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Sport, Gott & die Welt (gw-Blog Januar/Februar)

Montag, 28. Februar 2011, 18.30 Uhr.

Fürchterlich lange mit den Tücken mir unbekannter Technik gekämpft,  um die Mails von gestern anständig im Blog unterzubringen und den alten Text anzuhängen. Klingt so einfach, ist es wohl auch, aber nicht mit mir an den Tasten.

Viel Bedauern, dass ich heute Abend nicht zum HR ins “Heimspiel” gehe. Warum eigentlich? Wir haben doch mindestens so viele Leser wie das Dritte Zuschauer, oder?

Meine Theorie bis gestern: Das Handicap der Eintracht im Abstiegskampf ist das Unverhofte an der Situation. Wer vor Beginn der Saison das seltsame Verlegenheitsziel “50 Punkte” anstrebt, zwischendurch bei gutem Lauf an die Europa League denkt, für den ist die Vermeidung des Abstiegs nur ein aus der Not geborenes drittes Ersatzziel, und dafür, das ist menschlich, unbewusst verankert und kaum steuerbar, kann  man sich nicht in dem Maße das aufreißen, was die Spieler sich in dieser Situation  aufreißen sollen und wollen. Aber dann kämpfen und beißen und punkten Stuttgarter und Bremer, die noch höhere Ansprüche hatten – und damit ist meine Theorie begraben. Es geht also, man muss nur wollen wollen. Und in der Mannschaft muss es stimmen. Nicht stinken. Ich habe zwar einen leisen Verdacht, wer da “stinkt”, bin aber zu weit weg und nicht mehr “Mäuschen”, wie früher mal, so dass ich mich selbst in einem geschwätzigen Blog mit Mutmaßungen zurückhalten sollte.

Von und zu Guttenberg: Hatte noch viel höhere Ziele als die Eintracht und steckt noch viel tiefer im persönlichen Abstiegskampf. Langsam muss er einem leid tun. Wir als niederes Volk können uns kaum vorstellen, was es für einen wie ihn bedeutet zu wissen, dass er noch in einigen hundert Jahren in der Ahnengalerie hängt und seine Nachfahren peinlich berührt schweigen, wenn Gäste fragen. Wer ist denn das? 

Zur Ehrenrettung ein Quiz. Unterschiede der drei Top-Schlagzeilenlieferanten dieser Tage, aufgefallen beim Sehen von Gaddafi und beim Lesen über den Stand eines deutschen Gerichtsprozesses. Wer ist schuldig und ein Schwein? Wer ist unschuldig und ein Schwein? Wer ist schuldig und kein Schwein, sondern immer noch ein ehrenwerter Mann mit allerdings schwerem Eitelkeits-Makel? Gebildet, wie er ist, hört man ihn murmeln: Vanitas vanitatum et omnia vanitas. Eitelkeit ist nichtig.

Zu guter Letzt ein schöner Satz für alte hessische Muffköppe: “Ich bin kein Rassist,  ich hasse jeden gleichermaßen.” Sage nicht ich, nicht Gerd Knebel auf der Bühne und nicht Reno Nonsens (wer kennt ihn noch?) im Blauen Bock, sondern … Auflösung folgt.

Sonntag, 27. Februar, 17.20 Uhr.

Abpfiff. Eintracht 0:2. Gegen zehn Stuttgarter. Mit mindestens zehn Torchancen. Seit sieben Spielen ohne Sieg und ohne Punkt. Bemüht haben sie sich ja. Täuscht die Erinnerung, oder pflegen Skibbes Mannschaften in der zweiten Saisonhälfte abzubauen? Im Nachhinein ein guter Entschluss, nicht zum HR-”Heimspiel” zu gehen. Was hätte ich dort sagen sollen? Das Thema Doping zu komplex für kurze, knackige Stellungnahmen, wie es das Fernseh-Format verlangt, und beim Thema Eintracht wäre ich ratlos. Oder sollte ich so trösten:  Immerhin ist die Eintracht der Bayernbezwingerbezwinger? Auf St. Pauli schreiben sie so etwas auf ihre Fan-Schals. In Frankfurt würde ich im Moment gelyncht.  Aber Fußball bleibt doch eine seltsame Angelegenheit: Der letzte Sieg der Eintracht gelang ausgerechnet gegen Dortmunds Überflieger und war gleichzeitig deren einzige Saisonniederlage. Und Offenbach, der Zweite im hessischen Dortmund-Bezwinger-Bunde, entlässt schon mal den Trainer.

Sonntag, 27. Februar, 18.15 Uhr.
In diesem Moment geht  Leverkusen in Bremen in Führung, und da passt die prompt gemailte  Korrektur von Kid Klappergass:  
“‘Der letzte Sieg der Eintracht gelang ausgerechnet gegen Dortmunds Überflieger und war gleichzeitig deren einzige Saisonniederlage.’  Nicht ganz, denn der BVB verlor bereits am 1. Spieltag zu Hause gegen Leverkusen. :-)
 Beste Grüße.”
Dankeschön.
 

Ablenkung von der Eintracht-Tristesse mit Mail-Post:

»Schade! Auch wenn das Schreiben Ihr Ding ist und hoffentlich noch lange bleiben wird, wäre das ein größeres Forum wider die Heuchler gewesen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand der so gerne mit Sprache spielt, verbal nicht Herr der Situation bliebe. Oder wollten Sie lieber nicht gesehen werden ? Quand-meme respect. Grüße aus OF Sigi Egerer«

»Hallo lieber gw, hier zwei Links zur besseren Einschätzung von Herrn Franz Josef Wagner und dem Blatt für das er schreibt:
http://www.bild.de/BILD/news/standards/post-von-wagner/2009/08/28/post-von-wagner.html
http://www.bild.de/BILD/news/standards/post-von-wagner/2011/02/17/post-von-wagner.html
Was soll man dazu sagen – kann man da nicht ›Anstoss‹ nehmen ? Viele Grüsse, Ihr Anstoss-Fan Hermann Debelius (Bad Vilbel)«

»Hallo gw; jetzt müsste sich BVB Dortmund schon sehr dumm oder ungeschickt anstellen (oder ganz großes Verletzungspech haben), um die Meisterschaft noch abzugeben. Hoffentlich hat Mailand nicht zu gut hingeschaut, bzw. hat keinen so guten Tag im Rückspiel. Die Spieler (ich denke nur an Snijder und Eto’o), um die Bayern-Innenverteidigung in Schwierigkeiten zu bringen, haben sie ganz bestimmt. Ich habe den Eindruck, dass Bayern ein Innenverteidigungsproblem hat und ein Überangebot an »6-ern«, das ist ein viel schwerwiegenderes Thema als die Diskussion um Torleute.
Ob sich Herr Schweinsteiger bewusst noch die 5. gelbe Karte geholt hat, um nächsten Samstag eine schöpferisch-regenerative Pause einlegen zu können? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt… Weiterhin einen schönen Sonntag! Ihr Walther Roeber.«

Freitag, 25. Februar, 15.25 Uhr.

Heute die Meldung gelesen: Die Kraniche kommen zurück, bald wird man ihre Formationsflüge wieder sehen können. Aber: Vor etwa zehn Tagen war’s, beim Schreiben von Blog oder Kolumne: Die typischen Töne,  vom Herbst her noch im Ohr. Schnell ans Fenster, und dort oben, tatsächlich, ein großer Zug Kraniche auf dem Weg nach Norden. So früh!

Erst das stark gespürte Erdbeben, dann die viel zu frühen Kraniche: Neige ich beim Schreiben zum Halluzinieren? (Und wie schreibt man das überhaupt? Mal nachschauen. Ha! Richtig!).

Anruf vom HR. Redakteur S., sehr angenehm wirkend, lädt ein, neben Pirmin Schwegler und Ulli Stein am Montag Studiogast beim “Heimspiel” im Hessischen Fernsehen zu sein. Themen: Eintracht Frankfurt und Doping (speziell  im Freizeitsport). Erstes Thema mein Hobby, zweites fast meine Besessenheit (Zeitungsleser wissen mehr und stöhnen: Nicht schon wieder!). Ähnliche Einladungen zu öffentlichen Auftritten bisher aus Prinzip abgelehnt. Aber nun beide Themen auf einmal! Sehr mit mir gerungen. 24 Stunden Bedenkzeit. Dann abgesagt. Schreiben bleibt mein Ding.

Mittwoch, 23. Februar, 16.40 Uhr.

Wie gestern notiert, spielen in der Stammtisch-Kolumne für die Donnerstag-Ausgabe auch die Gaddafi-Söhne eine Rolle, vor allem der fußballspielende Saadi, über den ich bereits vor sieben Jahren geschrieben hatte. Die Kolumne steht schon, wie immer voreilig, im Netz. Leider sehe ich anschließend beim Sichten des heutigen Agenturmaterials, dass auch der Sport-Informationsdienst eine Gaddafi-Söhne-Geschichte gebracht hat. Wird wohl von vielen Zeitungen übernommen. Schade, hätte die Notizen gerne exklusiv gehabt. Aber gut, dass es das Internet und den Blog gibt, denn damit kann ich den umgekehrten Guttenberg-Beweis führen: nicht von sid abgeschrieben zu haben.

