Sichtungs- und Ordnungsarbeiten. Arbeitssonntag ist an Ostern und Pfingsten der Montag.

“Muslima” gibt’s schon heute.

Muslima (7 und Schluss)

Stolz und stark wollte sie ihm entgegen gehen, wenn er aus dem Zug stieg. Dollinger sollte erkennen, dass er sie nicht gebrochen hatte. Dann würde sie zustoßen. Erst wenn sie sicher sein konnte, dass er tot war, würde sie noch einmal zustoßen. Dann wäre sie erlöst.
 
 
Dass Dollinger auf dem Weg zu ihr gestorben war, vor meinen – allerdings geschlossenen – Augen, hilflos und erbärmlich, so wie er es verdiente, betrachtete Muslima als göttliche Fügung, weil sie dadurch nicht die Sünde des Mordes begehen musste, bevor sie sich in eine leidenslose Ewigkeit verabschiedete.
Sie war mir dankbar. Aus tiefstem Herzen.
Aber in ihrem Entschluss blieb sie unbeugsam.
»Irgendwann passt Du einmal nicht auf, der Tag wird kommen, und dann ist es vorbei. Mach dir keine Vorwürfe, wenn es vorbei ist. Du kannst es nicht verhindern.«
Ich würde es verhindern.
Mein Leben hatte einen Sinn.
 
 
 
 
Zwei Jahre ist das her. Ich arbeite als freischaffender Reiseführer auf Naxos. Im Sommer verdiene ich gut, im Winter komme ich mit meinem Ägäis-Newsletter über die Runden, den Griechenland-Freunde  online lesen. Meine zufriedenen Sommer-Kunden sorgen durch Mund-zu-Mund-Propaganda für steigende Abo-Zahlen.
 
Mit Muslima hatte ich es anfangs sehr schwer. Als sie spürte, dass mich die Suizidverhinderungswachsamkeit in die totale Erschöpfung trieb, bot sie mir einen Kompromiss an: Einmal noch wollte sie nach Naxos, bis dahin, versprach sie, würde sie am Leben bleiben wollen.
Erstmals in meinem Leben stieg ich in ein Flugzeug, erstmals betrat ich den Boden eines Landes, über das ich zuvor nur geschrieben hatte.
Nach drei Tagen bat ich sie um Kompromissverlängerung. Sterben könne sie noch früh genug.
Sie erbat sich einen Tag Bedenkzeit.
Seitdem verlängern wir den Kompromiss Woche für Woche.
Nicht, dass ich glaube, diese Lebens-Verabredungen geschähen nur noch pro forma. Muslima bleibt unbeugsam. Es ist alles nur eine Frage der Zeit.
 
Ich liebe sie, aber das werde ich ihr nie verraten.
Ich weiß, dass diese Liebe hoffnungslos ist. Muslima wird, solange sie lebt, freiwillig keinen Mann berühren. Ich tue alles, damit sie noch lange lebt. Mehr will ich nicht, mehr werde ich nie bekommen.

 
 
Seit gestern habe ich Angst.
Zum ersten Mal seit jener Nacht auf dem Balkon habe ich Muslima berührt.
Es war ein Versehen.
Wir lagen am Strand, lasen beide.
Ich drehte mich auf die Seite, Muslima tat dies gleichzeitig.
Mein Knie berührte ihren Oberschenkel, meine Schulter ihre Schulter.
Muslima zuckte zurück und schrie auf.
Zwei Jahre, und jetzt hatte ich es vermasselt.
»Entschuldigung.«
Sagte ich.
Sagte sie.
Gleichzeitig.
»War keine Absicht.«
Sagte ich.
»Ich weiß.«
Sagte sie.
Muslima lächelte mich an.
Noch nie hatte ich sie lächeln gesehen.
»Lass uns weiter lesen.«
Ich brachte keinen Ton heraus, nickte nur.
Wir lasen weiter.
Als sei nichts geschehen.
 
Seitdem habe ich Angst.
Vor der Hoffnung.
 
 
 
 

Karfreitag, 22. April, 9.35 Uhr.

 

Sieben Uhr. Schreck in der Morgenstunde: Anstoß online nicht erreichbar, weder für Leser noch für den Schreiber. Mutterseeelenallein in der Redaktion. Soll ich einen unserer Experten alarmieren? Am Feiertag in aller Hergottsfrühe? Nee. Erst mal das Zauberwort der Profis für uns Amateure anwenden: “Abmelden und neu anmelden!” Früher, im nun schon alten Redaktionssystem (vor vier Jahren war es noch brandaktuell), war das Zauberwort kürzer, hatte aber fast immer gewirkt: “Neu laden!” Jetzt drei Mal das neue Zauberwort simsalabimst, vergeblich. Also abwarten. Zweieinhalb Stunden später geht’s wieder. Hat jemand eingegriffen? Wahrscheinlich nicht. Mit Sicherheit nicht. Wetten, dass die Zauberlehrlinge oft selbst nicht wissen, wie und warum die Geister, die sie riefen, kommen oder nicht? Ist ja auch egal, solange es wirkt: “Abmelden und neu anmelden!” Simsalabim.

Noch schneller veraltet als alle neuen Redaktionssysteme: der “sarrazinmäßige” Ausschluss im gw-Blog von gestern. Die SPD ist halt doch toleranter als die Werder-Grünen. Den Mann muss man verkraften können. Und richtig einordnen: Sieht vieles richtig, fast das meiste sogar, ordnet es aber seiner verqueren Eitelkeit unter, die nicht die Verhältnisse verbessern, sondern mit plakativer Aggression das eigene Profil aufmotzen soll. Zum Glück ist Sarrazins Profil im wirklichen und im TV-Leben, wenn er live- und leibhaftig seine schriftlichen Argumente vertreten soll, das eines unangenehmen, verkniffenen, graulangweiligen, zahlenkolonnengläubigen Bürokraten. Sonst hätte Deutschland den krachend-populären Populisten, den andere europäische Länder schon haben. Und nun zu “Muslima”, der Kurzgeschichte, deren Ende näher rückt.

Muslima (6)

Dollinger.
So hieß er. Der Kerl, der fünfzehn Jahre später vor meinen geschlossenen Augen starb.
Er setzte sich ihr gegenüber.
Als Marte aufstehen wollte, hielt er sie fest.
Ihr Martyrium begann.
Sie beschrieb es in allen Einzelheiten. Ich werde sie nicht wiederholen. Nur so viel: Dollinger, ein verurteilter Doppelmörder, war aus der Haft entflohen. Er wusste, dass er wieder geschnappt würde, doch bis dahin wollte er »seinen Spaß« haben. Marte, in ihren ihn aufreizenden Feten-Kleidern, kam ihm gerade recht.
Auf der Fahrt nach Gießen fummelte er brutal an ihr herum, küsste sie geifernd und kündigte ihr haarklein an, was er mit ihr   machen werde. »Wenn der Schaffner kommt, hältst du das Maul, verstanden? Ich habe nichts zu verlieren, wenn du plapperst, bist du tot.« Grinsend ließ er ein Klappmesser aufschnappen.
Im Schrecken erstarrt, wäre Marte sowieso stumm geblieben, aber kein Schaffner kam, keine Fahrgäste stiegen ein.
In Butzbach zerrte Dollinger sie zum Klo, sperrte sich mit ihr ein und begann mit den widerwärtigsten Manipulationen. Dann vergewaltigte er sie.
In Gießen verabschiedete er sich höhnisch . »War doch nett mit mir, oder?«, rief er ihr noch zu, sprang auf den Bahnsteig … direkt in die Hände eines mobilen Einsatzkommandos.
Marte hatte schon bei den ersten Attacken Dollingers die Notruftaste ihres Handys gedrückt, die Polizei ortete den Anruf und hatte leichtes Spiel, den entflohenen Doppelmörder wieder einzufangen.
Marte wurde als tapferes Mädchen gelobt.
Aber seitdem war sie wie erloschen.

Sie verkroch sich in ihrem Zimmer, ließ niemanden an sich heran, sprach mit niemandem, auch nicht mit ihren Eltern.
Die wenigen Freundinnen und Klassenkameraden, die Kontakt mit dem gebrochenen Opfer halten wollten, gaben bald auf.
Nach dem zweiten und diesmal fast geglückten Selbstmordversuch wurde sie stationär in die Psychiatrie eingewiesen. Sie wehrte sich nicht dagegen. Aber alle Behandlungsversuche prallten an ihr ab.
Wegen latenter Suizidgefahr konnte sie nicht entlassen werden.
Der Vater ertrug die »Schande«, die Mutter das Leid ihrer Tochter nicht. Der Vater starb bei einem Autounfall, als er auf schnurgerader Strecke gegen einen Baum fuhr. Die Mutter magerte ab und verschwand buchstäblich aus dem Leben. Als sie starb, wog sie keine fünfzig Pfund mehr.
Marte blieb fast fünfzehn Jahre im festen Haus der Psychiatrie. Dass irgendwann die Geldstücke anders aussahen, dass in New York zwei Hochhaustürme zusammenkrachten oder dass im Irak ein Despot aus einem Erdloch gezogen wurde, all das bekam sie nur am Rande mit.
Nach einigen Jahren aber veränderte sich die Ohnmacht des Suiziddrangs allmählich hin zu mörderischen Machtphantasien.
Als die zunächst nur zaghaft zugelassenen Rachegedanken stärker wurden und sie erstaunt feststellte, dass sie ihr Leid linderten, fasste sie einen Entschluss: Den Triumph ihres Todes wollte sie ihrem Peiniger nicht auch noch gönnen – die Kreatur, die ihr das angetan hatte, sollte eher sterben als sie. Als sie, die ich jetzt wieder Muslima nennen will.
In der Psychiatrie war man froh, dass die bedauernswerte junge Frau wieder Lebensmut fasste.
Muslima taute scheinbar auf. Nach vielen Jahren vergeblicher psychiatrischer Therapierungsversuche beherrschte sie den Fachjargon wie eine perfekt gelernte Fremdsprache, mit der sie mühelos die freudig um sie bemühten Ärzte und Pfleger täuschen konnte.
Sie würde sich umbringen. Das Leben ekelte sie an. Aber vorher … Muslima nahm an Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskursen teil – ich hatte ihre Kraft und Geschicklichkeit zu spüren bekommen! – und erreichte, zum krönenden Abschluss ihrer erfolgreichen Therapie, dass sie schriftlichen Kontakt zu ihrem Peiniger aufnehmen durfte, um dieses schlimme Kapitel ihres Lebens abschließen und ein neues beginnen zu können.
Panik ergriff sie, als sie erfuhr, dass Dollinger kurz vor der Entlassung stand.
Nicht weil sie Angst vor ihm und um sich hatte, sondern weil sie fürchtete, er könne spurlos verschwinden.
Sie schrieb ihrem Peiniger. Sie verzeihe ihm und wolle ihm das auch persönlich sagen.
Muslima flehte die Ärzte an, sie aus der Psychiatrie zu entlassen. Sie sei bereit für das Leben. Ein Gutachten bestätigte das.
 
Ihr wurde die Wohnung neben mir zugewiesen. Das Hochhaus wurde von städtischen Behörden aus mir unerfindlichen Gründen zu allerlei Integrations- und Resozialisierungsmaßnahmen genutzt, obwohl es nach meiner Erfahrung deren Ende bedeutete.
Muslima bemühte sich nicht, sich wohnlich einzurichten. In einem türkischen Geschäft kaufte sie den Ganzkörpersack, in einer billigen Parfümerie schwarze Schminke und Lippenstift, und aus ihren und ihrer Eltern in einer Speditionshalle eingelagerten Habseligkeiten kramte sie nur die Kleider hervor, die sie an jenem Tag vor fünfzehn Jahren anhatte.
Die Tage und Nächte des Wartens schienen kaum auszuhalten.
Doch dann die Erlösung. Dollingers Brief. »Am Mittwoch kome ich. Mit unserem Zug! Mein Täubchen, balt bin ich bei dir.«

 

Donnerstag, 21. April, 16.50 Uhr.

Kaum ist aus Andrea Petkovic “unsere Petko” geworden, schon sitzt SPD-Gabriel bei ihr in der Box. Früher hat sie ein Praktikum bei Roland Koch gemacht, jetzt macht Sigmar Gabriel ein Tele-PR-Praktikum bei ihr. Was der Mutti ihr’n Mesut, ist dem … hat er schon einen Spitznamen? Arm, die Politiker, parteienübergreifend, in ihrem Wahn, als Groupies von Populäreren Popularitätspunkte zu sammeln.

Werder Bremen macht einen zu Recht Unbekannten zu Unrecht bekannt, ein Doppelmitglied von NPD und Werder.  Der soll sarrazinmäßig ausgeschlossen werden, weil Werder keinen NPD-Mann im Verein haben will. Da gibt es zwar irgend so einen Paragraph im Grundgesetz, dass man wegen seiner Anschauungen nicht diskriminiert werden darf (so saublöd sie auch sein mögen, wie im Fall NPD), außerdem ist diese Partei meines Wissens nicht verboten, sondern steht zur Wahl wie den Bremern genehmere auch, aber was schert uns das, wenn wir im Besitz der alleinseligmachen Moral sind?

Interessant wird’s aber, wenn die NPD ihr Mitglied ausschließt, weil es auch Mitglied bei Werder ist. Eine solche Unvereinbarkeitsklausel der eigenen Mitgliedschaft mit jener bei Werder hat aber bisher, soweit ich weiß, nur Uli Hoeneß bei den Bayern durchgedrückt, mit hundertprozentiger Zustimmung, auch von der “Schickeria”-Gruppe.