Von den anderen angekündigten Themen kamen nur wenige zum Zug. Zu weitschweifig gewesen? Unter den Tisch gefallen auch: “Sturz der Titanen”, Follets Bestseller und was mancher Rezensent mit Guttenberg gemeinsam hat.” Vielleicht demnächst mal auf einer unserer Bücherseiten: Dass manche Rezensenten den Wälzer-Bestseller nicht gelesen haben können, denn  sie behaupteten, was auch in einer Verlagsankündigung stand: “Sturz der Titanen” sei wie ein Kaleidoskop des gesamten 20. Jahrhunderts. Da ich lesend im letzten Zehntel des Wälzers angekommen bin, weiß ich: Das war ein Missverständnis, “Sturz der Titanen” ist nur der erste Teil einer geplanten Trilogie und endet schon mit Ende des 1.Weltkriegs. Im Übrigen viel spannender und auch informativer, als ich erwartet hatte. Allerdings auch, nun ja, ziemlich rassistisch, wenn’s um die Russen geht: Wenn sie nicht huren, dann saufen sie, wenn sie nicht saufen, dann morden sie, wenn sie nicht morden, dann huren sie undsoweiter. Die Deutschen kommen bei Follet dagegen ganz gut weg. Erstaunlich. Aber für uns besser, als umgekehrt. Arme Russen.

Dienstag, 22. Februar 2011.

Gaddafi mit dem Regenschirm: Das Wahnsinnsbild gilt als Beleg für die Durchgeknalltheit des Diktators, doch dafür hätte es keines weiteren Beleges bedurft. Die Symbolik ist eine ganz andere. Seltsam, dass sie noch niemand angesprochen hat: Gaddafi HÄLT einen Regenschirm über sich. Wenn Potentaten den Schirm nicht mehr halten lassen, sind sie am Ende.

Gaddafi wirkte schon immer wie ein von Carl Barks gezeichneter und Dr. Erika Fuchs gedolmetschter exotischer Comic-Potentat. Aber selbst die D.O.N.A.L.D.I.S.T.E.N. vom FAZ-Feuilleton haben Gaddafi noch nicht nach Entenhausen ausgeflogen.

Die Donald-/Barks- und vor allem Dr. Erika Fuchs-Freunde der FAZ wissen alles über ihre Helden. Fast alles. Einmal aber war ich allen D.O.N.A.L.D.I.S.T.E.N. voraus. Dr. Erika Fuchs, die Übersetzerin der von Carl Barks geschriebenen und gezeichneten Alltagsleiden des Donald Duck, starb im April 2005 in München im 99. Lebensjahr. Ohne ihre klugen, lebensnahen, skurrilen, anspielungsreichen Übersetzungen hätte in Deutschland kein Donald-Kult entstehen können. Ohne sie gäbe es auch die Donaldisten nicht, vereint in der »Deutschen Organisation der Nichtkommerziellen Anhänger des Lauteren Donaldismus« (D.O.N.A.L.D.), deren Mitglieder auch in den Redaktionen von FAZ oder Spiegel sitzen, sogar auf Chefstühlen. Nur zwei Monate vor ihrem Tod gab mir Dr. Erika Fuchs ihr letztes Interview überhaupt (per Fax für die Fragebogen-Serie »Lese-Bogen”, die ich damals für die Bücherseite entwickelt hatte). Tragikomische Randnotiz, die von ihr sicher milde beschmunzelt würde: Ich erfuhr als erster von ihrem Tod, mit einem Fax des Verlags, in dem mir der Entwurf eines Nachrufs zur Autorisierung vorgelegt wurde, nebst handschriftlicher Beileidsbekundung. Betroffen, aber auch sehr verwundert, fragte ich beim Verlag nach – und die Pressechefin fiel beinahe in Ohnmacht, denn das Fax war für den Sohn von Dr. Erika Fuchs bestimmt, nur kam meine noch vom Interview gespeicherte Faxnummer in die Quere . .

Etwas vom heutigen Blog in die morgen und am Freitag zu schreibenden “Stammtisch”-Kolumnen übernehmen? Mal sehen. Von sich selbst abschreiben ist erlaubt (wie heute die Donald/Fuchs-Notiz) . Andere schon auf dem Zettel notierte Themen: Sturz der Titanen, Follets Bestseller und was mancher Rezensent mit Guttenberg gemeinsam hat / Gaddafis Söhne, die bei uns in weitgehend für sie rechtsfreien Räumen lebten (München, Schweiz), außerdem  sein fußballspielender Sohnemann bei Juve / zu früh herausposaunte eigene Harmlos-Meinung zur Serie “Lost” /  Demontage des Trainers und Bruchhagens Mitschuld am Niedergang (heikles Thema, schließlich ist Heri Hennis und war bisher auch  mein Held) / Kairos, der Zufall mit dem richtigen Moment / Guttenberg und Blaise Pascal, elend fühlen, elend sein; itzt fahrn wir ins elend / Börne und die Maschinengläubigkeit / Pechstein und der logische Schluss / Alea iacta est: geworfen, nicht gefallen / Zielgruppe 14-49, RTL und Leichtathletik usw. usw.

Manches wird passen, anderes fällt durchs aktuelle Assoziationsraster (ach, die Bayern spielen ja auch noch; alte Notiz: Kahn, Schweinsteiger und das Handtuch). Lesen Sie mal rein in die Kolumne. Am liebsten in der Zeitung. Denn die ernährt uns. Mit dem Blog nähren wir nur das Netz. Siehe letzter Satz der ersten Blog-Notiz. Dafür muss man aber lange scrollen. Vier Wochen läuft der gw-Blog schon, wenn man der Maschine glaubt (“Lesen Sie den vollen Beitrag. Geschätzte Lesezeit: 56:32 Minuten”), ist zusammen mit dem heutigen Eintrag schon ein Ein-Stunden-Text entstanden. Nicht schlecht.Das heißt: Vielleicht schlecht, aber nicht lau. Nur für lau. Das ist ja immer noch das Problem des Sägens am eigenen Ast.

Sonntag, 20. Februar, 16.55 Uhr.

So, Montagsthemen beendet. Gleich Bundesliga gucken, in der Redaktion gibt’s das, was es zu Hause nicht gibt: Twix (früher Raider). Quatsch: Sky (früher Premiere). Aber in Gedanken noch beim Baron. Was war es bloß, was abseits von allem Politischen gestört hat? Nur die die hochgeschwurbelte Sprache? Nicht nur, sondern auch, als pars pro toto. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung lese ich den Satz, der es trifft: “Nicht nur bei seiner Doktorarbeit ist Prinzip ‘Mehr Schein als Sein’ erkennbar.” Das ist’s! Und es erklärt das eigene unwohle Gefühl, denn selbst bevorzugt man das entgegengesetzte Prinzip.

Zur Frankfurter Eintracht meldet sich wieder der Wöllstädter Schriftsteller Otto A. Böhmer zu kompetentem Wort:
“Eigentlich will ich mich nicht (mehr) ärgern,
auch nicht darüber aufregen, daß die Eintracht dabei ist, sich zur
Lachnummer der Liga zu machen. Die Null steht.- Ist eigentlich schon
mal eine Mannschaft abgestiegen, die nach der Hinrunde 26 P. hatte (?).
Die BL-Statistiker werden’s wissen; ich jedenfalls kann mich nicht
erinnern. — Ansonsten trifft m.E. die Zustandsbeschreibung der Kollegen
von der FR zu, die heute zu lesen war …
Ich hatte nach dem gestrigen Spiel ein Gefühl, was ich zuvor, mit Blick
auf die Eintracht, noch nicht hatte: Um diese Mannschaft ist es nicht
schade; soll sie ruhig absteigen, das mag u.U. sogar eine Chance zur
Erneuerung sein … Dann aber mit wirklich neuen Leuten; weg mit den
ganzen Fußballbeamten, die schon seit Jahren überdurchschnittlich viel
Geld für unterdurchschnittliche Leistungen kassieren. Im Grunde wäre
dann aber auch, was mir allerdings wirklich leid täte, das System
Bruchhagen gescheitert, das für Wiederaufbau, Konsolidierung und
leidenschaftslose Zukunftsplanung steht. Und sicher wären auch die
Mitarbeiter der Eintracht-Geschäftsstelle zu bedauern, für die in Liga 2
keine Verwendung mehr wäre …
So weit ist es aber noch nicht; vielleicht kriegt die Eintracht gerade
noch so eben die Kurve oder schafft es in die Relegation, wo dann aber
der gute alte Funkel warten könnte.
Klar scheint, daß Skibbe ein Schönwetter-Trainer ist. Wenn es nicht
läuft, fällt ihm nichts ein, was allerdings insofern nicht groß
auffällt, weil ihm vorher, als es vordergründig besser lief, auch nicht
viel eingefallen ist; — verglichen mit den Kollegen Klopp, Tuchel, Dutt
und auch van Gaal verrichtet er Dienst nach Vorschrift. Die Vision, die
ihn angeblich umtreibt, der innige Wunsch, die Eintracht kontinuierlich
weiterzuentwickeln und zumindest in die Vorzimmer der europäischen
Wettbewerbe zu führen, ist eine Geschichte, die er in Zukunft bitte nur
noch seinem Friseur erzählen sollte.
Ich hoffe nicht, daß die Eintracht ein weiteres Mal (s. Reimann) den
Fehler macht, sehenden Auges, aber insgesamt wohlgeordnet in den
Untergang zu gehen. Noch könnte man etwas tun – z.B. eben den Trainer
rausschmeissen. Wenn Not am Mann ist, darf die Zeit der Zimperlichkeiten
auch mal (wieder) vorbei sein.
Natürlich bringen Trainerentlassungen auf längere Sicht nichts oder
nicht viel; kurzfristig aber können sie bekanntlich etwas bewegen.
Allerdings muß ich, ein wenig kleinlaut, zugeben, daß ich im Moment gar
nicht wüßte, wer als Trainer zu dieser (!) Eintracht paßt; die Herren,
die einem einfallen, sind alle anderswo in Amt und Würden (s.o.) …
wo soll man denn heute anfangen?”
Unser Leser und langjähriger Begleiter Walther Roeber schreibt zum gleichen und zu anderen Themen:
“Die Eintracht ist auf dem besten Weg zum Abstieg? Die großmäulig-vollmundigen Sprüche von 50 Punkten plus will jetzt sicher keiner mehr wahrhaben. Bei 9 Spieltagen wird das ziemlich schwierig, vor allem, wenn keiner sich traut wenigstens ein Tor zu schießen… Und bei allen Verdiensten: in den letzten Spielen war Nikolov offenbar auch immer für ein Gegentor “gut”. Wie sehen die Reaktionen auf Ihre Skibbe-Wette aus?

Ski-WM: Eiskratzend in grüner Umgebung, und das nach so einem schneereichen Winter. Woher kommt denn der Schnee zu den Olympischen Spielen? Oder fahren sie dann auf dem Zugspitz-Platt?

Formel 1 in Bahrain? Wird auch noch spannend, aber sie trainieren ja schon alle in Barcelona, dann könnten sie auch dort bleiben. Wie wäre übrigens mal ein Auto-Tausch? Jeder muss auch mal mit dem ”Auto der Konkurrenz” fahren (wie bei der Springreiter-WM)…

Es ist schon gemein, wenn einem so ein schönes Wort wie “Legatisierung” geklaut wird, aber leider gibt es darauf wohl kein copy right – oder past left, womit die Kurve zu “KT” geschafft wäre.
Ich habe es zwar nicht zu einem Doktor-Titel gebracht, erinnere mich aber, dass für Diplom-Arbeiten vor rund 40 Jahren auch nur wie verrückt abgeschrieben wurde.
Allerdings hatte man dafür in der Regel auch nur 42 Tage Zeit. Wieso “KT” 7 Jahre gebraucht haben soll, will mir nicht so ganz in den Kopf. Heute sind natürlich auch die Möglichkeiten zum Vergleichen ganz andere. Aber wenn man schon “Bestseller” auf diese Weise zusammenkopieren “darf”, warum nicht auch eine Doktor-Arbeit? Wer interessiert schon eine Dissertation, die in irgendwelchen Regalen verstaubt.
Die “Kreativität” ist offenbar nur noch in sehr begrenztem Maße gefragt, bzw. sie hat sich auf ganz andere Gebiete verlagert; z.B. wer könnte Schuld daran sein, dass bei mir plötzlich “Doping” festgestellt wird? Oder warum ist es bei mir Doping und bei den anderen nicht?
Aber bevor ich jetzt einen “Seemannsköpper” mache: Schönes Wochenende!”

Freitag, 18. Februar, 16.30 Uhr.

Zwei Tage später ist es noch enger geworden für Guttenberg. Ein paar Sätze dazu stehen in der soeben beendeten Stammtisch-Kolumne.  Als ich den Anstoß als tägliche Kolumne einführte, vor etwa 15 Jahren, kamen zunächst, da die Kollegen mi und htr erst später einstiegen (und Henni noch viel später),  ab und zu auch thematisch passende Artikel von sid oder dpa in den Kolumnen-Rahmen. Da zu den optischen Signalen der Kolumne neben dem roten Rand und der schwarzen Schrift auf gelbem Grund (den haben wir abgeschafft, da die Seite mit den mittlerweile vierfarbigen Bildern und dem großen “gelben Kasten” zu “bundisch” wurde) auch gehörte, das Autorenkürzel am Schluss zu setzen statt am Anfang, mussten das “dpa” und das “sid” vorne gelöscht und hinten neu gesetzt werden. Dabei geschah es einmal, dass ich das “sid” vorne löschte, mit dem Cursor nach unten scrollte … und aus purer Gewohnheit das eigene Zeichen “gw” an den Schluss setzte. Am nächsten Tag sprach mich ein Leser auf “meinen Text” an.  Welchen Text? Er gab eine kurze Inhaltsangabe. “Nicht von mir.” Er glaubte es nicht, hielt es wohl für Ausflüchte, um nicht persönlich kritisiert zun werden, obwohl der Text harmlos war und er gar nicht kritisieren wollte. Als ich im Blatt nachschaute und unter dem Agenturartikel das “gw”  las, traf mich fast der Schlag. Ein böser Streich eines Kollegen? Würde niemand wagen. Ich kontrollierte die bis dahin erschienenen Kolumnen und fand noch einen “gw”-Artikel, den ich nicht geschrieben hatte. In heller Aufregung und voller Scham schrieb ich eine Entschuldigung, die am nächsten Tag veröffentlicht wurde.

Am schlimmsten war aber die Enttäuschung, dass niemand gemerkt hatte  bzw. niemand darauf hingewiesen hatte, dass diese beiden Artikel in einem völlig anderen als dem gewohnten gw-Stil geschrieben waren. Denn, mit Verlaub, liebe Agentur-Kollegen: Unabhängig von der professionellen Qualität des Geschriebenen (wir sind natürlich alle Supermegaprofis der Güteklasse Doppel-A)  hielt und halte ich meinen Stil für unverwechselbar, denn mir fällt immer etwas abseits des Mainstreams ein, auch wenn’s zu albern, wortspielerisch oder schlicht falsch und blöd ist. Haupsache: eigen. Schon aus purem Trotz würde ich nicht abkupfern, denn eine  frühkindliche Eigenheit habe ich nie abgelegt: Selber machen!

Man kann sich vorstellen, wie erschüttert ich war.  Ein echtes Trauma. Ist auch nie wieder vorgekommen.

Aber was ist, wenn einem nichts einfällt, nicht einmal gw-Quatsch? Wem’s so geht, der ist arm dran. Und kommt auf Panik-Ideen wie jener leitende Redakteur  (Namen tun nichts zur Sache, ist schon lange her und verjährt), der in seiner Funktion naturgemäß auch Leitartikel schreiben musste,  damit aber nicht zu Rande kam und  seinen Kommentar aus Sätzen und ganzen Abschnitten zusammenbastelte, die er in den Kommentaren anderer Zeitungen gefunden hatte, die praktischerweise als Pressespiegel gesammelt zur Verfügung standen. Kollegen kamen dem armen Kerl auf die Schliche, er verlor seine Stellung und ist auch nicht mehr als Redakteur tätig.

Ich reagiere auf das Abkupfern also womöglich besonders empfindlich  (siehe auch “Legatisierung der Okochas” in der Stammtisch-Kolumne). Guttenbergs Arbeit stammt, wenn ich nicht irre, aus dem Jahr 2006, ist daher keine Jugendsünde, sondern von einem schon hoffnungsvollen Politiker (ab)geschrieben. Er musste doch wissen, dass ihm politische Gegner auf die Schliche kommen würden! Und dann auch noch in der persönlichen Einleitung bei FAZ-Texten bedient, später auch bei der NZZ! Unglaublich. Welch eine Medien-Fehleinschätzung des Medien-Stars! Oder hat er etwa gar nicht selbst …. ? Nein, daraus kann ich mich nur mit einer Floskel retten, die in Politik und Sport gleichermaßen beliebt ist: An derartigen Spekulationen beteilige ich mich nicht.

Mittwoch, 16. Februar, 12.30 Uhr.

 Contador. Die deutschen Medien schäumen vor Wut und Verachtung. Ich schäum nicht mit, leise um Jan Ullrich weinend. Dem wurde  – im Gegensatz zu Contador, Armstrong usw. – Doping nie nachgewiesen, Krabbe übrigens auch nicht, beide verbrannten auf dem Scheiterhaufen der fundamentaldeutschen Doping-Inquisition. Wie viele Tour-Siege und Olympia-Goldmediallen hat Deutschland verschenkt, weil an unserem Wesen die Welt genesen soll?

Angenehme Überraschung: Margot Käßmann lehnt den Preis ab, weil er mit ihrer Alkoholfahrt verbunden sei. Das hat Stil. Dicker Pluspunkt.

Hat Guttenberg abgeschrieben? In der Süddeutschen kann man heute vergleichen. Die Sache scheint sonnenklar. Als Medienimage-Profi weiß der Baron: Jetzt wird’s eng, Kundus ist gar nichts dagegen. Merke: Nur von sich selbst abschreiben ist erlaubt. Ich weiß, wovon ich (ab-)schreibe.

Mail von Thomas Bernsdorff:  ”Das englische Wort “kidding” fiel mir neulich ein, als Sie von “kindisch” schrieben.  Übrigens: Denselben Gedanken an den “Gleichstrom”-Kalauer wie sie hatte auch ich in dem Moment, als ich den entsprechenden Satz vorher las.
Mir fiel gerade auf: Das Imperfekt wird fast nur schriftlich verwendet; Gesagt hätte ich: “Mir ist grade aufgefallen” Mündliches Imperfekt ist fast exotisch. Oder stimmt diese Beobachtung nicht? Oder ist diese Beobachtung überhaupt wichtig?”

Am Rande: Thomas Bernsdorff hat im Oktober letzten Jahres die “Seemannsköpper” -Lesung musikalisch bereichert , woraus sich nun ergeben hat, dass er demnächst in Fulda Krimi-Lesungen mit Ingo Naujoks bzw. Carolina Vera  mit der Gitarre begleitet.

Dienstag, 15. Februar, 17.00 Uhr

Gottschalk hört auf, Peter Alexander stirbt, die Erde bebt und Käßmann kriegt ‘nen Orden.

Senf dazu: In der öffentlichen Wahrnehmung der Großen Tele-Drei ist Harald Schmidt der zynisch-schlaue, Günther Jauch der gediegen-kluge und Gottschalk der Gar-nicht-Intellektuelle. Doch in Wahrheit ist Gottschalk unter ihnen der einzige echte Gebildete.

 Peter Alexander: Wer ihn als harmlosen Operetten-Fuzzy und Spaß-Simpel einordnet, sollte sich mal seinen Badewannentango anhören. Gibt’s bestimmt bei youtube. Als Ami wäre er ein Weltstar geworden.