Schluss mit dem Quatsch. Er wird auch nicht am Samstag in der Zeitungs-Kolumne stehen, denn die ist so gut wie geschrieben, mit der selbst gestellten Vorab-Maßgabe: ohne Fußball (nur mit einem winzigen Daum-Piekser zur Zwickmühle,  wozu und wem man am Samstag denn die Daumen drücken soll, da Daum im Falle des Abstiegs geht). Online wird sie aber noch nicht gestellt, denn selbst am Karfreitag ist man ja heute nicht vor sportlichen Überraschungen sicher. Vor der Kurzgeschichte noch einmal der Hinweis für neue Leser: Bitte erst nach unten scrollen und bei Muslima-Folge 1 beginnen.

Muslima (5)

Es dauerte Tage, bis sie mit mir sprach.
Bis dahin hatte nur ich gesprochen.
Ich erzählte ihr alles.
Alles von mir.
Ich gab zu, sie angelogen zu haben.
Ich. Kein Therapeut, kein polyglotter Reisejournalist, sondern ein Gescheiterter, ein mieser Hochstapler und Taschendieb.
Und dennoch lebensfroh.
Daran könnte sie sich doch ein Beispiel nehmen?
Sie blieb stumm.
Erst als ich von der Zugfahrt erzählte, von dem Mann, der vor meinen Augen starb, dass ich ihm nicht half, dass ich dann sie am Bahnhof sah, von ihr angerempelt wurde, dass ich mich wunderte, was eine Frau wie sie mit solch einem unangenehmen Typen zu tun haben könnte, erst da erwachte sie aus ihrer Apathie.
Aber statt zu sprechen, gab sie mir ein Blatt Papier, einen Zettel mit der krakeligen Schrift eines Halbanalphabeten. Eine Art Brief, eine Ankündigung: »Am Mittwoch kome ich. Mit unserem Zug! Mein Täubchen, balt bin ich bei dir.«
 
Seit der Nacht auf dem Balkon hatte ich sie keine Minute allein gelassen. Ihre Wohnung war unmöbliert. Kein Schrank, kein Fernseher, nur ein Bett und ein Stuhl und ein paar Müllsäcke.
Ich bestand darauf, dass sie zu mir kam. Sie schlief in meinem Bett, ich auf der Couch.
Alle Messer und sonstigen spitzen Gegenstände schloss ich weg.
Sie ließ meine Fürsorge über sich ergehen.
Nur  als ich sie einmal zufällig berührte, schrie sie auf und begann am ganzen Leib zu zittern.
Seitdem vermied ich es, sie zu berühren.
Mit tat es gut, ihr aus meinem verpfuschten Leben zu erzählen. Ich dachte, es hilft ihr zu wissen, dass andere Menschen auch Probleme hatten und dennoch in den Tag hinein lebten, doch zunächst einmal half es nur mir.
Sie blieb stumm.
Bis sie mir den Zettel reichte.
 
Zu sprechen begann sie, weil sie an eine göttliche Fügung glaubte. Dass ich diesem Mann gegenüber saß, er vor meinen Augen starb, ich ihm nicht half und er schon steif und kalt war, als er in Gießen herausgetragen wurde, das konnte kein Zufall sein, sagte Muslima, die in Wirklichkeit Marte hieß. Für mich blieb sie Muslima.
Ihre schreckliche Geschichte begann vor fünfzehn Jahren mit einer einwöchigen Abi-Feier auf Naxos, der größten Kykladen-Insel in der griechischen Ägäis. Sie genoss die Zeit, flirtete ausgelassen, verliebte sich aber nur in Sonne, Strand und Meer der Insel.
Naxos war nicht so penetrant vom Tourismus geprägt wie andere Kykladen-Inseln, da man nach Naxos  nicht im Charter-Jet fliegen konnte, sondern in Athen nach Piräus fahren musste und dort noch sechs Stunden Fährpassage zur Insel vor sich hatte. Reisejournalist Florian Schmidt  wusste das natürlich, auch, dass Naxos einen kleinen Airport für innergriechische Flüge hatte, den aber nur Einheimische und erfahrene Einzelreisende nutzten. Vor ein paar Jahren erst hatte ich eine große Naxos-Reportage geschrieben, für die sich eine Leserin ausschweifend bedankte, da ihr die »staunenswerten Detailinformationen des absoluten Insiders« zu einem wunderbaren Urlaub verholfen hätten.
Na ja, das gehörte hier nicht hin. Ich verkniff mir besserwisserische Unterbrechungen und hörte Muslima zu, von Minute zu Minute gebannter und entsetzter, denn auf die Idylle folgte die Hölle.

 Muslima … oder Marte, nennen wir sie in dieser Geschichte noch mit ihrem richtigen Namen, also Marte war 19, noch Jungfrau und blieb es auch. Nach der Rückkehr aus Naxos feierte ihre Klasse in einem Frankfurter Klub endgültig Abschied vom Schüler-Dasein. Sie feierten bis zum frühen Morgen und wollten erst mit dem Frühzug nach Gießen zurück. Marte fuhr schon mit dem Spätzug, dem »Lumpensammler«, weil sie, die sich auf das Studium freute, am nächsten Morgen in Gießen eine Informationsveranstaltung des Germanistischen Seminars besuchen wollte.
Der Zug fuhr ab. Er war fast leer.
Marte saß alleine in einem Abteil, als sich die Tür öffnete und ein Mann hereinkam.

 

 

 

Mittwoch, 20. April, 17.10 Uhr

 

Im heute geschriebenen Sport-Stammtisch fehlen  einige Namen: Eintracht, Daum, Bruchhagen … Warum fehlen sie: Pietät (hessische)? Respekt (vor Bruchhagens bisheriger Leistung)? Überstrapaziert (Daum-Overkill)? Ich weiß es selbst nicht. Den Knackpunkt, den aus meiner Sicht (ja, klar, jeder kennt einen anderen  Knackpunkt), habe ich jedenfalls frühzeitig in einer der Zeitungs-Kolumnen benannt: Als Bruchhagen den von Skibbe aus notwendigen disziplinarischen Gründen aussortierten Amanatidis prompt wieder einsortierte und der abgewatschte Skibbe dazu auch noch Männchen machen musste. Skibbe ist gewiss nicht mein Lieblingstrainer, Bruchhagen aber mein Lieblingsboss, und dennoch war diese Retourkutsche (für Skibbes Attacken im Jahr zuvor?) schädlich für das Binnenklima in der Mannschaft und damit auch unterschwellig für die Leistung. Quod erat demonstrandum. Und hoffentlich nicht auch noch: Quod erit demonstrandum (kleiner Abschweif für große Lateiner).

Schön, dass einigen Lesern die “Muslima”-Geschichte gefällt. Ich versuche, sie bis Ostern abzuschließen.

Muslima (4)

Als sie wieder zu sich kam und realisierte, dass sie nicht tot war, sondern ein fremder Mann in ihrer Wohnung ihre Wange tätschelte, starrte sie mich an wie ein gehetztes wildes Tier, sprang auf und lief zur Balkontür. Ich erwischte sie am Fuß.
Wir kämpften lange. Muslima war unglaublich gewandt und kräftig. Aber schließlich setzte sich meine höhere Gewichtsklasse durch.
»Ich rufe jetzt die Polizei, den Notarzt, die Feuerwehr, was weiß ich, irgendeine Nummer, 112 oder so, die kennen die Adresse schon.«
Und dann wäre die Sache für mich erledigt.
Oder?
Die blonde Frau am Bahnhof, die schreiend weglief, als sie den Toten erblickte. Ich, der aus dem Zug stieg und verstohlen zusah. Vielleicht gab es sogar einen Zeugen, der mich im Abteil mit dem Mann gesehen hatte. Ausgerechnet ich melde einen Selbstmordversuch, ausgerechnet von der Blonden vom Bahnhof. Was, wenn sie behauptete, ich habe sie vom Balkon stoßen wollen? Beide bluteten wir. Sie hatte sich wild gewehrt. Ich war verdächtig. Wer war ich überhaupt? Eine dubiose Person, Reisejournalist mit geringfügigem Einkommen. Sie ermitteln gegen mich, kommen auf das »Trocadero«, die Bankautomaten, die ans Fundbüro geschickten Brieftaschen und Geldbörsen. Ich hatte den betrunkenen Mann im Zug berauben wollen, er wehrte sich, starb vor Aufregung, seine Frau, Freundin oder Geliebte sieht den Toten, läuft im Schock davon, ich hinterher, verschaffe mir Zutritt zu ihrer Wohnung und will die Zeugin beseitigen. Zeugin? Von was? Egal, irgendetwas wird der Mordkommission schon einfallen.
Mordkommission.
Mir wurde heiß und kalt.
»Oder versprechen Sie mir, es nie wieder zu versuchen?«
Sie reagierte nicht. Apathisch hockte sie auf dem Boden, mit dem Rücken an der Heizung.
»Oder soll ich doch anrufen?«
Nichts.
»Sie versprechen mir, es nicht wieder zu tun?«
Keine Reaktion. Ich gab auf. Schaute sie mir genauer an. Sah aus wie eine Wahnsinnige. Schwarze Schminke, verschmiert in Gesicht und Haaren, rote Streifen auf Händen und Wangen, Blut oder Lippenstift. Wie alt? Schwer zu schätzen. Sicher nicht viel jünger als ich.
Aber eine klassische, beeindruckende Schönheit, schon am Bahnhof war es unverkennbar gewesen, trotz der Maskerade.
 
Ich fasste einen Entschluss.
Mein leichter Depressions-Anflug auf dem Balkon.
Ihr Selbstmordversuch.
Hatte ich schon jemals etwas Sinnvolles getan im Leben?
Was hatte ich zu bieten?
Nichts. Es sei denn, meine tragische persönliche Lage nicht allzu tragisch zu nehmen. Genaugenommen nahm ich sie überhaupt nicht tragisch, außer nach solch einem Tag nachts auf dem Balkon. Und selbst dann behielt ich meinen unbegründeten Optimismus. Irgendwie geht’s immer weiter.
»Irgendwie geht’s immer weiter. Ich bin Therapeut, kann Ihnen helfen. Sie müssen sich nur helfen lassen wollen.«
Mein Lebensmotto, laut und zuversichtlich ausgesprochen, meine Lüge und meine Floskel weckten eine erste Reaktion.
Muslima blickte mich an.
Voller Verachtung.

Sonntag, 17. April, 6.40 Uhr.

Die rhetorische Frage im Sport-Stammtisch gestern stellt sich nun erneut, als ratlose: Wenn Frankfurt nicht bei einer führungslosen, im Tabellen-Nirwana dümpelnden Null-Bock-Truppe gewinnt, wann und wo dann sonst? So oder so ähnlich sollten auch die gleich zu schreibenden Montagsthemchen beginnen, die wegen des Super-Sonntags eben nur Themchen sein werden – mit viel Platz drumrum für die beiden Sonntag(s)spiele (wann werde ich endlich herauszufinden versuchen, ob es Sonntagspiele oder Sonntagsspiele heißt, oder ob beides möglich ist?) - Für Muslima Teil drei gilt der gleiche Zusatz wie gestern (wer vorne anfangen will, bitte … scrollen).

Muslima (3)

Nächste Station Butzbach.
Auf dem Bahnsteig warteten ein paar Jugendliche.
Ich hörte ihr Lachen und Rufen, als sie einstiegen.
In das Abteil, in dem der Tote saß.
Jetzt grölten sie.
Hatten den scheinbar zugedröhnten Penner entdeckt.
Plötzlich Stille.
Ob sie Wiederbelebungsversuche anstellten?
Warum hatte ich es nicht versucht?
 
Niemand zog die Notbremse. Wäre auch dumm gewesen, wir würden in wenigen Minuten in Gießen ankommen, sicher hatten die Jungs schon per Handy einen Notarzt alarmiert.
 
Als der Zug in Gießen einfuhr, sah ich schon von weitem die roten Jacken des Notarzt-Teams.
Ich stieg als Letzter aus. Niemand beachtete mich, alles scharte sich um die schnell und sicher an meinem ehemaligen Gegenüber hantierenden Ärzte oder Sanitäter.
Eine Wahnsinnsfrau fiel mir auf. Blonde, lange Haare, üppig geschminkt, mit viel Schwarz um die Augen und ebenso tiefschwarzen langen Wimpern. Enger Pullover, Mini-Rock. Sah nuttig aus, wirkte aber nicht so, denn das ernsthafte, kluge Gesicht widersprach dem Anschein.
Irgendwie wirkte sie verkleidet.
Vielleicht eine Mutprobe?
Oder eine Polizistin in Zivil, auf Streife als Lockvogel? In der Handtasche die Waffe?
Sie drängte sich durch die Gaffer, musste das Gesicht des Toten gesehen haben, kurz bevor ihm eine der Rotjacken mit resignierter Miene die Plane über den Kopf gezogen hatte, denn sie schrie auf, fuhr herum und hastete auf klackernden Highheels davon.
»Nein, nein, nein!«
Sie klickte die Schuhe weg, lief barfuß weiter, an mir vorüber, mich berührend, panisch wegstoßend.
Ihr Gesicht vor Entsetzen wie erloschen.
War sie die Frau des toten Penners?
Unvorstellbar.
Ich ging nach Hause.
 
Ich konnte nicht schlafen. Tief in der Nacht saß ich auf dem Balkon meines Appartements im vierten Stock des schäbigen Hochhauses, in dem vor allem Menschen wie ich wohnten, die ihre beste Zeit hinter sich hatten. Oder nie eine gute Zeit erlebt hatten noch je erleben würden.
Ich suhlte mich im Selbstmitleid. Wie kam ich dazu, den Toten als Penner zu diffamieren? Ich selbst war der Penner. Zwar beklaute ich keine Armen, sondern Frankfurts bessere Bürgerwelt in Museen oder Opernhäusern, zwar fühlte sich keiner meiner »Patienten« im »Trocadero« betrogen, im Gegenteil, und wer sein Geld in Bankautomaten vergisst, hat sowieso zu viel davon. Auch meine Artikel betrogen niemanden, sie waren Lesefutter für Reisefreudige, die durch meine auf viele Informanten  gestützten Online-Recherchen besser vorbereitet waren als mit den üblichen Reiseführern.
Aber dennoch. Ich sollte mich schämen.
Meine beruflichen Beziehungen endeten noch schneller als die privaten. Ich war alleine auf dieser Welt. Ohne Freunde, ohne Liebe, ohne Geld.
Ich schniefte, kokettierte ein wenig mit einem Sprung vom Balkon, um dieses elende Leben zu beenden, musste bei dem Gedanken aber leise lachen: Erstens endeten hier schon zu viele Mietverhältnisse auf diese Art, mein individualistisches Leben würde also sehr gewöhnlich und unoriginell zu Ende gehen, zweitens lebte ich trotz allem recht gerne, und außerdem würde ich nie den Mut zu solch einem schrecklichen Sprung aufbringen.
Aber wie sollte es bloß weitergehen?
 