Erdbeben: Sitze gestern in der Redaktion, alleine im Zimmerchen. Es rumpelt, die Wand wackelt. Irgendwas in der Rotation los? Was Schweres umgekippt? Noch ein Rumpler. Seltsam.  So etwas noch nie erlebt. Etwa ein Erdbeben? Nur so ein Gedanke, nicht ernst gemeint, schnell vergessen. Abends erfahren: Es war ein Erdbeben. Immerhin vier  komma  nochwas  auf der Richterskala. So kann man auch in späten Jahren noch Außergewöhnliches erfahren. Reim dich oder ich beb dich.

Margot Käßmann: Sie bekommt für ihre 1,5 Promille-Fahrt den Europäischen Kulturpreis für Zivilcourage. Also, nicht direkt dafür, sondern für den Rücktritt. Aber wäre es überhaupt vorstellbar, dass eine Bischöfin mit diesem Alk-Wert (Experten wissen, was er bedeutet) NICHT zurücktritt? Bester Käßmann-Kommentar bleibt der von Martin Mosebach in einem alten SZ-Interview. Frage: Margot Käßmann trat zurück, weil sie betrunken Auto gefahren ist. Seitdem wird sie von der Öffentlichkeit zum moralischen Vorbild stilisiert. Hat sie es richtig gemacht? Antwort Mosebach: “Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn ich mich dazu nicht äußern muss.” Ein dröhnendes Schweigen der Stärke 8 auf der Richter-Skala.

Sonntag, 13. Februar 2011, 7.00 Uhr.

Gestern lange und heute auch schon wieder eine halbe Stunde an Anfänger-Problemen (neues Redaktionssystem) rumgedoktort und, da alleine im Haus, ohne Hilfestellung unentwegt gescheitert. Ich weiß genau: Es liegt nur an dem einen falschen Knopfdruck, der alle weiteren Fallen aufgestellt hat. Aber welcher war der falsche? Zu stur und hartnäckig, um nach Hilfe zu telefonieren. Ist ja (m)eine alte hessische Lebensregel: Stur und hartnäckig nie aufgeben. Die zweite: Als weider!
Zur Entspannung ein bisschen Blog schreiben. Beziehungsweise schreiben lassen. Als Einstieg in die nachher zu schreibenden “Montagsthemen” bieten sich zwei alte und nicht nur hessische Fußball-Lebensregeln an. Also zur Eintracht, zu Skibbe, zu Amanatidis und dem “Sport-Stammtisch” vom Samstag schreibt unser alter Freund Otto A. Böhmer (schon vor der Klatsche gegen Leverkusen):
“Jetzt kommt es doch mal vor, daß ich ganz anderer Meinung bin als Sie … Was Sie über den verdienten u. gut verdienenden Spieler Amanatidis schreiben, ist m.E. nur ansatzweise
richtig: Zwar mag der (mir immer irgendwie sympathische) Mann, was seinen hochachtungsvollen Umgang mit sich selbst und den Hang, die eigene Person von lästiger Kritik möglichst freizuhalten, eine Art Martin Walser des BL-Betriebs sein, aber dass er jetzt, mit mehr oder weniger wohlgesetzten Worten, ein zweites und drittes Mal aufbegehrt, ist nicht ihm, sondern seinem (im Kern) wenig souveränen Trainer Skibbe geschuldet, über dessen unsinnige Ein- u. Auswechslungen, speziell gegen Ende eines Spiels, ich mich schon länger (maßvoll) aufrege. Im Fall von Amanatidis, der schon mal in der Nachspielzeit weniger als eine Minute den Rasen betreten durfte, kommen solche taktischen Mätzchen einer Demütigung gleich; das macht man nicht, auch nicht mit weniger verdienstvollen Spielern als Amanatidis. Überhaupt ist Skibbe, glaub’ ich, deutlich weniger clever, als er meint: Dass er bislang als unerschrockener Betreiber jugendbewegten Konzeptfußballs auffällig geworden wäre, läßt sich nicht behaupten; unter Funkel haben die jungen Talente, sofern wir denn bei Eintracht damals welche hatte, mehr
Einsatzzeiten bekommen als bei Sk., und auch der taktische Schachzug, für den Sk. bis heute gepriesen wird, nämlich Ochs ins offensive Mittelfeld zu befördern, ist bei Funkel schon mal ausprobiert worden; damals machte die Eintracht aber ein (weiteres) grottenschlechtes Spiel, in dem sich Ochs dem allgemeinen Niveau problemlos anpasste, so daß kein Bedarf bestand, das Experiment zu wiederholen … Sollte die Eintracht weiter nach unten durchgereicht werden (was ich befürchte), werden wir, wie seinerzeit in LEV nach der peinlichen 0:4-Klatsche, wieder das (dunkel vor sich hin orakelnde) Mimöschen
Skibbe erleben, von dem ich mir sogar vorstellen könnte, daß er sich, wenn seine sog. Visionen von einer kontinuierlich aufstrebenden Eintracht Makulatur zu werden drohen, vorzeitig vom Acker macht … Genug der Kaffeesatzleserei. Ich grüße herzlich Ihr alter OAB.”
Kann ich fast alles unterschreiben – wenn nur das verbale Wirken des Griechen nicht wäre, das nicht nur nervt (wetten: auch in der Mannschaft!), sondern auch kontraproduktive Unruhe stiftet. Dennoch steht er bei Bruchhagen hoch im Kurs. Und unser alter OAB, der kluge Schriftsteller, alte Anstoß-Mitstreiter und Eintracht-Kenner, lobt und sehnt sich nach Funkel, obwohl er früher (ich hab’s im Archiv!) nicht gerade als Funkel-Fan bekannt war. Auch die klügsten Menschen sind im Fußball rational nicht zu fassen. Aber dafür haben sie, haben wir ja auch den Fußball.
Funkel-Nostalgie. Vor nicht allzu langer Zeit ein “Anstoß”-Thema. Griff ins gw-Archiv: “Nostalgie verklärt Vergangenes um so mehr, je unschöner die Gegenwart scheint. Obwohl – eigentlich ist Nostalgie etwas ganz anderes. Der Schweizer Arzt Johannes Hofer schrieb 1678 eine Doktorarbeit über einen jungen Mann aus Bern, der zum Studium nach Basel kam und dort derart von Heimweh geplagt wurde, dass er abmagerte und in einen lebensbedrohenden körperlichen Zustand geriet. Medikamente halfen nicht, als letzter medizinischer Schluss blieb, ihn nach Bern zurückzuschicken. Schon diese Therapie-Empfehlung brachte Besserung, und bereits auf halbem Weg nach Bern fühlte sich der Student wieder gesund. Hofer gab dieser Heimweh-Krankheit ihren Namen, übersetzte das Wort ins Griechische, indem er aus »nostos« (Rückkehr nach Hause) und »algos« (Schmerz) den Neologismus »Nostalgia« bildete. Die Krankheit »Heimweh« gibt es medizinisch nicht mehr, aber das Wort dafür hat sich in vielen Sprachen durchgesetzt. Auch im Hessischen, wo man 2009 noch immer vom Fußball 2000 träumt, den man sich 1990 versprochen hatte.” 2011 statt 2009, sonst alles wie gehabt.
So, und nun HUP. Ohne Quark-Nostalgie. Ich find dich, du Knopf!

Samstag, 12. Februar, 10.30 Uhr

Wer aus Abu Simbel einen Abu Simpel macht, ist selbst einer und zumindest ein Hesse, der glaubt, Simpel sei die hochdeutsche Form von Simbel. Soll ich den Fehler von gestern korrigieren oder drinlassen? Korrigieren. Obwohl’s ein hübscher Fauxpas ist, in der Zeitungs-Kolumne mach ich sowas gerne mal absichtlich, meistens kläre ich es aber in der selben Kolumne noch auf. Im Blog gestern war’s unabsichtlich, auch die nochmalige Zitierung des dementen Vaters von Arno Geiger. Am Dienstag geschrieben, am Freitag in anderen Worten wiederholt, weil das Dienstagsgeschriebene vergessen war. Und dabei ging’s um Demenz … Das lass ich aber drin. Grundsatzentscheidungen: Nachträglich im Blog korrigieren oder nicht? Wie machen das andere? Lese selbst ja kaum Blogs (aus alter Verbundenheit nur die “Geisterbahn” von Matthias Altenburg alias Jan Seghers, außerdem ab und zu den richtig guten Eintracht-Frankfurt-Blog von “Kid Klappergass”). Also, schneller Entschluss während des Schreibens: Dumme Rechtschreibfehler werden nachträglich korrigiert (falls sie auffallen), alle anderen Dummheiten bleiben drin. Ebenfalls während des Schreibens beschlossen: Eigentlich sollte der Blog ohne die Ich-Form auskommen, hab ich auch gut durchgehalten, heute ist das Ich aber wieder reingeflossen. Bleibt so.
Heute abend nach längerer Zeit wieder Gottschalk gucken. Wird vielen anderen ähnlich gehen. Das gibt Quote.

Freitag, 11. Februar 2011, 15.50 Uhr

Heute früh erstmals seit vielen Jahren wieder Get Ready gehört. Die alte Platte von Rare Earth, mit dem halb transzendentalen Instrumentalteil. Original-LP. Der Blick fällt auf das Cover. Eine Widmung: “Von Atef zu Gerd, 14. 5. 72.” Welch ein Zufall. Gestern die seltsame, arabisch ornamentierte Rede Mubaraks, heute die Erinnerung an Atef Ismail, damals schon Mitte 30, ägyptischer Meister im Dreisprung und im Speerwerfen, Vereinskamerad beim USC Heidelberg, Besitzer der damaligen Heidelberger In-Kneipe Shepherds Lounge, umtriebiger Geschäftsmann, verheiratet mit einer blonden deutschen Schönheit, Freund, Förderer und Mäzen Heidelberger Speerwerfer, Sohn des bekanntesten und verehrtesten ägyptischen Koran-Sängers, dennoch sehr westlich geprägt, ein rundum prima Kerl.
Erinnerungen auch an die eigene Ägyptenreise vor einem Jahr: Die Busfahrt am frühen Morgen, im bewachten 50-Busse-Konvoi (wegen Terror-Anschlägen) durch die Wüste nach Abu Simbel. Die allgegenwärtigen weißuniformierten Polizisten, träge und schläfrig. Der eine, der vor einem Museum postiert, kontrollieren sollte, aber nur einen der vielen aus Deutschland mitgebrachten Kugelschreiber wollte, die aus unerfindlichen Gründen in Ägypten sehr begehrt sind und die man, so die Reiseleitung, bettelnden Kindern statt Geld geben sollte, das sie sowieso abliefern müssten. Der Händler, der sich in Rage redete, vergaß, was er einem aufschwatzen wollte, sondern sich in Tiraden gegen Mubarak hineinsteigerte und immer wieder zischte: “Mubarak is cow, Mubarak is cow, tell it all people”, wobei “cow” die Übersetzung eines der bösesten ägyptischen Schimpfwörter sein sollte.
Zur aktuellen Lage in Ägypten mangels Wissen keine eigene Meinung außer der, dass das Volk Mubarak weg haben will, aber noch nicht weiß, was es stattdessen will, aber sicher nicht das, was wir wollen, dass die Ägypter es wollen sollen.
Wir nehmen uns und unsere Einstellung zu wichtig. In der heute geschriebenen Zeitungs-Kolumne (das heißt, in der für morgen) das schöne Schlusswort des demenzkranken Vaters des Schriftstellers Arno Geiger, der auf die Frage, wer er denn sei, die verschmitzt-listig-philosophische Antwort des aufblitzenden Verstandes bekam: “Als ob das so interessant wäre.”
Zum Sport. Mail von Stefan Deibel. Er bedankt sich für “die vergnüglichen Zeilen der vergangenen 10 + x Jahre bei Ihnen” – Dankeschön dafür. Stefan Deibel, noch 29, “Basketballspieler, -Schiedsrichter und -Zuschauer, vor allem in der Osthölle, aber auch in Lich und beim VfB 1900″ hat “eine Fußballvergangenheit von 14 aktiven Jahre in Hessens bester Jugendabteilung ‘Am Ried’ mit anschließendem Fan-Dasein des VfB Stuttgarts und deutschen Mannschaften in internationalen Wettbewerben.” Der somit ausgewiesene Sportfachmann empfiehlt einen Blog (der hiermit weiterempfohlen sei) “rund um das Thema Basketball der ‘Gruebelei’. Im folgenden Blogeintrag haben sich der Gründer des Blogs ‘Grübler’ aus Berlin und die Gastbloggerin ‘OSB’ aus Gießen zusammengeschlossen, um das Debakel zu schildern, dass im Moment rund um den Nationaltrainer Dirk Bauermann, seine Nationaltrainertätigkeit und seinen ‘Nebenjob’ als Trainer des FC Bayern München in der 2. Liga Pro A abläuft. Ich kann die 5 minütige (und auch regelmäßige) Lektüre der Grübelei Ihnen wärmstens ans Herz legen: http://gruebelei.de/2011/02/10/der-doppelte-dirk-eine-verdammt-scheinheilige-debatte/
Ich würde mich freuen, wenn ich Sie und Ihren Aufmerksamkeits-Scheinwerfer auf die beste Randsportart Deutschlands lenken könnte. Um Sie dafür noch mehr zu begeistern vielleicht noch ein Hinweis zu dem wahrscheinlich größten Zweitligaspiel im deutschen Basketball, das jemals stattfinden wird: Am 20. Februar treten die zwei aktuellen Spitzenvereine der 2. Liga Pro A gegeneinander in der Münchener Olympiahalle an. Der Tabellenführer FC Bayern München empfängt die s. oliver Baskets Würzburg. Das Spiel wird vor mehr als 12.000 Zuschauern stattfinden und dank eines gewissen Uli Hoeneß auch im frei empfangbaren Bayrischen Fernsehen übertragen. Mit sportlichen Gruß und im Basketball üblichen HighFive. Ich würde mich freuen, wenn ich Sie und Ihren Aufmerksamkeits-Scheinwerfer auf die beste Randsportart Deutschlands lenken könnte.”
Aus der Antwort: “Dankeschön für Ihre Mail, Danke auch für die netten Worte. Basketball hatte schon immer meine Aufmerksamkeit. Sie sind zu jung, um zu wissen, dass ich in MTV-Hochzeiten die Basketball-Berichte und noch viel mehr rund um diese Sportart geschrieben habe. In meinen Kolumnen spielt er aber, gebe ich zu, keine Rolle mehr. Warum, weiß ich selbst nicht genau, hat aber wahrscheinlich etwas mit den nicht nur von Saison zu Saison, sondern mittlerweile sogar von Spieltag zu Spieltag wechselnden Akteuren zu tun.”
Erst die alten Atef-Zeiten, dann die anschließenden Basketball-Schreiberzeiten. Ganz schön viel Nostalgie. Und dann noch Rare Earth, die am rauf und runter gespielteste Platte in der Shepherds Lounge (und dennoch rückte sie der gute Atef dem darum Bittenden aus!). Noch ein Blick aufs Cover: Die beiden buchstäblich am längsten gespielten Titel sind angekreuzt: Tobbaco Road (7:10) und eben Get Ready (21:30). Später Aha-Effekt: Stammt ja von Smokey Robinson! Stimmt das wirklich? Oder ist’s ein anderer? Nein, er ist’s. Das Internet, der Feind des Zeitungs-Kolumnisten, wird sein Freund. Ist halt doch toll, dass es sowas gibt. Bei youtube kann man Smokey, die Motown-Ikone, sogar mit seinem Get Ready hören und sehen:
Never met a girl who makes me feel the way that you do, you’re alright …

Dienstag, 8. Februar, 11.55 Uhr.

Die Samstags-Kolumne wird im Laufe der Woche vorbereitet, mit Notizen, auf die am Freitag zurückgegriffen wird. Das Meiste fällt aber unter den Tisch, denn die Themen müssen zusammenpassen und wenigstens am Rande etwas mit Sport zu tun haben. Die Notiz von heute früh, geschrieben nach dem stets inspirierenden (sind’s die Endorphine?) 45-Minuten Radrundritt hinauf ins Hinterland und zurück, kommt wohl unter den Tisch, denn sie hat mit Sport fast nichts zu tun (bis auf den Ratschlag der Mutter). Mal sehen.
Das ist sie, die Notiz:
Auf die Leseliste muss “Empört euch” von Stéphane Hessel. Der Bestseller des französischen Sarrazin unter umgekehrten Vorzeichen erscheint heute. Der Mann ist 93, war in der Résistance aktiv. Er klagt, dass es keine Grundwerte mehr gibt, heißt es. Tut er aber wahrscheinlich gar nicht, denn Grundwerte gibt es ja immer. Es geht wohl darum, dass sich kaum noch jemand an Grundwerten orientiert, vor allem nicht in der Politik. Aber auch das wäre zu kurz gegriffen, denn wenn jeder sein eigenes Handeln nach moralischen Grundwerten ausrichten würde, hätten wir, hätte die Welt eine andere Politik und ein anderes, besseres Gesicht. Die abgegriffensten Sprüche sind manchmal doch die treffendsten. Zum Beispiel der mit den drei Fingern, die auf einen selbst zurück deuten, wenn man den moralischen Zeigefinger erhebt (sind doch drei, oder? Der Daumen zeigt ja nicht zurück). Am besten immer noch: Was du nicht willst, was man dir tu usw. Hat hier der Volksmund den kategorischen Imperativ von Kant unkantig rund formuliert? Könnte zum Welt-Grundgesetz erhoben werden, allerdings mit der Klausel: Gilt nicht für Masochisten.
Gefragt nach einem Rat für langes Leben sagt Hessel: »Meine Mutter war sehr fürsorglich. Sie sagte, ich soll nicht rauchen, aber auch keinen Sport treiben.« Arno Geiger, der ein Buch über seinen dementen Vater geschrieben hat, sagt etwas, das zu Hessels Grundwerte-Buch passt: “Charakter taugt mehr als Intelligenz.” Und welch ein Dialog mit seinem Vater: “Weißt du, wer ich bin?” “Als ob das so interessant wäre.” Weinen? Lachen? Oder Staunen? Im nicht-dementen Leben, wenn sich einer aufplustert, wäre es ein herrlicher Dialog: “Wissen Sie überhaupt, wer ich bin?” “Als ob das so interessant wäre.” Pffft, wäre dem Aufgeplusterten die Luft abgelassen.

Sonntag, 5. Februar, 6.45 Uhr.