Nebenan bei Muslima war alles ruhig. Kein Weinen heute. Ob sie schlief? Oder noch gar nicht zu Hause war? Oder trieb sich ein männlicher Muslima noch auf Terroristen-Treffs herum?
Ich lehnte mich über meinen Balkon zu ihrem, versuchte vorsichtig, in ihre Wohnung zu schauen.
Vorhänge zu, kein Licht dahinter.
Ich sollte hinüber klettern. Vielleicht war die Tür nicht abgeschlosssen, und ich könnte Muslima ausspionieren.
Genau in dem Moment, in dem ich meinen interessanten Gedanken in die Tat umsetzen wollte, ging drüben die Tür auf.
Eine dunkle, schemenhafte, unförmige Gestalt erschien, auf der ein heller Fleck schwankte.
Gespenstisch.
Ich sank noch tiefer in meinen Klappstuhl.
Langsam bewegte sich die Gestalt zum Balkongeländer hin.
Ganz langsam.
Und jetzt ging alles blitzschnell. Das schummrige Licht der Straßenbeleuchtung reichte gerade bis zum vorderen Rand des Balkons, ein Bein schob sich über das Geländer, die Gestalt schwang sich hinauf, setzte sich freihändig hin, ein Arm fuhr hoch, ein Messer blitzte auf, die Gestalt beugte den Oberkörper vor – Selbstmord mit doppelter Absicherung! Jetzt musste sie fallen … und ich hechtete hinüber und riss sie vom Geländer.
Sie wehrte sich verzweifelt. Ich bekam das Messer zu packen, warf es in hohem Bogen weg.
Dann erschlaffte die Gestalt.
Ich packte sie, schob sie in ihre Wohnung, schloss die Tür und suchte nach dem Lichtschalter. Ich ließ sie nicht los, während ich die Wand betastete. Zum Glück die gleiche Anordnung wie bei mir.
Das Licht flammte auf, und ich sah, was ich schon im Dunklen vermutet hatte: Die unförmige Gestalt, das war Muslima in ihrem Ganzköpersack.
Der jetzt aber nicht den ganzen Körper bedeckte.
Der Kopf war frei und der helle Fleck ihr blondes Haar.
Meine Muslima war keine Muslima.
Es war die Frau vom Bahnhof.

Samstag, 16. April, 9.20 Uhr.

War gestern etwas kurz, der Einstieg in die Muslima-Geschichte. Folgt Teil 2, auch als Ablenkung für nervöse Eintracht-Fans. Wer von vorne anfangen will, bitte etwas weiter nach unten scrollen.

Muslima (2)

Aber angenehm wäre es nicht, wenn im »Trocadero« bekannt würde, dass »Dr. Mathesius« kein Paar-Therapeut gewesen war, sich selbst noch nie länger als ein, zwei Wochen  gebunden hatte und dass er nicht »Dr. Mathesius« hieß, sondern Florian Schmidt, der als freiberuflicher Reisejournalist arbeitete, obwohl er noch nie in einem Flugzeug gesessen hatte, in das ihn auch keine zehn Pferde treiben könnten.
Die Reiseberichte schrieb ich aus den Erlebnissen von anderen Reisenden zusammen, von denen dankenswert viele ihre ausführlichen Urlaubs-Impressionen im Internet ausbreiten. Meine Methode: Zu jedem Ort oder Land stellte ich einen Extrakt aus mindestens zehn Touristen-Berichten zusammen, die mich zu eigenen Anreicherungen inspirierten. Bilder lud ich mir runter und verwandelte sie per Fotoshop in original Florian-Schmidt-Fotos.
Leider fanden meine Texte und Bilder immer weniger Abnehmer, daher hatte ich vor einiger Zeit die finanzielle Frankfurter Diversifikation  in Angriff genommen.
Zuvor war ich auf die Reiseseiten mittlerer Tageszeitungen  angewiesen und hatte in den guten Jahren mit einer einzigen Reportage bis zu fünfzehn Blätter beliefern können. Im Zuge der allgemeinen Zeitungskrise stellten aber immer mehr regionale Verlage ihre eigenständigen Reiseseiten ein, schlossen sich zu Pools zusammen oder fusionierten, so dass mein Kundenstamm genauso unaufhaltsam zusammenschmolz wie die Gletscher meiner letzten Reportage, für die ich trotz konkurrenzlos günstiger Honorarforderungen nur noch zwei Abnehmer gefunden hatte.
 
Mein Gegenüber stöhnte. Ich öffnete die Augen. Er starrte mich an, ein dünner Faden Spucke hing aus einem Mundwinkel. Ekelhaft. Ich schloss die Augen und dachte an etwas angenehmeres.
Muslima.
Auf diesen Namen hatte ich meine neue Nachbarin getauft. Sie wohnte erst seit einer Woche in der Wohnung neben mir und brachte meine Phantasie zum Blühen. Dabei wusste ich nicht, wie sie aussah, wie alt und ob sie überhaupt eine Frau war, denn sie ging nur in einem bodenlangen blauen Gewand  aus der Wohnung, das Gesicht und Haare vollständig verdeckte. Wie nannten die Muslime diesen Ganzkörpersack? Burka? War ja auch egal.
Muslima wohnte alleine. War sie vor ihrem besitzergreifenden Zwangsverheirater geflohen? Gäbe es bald einen  weiteren Ehrenmord? Oder bereitete sie einen Terroranschlag vor? Oder er? Der Ganzkörpersack als  Tarnsack für einen  Selbstmord-Bomber?
Wenn ich sie oder ihn auf der Treppe sah, grüßte ich freundlich. Muslima  beachtete mich nicht.
Nachts hörte ich oft ein Weinen aus ihrer Wohnung. Weinte meine Muslima, oder war es eine andere Frau, die ein männlicher »Muslima« dort gefangen hielt?
Ich beschloss, dass meine Muslima eine wunderschöne Frau war, die sich vor bösen Muslimen versteckte. Ich wollte wachsam sein!
 
Ein dumpfes Platschen riss mich aus meinen Muslima-Gedanken. Angeekelt schob ich den Penner zurück, der vornüber auf meine Oberschenkel gekippt war.
Er rührte sich nicht.
Total zugedröhnt.
Oder?
Plötzlich begriff ich.
Er starrte mich immer noch blicklos an. Rührte sich nicht.
Der Mann war tot.
Mit einem Stöhnen gestorben.
Und ich saß seit einer Stunde einem Toten gegenüber!
Ich sprang auf und schaute mich um.
Das Abteil war leer.
Eilig verließ ich es.
Im nächsten Abteil schlummerte ein Pärchen.
Ich ging vorbei, noch ein Abteil weiter.
Leer.
Aufatmend sank ich auf einen Sitz.
Damit wollte ich nichts zu tun haben.

Freitag, 15. April, 15.40 Uhr.

Neues von der morgendlichen Mini-Tour: Kurs leicht geändert, durch den Wald, an einer Hütte vorbeigekommen, daneben ein kleines, eingezäuntes Waldgärtchen. Scheinbar. Steige ab, sehe es mir an. Vorne ein Schild: »Hier ruht die Elitetruppe des Waldes.« Ein Jagdhundefriedhof. Der Grabstein des ältesten Hundes ist von 1932. Die Einmann-Elitetruppe des Rades ruht und rastet nicht, sondern rast  (»rast« nur wegen der Alliteration, in Wirklichkeit schleicht sie mühsam bergauf).
Zuletzt im Blog über das Facebook-Debüt geschrieben. Mittlerweile weiß ich: Rauskommen ist leichter als Reinkommen. Beim Bergaufschleichen daran gedacht, wegen der Hunde. D. schrieb, meine Skepsis teilend (und die Mitgliedschaft): »Kürzlich starb der Hund eines Freundes hier. Der hat das gepostet, und fünf Leute haben darauf hin ›gefällt mir‹  angeklickt. Die Menschheit verblödet!«

Vorgriff auf die Redaktion. Am späteren Vormittag dort angekommen, greife ich, wie immer, zuerst zur Lieblings-Pflicht- wie -Kür-Lektüre, der Bild-Zeitung, und lese in riesigen Lettern den heutigen Aufmacher: »Todesfalle Facebook. Linda (16) von Internet-Freund getötet!« So weit wird’s mit mir hoffentlich nicht kommen. Falls doch: Bitte nicht zur Elitetruppe des Waldes!

Dann wieder, Blog-Leser kennen es, das Nato-Tanklager, und erinnern sich an den Sonntag-Eintrag vom Bogenschießen. Knoten ins Ohr gemacht. Nachher in der Sportredaktion nachfragen, was da los war und ob und wann wir einen Bericht im Blatt hatten. Später von Sportchef Ralf erfahren: Nichts bekannt von einem Bogenschützen-Turnier, daher natürlich auch kein Bericht im Blatt.
Von wegen »Panzer zu Flitzebogen«!? Wahrscheinlich habe ich das geheime Manöver mit  einer neuen  Geheimwaffe gesehen. Von der offiziell bekannten Reichweite weiß ich ja was und habe es irgendwann mal im Anstoß geschrieben. da guck ich einfach mal nach. Aha, damals in der Vier-Jahres-Serie »Von Olympia nach Athen«, hier ist es:

 Ihre Sportart ist eine der ältesten überhaupt, zudem die mit dem wohl ältesten offiziell anerkannten Weltrekord, der schon in vorolympischen Zeiten aufgestellt wurde: 476 m im Pfeilweitschießen von König Argisti II., überboten erst im 18. Jahrhundert von einem türkischen Diplomaten in England (900 m). Wir fragten bei der Pressestelle des Deutschen Bogenschützenverbandes nach: Wo steht der Weltrekord jetzt? Man zierte sich ein wenig, denn wenn allzu bekannt würde, dass der Weltrekord des Amerikaners Draqe bei 1410,87 m liegt, müssten deutsche Bogensportklubs verschärfte Sicherheitsbestimmungen befürchten. Also pssst, nicht weitersagen!

Auch nicht, dass die heutigen Bögen die Reichweite einer Mittelstreckenrakete haben und die Pfeilspitzen auch deren Durchschlagskraft … nein, sorry, nicht rumspinnen, sonst glaubt’s noch jemand (die 1410,87 m stimmen aber!).

Letztes Thema: Nachfrage, in letzter Zeit häufiger: Wann gibt es einen Nachfolger für den »Seemannsköpper«-Roman? Momentan nicht geplant. Aber kleinere Stücke sind in Arbeit oder fertig. Wie »Muslima«, mit einem Protagonisten im Geiste jenes Nicht-Helden vom »Seemannsköpper«. Bringt mich jetzt auf eine Idee: Im Vorgriff auf ein Experiment mit einem anderen Text (noch total geheim!) wird ab heute die Erzählung in Fortsetzungen an die Blog-Einträge angehängt. Exklusiv, nur für die kleine Gemeinschaft der Blog-Leser. Auf geht’s.

Muslima (1)

Ein »Lumpensammler«. Der Typ, der sich mir gegenüber auf die zerschlissenen Polster fallen ließ, machte dem Namen des letzten Regionalzugs alle Ehre, der nach Mitternacht  in Frankfurt abfuhr und für die sechzig Kilometer bis Gießen eineinhalb Stunden brauchte, weil er sogar an Stationen hielt, die nicht einmal als solche zu erkennen waren.
Ich schaute ihn nur kurz an. Ein Blick genügte. Penner, Junkie oder Trinker, Schwarzfahrer. Wahrscheinlich alles in einem.
Ich schloss die Augen und bilanzierte mein Tagewerk. Im Gedränge der Botticelli-Ausstellung im Städel hatte ich eine Geldbörse erwischt. Etwas über einhundert Euro.
Die Börsen schickte ich immer sofort mit allen Papieren ans Fundbüro.
An den Geldautomaten hatte ich diesmal kein Glück. Ich machte sogar eine entnervte junge Frau, die mit dem Gerät nicht zurecht kam, auf die Scheine aufmerksam, die im Ausgabefach lagen. Sie bedankte sich nicht einmal. Hätte ich sie doch davongehen lassen und das Geld genommen!
Abends im »Trocadero« lief es dann besser. In der heruntergekommenen Vorstadtkneipe, früher ein Szene-Lokal, war ich als »Dr. Mathesius« bekannt, Paar-Therapeut, der nicht mehr therapierte, weil ihm die Frau weggelaufen war. Bei Beziehungsproblemen von Kneipengästen, und dort hatten alle welche,  machte ich eine Ausnahme, für 50 Euro pro Beratung.
An diesem Abend nahmen zwei Männer und eine Frau, alle drei schon leicht betrunken, meine Dienste in Anspruch. Im »Trocadero« vertrauten sie mir als Fachmann, der seine theoretischen Kenntnisse mit den traurigen praktischen Erfahrungen veredeln konnte, die meine Kneipen-Patienten nur zu gut kannten.
Zweihundertfünfzig Euro. Mittelmäßige Quote. Aber immerhin.
Doch wenn ich an die Zukunft dachte, wurde mir mulmig zumute. Was, wenn ich irgendwann einmal als Taschendieb überführt würde? Wenn mich eine Überwachungskamera als denjenigen identifizierte, der nach liegen gelassenen Geldscheinen  suchte? Wenn sie mich im »Trocadero« als Scharlatan rausschmissen?
Obwohl, davor hatte ich noch am wenigsten Angst. Guter Rat war mir nie teuer, niemand beklagte sich, im Gegenteil, ich hatte sogar schon eine sehr zufriedene Stammkundschaft.

 

  Mittwoch, 13. April, 16.55 Uhr.

 Ein Pickel. Dick und fett, rot umrandet, gelbgekrönt prangt er mitten im Gesicht. Wär man 16 oder 17, der Tag wär gelaufen. Wahrscheinlich hätte man versucht, mit der Schminke der großen Schwester peinlich verschlimmbessernde Camouflage zu treiben. Jedes Kichern jedes Mädchens würde auf sich selbst bezogen und ließe Suizidgedanken aufkommen. Und heute: Drüber gelacht. Altwerden hat auch seine Vorteile.

Anruf von A., früher einer der weltbesten Diskuswerfer. Auch schon über 60 (Jahre; Meter sowieso). Hat „Sport-Leben“ gelesen, sich selbst darin wiedergefunden. Sagt, er habe ähnliches erlebt und empfunden. Ob ich auch bei Facebook wäre? Nöö. Wäre aber eine tolle Sache. Auf seiner Seite habe er eine Bildergalerie der besten Werfer aufgebaut, ich sei auch darunter.

Verdammte Neugier. Sofort bei Facebook angemeldet, Bilder angeguckt. Lauter Monster wie ich eins war.

A. hat über 800 „Freunde“. Bin jetzt auch bei Facebook registriert. Will aber wieder raus. Was soll ich da, „Freunde“?

Noch einmal: Der dicke Pickel, 16 Jahre alt, Facebook. Hätte es das damals schon gegeben, hätte man brühwarm und siedendheiß lesen können, was die Mädchen über den Pickel denken. Wie furchtbar. Furchtbarer nur noch, überhaupt nicht erwähnt zu werden, ob mit oder ohne Pickel. Facebook, Internet-Mobbing, Marken-Terror, Noten-Horror – bitte nie mehr jung sein müssen!

 Wie in der Zeitungs-Kolumne für den 14. versprochen folgt das eigenhändig abgeschriebene Fax mit der Kritik eines Lesers an einer der letzten Kolumnen (Meniskus, Merkels Knie usw.)

 Hallo, Meister gw, »das Knie ist eine göttliche Fehlkonstruktion« – das ist wieder so eine Feststellung, die mich in den letzten Jahren langsam – dennoch stetig – von der Begeisterung über die Genialität der Kolumne bzw. ihres Verfassers abrücken ließ und lässt. Da hat bei Herrn gw wieder einmal derart eine absolute Erkenntnis eingeschlagen, dass die Koordinaten seines Bewertungssystems (m. E.) deutlich an Schlagseite gewonnen (?) haben. Wäre es, mal ganz zart angefragt, denkbar, dass diese ›göttliche‹ Konstruktion durch menschliches Fehlverhalten dermaßen malträtiert wird, dass sie irgendwann nicht mehr funktionieren kann? Nach langer, klagloser »Leidenschaft«? In meiner über 25jährigen Tätigkeit als Physiotherapeut habe ich Kniebeschwerden, abgesehen von genetisch prädisponierten Fehlstellungen und Unfalleinwirkungen, immer als Ausdruck von Fehlverhalten, Über- und Unterbelastungen erfahren. Wer zwingt Menschen dazu, stundenlang zu joggen, 200 km pro Tag Rad zu fahren, Maximalkrafttraining zu zelebrieren, äußerst gelenkbelastende Kontaktsportarten zu betreiben (der Schreiberling hat selbst 30 Jahre gekickt, dabei zwei Menisken und ein vorderes Kreuzband »geopfert« – klar, hat Spaß gemacht – nicht das Opfern, sondern das andere!) etc. etc.

Wie wäre es denn, zur Gelenk- UND Seelenpflege, mit der täglichen Naturstunde, DR. DRAUSSEN, spazieren gehen (ja, das Wort nebst Tätigkeit gibt es noch!), Rad-Wandern, Schlendern, lustvoll … genießend, ach wie gerne würde ich EINMAL! in ein Joggerantlitz schauen, welches annähernd Verzücktes widerspiegelte!

In der deutenden Medizin wird das Knie symbolhaft als das Gelenk der Demut betrachtet, die Hüfte beispielsweise als das der Entscheidung. Hier zitiere ich gerne meinen von mir hochgeachteten Kabarettisten Hagen Rether: »Seid nett zueinander und Demut bzw. Ehrfurcht vor der Schöpfung, auf diese beiden Positionen lassen sich jede Lebensphilosophie/Religion herunterbrechen, nur – das macht und will keiner!« Fügt man dieser Sichtweise noch das umgangssprachliche ›eine Entscheidung übers Knie brechen‹ hinzu, bekommen die kanzlerischen Kniekomplikationen (KKK) und vor allem der Zeitpunkt derselben eine doch sehr offensichtliche Bedeutung.

Schließen möchte ich mit meinem anderen Kabarettfavoriten Horst Evers: »Durch wöchentlich 3×1 Std Joggen lässt sich die Lebenszeit um bis zu fünf Jahre verlängern. Ziehen ’se mal die Zeit, die sie fürs Joggen bis dahin aufbringen müssen, davon ab, werden ’se merken, dass Sie genauso gut es hätten sein lassen können.«

Freundlichst Michael Scharping, Allendorf.

Meine Antwort:

Lieber Herr Scharping,
soeben habe ich meine Kolumne für Mittwoch geschrieben und Auszüge Ihres Fax mit eingebaut. Anschließend werde ich den gw-Blog “Sport, Gott & die Welt” schreiben und ihr Fax online in voller Länge anhängen. Trotz Ihrer Kritik, die für mich aber keine Kritik ist (sonst würde ich ja vermessen denken, früher “Geniales” geschrieben zu haben), hat mir ihr Text so gut gefallen, dass ich ihn in solcher Ausführlichkeit zitiere (und kurz darauf eingehe).
Also: Herzlichen Dank und beste Grüße von Nicht-Jogger zu Nicht-Jogger
Ihr gw
P.S.. In grauer Vorzeit schrieb ich einmal eine “Kontra”-Kolumne, die mir den Hass vieler Jogger eintrug, den ich heldenhaft ertrug …

Sonntag, 10. April, 10.10 Uhr.

Hurra, das lief wie geschmiert, “Montagsthemen” sind schon fertig. Zwischenzeitlich hat auch van Gaal fertig, melden die Agenturen unter Berufung auf den Kicker. Wird also stimmen, der Kicker ist zuverlässig. Außerdem: Was sollen die Bayern auch sonst tun? Ist die letzte Patrone im Rohr (weia, Stilblüte, doch noch Panzer statt Flitzebogen), nachdem Robben in seine verbale Selbstschussanlage gestolpert ist (bravo, zweite Stilblüte. Irgendwie schaff ich’s noch in den “Hohlspiegel”).

Ab jetzt könnte der Arbeits-Sonntag gemütlicher werden. An van Gaal will ich nicht mehr rumfleddern, außerdem habe ich zu ihm schon alles geschrieben, was mir möglich war. Bleibender Eindruck: Ein Typ wie aus einem Maarten ‘tHart-Roman. Nachzulesen irgendwo im Online-Anstoß. Mal nachschauen, ob ich’s noch finde. Moment bitte. - Gefunden. Zwei Beispiele:

»Ich bin Gott«, soll er getönt haben. Glaube ich nicht. Wer seinen Maarten ‘t Hart gelesen hat und daher die bizarre Welt fundamentalchristlicher holländischer Sektierer kennt, glaubt zwar gerne, dass sich van Gaal von seinen Töchtern siezen lässt, aber nicht, dass er sich »Gott« nennt, denn in van Gaals Welt würde er dafür sofort vom göttlichen Blitz erschlagen. * Sich in der Familie zu siezen, das tun allenfalls noch Monsieur und Madame Dupont in Frankreich, dort dient es aber nicht väterlichem Respekt, sondern eher ehelicher Erotik. »Voulez vouz coucher avec moi?« (26. Oktober 2009)

Wer die Romane des Holländers Maarten ’t Hart kennt, findet in der »ungewöhnlichen Persönlichkeit« van Gaals den Urtyp aller ’t Hart-Charaktere wieder, jene dominanten, verbohrten und sogar grausamen Vater- und Onkelfiguren, unter denen der jeweilige junge Protagonist leidet, fürchterlich leidet, ohne sie jedoch hassen zu können oder zu wollen. Es ist die bizarre Welt selbstgerecht gottgläubiger holländischer Sektierer. / 4. November 2010

 

Sonntag, 10. April, 6.30 Uhr.

Auf dem Weg in die Redaktion. Schnatter, schnatter im alten Doblo, der seine Zeit braucht, um warm zu werden. Zu dünn angezogen. Nach dem Sonnentag gestern nicht daran gedacht, wie schweinekalt es um diese Jahreszeit morgens noch ist. Wie soll man da auf Ideen für die “Montagsthemen” kommen? Die Musik aus dem CD-Player inspiriert auch nicht gerade. “Happy Xmas” von John Lennon. Ist aber eine tolle Platte. Wusste gar nicht, dass “Jealous Guy” auch von ihm ist. Am besten gefällt mir “Gimme some truth”. Aber wen interessiert das? Bestimmt keinen einzigen Zeitungs-Kolumnenleser. Radio. “It’s raining men”. Auch nicht der richtige Titel.

Die Eintracht bleibt heute tabu, die Kollegen und Henni übernehmen das, da muss ich nicht auch noch Eigenes dazugeben (altes schlechtes Beispiel: Stenger und Kilchenstein bei der FR, der Realist und der Romantiker, da spielten immer zwei völlig verschiedene Eintrachts das selbe Spiel. Ach ja, FR. Die Kollegen tun einem ja leid, aber ihr Blatt war schon seit Jahren das mit Abstand schlechteste der großen Vier. Lag nicht an den Kollegen, schreib ich mal, sondern an den vielen gewerkschaftlichen, parteilichen und sonstigen Einflußnahmen, die für ein  langweiliges, uninspiriertes, in sich widersprüchliches Multi-Schriftleiter-Blatt sorgten).

Also was? Aintree? Zwei tote Pferde. Was für den Fußballer der Ball, ist für den Reiter das Pfe . . . nee, das hatte ich ja erst beim letzten Grand National. Auch, dass dort Pferde sterben, aber bisher alle ihnen physiognomisch oft sehr nahestehenden Zuschauerinnen überlebt haben und nicht  unter der Last ihrer zentnerschweren Huträder zusammengebrochen sind.

Gestern, das Nato-Tanklager. Bisher immer verwaist, versteckt, hinter Büschen und Bäumen am Rand meiner morgendlichen Radstrecke, war es gestern zugeparkt. Nicht von Panzern, kein später Alarm fürs Fulda-Gap, sondern Pkw aus allen hessischen Richtungen. Tor geöffnet, neugierig reingefahren. War sowieso nicht auf Rekordkurs, die 42:31 vom Mittwoch  sind erst einmal nicht zu unterbieten, so schnell fährt kein Jan Ullrich diese Strecke, jedenfalls nicht der von heute und nicht mit dem Bobby Car. Was ist hier los? Bogenschützen! Großer Wettkampf. Herrlich. Schwerter zu Pflugscharen, Panzer zu Flitzebogen.

Ich hab’s! Wer hat gestern das späte Tor für Dortmund geschossen? “Blatschinkowski”, genannt Kuba. Den hab ich doch schon seit Monaten auf dem Zettel, seit ich Louis Begleys “Ehrensachen” gelesen habe. Die “Montagsthemen” sind gebongt.

Mittwoch, 6. April, 17.35 Uhr.

Alle reden von Schalke. Zu Recht. War unglaublich. Und in seiner Dimension nicht zu erklären (mehr dazu im aktuellen Sport-Stammtisch). Einer erklärt’s trotzdem. Der Kollege vom Sport-Informationsdienst weiß in  seinem heutigen Kommentar, der sicher morgen in vielen deutschen Zeitungen stehen wird, dass es einen Grund für das unfassbare Spiel gibt, und zwar nur einen einzigen, und der heißt Rangnick. Bewundernswert. Vor allem, es nicht nur zu schreiben, sondern auch daran zu glauben.

Dass Diego für seinen fiesen Tritt in Ochs’  Hacken straffrei bleibt, grenzt nicht nur an Wettbewerbsverzerrung, sondern ist Wettbewerbsverzerrung. Er hätte für drei Spiele gesperrt werden müssen, was Wolfsburgs Chancen auf den Klassenerhalt um mindestens zehn Prozent geschmälert hätte.

Da die Vergangenheit ad acta gelegt werden soll, mache ich im Daum-Archiv des Kopfes tabula rasa und bewerte nur noch Aktuelles. Zum Beispiel die Aussperrung von Publikum beim Training: Fans mögen es bedauern und sich beschweren, aber die Maßnahme ist sinnvoll. Publikum, auch und vor allem  journalistisches, lenkt ab und könnte den Erfolg komplexer Trainingsmaßnahmen beeinträchtigen. Auch geschmacklich eine Übereinstimmung, obwohl es ein bisschen ironisch gemeint sein dürfte: “Sponsoren-Aufkleber auf einen Anzug gepappt sehen nicht gut aus.” (Daum-Zitat  in Bild als Begründung, im feinen Zwirn Interviews zu geben und  für das Spiel zum Trainingsanzug überzuwechseln)

Skispringen für Frauen olympisch, wie finde ich denn das? Sehr gut. Warum sollte es nicht olympisch sein? Schöne, grundlegende Wintersportart. Aber Mixed-Staffel Biathlon, Teamwettbewerbe Eiskunstlauf und Rodeln; das ist Quatsch, quätscher geht’s nicht. Fehlt nur noch unsere Kindheits-Wintersportart Nummer eins, unsere  zu “Bobs” zusammengebundenen Schlitten, manchmal zehn, elf, mit denen wir auf der Bahn  am Friedhof (!) runterbretterten, Bahn frei, Kartoffelbrei!