De-derede-dem … seit gestern hämmert eine Musik im Kopf herum, die wieder raus muss. Keine guten Erinnerungen, denn sie ist verbunden mit dem albernen Posing-Gehoppse der Bodybuilder und dem Freund, dessen Tod ebenfalls mit dieser Melodie verbunden ist. Mehr dazu soll gleich in den “Montagsthemen” geschrieben werden. Nicht zum Freund (wen’s interessiert: siehe “Sport-Leben”), sondern zur Musik und dem Gehoppse dazu.
De-derede-dem …

Sonntag, 5. Februar, 15.55 Uhr.
Erst nach dem Eintrag heute früh die Meldungen gesichtet. Da am Samstag nicht ferngesehen, ein freudiger Lierhaus-Schock. Siehe “Montagsthemen”. Zum dort angesprochenen Hin- und Hergerissensein zwischen aufwallendem Gefühl und medienkühlem Zynismus: Haben Sie auch ein paar Mal gerührt schlucken müssen? Aber hätte die Monica Lierhaus früherer Jahre fernsehöffentlich die Hochzeitsfrage gestellt? In jedem Fall ein großer Coup für Springer und HörZu. Reimt sich sogar.
Im Archiv nachgeschaut, wann die Lieblings-Moderatorin im “Anstoß” zum ersten Mal erwähnt wurde. Es war am 7. April 1999, es ging um den drohenden Abstieg des Kult-Klubs Borussia Mönchengladbach, über den ein SAT.1-Reporter in “ranissimo” klagte, und wie die Moderatorin darauf reagierte, das zitierte unsere “Nachlese” aus der Süddeutschen Zeitung: “Monica Lierhaus lässt diesen Paß wie unbeteiligt ins Aus rollen. So cool bringt den Absturz des Vereins von der Legende zur Geschichte nur eine Frau, die früher im Boulevard-Magazin Blitz die Geburt von dreiköpfigen Zwillingen angekündigt hat.«

Scharfer Protest von Manni Merz zu seinem Auftauchen im “Sport-Stammtisch” vom Samstag: “Vielen Dank für die überaus freundliche Aufnahme in den Anstoß. Obwohl: Während ich den “Ex-Kollegen” trotz gelegentlicher freier Mitarbeit für die WZ noch verkraftet habe, bin ich mit dem “Ex-Handballer” nicht fertig geworden. Habe daraufhin gestern abend noch einmal die Schuhe geschnürt und mit unserer abgeschlagen auf dem letzten Platz der Bezirksliga A liegenden 2. Mannschaft versucht, in Volpertshausen die Niederlage bei Aufstiegskandidat TuS Vollnkirchen in Grenzen zu halten. Dies ist beim 24:36 zwar nur begrenzt gelungen, Spaß gemacht hat es aber trotzdem.
(Ich hoffe, die gespielte Empörung ist rübergekommen . . .).”

Freitag, 4. Februar, 15.55 Uhr.

Die Samstags-Kolumne ist geschrieben und unterhalb dieses Blogs zu finden. Hauptsache: zu finden. Das neue Kleidchen für Blog und Zeitungs-Kolumnen muss erst noch genäht werden, danach wird’s übersichtlicher. Noch einmal zur Orientierung: “Sport, Gott & die Welt” ist der reine Internet-Blog, alle anderen Beiträge sind Original-Zeitungskolumnen, die online gesammelt werden. “gw-Beiträge Anstoß” beinhalten die Sportkolumnen des Jahres 2011 (demnächst online archiviert die Kolumnen mehrerer Jahre, wahrscheinlich ab 2007), “gw-Beiträge Kultur” umfassen vom Blog-Schreiber verfasste Rezensionen und Kolumnen, die seit 2004 auf der Bücherseite und im Feuilleton der Tageszeitung erschienen sind, “Hennis Kumpel Brocken im Interview” ist Henni Nachtsheims in unseren Zeitungen abgedruckte Eintracht-Kolumne der laufenden Saison und “Sport-Leben” die sportautobiographische Geschichte von “gw” aus einem früheren Leben als Kugelstoßer.
Vor- und Nachteil des Blogs gegenüber der Zeitungskolumne: Der Schreiber kann schreiben, bis die Finger wund sind und nicht nur bis zum vom Layout vorgegebenen Textende, was besonders einengend wirkt, wenn Endlos-Schreiber und Layouter ein und dieselbe Person sind, denn dann lässt die letzte Instanz nicht mit sich verhandeln. Heute gab’s keine Probleme, denn für die Seite verantwortlich ist “htr”, und der nette Kollege lässt “gw” viel (Text) durchgehen, selbst wenn er dafür das Layout umplanen muss.

Frage am Rande der Kolumne zu ARD/ZDF, Tour de France und der “deutschen” Methode: Wenn alle Radsport-Welt über Deutschland den Kopf schüttelt, machen dann die da draußen alles falsch oder wir alles richtig? Soll wieder am deutschen Wesen die Welt genesen? Gestern in einer geselligen Runde sportinteressierter gehobener Mittelschicht (ja, ihr seid gemeint, ihr alten Jungs da drüben in Wetzlar!) die gleiche Frage gestellt. Antwort unisono, ohne Ironie: Ja.
Na ja, kein Wunder, lahnabwärts sind sie nicht durch bald 40 Jahre “gw”-Kolumnen aus erster Hand bestens informiert und auf die richtige Denkungsweise eingeschworen. Das war jetzt mit (Selbst-)Ironie.
Dass der aktuelle gesellschaftliche Diskurs das Ende des Zeitalters der Ironie verkündet, ist leider nicht erotisch gemeint. Ha, schöner Freudscher Schreibfehler, den lassen wir drin.

Der in der heutigen Kolumne auftauchende Ex-Hammerwerfer Edwin Klein (einer aus der früheren Solidargemeinschaft der Muskelbehafteten zwischen all den hyperempfindlichen Sprintern und langlaufenden Hungerhaken) geht persönlich mit dem Doping-Thema so um, wie man’s eben tut, wenn man mehr weiß als die anderen, halbwegs ehrlich sein und dennoch seine Ruhe vor der Inquisition der Heuchler haben will: Auch er habe natürlich Anabolika genommen, aber nur, bis sie verboten wurden, dann nie mehr. Ist doch klar.

Mittwoch, 2. Februar, 11.55 Uhr.

Walther Roeber gehört zu den Stammlesern, die den Kolumnisten mit wertvollen Anregungen und Kommentaren versorgen. Hier seine aktuellen Randbemerkungen:

Hallo gw; Heiner Brand hat zwar nicht ‘den Köhler gemacht’, obwohl man es ihm nicht hätte verdenken können, aber ob die Vereinsvorsitzenden auf ihn hören werden? Das haben sie 10 Jahre lang nicht getan, und die Spieler haben es soweit man es aus den Übertragungen mitbekommen konnte, während der ganzen WM nicht getan.
Der ‘Fall Draxler’: ich finde es bei allem Hin und Her eine ungehörige Einmischung seitens des Vereins und seitens Herrn Magath, den Schüler und seine Eltern dazu zu überreden, die Schule zu ‘schmeißen’. Das sollte eine persönliche und familiäre Entscheidung bleiben. Allerdings haben wohl andere Sportler auch eine ‘Fernausbildung’ neben dem Profitum betrieben, keine Ahnung, ob das auch mit Schule bis zum Abi möglich wäre. Wenn nein, sollte man darüber nachdenken. Wenn Julian Draxler von einem ‘rasend gewordenen, frustrierten’ Gegenspieler in 3 oder 5 Jahren zum Sportinvaliden gemacht wird, hat er den meisten Schulkram sicher vergessen.
Ob die ganze Wechselhektik der letzten Tage den Vereinen noch viel bringen wird? Ich wage es zu bezweifeln… 2-3 Spieltage gehen noch vorbei, bis die ‘Neuen’ in ein Spielsystem integriert sind, und dann bleiben gerade noch 10 Spieltage…
Weiter eine gute Woche!
Ihr Walther Roeber

Von Dr. Hans-Ulrich Hauschild, ebenfalls langjähriger “Anstoß”-Leser, kam die ehrenvolle Einladung zu einer “Seemannsköpper”-Lesung im “Pankratius-Forum” ( www.pankratius-giessen.de). Seine den Autor bewegende (aber nicht umstimmende) Reaktion auf die Absage (zu den Gründen siehe Notiz vom Dienstag/1.2.):

So leicht kommen Sie nicht davon. Natürlich respektiere ich Ihre Entscheidung, keine Lesungen halten zu wollen. Aber warum nur? Wollen Sie die Ihrem Roman zugrunde liegenden Gedanken und Überzeugungen wirklich gleichsam uninterpretiert der Öffentlichkeit vorenthalten. Denn es gibt vieles zu interpretieren und zu besprechen. Ich habe den Roman jetzt zu Ende gelesen und komme zur Überzeugung, dass die Gießener Öffentlichkeit darüber zu diskutieren hat. Punktum und Basta.
Na ja… Und dennoch: Es ist Ihnen gelungen das als Kunst zu schaffen, was der poetische Realismus als solche bezeichnet und nur als solche „durchgehen“ lässt. Nämlich durch „kunstvolle Verknüpfungen“ Realität durch Symbole und Typen aufscheinen zu lassen. Jede Ihrer Figuren ist ein solcher Typ und – sonst wäre es keine Kunst – gleichzeitig ein Individuum. Umgekehrt aber auch. Kunst wäre nicht, wenn nur individuelle Figuren die Seele des Autors sich prostituieren ließen. Die moderne Kunst neigt zum „auskotzen“ seelischer Zustände. Uninteressant auch da noch, wo es gut gemacht ist. Diesen Fehler hat Ihr Seemannsköpper nicht. Auch dass er als Antifreud geschrieben ist, finde ich höchst befriedigend. Und ich bleibe bei meinem ersten Eindruck, der auch das letzte Urteil ist: die dörflich – kleinbürgerliche Idylle ist gestört. Idyllen gehören gestört doch wenigstens dann, wenn sich hinter Ihnen der Abgrund der modernen Gesellschaft versteckt. Und die Aufklärung eines Kriminalfalles der keiner ist, sondern viel tiefer die kriminellen Folgen hochmütiger kleinbürgerlicher Verhaltensweisen seziert aus der Warte von Außenseitern, denn die „Familie“ Karli ist eine Außenseiterfamilie, ist gesellschaftspolitisch brisant. Auch dann noch, wenn am Ende die Versöhnung mit dieser dörflichen Gesellschaft gelingt. Wie auch sonst wollte man weiterleben?
Allein Ihre Positionen zur Debatte um die „gute Wehrmacht“ vs. SS, um die politischen Ideen der Akteure des 20. Juli sind eine Lesung wert. Ich teile hier Ihre gezeigten Auffassungen nur zum Teil. Selbstverständlich ist es billig, Soldaten der NS – Zeit als Nazis zu beschimpfen. Jeder von uns hätte mitgemacht in mindestens einer Mitläuferrolle. In sofern ist Ihre Kritik an der herrschenden Hochmütigkeit der Nachgeborenen berechtigt. Aber es gab einige wenige andere und vor allem ist die Rolle der Offiziere und anderer Akteure des Widerstandes keineswegs so positiv wie angedeutet. Viele von ihnen hätten gerne die außenpolitischen Erfolge Hitlers nach einem Ende der Hitlerzeit in Anspruch genommen. Und dass etliche Adlige und Bürgerliche aus dieser Widerstandsbewegung an den Nazis nur das proletarisch – niedrige Element gestört hat, keineswegs aber die gesellschaftspolitische Gesamtposition sollte doch zu denken geben. Ein Hochmut gegen das Proletariat ist nicht zu übersehen. Und die Ausgrenzung der kommunistischen Widerstandskämpfer.
Aber Sie haben all das in eine Geschichte des 21. Jahrhunderts verwoben. Der Bezug zwischen den Vergewaltigern aus Watzburg und den SS Soldaten aus Italien – ich übersehe ihn nicht.
Also noch einmal: danke für das Buch. Und diskutieren Sie mit uns. Das Forum ist keine Privatveranstaltung, sondern eine öffentliche Einrichtung. Wenn Sie nicht mögen: nicht gut, aber – siehe oben – sofort respektiert. Ich kann jedoch schlecht den Seemannsköpper als eigenes Referat anbieten. Sie gehören dazu. Ein Gießener Autor mit einem Mittelhessen – Roman, der bei der öffentlichen Diskussion nicht dabei ist, das geht nicht.
Herzliche Grüße
Ihr
Dr. Hans-Ulrich Hauschild

Dienstag, 1. Februar, 10.45 Uhr.

Nachtrag zur “Ohne weitere Worte”-Kolumne: Um das Ziel zu erreichen, prägnante Aussagen zu zitieren, die nicht schon anderswo als “Spruch des Tages” o.ä. aufgetaucht sind, müssen oft Sätze aus längeren Interviews komprimiert zusammengestellt, dürfen aber nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Gekennzeichnet mit Pünktchen in Klammern, verlangt das (…) journalistische Fairness und einige Mühe, denn die Verkürzung soll den Tenor der Aussage widergeben und sie nicht, des Gags wegen, verzerren oder gar konterkarieren. Manchmal werden zwei Sätze mit dem (…) verbunden, die am Anfang bzw. Ende eines langen Interviews stehen. Damit kann man auch Schindluder treiben, mit dieser Methode ist alles möglich: Aus einem klugen Interview ein dummes Zitat zusammenbasteln und umgekehrt. Perfide ist es, zwei Sätze mit dem (…) zu verbinden, zwischen denen im Originaltext relativierende Gedanken stehen, ohne die das Zitat sinnentstellend wirkt. Leider eine beliebte Methode in der politischen Auseinandersetzung.
Wieder zwei liebenswürdige Einladung, aus dem “Seemannsköpper” zu lesen. in angenehmem privatem bzw. öffentlichem Ambiente. Dennoch bleibt es dabei: Keine eigenen Lesungen. Jetzt zuzusagen würde bedeuten, alle vor den Kopf zu stoßen, denen in der Vergangenheit abgesagt wurde.
Warum keine Lesungen? Ist doch sehr geschäftsuntüchtig, manche Bücherschreiber leben schließlich von Lesungen und den mit ihnen verbundenen Mehrverkäufen. Henni Nachtsheim macht mit seinen Eintracht-Büchern “Lesungen ohne zu lesen”, weil er nach eigener Aussage nicht (vor-)lesen kann, und zieht dann, wenn er das dem Publikum klargemacht hat, eine große Comedy-Schau ab. Wem’s wie Henni geht mit dem Vorlesen, aber keine Comedy kann, sollte es eben ganz lassen.
Bei den Bildern aus Ägypten Gedanken an den freundlichen, gebildeten, zurückhaltenden, sehr Mubarak-kritischen und grüblerischen Mohamed, genannt Momo, der vor einem Jahr durch Luxor, Assuan, Abu Simbel und all das Spektakuläre und Beeindruckende führte, was links und rechts des Nils die Jahrtausende überdauert hat. Momos großes Anliegen: Seine Nilkreuzfahrt-Touristen mögen doch bitte für sein wunderbares und einmalig geschichtsträchtiges Land werben, davon lebe ein großer Teil der Bevölkerung, vor allem auch eine kleine gebildete Mittelschicht. Er zum Beispiel. Wenn jetzt der Tourismus einbricht …
Ägypten-Rückblende: Neben einem Ehepaar mit Sohn geduldig in der Schlange wartend, sowohl beim Abflug in Frankfurt als auch bei der Ankunft in Luxor, am Gepäckband und beim Zoll. Papa las “Bild” und schien überhaupt das exotische Leben von Herrn Jedermann nachempfinden zu wollen. Den Sohn kannte man als Mini-Pimpf von einem legendären Foto (auf Papas Schultern – die gelben Entchen-Pantoffeln!). Im Tal der Könige in Theben-West, wo die alten Ägypter ihre Pharaonen bestatteten, konnte der prominente Mitreisende den nicht mehr lebenden Beweis für den Realitätssinn seines Wahlslogans »Reichtum für alle« begutachten: Den Pharaonen wurden prachtvolle Grabbeigaben mit auf den letzten Weg gegeben, die Gräber danach verbuddelt, damit sie niemand finden sollte … außer den Arbeitern, die jahrelang die Gräber in mühsamster Handarbeit in die Felsen getrieben hatten und sie daher später plündern, also »sozialisieren« konnten.
Die meisten Prachtsarkophage im Tal der Könige sind leer, aber nicht groß genug für das Ego heutiger Pharaonen von Lafontaine bis van Gaal.

Sonntag, 30. Januar, 6.40 Uhr.

Auf der Fahrt vom Dorf in die Stadt über dunkles Land der schmalen, blendend hellen Mondsichel entgegen, die tief am nördlichen Horizont schwebt, mit der fast ebenso hell strahlenden Venus über sich. HR1 wirbt um 6.30 Uhr für seine mittägliche Interviewsendung mit Richard David Precht. “Dieser Mann hat auf fast alles eine Antwort.” Tja, man selbst hat nur auf alle Antworten eine Frage.
Sonntags um diese Zeit alleine auf der Straße. Nur selten ein Minicar unterwegs. Aber dann, am Rande der Stadt: Stau! Eine lange Autoschlange auf der Zufahrt zur Hessenhalle. Aussteller. Was wird ausgestellt? Keine Ahnung.
“Keine Ahnung” – ein neues Mode-Füllwort. Schon aufgefallen? Ein recht nettes, im Vergleich zu anderen. Wird zwar sinnfrei eingestreut, deutet aber latent an, kein Precht zu sein.
“Keine Ahnung.” Diesmal hilfloses Eingeständnis, der Nachtwächterin nicht helfen zu können, die Lehne ihres Sitzes aufrecht zu stellen. An den Hebeln gescheitert.
Sie ist erst seit einigen Wochen da. Zuvor waren es ältere Herren, die jeweils nach ein paar Monaten verschwanden. Wohin? Es gibt Fragen, auf die man gar keine Antwort wissen will. Um Antwort auf die Frage nach der Ausstellung zu bekommen, oben in der Redaktion zuerst in der Samstagsausgabe die Veranstaltungshinweise durchgesehen. Im Frauenkulturzentrum wird die Reihe “Frauen zeigen ihren Lieblingsfilm” fortgesetzt, im ZIBB werden “Acht verschleierte Frauen der Weltgeschichte” vorgestellt (zeigen sie ihren Lieblingsfilm?), am Treffpunkt Parkplatz Schiffenberger Tal beginnt um 10 Uhr die Winterwanderung. Und was ist in der Hessenhalle los, liebe Kollegen?
Eine Seite weiter, auf der Mittelhessenseite: “Beckmann singt von Lust und Frust – Fernsehmoderator geht mit Band auf Tour – Auftaktkonzert in der Wetterau.” Weia.
Es ist jetzt, keine Ahnung, kurz nach sieben. Noch keine Ahnung, was in die Montagsthemen kommt. Same procedure as every sunday. Auch in der Mailbox noch keine Anregung, außer dem aktuellen Spam-Hauptthema, das Fahnenstangen und Penisverlängerung abgelöst hat: “Haben Sie Schwierigkeiten, Ihre Freundin vaginal zu befriedigen?” Ich haben gar keine Freundin.
Ziel des Arbeitstages: So zügig voran kommen, dass zwischendurch um 17.30 das Eintracht-Spiel live gesehen werden kann.
Nikolaus Krebs (“von Kues”): “Alle Erkenntnis ist ungewiss, denn sie besteht darin, das Unbekannte mit einem Bekannten zu vergleichen, welcher Vergleich nie ganz genau ausfallen kann.” Aus “Von der Wissenschaft des Nichtwissens.” Endlich eine Wissenschaft, die man, keine Ahnung, ganz gut beherrscht.
Sonntag, 30. Januar, 17.20 Uhr.
Rückblende auf den Sport-Stammtisch vom Samstag und den als “Mädchenfußballer” verulkten Caio: “Am liebsten wäre mir aber, Caio würde mich dumm aussehen lassen, indem er morgen mit einem männerhammermäßigen Traumtor das Spiel entscheidet.” Und jetzt: Caio macht ein richtig gutes Spiel, ist in der Offensive der Beste – und dann entscheidet er das Spiel, weil von seinem Ballverlust das Gladbacher Tor ausgeht. Der arme Bub.

Freitag, 28. Januar, 13.50 Uhr.