Und sonst? Kaum verschwindet der Reaktor in Japan aus den Top-Schlagzeilen, schon sucht uns wieder das Ozonloch heim. Aber Warnung an alle german angst-Freunde: Eine von mir in Auftrag gegebene Studie einer von mir nicht unabhängigen Forschungsgesellschaft hat ergeben, dass Sonnencreme kontaminiert ist und man sich besser mit Feinstaub einpudern sollte.

Oder mit Hasch. Ein litauischer Fußballer ist vom Zoll mit 162 Kilo Haschisch erwischt worden. Als sein Anwalt reklamiere ich für den armen Jungen Eigenbedarf. Hast du Haschisch in der Blutbahn, kannst dich sonnen wie ein Truthahn. 

Ich kann auch ernsthaft: Die Öffnung des Sportwettenmarktes bringt den Profis ein paar hundert Millionen Euro mehr, den Amateuren ein paar Millionen weniger (weil weniger Lotto und Toto gespielt wird), und es gibt mehr Betrug bei den Wetten und auf dem Fußballplatz. Wie’s euch gefällt.

Ach ja, die Lieberalen kriegen einen neuen Chef. XXXX Jetzt mal ganz ehrlich: Der Schreibfehler war nicht absichtlich, sondern sehr freudsch, denn ich wollte fortsetzen, dass Rösler ein ganz Lieber ist, ein angenehm wirkender Typ, nach all den kubickischen Westermölle-Brüderles und Nirwana-Schwesterles. Hoffentlich wird er kein Scheiterle. Dass er Gesundheitsminister bleiben muss, was noch jeden und jede geschafft hat, weil der Job einfach nicht zu schaffen ist, und dass er Brüderle nicht ablösen durfte, ist schwerer Ballast.

So, eigentlich war das schon eine erste Materialsammlung für den Sport-Stammtisch am Samstag. Also bis dann.

Montag, 4. April, 12.10 Uhr

Und jetzt zur Selbstkritik: Ist nicht mein Ding, so eine Livereportage. War ein Versuch, wird nicht wiederholt. Weil: Ist halt doch ganz schön stressig, und vom Spiel kriegt man viel zu wenig mit. Jedenfalls, wenn man’s alleine macht, so wie ich gestern: Vor mir die Tastatur, hinter mir der Fernseher, umdrehen, schreiben, umdrehen, gucken, umdrehen, schreiben, umdrehen, gucken … und feststellen, dass während des Schreibens eine Situation entstanden ist, die man gar nicht mehr richtig einordnen kann. Außerdem gehören für mich zur genussvollen und journalistisch kreativ zu nutzenden Fußballbeobachtung Ruhe und Konzentration. Auch wenn’s albern klingt: Am liebsten sitze ich schon eine knappe Stunde vor dem Anpfiff im Stadion, lasse die sich langsam entwickelnde Atmosphäre auf mich einwirken, beobachte aufmerksam das Aufwärmen beider Mannschaften, wobei sich manchmal schon ein Gespür entwickelt, wie die Partie laufen könnte (wirklich!). Ich lasse alles auf mich einwirken, fast wie in Trance, und bekomme durch den Breitwandblick zumindest eine Ahnung von dem, was beide Trainer beabsichtigt haben. Der Rest ist dann purer Fußballgenuss, sogar bei manchen scheinbar langweiligen Spielen, wenn sich die beiden Absichten neutralisieren.

Manchmal konzentriere ich mich dann auf einen einzigen Spieler, beobachte über Minuten hinweg nur ihn und sein Verhalten. Bei Okocha zum Beispiel wusste ich schon nach dem Aufwärmprogramm, ob er eine gute Partie spielen würde. Wenn ihm kein Schussversuch gelang, ließ er sich im Spiel hängen. Waren drei, vier spektakuläre Bälle dabei, blühte er auch im Spiel auf. Klingt zu simpel, um wahr zu sein, war es aber. Für mich bei meinem Liebling Jay-Jay am schlimmsten, wenn er sich wieder einmal  auf Höhe der Mittellinie verfummelt hatte, weil er partout auch noch den fünften Gegenspieler austanzen wollte, und wenn er dann, mit den Händen in den Hüften, enttäuscht dem Ball hinterher blickte, den die gegnerische Mannschaft mit einem kurzen, trockenen Konter im Frankfurter Tor versenkte, als stünde dort ein Riesenstaubsauger, der ihn einsaugt.

Zum Glück sah kaum jemand den passiv an der Mittellinie verharrenden Okocha, weil alle Blicke dem Ball folgten. Nur die Bindewalds bekamen soo einen Hals wegen des schlampigen jungen Genies. Binde und Jay-Jay kloppten sich auch einmal im Training wie die Kesselflicker (ich war dabei), sah aus wie Känguru-Boxen. Die beiden mochten sich zwar, wie alle Jay-Jay und Binde mochten, aber Okocha ärgerte sich, wenn ihm im Training einer auf die Füße trat, und bei Bindewald spielte wohl auch der Frust eine Rolle, immer ausbaden zu müssen, was vom Hand-in-den-Hüften-Okocha ausgegangen war.

Ach ja, ich könnte noch viel dazu schreiben, denn wem das Herz übergeht, dessen Tastatur klappert von alleine. Immer noch grämt es mich, dass der junge Okocha, ein liebes und auch sehr kluges Kerlchen, in Frankfurt auch durch das Umfeld, den Verein und den einen oder anderen Trainer für die Karriere verdorben wurde, für die er prädestiniert war: Legitimer Nachfolger von Maradona zu werden. Das ist jetzt Messi.

Und ich bin ganz sicher kein Jay-Jay oder Messi des Livestreams. Zum Glück habe ich dank Alters- und hierarchischer Konstellation niemanden, der mich dazu zwingen würde oder könnte. Das Alter-Sack-Sein hat auch seine Vorteile.

Sonntag, 3. April, 14.45 Uhr.
Lieber gw,
als ich die Nachricht von der Verpflichtung Christoph Daums gehört habe, musste ich sofort an – Sie denken (habe als Köln-Fan und –Mitglied Ihre Anmerkungen zu Daum immer interessiert gelesen). Denn mit einem Schmunzeln sah ich Sie in einem Dilemma: sollte die Eintracht den Klassenerhalt schaffen, wird er Daum zugeschrieben, was Sie sehr wahrscheinlich grätzt. Sollte die Eintracht absteigen, könnten Sie mal wieder voll auf Daum losgehen, hätten aber trotzdem keine Genugtuung, da Ihr Verein zweitklassig wäre. Um es klar zu sagen, ich bin kein Freund von seiner selbstdarstellerischen Art (die Hochzeit im Stadion war wirklich peinlich), aber als Fußballlehrer und Motivator ist er einer der Besten in Deutschland. Auf diese Seite von Daum gingen und gehen Sie (fast) nicht ein.
Wer bitte löst denn allein durch seine Anwesenheit eine Aufbruchstimmung aus? 2000 Fans beim 1. Training, mitten in der Woche? Damit es keine Missverständnisse gibt, ich wünsche der Eintracht den Klassenerhalt, auch ohne Daum, allein schon, weil mein Sohn dort in der U11 spielt. Aber schon er lernt am Riederwald, dass Fußballspiele auch im Kopf entschieden werden, und beileibe nicht zu einem geringen Anteil. Man sieht doch an den diesjährigen Beispielen Dortmund, Hannover, Mainz und Freiburg, was es heißt, als Team aufzutreten. Das ist in meinen Augen die eigentliche Leistung eines Trainers. Kicken können die doch fast alle in der Bundesliga.
Zurück zu Daum: Ich fand es meistens unerträglich, wie Sie einen Jan Ullrich und einen Christoph Daum beurteilt haben. Was bei dem einen extrem wohlwollend dargestellt wurde, war bei dem anderen eine Unerhörtheit (gibt es das Wort?). Da Sie sich erst jetzt zu dieser Verpflichtung gemeldet haben, dachte ich, Sie hätte der Schlag getroffen (dass Sie in dieser Phase der Liga im Urlaub weilen, war mir zu unwahrscheinlich) und hätte bei Ihnen eine Schreibblockade ausgelöst. Aber mit Freude habe ich gestern wieder das Kürzel gw gelesen (ganz ehrlich, durch meinen Beruf bin ich öfters unterwegs und vermisse in den Hotels »meine« Wetterauer Zeitung mit ihrem unerreichten Sportteil).
 Wünsche Ihnen heute 3 und mir 6 Punkte.
 Herzliche Grüße
Andreas Meurer
Wöllstadt
 PS: ich habe Ihnen nicht geschrieben, um meinen Namen im Anstoß wieder zu finden.

Lieber Herr Meurer,
schönen Dank für Ihre Mail, die mir trotz kleiner Seitenhiebe sehr gut gefällt (was heißt »trotz«, nein: Einfach gut gefällt). Ich stelle sie und Sie daher in den gw-Blog, der ja nicht in der Zeitung erscheint, so dass auch Ihr Name, wie gewünscht, dort nicht auftaucht.
Beste Grüße
gw

Sonntag, 3. April, 6.45 Uhr.

Auf dem Weg vom Dorf in die Stadt Gedanken urbi et dorfi: Das schmale Morgenrot am Horizont dort hinten, wo Wolfsburg liegen muss, ist nicht blutrot, sondern blassrosa. Aber es ist ein Morgenrot, und das kündigt schlechtes Wetter an. Wenn heute Abend, kurz nach dem Schlusspfiff, der Himmel dort hinten, wo Frankfurt liegt (Geographen mögen verzeihen), wieder rot werden sollte, bekämen wir schönes Wetter, also drei Punkte. Blutrotes Morgenrot hätte bedeutet: Schlappe. Blassrosa weiß noch nicht genau, was es werden will, ist also (noch)  unentschieden. So viel Aberglaube muss sein.

Zwischen Morgen- und Abendrot wird für den Brotberuf geschrieben, der ein Hobby ist (Montagsthemen) und für das Hobby, das den Brotberuf gefährdet (Internet, gw-Blog bzw. “Livestream” vom Spiel). So viel Widersprüchliches muss nicht sein, ist aber. In unserer gesamten Pressebranche.

“Livestream.” Oder Liveticker. Für mich ein Debüt. Oder? Nein. Alles schon mal dagewesen. Auch bei früheren wichtigen Abendspielen habe ich schon oft versucht, das Spielgeschehen in der Anstoß-Zeitungskolumne aktuell zu kommentieren und zu glossieren. War viel schwieriger, als das “Livestream”-Schreiben sein kann. Denn: Der für die Kolumne vorgesehene und nicht veränderbare Rahmen im Layout muss aufs Wort genau gefüllt werden. Zu Beginn klafft eine beängstigend große Lücke im Layout, man schreibt und schreibt daher verzweifelt gegen das Unheils-Loch an, die Lücke füllt sich, ist voll … und das Spiel noch in der ersten Halbzeit. Ab sofort wird simultan gekürzt und geschrieben, immer hektischer, noch lange nach dem Schlusspfiff wird gequetscht und gekürzt, der Redaktionsschluss droht, Schweiß bricht aus … ach, wenn man einfach drauflos schreiben könnte, ohne Platznot, ohne zu kürzen, ohne zu redigieren, all den Quatsch, den man vielleicht verzapft, buchstäblich hinter sich lassen, schnell vergessen lassen könnte, indem der Text nicht chronologisch von Anpfiff bis Abpfiff gelesen würde, sondern von Abpfiff bis Anpfiff … Livestream eben. Oder Lifestream? Oder Liveticker? Was weiß ich, wie’s in der IT-Branche korrekt heißt. Ich schreib’s nur, ihr nennt’s, wie’s euch gefällt.

Samstag, 2. April, 11.50 Uhr.

Der HR hat unserem Leser geantwortet: »Sehr geehrter Herr Lenz, Sie können sich sicher sein, dass dieser Fall intern sehr kontrovers und kritisch diskutiert wurde, da auch wir alles andere als glücklich mit dieser unüberlegten Äußerung waren.«

Der sehr geschätzte Blogger-Kollege Kid Klappergass reagiert  auf den Eintrag von gestern: 

Keiner der Eintrachttrainer in diesem Jahrhundert war mir sonderlich sympathisch. Vor die Wahl gestellt würde ich wohl am ehesten mit Friedhelm Funkel einen Plausch bei einem Gläschen (aus)halten.
Daum allerdings, der mir aus den von Ihnen aufgeführten und anderen ähnlichen Gründen »verdächtig« bleibt, ist inspirierend für den Blogger Kid Klappergass. Ob er es auch für die Mannschaft sein wird, werden wir erleben. Ich traue es ihm – ganz ohne Hintertür und doppelten Boden :-) – zu. Mich hat er zumindest bereits aus dem Boot gezogen, das schicksalsergeben dem Wasserfall entgegen trieb.
»Sich auf Daum einzulassen, ist Selbstaufgabe«
Ich glaube nicht, dass »sich auf Daum einzulassen, Selbstaufgabe ist«, sondern für Heribert Bruchhagen als Vorstandsvorsitzender der Befreiungsschlag war, auf den ich für die kickende Eintracht noch, aber immerhin wieder hoffe. »Selbstaufgabe« geht mir auch zu weit, weil ich Heribert Bruchhagen abnehme, dass er nicht am »Ausleben seiner Philosophie« interessiert ist, aber sehr am Wohl von Eintracht Frankfurt, für das er verantwortlich ist, wie er in diesem Zusammenhang richtig festgestellt hat.
Ob Bruchhagen nun nicht so eindimensional ist, wie er gerne und noch bis Anfang letzter Woche dargestellt wurde, oder schlicht der Druck der Verantwortung seines Amtes ihn zu dieser Entscheidung gebracht hat, spielt für mich keine Rolle. Und ein Kommentar, wie der von Uwe Marx in der FAZ, der Bruchhagen über den »Stilbruch« hinaus »eine Selbstverleugnung« vorwirft, stellt für mich eher die Frage, ob hier jemand weniger mit Bruchhagens angeblicher Charakterschwäche als mit dem selbst entworfenen Bild oder gar mit dem gewählten Trainer ein Problem hat. Dabei hat Skibbe außer der Nähe zur »Bild« eine weitere Gemeinsamkeit mit Daum: Er ist ebenfalls ein Selbstdarsteller.
»Bekannt war auch, dass Skibbe kein Trainingsweltmeister ist und seinen Mannschaften in der Rückrunde oft die Luft ausgeht.«
Wenn dem so war, aus welchen Grund haben gerade die, denen das bekannt war, das nicht thematisiert, als Skibbe in Amt und Würden war? Ich fühle mich als Leser übler auf den Arm genommen, als es einer dieser dämlichen Aprilscherze versuchen könnte, wenn nun beispielsweise in der FAZ zu diesem Thema fleißig hinterher getreten und als »Zeugen« nacheinander Spieler und Aufsichtsrat genannt werden.
Keine Trainerverpflichtung der Eintracht – nein, ich muss das einschränken: keine mit der Ausnahme des unaussprechlichen fränkischen Dampfplauderers – könnte mich so aufregen, wie diese Art von Journalismus, der so feige ist, dass ich mich frage, wer das verleugnet, wofür er steht oder stehen sollte.