Der zweite Sport-Stammtisch der Woche ist fertig, und wieder nur mit einem Bruchteil der notierten Themen. Zuviel Gelabere? Würde die Kommentar-Funktion freigegeben, gäbe es jetzt sicher deftige Antworten. Wird aber nicht freigegeben, da andere Schreiber ähnlicher … Blogs (immer noch verkrampft sich die Hand des Kolumnenschreibers bei diesem Wort) von schlechten Erfahrungen berichten. Irgendwo in der Welt hockt immer einer, der die Sache lahmlegt oder vollmüllt. Oft nicht einmal, weil er sich über das Geschriebene ärgert, sondern einfach so. Mails sind natürlich erlaubt und willkommen (gw@anstoss-gw.de).
Zu den für die Kolumne zusammengelesenen Zitaten gehört auch dieses von Sophokles: “Ich ziehe es vor, mit ehrlichem Handeln zu verlieren, als auf unehrliche Weise zu gewinnen.” Aber gescheut, es zu verwenden. Zumal, nachdem in der letzten Kolumne Heuchelei aufgespießt wurde. Könnte im Blick auf ferne sportliche Vergangenheit den Vorwurf einbringen, Heuchelei anderer zu verurteilen, aber selbst zu heucheln. Doch die Sache ist komplizierter. Wen’s interessiert und wer zwei Stündchen Zeit hat, sollte das “Sport-Leben” anklicken.
Schönstes Wort der ganzen Kolumne, von Hölderlin-Freund Waiblinger: “Fluch jeder Stunde, wo ich nicht ein Originalkerl war.” Ein säkulares Wort zum Sonntag.
Freitag, 28. Januar, 17.55 Uhr.
Aus Spanien das “wahre” Wort zum Sonntag: »Ich habe mich niemals gedopt. Ich bin das Musterbeispiel eines sauberen Sportlers, und das werde ich beweisen.«
Ganz schön frech, der Contador. Unser brave Ulle sagte so etwas nie. Er log auch nicht, als er behauptete: “Ich habe nie einen Konkurrenten betrogen.” Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

Mittwoch, 26. Januar, 9.45 Uhr.

Sport: Bayern/Gustavo, Sammer/Bayern, Sammer/Liebe/Neger/Beltz, Liga-Verluste/Wetten, Nerlinger/van Gaal, Bosman, alles unter dem Stichwort Heuchelei/doppelte. Und natürlich der Mädchenfußballer. Das ist die Materialsammlung für die gleich zu schreibende Anstoß-Kolumne für Donnerstag.
Gott & die Welt: Das Internet ist die wohl größte Materialsammlung der Welt. Nichts geht verloren. Wer seinen Hintern fotografiert und ins Netz stellt (oder, noch schlimmer: Wessen Hintern-Foto ohne das Wissen des Kopfes darüber ins Netz gestellt wird), der wird bis in alle digitale Ewigkeit als Arsch zu erkennen sein. Selbst Ungläubige kommen da ins Grübeln: Wenn schon der Mensch mit seinen begrenzten Mitteln in der Lage ist, jede Sekunde jedes der Milliarden Menschenleben zu dokumentieren, wie wenig unglaubhaft klingt es dann doch, dass in einer anderen Sphäre eine höhere Instanz als die digitale alle bisherigen Menschenleben Sekunde für Sekunde gespeichert hat? Und am Jüngsten Tag auf die Play-Taste drückt? Und danach per Engel-Umfrage über unser Purgatoriums-Rating entscheidet? Aber bevor jetzt auch noch Bohlen und Bach ins Spiel kommen können, wird die Abbruch-Taste gedrückt. Vom Abseitigen zum Abseits des Fußballs. Die Mittwoch-Kolumne wartet.
Mittwoch, 26. Januar, 12.05 Uhr.
Rohfassung der Kolumne ist fertig. Für Caio war kein Platz mehr. Der Mädchenfußballer passte auch nicht in die Thematik, trotz vorzeitig endenden Vertrages. Um schon mal das Versprechen am Schluss (Zitat aus unserer “Jahresendzeitkolumne” vom 30. 12. 2000 mit Matthias Beltz und Matthias Altenburg) einzuhalten, hier der alte, sehr gut abgehangene Text, mit dem vergeblichen Bemühen des Moderators “gw” um Anstand, Sittlichkeit und politische Korrektheit:
“Beltz: »Als Matthias Sammer und Marius Müller-Westernhagen zusammen bei Beckmann waren, wurde mir klar: Westernhagen und Sammer, das ist was für die Politik – zwei Dumpfbacken, die dermaßen aufrichtig vor sich hin quallen können, also das kriegt ja keiner aus der Bundesregierung hin. So ein betroffenes Pack! Und dann haben sie anschließend noch einen Gelähmten reingeschoben, einen gelähmten Neger.« – Jetzt muss ich aber … – Altenburg: »Das war der neue Kulturminister…« – … wirklich mal … – Beltz: »Genau, das war der Nachfolger vom Naumann.« – … protestieren … – Altenburg: »Wie heißt der? Schlumpf-Rübelschweiß?« – … gegen Ihre Wortwahl und Gesinnung … – Beltz: »Und Beckmanns Gesicht dazu! Dann: extra kein Publikum, damit die nicht dauernd dazwischenlachen. Das war so eine Form von deutscher Hochkultur, also das hat mir gefallen.« – … das hat ja keinen Zweck, auf mich hört hier ja keiner.”
Auch bei Nerlinger gibt es eine Zugabe. Als er selbst noch Profi war, beschrieb er (s)einen (echten!) Arbeitstag-Protokoll eines Bayern-Profis: »8.30 Uhr: Aufstehen, anziehen, danach gibt es Frühstück. Ich lese den Sportteil. / 10.00 Uhr: Das Training beginnt. Auf dem Programm stehen Warmlaufen, ein Spiel auf kleinem Feld, Sprint- und Schusstraining. / 11.30 Uhr: Beim Schusstraining nicht besonders gut getroffen. Zur Strafe muss ich Bälle einsammeln. Ein kleiner Fan hilft mir. Danach geht’s schnell unter die Dusche und nach Hause. / 12.30 Uhr: Meine Mutter hat gekocht. Es gibt Nudeln und Salat, dazu trinke ich Apfelschorle. / 17.00 Uhr: Ich war mit meinem Bruder zum Tennisspielen (habe verloren). Nun entspanne ich mich bei meinen Eltern mit der Lektüre des Kicker. / 18.00 Uhr: Ich komme in meiner Wohnung an, die ich gerade einrichte. / 19.15 Uhr: In meinem Stammlokal esse ich mein Lieblingsgericht: Fusili mit Gemüse. Ich bestelle mir ein Weißbier und warte auf meine Clique.« (aus dem Jahr 1997)
Soll die Zeitungs-Kolumne für Donnerstag jetzt schon ins Netz? Jeden Tag die gleiche Versuchung. Noch wird widerstanden.
Mittwoch, 26. Januar, 16.25.
Ist drin …

Dienstag, 25. Januar, 10.35 Uhr.
Kachelmann. Guttenberg. Gorch Fock. Jetzt noch ein Porno-Wort, und es macht klick, klick, klick, denn die Suchmaschinen rattern.
Die wahre Bedeutung der Klicks ist das am verschwiegensten gehütete offene Geheimnis der IT-Branche.
Wenn in China ein Sack Reis umfällt, wiegt er schwerer als tausend Klicks.
Wer ruft da: Der Internet-Kaiser hat ja gar keine Kleider an!? Ein altvorderer Ignorant – oder ein vorlauter frecher Knabe, der sieht, was andere nicht sehen, weil sie mehr Klicks im Auge haben als Dagobert Dollar-Zeichen?
Die Werbeindustrie redet ihren Kunden ein, die Klicks, die Einschaltquoten der Online-Branche, seien Synonyme für Dollars, die damit zu verdienen sind.
Wer nach einer Internet-Recherche den “Verlauf” anklickt, wundert sich, wie viele Klicks er mit der simplen Suche nach einem einzigen Wort produziert hat. So viele Seiten! An kaum eine kann er sich erinnern, erst recht nicht an die Werbung, es sei denn, es war eines der penetranten Fenster, die den gesuchten Text verdecken und deren oberclevere Designer das “Schließen”-Zeichen so fies versteckt haben, dass es kaum wegzuklicken ist – der Name von dem, der da wirbt, wird im Hass-Archiv und nicht in der Kaufen!-Abteilung des Gehirns abgespeichert.
Hass: “Ich find euch scheisse!”, schrie/b eine Mailerin, als ab dem Jahr 2000 unsere “Anstoß”-Zeitungsserie “Von Olympia nach Athen – auf der Suche nach der Seele des Sports” auch im Netz stand (2000? Ja! Sie lesen hier beim Blogger der ersten Stunde!). Scheiße fand sie’s nicht wegen einer ihr nicht genehmen Meinung zu Olympia, Athen oder der Seele des Sports, sondern weil der Schreiber damals wirklich von Olympia nach Athen wanderte und schon kurz hinter Olympia notierte: “An einem Betonwerk vorbei, über die Brücke einen Stausee überquerend, begleitet mich immer wieder . . . Müll. Zwar versuche ich, mit der vagen Richtung Sparta und dem Tagesetappenziel Krestena im Kopf, der Straße ein Schnippchen zu schlagen, doch jeder Pfad von der Straße weg endet unweigerlich im . . . Müll. (…) Makrisia, ein staubig-stickiges Straßendorf, wird im Trottschritt genommen. Makrisia – schon beim Durchwandern kriegt man Depressionen, die ‘Ma-krisia’”.
Unsere Schimpf-Mailerin hatte nicht wegen sportlicher Dinge ihre Suchmaschine angeworfen, sondern weil sie in Makrisia Urlaub gemacht hatte, es toll fand und mit der Eingabe “Makrisia” ein bisschen Stoff finden wollte, um zu