Absolute Einmütigkeit gibt es zwar nur auf dem Friedhof, wie Karl Marx sagt (und gw ergänzt: Absolute Ehrlichkeit gibt es nur im Irrenhaus), aber ihr komme ich beim Lesen dieser Kid-Zeilen ziemlich nahe – mit Ausnahme des Bootes, in dem ich immer noch sitze, da ich mich von keinem Daum dieser Welt retten lassen möchte. Und dass Skibbe kein Trainingsweltmeister ist, war bei mir keine feige Hinterher-Besserwisserei, sondern das habe ich schon in Skibbes Frankfurter Glanzzeiten gegen den medialen Mainstream geschrieben. Das kann nicht nur der große Eintracht-Statistiker und  »Echzell-Adler« Matthias Reutzel bestätigen, sondern auch mein Archiv der zeitungsveröffentlichten Kolumnen. Zum Beispiel schon vor der Saison, als ich mich über “spontan gönnerhaft geschenkte Belohnungs-Freizeit” in der wichtigsten Vorbereitungsphase wunderte, eine laxe Einstellung, die sich gegen Ende der Saison rächen muss. Übrigens  wie damals unter Charly Körbel, als die Eintracht-Fans noch ihre Hallen-Könige feierten und ich die vielgeschmähte Voraussage machte, dass eine Mannschaft nach diesem nicht existenten Aufbautraining (u.a. wegen UI-Cup) und nach dem Fehler, Versäumtes nicht wenigstens in der Winterpause einigermaßen zu kompensieren, am Ende der Saison fast wehrlos absteigen muss. Quod erat demonstrandum, leider.

Freitag, 1. April, 12.10 Uhr

Bin wieder da. Danke für viele Mails. 

Nette Worte und leise Ironie von Kid Klappergass, bester Eintracht-Blogger überhaupt, zum letzten Blog-Eintrag vom 18. März: “Da ist Ihnen wieder ein vortrefflicher Blogeintrag gelungen – ein Kleinod, weil er den Bogen vom täglichen Erleben zu den Nachrichten des Tages spannt. Sehr schön, da bereitet das Lesen Vergnügen. Vielen Dank. Mein kurzer Hinweis auf den bedauernswerten Herrn Sinkewicz, aus dem Sie nun schnell – und unbemerkt – Sinkewitz machen können, ist keine Kritik, die wäre an dieser Stelle auch beckmesserisch. Aber ich freue mich immer, wenn mich meine Leser auf solche Dinge hinweisen und vermute, dass es Ihnen ähnlich geht.”

Lieber Kid, zu meinen Schludrigkeiten stehe ich, der Sinkewicz bleibt drin (wär ja auch albern, ihn nach zwei Wochen heimlich zu korrigieren). Ein paar Tage später gab’s dann einen Vorfall in Frankfurt, nach dem ich mit leise  ironischem Schmunzeln beobachtet habe, wie er kommentiert wurde – auch vom Kid … 

Christian Lugerth, der nun wieder in Hessen angekommene Schauspieler, mailte am Tag der Ankunft des Herrn D.:  “Jetzt hast Du ja offensichtlich zwei Wochen Kommentarpause. Und das ausgerechnet einen Tag nach Loddars Fünzigsten und wenn Herr Daum die Eintracht übernimmt. Dem Wahnsinn eine Chance.”

Zu der causa komme ich gleich, nach dem Blog, wenn ich den Sport-Stammtisch schreibe. Wird nicht jedem gefallen, fürchte ich.

Diese Mail an den HR schickte Paul-Ulrich Lenz aus Schotten  zur Kenntnis auch an uns:  “Einigermaßen entsetzt habe ich gestern gegen 18.00 von Ihrer Moderatorin/Reporterin Claudia Sauter gleich zweimal vom Trainer-Tsunami im Zusammenhang des Trainer-Wechsel in Frankfurt gehört. Entsetzt deshalb, weil ich das für eine inhaltliche und sprachliche Entgleisung halte. Beim Tsunami in Japan sind über 10000 Menschen zu Tode gekommen und Hunderttausende in ihrer Existenz bedroht. Bei dem Tsunami vor Jahren rund um Indonesien und Sri Lanka kamen 200 000 Menschen und mehr ums Leben. Dieses Bild für das Kasperle-Theater der Trainer-Wechsel in der Bundesliga anzuwenden, ist für mich einfach nur widerlich, weil es den tödlichen Ernst der Tsunamis zu einem Sprachspiel verkommen lässt. Vielleicht sollte man als ernsthafte Journalistin, bevor man lostextet, erst einmal überlegen, ob die Worte mit den Inhalten überein stimmen und die Sprachbilder adäquat sind. Fußballer wissen, obwohl sie sonst häufig im Geruch stehen, sich nicht so viele Gedanken zu machen, dass Abstiege, so bedauerlich sie sind, keine Katastrophe sind und Niederlagen, selbst für Bayern München oder finale und fatale Niederlagen für die Eintracht – kein Super-GAU. Mit freundlichen Grüßen und der Hoffnung auf ein wenig mehr Nachdenklichkeit und sprachliches Fingerspitzengefühl!
Paul-Ulrich Lenz.”
– Bin gespannt, was der HR antwortet.

Zur Tagesaktualität leitet unser alter Freund Walther Roeber über: ” Frl. Petkovic nach ein paar guten Spielen gleich so hochzujubeln und sie auch noch ›süß‹ zu finden, das ist auch so ein Fehlgriff, und dieser ›Petko-Dance‹ ist schon mehr als nur ein ›Fehl-Tritt‹ gewesen, angeblich will sie ihn sich jetzt abgewöhnen.

Einen guten April-Scherz gab es heute im Sportbereich: E10 als Zwangssprit in der Formel 1 und die Reaktionen darauf :-)
Noch mal: Willkommen daheim! Wie war der Radfahr-Urlaub?”

Radfahr-Urlaub? War Faulenzen in Dänemark, mit  nur kleinen Radeinsprengseln. Bekam eine SMS … und mit ihr wird der Sport-Stammtisch beginnen.

Auch Henni Nachtsheim hat sich gemeldet, mit drei schönen Terminen für alle Eintracht-Fans diesseits und jenseits von Daum: Hennis Internetfilm mit Charly Körbel ist beim Deutschen Onlinepreis in seiner Kategorie aus 400 unter den ersten 3 gelandet, die am 14. April in Berlin bekannt gegeben werden. Am 28. April ist er “Gast bei ‘mein Stadion’/Sky und darf u. a. unser Buch vorstellen!« Und am 7. Mai gibt es eine Neuauflage von ‘Henni interviewt Heribert’ (vor Jahren unser Mega-Printinterview mit Bruchhagen)  im Rahmen der “Nacht der Museen” im Eintrachtmuseum.

“Unser Buch”, sehr lieb von Henni (so isser halt!), aber mein bescheidener Beitrag erschöpfte sich in einem Vorwort und kleinen redaktionellen Zuarbeiten. Es ist rundum ein tolles Henni-Nachtsheim-Buch mit seinen Eintracht-Kolumnen, und das ist auch gut so.

Und das noch (oder: Auch das noch?!): Am Sonntag kurz nach fünf gehe ich mit der Zeit und versuche mich an einem Livestream vom Eintracht-Spiel in Wolfsburg, hier im Online-Anstoß.  Also, bis dann.

Freitag, 18. März, 17.30 Uhr.

Vor der größeren Tour (mit zweiwöchiger Blog-Pause) morgens die übliche kleine Rad-Tour. Mit peinlichem Erlebnis. Die beiden Rappen, die immer auf einer der Wiesen beim Nato-Tanklager stehen, müssen jeden Morgen mit einem lauten “Na ihr Kerle” begrüßt werden, eine Tradition, ein Zwang. Grußlos vorbeifahren würde bedeuten: Aus dem Tag wird nichts. Noch schlimmer: Wenn die Pferde nicht da sind. Kommt zum Glück sehr, sehr selten vor. Heute auch? Beunruhigt lasse ich in der einsamen Landschaft den Blick schweifen. Doch, da, rechts, stehen sie. Gottseidank. Der fröhliche Ruf gelingt heute morgen besonders laut und kräftig. “Na ihr Kerle?!” Im selben Moment  rausche ich beinahe, wieder auf den Weg vor mir blickend, in eine Dreiergruppe verdattert guckender, am Stock marschierender Damen auf Fitnesstrip. Die Verdatterung weicht schon aufkommender Empörung über den sie anblökenden Radler.  Aber schon bin ich vorbei.

So, das war die wichtige sportliche Nachricht des Tages. Nur kurz notiert: Magath in Wolfsburg, Hoeneß D. dort weg, Herr Litti – noch – da, der erst gestern Magaths Training kritisiert hat.  Rangnick zu Schalke, bekommt dort Pokal und Champions-League-Teilnahme geschenkt.  In Hamburg übernimmt Marcel Reifs ehemaliger Premieren-Assistent, in Frankfurt helfen Skibbe morgen keine Treueschwüre mehr, nur drei Punkte. Und dann:  Sinkewicz mit Wachstumshormonen erwischt (der arme Kerl, wie lebensverzweifelt muss er sein, dass er es wieder tut). Was soll man zu all dem bloß sagen? Na ihr Kerle?!

Mittwoch, 16. März, 15.20 Uhr.

Umdisponiert. Eine geplant kurze Notiz zu Bayern/vanGaal/Schalke/Magath hat sich zu einem Langtext ausgewachsen, die glücklicherweise nur im Blog angekündigte Donnerstag-Kolumne mit Leser-Mails entfällt. Einiges davon soll am Samstag in den Sport-Stammtisch kommen.

Die Kolumne “Gescheiterte” erhebt keinen Anspruch auf die alles umfassende Wahrheit. Die gibt es im Fußball nicht. Vorstellbar, dass ein anderer eine Kolumne schreibt, die Hand und Fuß hat und zu anderen Schlüssen kommt. Und noch ein anderer ebenfalls. Das wäre in objektiv messbaren Einzelsportarten nicht möglich. Die “Gescheiterte”-Kolumne hat aber, in aller Unbescheidenheit, den Vorteil, dass ihre Aussagen Kontinuität haben, da in früheren Kolumnen schon so oder so ähnlich veröffentlicht.

Niemand in der Welt stellt die AKW rigoroser nun auch regierungsamtlich in Frage als Deutschland. Wieso reagieren andere hoch industrialisierte Länder und deren ebenso gut oder schlecht informierte Bürger in ihrer großen Mehrheit so viel unaufgeregter als wir? Weil nur bei uns die Atomkraft-Frage eine primär politische, sogar tagespolitische und wahltaktische und nicht eine der nüchternen Risiko-Abwägung ist? Wer allerdings buchstäblich nicht “Partei” ist (hier schreibt so einer), für den fällt das Risiko der Atomenergie nun doch etwas schwerer in die Waagschale als ihr Nutzen. Aber die Alternative? Nur Alternative sehen sie uneingeschränkt rosig.

Jemand will wissen, wo mittlerweile der Rad-Saisonrekord steht. Bei 44:55. Trotz Hund- und Holzfäller-Hindernis.

Montag, 14. März, 16.50 Uhr.

Viel Mail-Post. Die eher privaten Anmerkungen werden dankend aussortiert, die Kritik wird gesammelt, dazu kommen noch die interessantesten Leser-Anmerkungen sowie ein paar schon im Blog veröffentlichte Mails, das alles wird am Mittwoch in die Kolumne für Donnerstag gesteckt (zuvor sind die Zitate dran/schon online und natürlich Hennis “Brocken”). Der Katrina&TheWaves-Fehler ist doch noch einigen anderen Lesern  aufgefallen, der hübscheste aber nur dem Kollegen “se”: Mein “betröppelt” in den Montagsthemen. So schreibt der Hesse, der ”bedröbbeld” sagt, bedröppelt, weil ihm betröppelt viel hochdeutscher vorkommt als bedröppelt. Ach ja, Henni Nachtsheim: Fans, falls ihr’s nicht sowieso wisst: Er hat morgen Geburtstag, das Datum vergisst man nicht so leicht. 15. März, die Iden des März. An dem Tag starb Caesar vor 2055 Jahren, Henni lebe hoch!

Sonntag, 13. März, 6.15 Uhr.

Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Schreiben. Steinbruch für die Montagsthemen-Kolumne. 6-Uhr-Nachrichten: Kernschmelze in zweitem Reaktorblock droht, 200 000 Menschen auf der Flucht. Sie (schon gestern): “Die armen Menschen.”. Er: “Das gibt  fünf Prozent mehr für die Grünen.” Sie: “Wie kann man nur? Ist das Abgeklärtheit oder Gefühllosigkeit?” Er: (schweigt).

Mail: “Der wievielte bin ich, der Sie darauf hinweist, dass Katrina and the Waves den Grand Prix 97 mit ‘Love shine a light’ gewann? Das viel erfolgreichere ‘Walking on sunshine’ stammt aus dem Jahr 1985. Viele Grüße, Wilfried Hausmann.” – Lieber Herr Hausmann, Sie sind der erste und bis jetzt der einzige.

Echt erlebt (von ihr), am Donnerstag: Einkauf im Supermarkt. Abgepackte Sushi-Auswahl. Sie überlegt, kauft aber nicht. Nicht, weil er bei kaltem Fisch speien muss, sondern weil die Packung den Namen “Tsunami” trägt. Wer kommt nur auf so etwas? Sie ist wegen des letzten großen Tsunami unangenehm berührt. Einen Tag später dann die neue große Katastrophe, Folgen immer noch unabsehbar. Und was geschieht mit dem Tsunami-Sushi? Wird es überall aus den Regalen genommen?

Warum immer das Scharwenzeln um die “liebste Zielgruppe”?  Weil ich ein echter Germane bin.  Noch einmal Tacitus: “Die Germanen glauben sogar, dass den Frauen etwas Heiliges und Voraussehendes innewohne, und weder verschmähen sie ihren Ratschlag noch gehen sie über ihren Bescheid hinweg.”

Über die Maschinengläubigkeit: “Aus der fortschreitenden Vervollkommnung der Maschinen, was wird nicht alles noch hervorgehen! Was wird es nicht für Folgen haben, wie die vielen Millionen gemeinen, gedankenlosen Hantierungen entzogenen Menschen einer größeren geistigen Bildung durch gewonnene Zeit zugewendet werden.” Schreibt Ludwig Börne 1828 in sein Tagebuch (in Bad Vilbel). Die Folgen, nicht ganz in Börnes Sinne, manifestieren sich im täglichen Trash des Fernsehprogramms, vor allem nachmittags.

Gestern abend Theater. Graf Öderland von Frisch. Das hilflose Wüten gegen Einerlei und Reglement, der Amoklauf nach jahrzehntelangem Trott, klar, kenne ich noch aus der Schule. Ging nicht so richtig an mich. Sogar gelangweilt. Liegt aber sicher nicht an Stück,  Schauspielern und Inszenierung, sondern an mir. Die Thematik, die so viel jugendliches Lebensgefühl beinhalten soll, gab es für mich auch in der Jugend nicht. Eher das umgekehrte Gefühl als lonely wolf, der vom Wald her neidisch auf das geordnete Treiben schaut. Aber das gehört nicht in die Montagsthemen. Möge es in den elektronischen Tiefen versinken.

Eindrucksvollste Leistung im Öderland: Ein Darsteller steht, warum auch immer, als lebender Kleiderständer geschätzte 15 Minuten mit hoch erhobenem  Arm (der einen Hut trägt). Versuchen Sie’s mal. Beeindruckende Halteausdauerleistung. Hätte ich nie für möglich gehalten. Jedenfalls für einen Leistungssportler in Sportarten, in denen es auf Explosivleistung ankommt, absolut unmöglich. Aber ich hätte es auch nie für möglich gehalten, dass Pechstein nach zwei Jahren Pause mit 39 und nun unter gläsernsten Bedingungen wie wahrscheinlich noch nie ein Sportler eine WM-Medaille in einer Sportart gewinnt, die wegen ihrer doppelten Ausdauer-Beanspruchung (Herz/Kreislauf und muskulär/(Oberschenkel!) doppelt anfällig für Doping ist.

Ich kann mir keinen Reim darauf machen und auch nicht auf den Fußball. Andere reimen ihn sich aber nach gusto zurecht: Bayern spielt nach drei Pleiten groß auf – für den Trainer (um ihn zu halten), gegen den Trainer (um zu zeigen, wie  befreit sie nun aufspielen können). Gleiche Lage beim HSV. Spielen so schwach, weil der Trainer eine lame duck ist. Doch von den beiden Trainern dieses Spiels sieht nur einer nach duck aus (Franz Gans aus Holland).

Vermutung: Nur in sehr seltenen Ausnahmefällen spielt eine Mannschaft für oder gegen den Trainer. Auch in Frankfurt gibt es diesen Ausnahmefall nicht. Nur andere. der erste ist abgehakt, die Rekord-Torlosigkeit ist beendet. Aber wie! Der zuletzt zum absoluten Megasuperbestkeeper aller Zeiten hochgejubelte (in Wahrheit aber “nur” großartige) Neuer sieht beimRekord-Tor eines Griechen (aus zweihundert Metern) durch die Irritation eines anderen Griechen aus wie ein Fliegenfänger im Slapstick. Danach zeigt er seine einsame Klasse in der “Spieleröffnung” (neues Liga-Zauberwort), indem er einen Vierhundertmeterpass zu einem dritten Griechen schlägt. Noch ein Rekord: Dazu kamen noch zwei weitere Griechen. Insgesamt “pende ellines” auf dem Platz, das gab’s außerhalb Griechenlands noch nie.

Neuer sieht unterhalb der Hüfte Kahn ähnlich, beide Klötze wirken dort mit ihren weichen, voluminösen Oberschenkeln gar nicht brutaltitanenhaft, sondern mädchenhaft weich. Und wann gewöhnt wer Caio endlich die sinnfreien Übersteiger ab?

So, sollte reichen. Sieben Uhr. Kaffeepause, Nachrichten und Sonntagszeitungen sichten, etwas Nullachtfuffzehn-Arbeit an der Statistik-Seite, danach Kolumne.

Sonntag, 13.März, 10.20 Uhr.

Steinbruch-Notizen nur umgestellt, gestrafft, gekürzt und ein bisschen Entenhausen-Alberei  (Louis Franz Gans) zugefügt. Ging schnell, daher heute mehr Zeit als sonst. Ziel: Zwischendurch Mainz gegen Leverkusen in voller Länge gucken, wenn’s nach den Vorzeichen geht, ein Spiel für Freunde  attraktiven Fußballs.

Freitag, 11. März, 17.15 Uhr.

Morgens die fast tägliche Radtour durchs Hinterland, vom Parkplatz aus. Staunen über die Naturgewalt, mit der die Wildschweine die Landschaft durchgepflügt haben. Ein Hang sieht aus, als habe ein Baggerfahrer geübt. Gesehen habe ich auf der Tour bisher aber  nur eine Wildsau, vielmehr einen Keiler, einen riesigen Kerl, der gemächlich über eine Wiese ging, mich sah und ignorierte. War aber schon letztes Jahr.

In diesem Winter viel mehr Raubvögel unterwegs als letztes Jahr. Kann sie leider nicht unterscheiden. Einer weiß, im Winterkleid. Vorbei an meinen ersten alten Freunden, zwei Pferden, die seit ein paar Tagen wieder draußen stehen. Einen halben Kilometer weiter die Ziegenherde, die keine Winterpause hatte. Dann mein lieber Feind, der Hund vom Leiterhof. Immer vergesse ich ihn, immer kriege ich einen Schreck, wenn er laut bellend aus dem Hof  und mir beinahe unter die Räder stürmt. Wenn ich nicht ehrgeizig auf Zeit fahre, wie heute, halte ich an und locke ihn als alter Hundeflüsterer. Der Feigling zieht den Schwanz ein (der Hund), kommt näher, aber nicht richtig. Sobald ich losfahre, bellt er wieder wütend und wetzt gefährlich nahe ums Rad herum. Etwa hundert Meter weiter hat er seine Pflicht erfüllt, den Fremden vom Hof verjagt, trollt sich schweigend und wartet auf den nächsten Störenfried. Auf mich warten die beiden Rappen, die seit Jahren in der Nähe des versteckten Nato-Tanklagers stehen. Zu diesem führt eine soo breite asphaltierte Straße durch Wald und Feld. Tanklager wie Straße wahrscheinlich damals im Zuge von Fulda-Gap entstanden, heute die Freude der Waldbewirtschafter, die ihre mächtigen Stämme dort lagern und aufladen.

Runter von der Nato-Straße, wieder in den Wald. Ein Sprung Rehe mit weißem Winter-Hintern verharrt, flüchtet aber nicht. Auf die Landesstraße einbiegend, wappne ich mich für den Anblick des Fuchses, der seit zwei Tagen am Straßenland liegt, ein Prachtkerl, äußerlich unverletzt, den Kopf auf der Pfote, wie schlafend. Ist aber nicht mehr da. Abdecker oder wirklich nur geschlafen? Blöde Frage.  Geschlafen natürlich, beweise mir einer das Gegenteil.

Letzte Etappe Richtung Parkplatz. Von nun an geht’s bergab, Belohnung für den langen Aufstieg zu Beginn. Bin heute zu früh dran für die Hausfrauengruppe, die seit Jahren pünktlich wie die Maurerinnen ihr Dorf umrundet. Am Auto angekommen, dennoch der Blick auf den Tacho: Fahrzeit 49:05 Minuten. Bestzeit im Sommer 2010: 38:39, die Zahl ist gut zu merken, aber nicht mehr zu wiederholen. War weit über gesundheitlich vertretbarem  Limit.

 Die kurze Radtour bringt immer die  meisten Ideen für die Kolumnen. Schnell aufschreiben, bevor sie vergessen sind. In der Redaktion dann alle Teile zusammenpuzzeln, Tacitus und van Gaal, Magath und Xenophon, Katrina and the Waves und der ZDF-Wetterbericht.

Morgens Gedanken über die Naturgewalt der Wildschweine, mittags Witzchen über Katrina und den Hurrican Louise, jetzt erstmals, die Kolumne ist geschrieben, aus den eigenen Befindlichkeiten aufgetaucht. Nachrichtenlage überprüft. 8,9 Beben und Tsunami in Japan – die Katastrophe muss sich kurz vor dem Aufbruch in die idyllische Welt meiner “Naturgewalten”  ereignet haben.

Mittwoch, 9. März, 15.45 Uhr.

Die »Van-Gaal-Experiment«-Kolumne für morgen (steht schon online) war in der Erstfassung mehr als doppelt so lang. Erst, als es schon zu spät war, daran gedacht, die Langfassung online zu stellen, zum Vergleich. Aber da war schon alles unwiederbringlich weggekürzt.

Schöne Mail zum »Sport-Stammtisch« vom Samstag:

Herrliche Zeilen zum Thema Moral und Moralismus: Feststellung meinerseits: Ich bin Moralist und besitze Moral.
P.S: Und wenn ich den »Ring des Gyges« hätte, würde die Menschheit noch mehr schrumpfen. Fazit dieser Geschichte: Ich wünsche mir mehr Gelassenheit.
Christel Kämper

Wirkt van Gaal im Rückzug stilbildend? Nach ihm Veh, jetzt angeblich Magath, demnächst Skibbe – Gehen müssen/sollen, aber noch ein Weilchen bleiben sollen/müssen/dürfen. Wie auch immer: Das Lame-Duck-Modell wird sich nicht durchsetzen. Fußballer sind grausame Kinder.

Im Tagebuch-Buch, immer noch einer meiner aktuellen Lesestoffe, schöne »Stellen« gefunden. Eine hebe ich mir auf (Joschka F. und die Legende der Turnschuhe). Diese nicht, sie variiert ja nur ein Jahrtausende altes Thema:

»Eine weitere Ähnlichkeit zwischen der Welt und den Frauen. Je aufrichtiger man jene wie diese liebt, je echter und stärker der Vorsatz ist, ihnen zu dienen, sich für sie aufzuopfern, um so gewisser wird man’s bei ihnen zu gar nichts bringen. Sie zu hassen, sie zu verachten und sich allein zum eigenen Vergnügen und Vorteil mit ihnen einzulassen, dies ist das einzige, unentbehrliche Mittel, in der Gunst der Frauen etwas zu erreichen und in irgendeiner Laufbahn voranzukommen.«

Giacomo Leopardi, Tagebuch 1821. Das Mick-Jagger-Prinzip. Gilt aber auch umgekehrt.

Dienstag, 8.März, 18.00 Uhr.

Van Gaal darf bleiben und muss gehen. Hoeneß und Rummenigge eiern rum, sind schon lange das eigentliche Bayern-Problem, und Kaiser Franz schmunzelt sich ins Fäustchen. Morgen wackelt der Nächste (Magath), am Samstag der Übernächste (Skibbe). Heute drückt Veh dem HSV von sich aus die Van-Gaal-Nichtlösung aufs Auge, das immerhin hat Stil, und er ist fein raus, komme, was wolle. Aparte Randnotiz beim Konfus-Klub HSV: Die fehlende Stimme für Noch-Boss Hoffmann kam vom Heinz-Erhardt-Enkel Marek, der bis vor zwei Jahren Stadionsprecher war. Überhaupt häuft sich Apartes: In Bremen steht der Beluga-Reeder unter Betrugsverdacht. Der Mann, nebenbei Werder-Sponsor, wurde hoch im Norden jahrelang gefeiert, als sei er Dr. von und zu Bestenberg. In Freiburg steht ein hochrangiger Uni-Professor unter Guttenbergschem Plagiatsverdacht, ausgerechnet jener Mann, der die Dopingvorwürfe gegen die Uni Freiburg (in Zusammenhang mit Ullrich und Telekom) aufklären soll. Er war ein Schüler von Prof. Keul und ist sein Nachfolger, darüber feixten Insider schon lange. Warum, das würde selbst hier, wo kein Zeitungs-Zeilenende droht, viel zu weit führen. Auch, warum Doc Klümper im fernen Südafrika-Retiro mitfeixt. Vielleicht drösel ich’s demnächst in der “Anstoß”-Kolumne auf.  Zunächst aber kommen morgen eigene Sätze zu van Gaal aus der Vergangenheit auf den Prüfstand. Bin selbst gespannt. Fürchte aber, mich selbst als Rumeierer zu entlarven. Schaun mer mal. Ins Archiv.

Montag, 7. März, 18.50 Uhr.

Abgrundtief faschingslos. Warum bloß? Weil ich das ganze Jahr über öffentlich in den Kolumnen rumalbere und nicht aus einem engen Korsett an Konventionen ausbrechen muss? Drei Tage Saurauslassen zum Frustrauslassen, um die nächsten dreihundertpaarundsechzig Tage bewältigen  zu können? Aber kein Hochmut über den verordneten Frohsinn. Habe nichts gegen Karneval, möchte nur damit in Ruhe gelassen werden. Fels in der Schunkel-Brandung.

Zu van Gaal, dem Feierbiest, könnte Fasching passen. Geplant, geordnet, aber dann geht’s extrem rund. Und die seltsame Losung, dass er bleiben darf und gehen muss, gehört sowieso in die Bütt.

Sonntag, 7. März, 10.00 Uhr.

Same procedure. “Montagsthemen” sind geschrieben, einige Themen übrig geblieben, entweder fallen sie ganz unter den (Stamm-)Tisch oder werden im nächsten aufbereitet. Vor allem die Leichtathletik mit dem erfreulichen Comeback des Weitspringers Bayer. Zwischendurch ein karnevalistisches oder hessisches, wie man will, Rechtschreibproblem gelöst: Wie schreibt man “tün(s)chen”? Der Hesse in mir spricht “tünschen”, schreibt “tünchen”, und der Vorsichts-Blick in den Duden bestätigt ihn. “Tünnchen” ginge wohl nur als Diminutiv für Tünnes durch.
Weia. Mit diesem Gag würde ich wohl selbst beim Tele-Fasching a la “Da steppt der Bär” von der Bühne gejagt.
Amanatidis. Dass sein Raus-/Reinwurf Skibbe beschädigt hat, wird wohl nur noch in offiziellen Statements dementiert. Warum sich an Amanatidis die Geister scheiden, vor allem auch mein Geist, sagt mir ein Absatz aus dem dpa-Bericht, der während des “Montagsthemen”-Schreibens einlief:
Während die meisten Eintracht-Spieler nach dem Abpfiff wortlos in die Kabine schlichen, hielt Amanatidis, der 72 Minuten auf der Bank sitzen musste, eine Wutrede. Immer wieder schlug der Grieche mit der geballten Faust in die Handfläche und stieß hervor: »Das geht nicht! Das ist einfach zu wenig! Da muss man engagierter sein! Das muss man seinen Mann stehen!«
“Man”. Ein echter Amanatidis. Verbal einfach nicht zu halten, Wutreden gegen die, die nichts bringen, nicht engagiert sind, nicht ihren Mann stehen – also nicht so sind wie er. In der Kabine ballten sie die Fäuste.
Amanatidis kürzlich (während seiner kurzen Suspendierung) sinngemäß im HR: Ich bin so gelassen wie nie. Ich habe im Fußball alles erreicht, was man erreichen kann.
Alles erreicht? Weltmeister? Deutscher Meister? Bundesliga-Torschützenkönig?

Sonntag, 7. März, 6.15 Uhr.

Um diese Zeit sind fast nur Minicars unterwegs. Aber erstaunlich viele. Sind die Fetenfeierer und Umdiehäuserzieher vernünftiger als früher? Wirkt sich das positiv auf die Unfallstatistik aus? Obwohl die nächtliche Bilanz, montags in unseren Unfallmeldungen vom Wochenende nachzulesen, immer noch schrecklich genug ist. Und jetzt beginnt bald auch noch die Saison der Biker, die an Wochenenden tagsüber durch die Gegend rasen und crashen. Durch meine Gegend, denn die Umgehungsstraße ins Hinterland liegt in Sicht- und Hörweite. Erst das grelle Jaulen des hochgejagten Motors, dann ein fürchterliches Geräusch, dann Todesruhe. Fünf Minuten später sieht und hört man das Blaulicht, das sich von Gießen her nähert.
Fußball. Heynckes. Ist es Altersmilde, dass ich sein Wirken in Leverkusen positiv sehe, auch seinen Umgang mit Ballack? Was habe ich damals auf ihn geschimpft! Wie war das noch, mit der Bimmelbahn und Horst Heese? Mal schnell im Archiv nachschauen, bevor’s an die “Montagsthemen” geht. Hier ist sie ja, die Bimmelbahn. Aus einem »Anstoß« vom April 1995:

Aus jener Eintracht, die Heynckes im Juli 1994 übernommen hat, diese Eintracht des April 1995 gemacht zu haben, ist und bleibt eine einmalige Negativleistung. Heynckes hat versagt in einem Ausmaß wie vor ihm selten ein Trainer. Er feuerte den besten Stürmer der Bundesliga und beschwerte sich anschließend, daß er keinen guten Stürmer hat. Er feuerte einen der besten Mittelfeld-Strategen der Liga und klagte, daß aus dem Mittelfeld keine strategischen Impulse kommen. Heynckes hat eine Mannschaft geformt, für die er ganz allein verantwortlich ist. Daß er dafür verantwortlich sein konnte, dafür müssen aber Ohms und Hölzenbein geradestehen, die monatelang hinter dem schmalen Kreuz des Trainers abduckten. Endstation im Waldstadion. Im Fahrplan gibt es für die Eintracht keine 1.-Klasse-Anschlüsse mehr. Die internationalen Züge sind abgefahren. Umsteigen in die Bimmelbahn. Und so rollt der Frankfurter Ebbelwoi-Expreß 1995 als Bummelzug mit Fahrkarten 2. Klasse an der Fußball-Zukunft vorbei, während der dafür Verantwortliche sich aus dem Staub macht. Erster Klasse, im Salonwagen.

Das waren noch Emotionen! Heute habe ich nur albernen Trost für die Eintracht-Fans parat, eine Superrechnung, wie man auch torlos nicht absteigt. Kommt in die “Montagsthemen”. Die natürlich mit van Gaal beginnen, beziehungsweise mit Hoeneß, dem lebenden Bayern-Seismographen. So steht’s jedenfalls auf dem gestern Abend geschriebenen Stichwort-Zettel. Auf geht’s.
Stopp: Heese, Horst. Jetzt fällt mir’s wieder ein. Einer der damaligen Ex-Eintrachttrainer. Der führte den Bimmelbahn-Zeitungsausschnitt stets bei sich und verwies auf ihn, wenn’s um die Eintracht ging: Da stünde alles drin.

Freitag, 4. März, 15.10 Uhr.

Doch noch einmal KT. Wer diesen Blog aufmerksam gelesen hat (oder nachliest), der weiß,  warum ich besonders sensibel und ohne Verständnis für den Plagiator auf die Affäre  reagiere. Immer noch das Grundgefühl der Unfassbarkeit: Das darf doch einfach nicht wahr sein!  (Gilt übrigens auch für unsere Politik-Redaktion und die vorzüglichen Zeitungs-Kommentare der Kollegen pi und bb)

Dennoch: Was KT getan hat bzw. hat tun lassen, diskreditiert ihn als hohen Regierungspolitiker unvergleichlich viel weniger als es diejenigen hätte für immer diskreditieren müssen, die vor ihrem Aufstieg eigenhändig für  lebensbedrohende Gewaltaktionen gegen Staatsbedienstete verantwortlich waren oder sich von einer Praktikantin im Inneren ihres Machtzentrums einen blas … einen puste … Pustekuchen, sie reisen hochgeehrt und höchstdotiert durch die Welt und reden ihr ins Gewissen statt sich ins eigene.

Aber jetzt endgültig Schluss damit.

Gut Sport!

Donnerstag, 3. März, 18.40 Uhr.

Rückblende, erster Eindruck: Unecht. Pose. Spielt eine Rolle. Staunen über die allgemeine Wahrnehmung, dass er echt sei, authentisch.  Jetzt aber: Mitleid. Sünde aus Hoffart, lässlich im Vergleich zu großen Sünden anderer, die zu Lasten der Menschen gehen. Ekel über die Häme ekliger Typen.

Eine Frage wird wohl immer offen bleiben: Wer hat ihn reingeritten?  Ansonsten reicht’s mit dem Rumreiten auf dem reingerittenen Rittersmann. Unseren Schlusspunkt setzt eine wonderfulle Mail (zur Zeitungs-Kolumne von heute). Ab morgen dann wieder mehr Sport in Gott & der Welt.

hello gw
 I fully agree with the KT. characterization of March 3.2011.
 could even go a step further - :
 Castle Owners have left for centuries all lower works except for defloration, governance, warfare and representation to their employees. That a courtier or a servant – or a castle-ghost from laziness or from lust for revenge, begins to cheat and becomes the ghostwriter, becomes the gravedigger for his noble master – simply inconceivably.

Back to K.T: Inconceivably the fact that he himself has consciously cribbed citations deceitfully.
                   –  he’s just over ambitious and highly futile.
 congratulations
Juergen Kuhnert

 

Mittwoch, 2. März 2011, 15.05 Uhr.

Noch liegt das neue Kleidchen für den gw-Blog beim Schneider, ich muss also selbst rumschneidern. Die erste Staffel des Blogs (Januar/Februar) steht jetzt separat etwas weiter unten im Online-Anstoß, die neue ab heute wie gewohnt ganz oben. Ist es ein Zeichen von Fleiß oder verbaler Ghonorrhoe  (aus dem Kopf geschrieben. Mal nachschauen, wie’s richtig heißt. Oh. Erstens heißt es Gonorrhoe, und zweitens meinte ich nicht den Tripper, sondern die Diarrhoe, den verbalen Durchfall): Wenn der Computer recht hat, benötigt man für das Lesen der ersten Staffel 68 kommanochwas Minuten. Mehr online gratis geschrieben als in der Zeitung für bares Leser-Geld? Ist das Masochismus?

Zwei Leser-Beiträge, einer zum “Stockfehler” in den Montagsthemen, der andere zu zu Guttenberg. Beide Schreiber Stammleser, dem  Kolumnisten freundliche, aber auch, und so soll’s ja auch sein, kritische Worte widmend.

“ Hallo gw- seit wann können Fußballer Stockfehler machen? Wohl nur, wenn sie am Stock gehen wie Schweinsteiger gegen den BVB ?! Ansonsten passt das doch nur- meint Hartmut Kuehn aus Bad Nauheim – zu Hockeyspielern aller Art -oder?  Beste Grüße an den besten Sportkolumnisten weit und breit.”

 

“Ich bin seit langer Zeit ein begeisterter Leser ihrer Kolumne. Sie ist der eigentliche Hauptgrund warum ich als Bürger der Stadt Münzenberg die »Gießener Allgemeine« neben der »Butzbacher Zeitung« abonniert habe.

Ich freue mich, dass es einen Journalisten gibt der seine eigene Meinung schreibt und dazu steht, auch wenn sie auch nicht immer politisch korrekt ist. Die mag auch daran liegen, das sie normalerweise fast deckungsgleich mit meiner eigenen -zugegeben subjektiven- Sicht der Dinge ist.

Bei unserem Verteidigungsminister haben wir eine unterschiedliche Meinung. Ich habe drei erwachsene Kinder im Alter von 20, 24 und 28 Jahren, denen im Gegensatz zu mir (ich gehöre keiner Partei an und bin Wechselwähler) bis vor kurzem die Politik völlig egal war. Bei der letzten Wahl musste ich sie zum Gang an die Urne überreden. Sie kennen weder Anette Schavan, die sich für ihren Ministerkollegen schämt, noch kennen sie Norbert Lammert, der unqualifizierte und auf dem Niveau einer Sonderschule liegende Zwischenrufe bei der »Plagiat-Debatte« ignorierte, aber sie kennen Guttenberg. Er ist ein Mann, dem auch junge Leute zuhören, der etwas zu sagen hat und es so formuliert, dass es interessant und verständlich rüberkommt.

Ich habe mich gerade mit meinem jüngsten Sohn unterhalten. Er kann nicht verstehen, dass ein Politiker, der als Verteidigungsminister und zuvor als Wirtschaftsminister so hervorragende Arbeit geleistet hat, dass er genau von den Medien die ihn gerade in der Luft zerreißen vor drei Wochen als zukünftiger Bundeskanzler hochgejubelt wurde.

Einer unser besten Außenminister hat in jungen Jahren Straftaten in Form von tätlichen Angriffen auf Polizisten begangen. Das Volk hat ihm vergeben, weil er ein hervorragender Minister und eine charismatische Persönlichkeit war.

Gerade Journalisten die vollmundig das Wort »Moral« in den Mund nehmen sollten gelegentlich einmal vor der eigenen Haustüre kehren (ich habe »Sport-Leben« Teil I bis IV interessiert gelesen). Wenn ein Politiker trotz eines gravierenden Fehlers, der wahrscheinlich aus Überheblichkeit und Arroganz entstanden ist, von über 70 % der Bevölkerung aus unterschiedlichen Parteien Unterstützung erhält spricht das erst einmal für ihn. Aber gerade das scheint heutige Journalisten zu inspirieren. Man muss der dummen Bevölkerung doch zeigen was Recht und Moral ist. Hier mal ein Artikel, dort einmal eine Meinung von einem bisher völlig unbekannten Wissenschaftler, oder auch mal eine süffisante Bemerkung in der Anstoß Kolumne. Wenn die Medien dann endlich gleichgeschaltet sind ist es nur noch eine Frage der Zeit bis man am Ziel ist. Und dann – auf zur nächsten Sau die gemeinsam durchs Dorf getrieben wird.

MfG

Thorsten Düringer”

 

 
 
 
 

 

 

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle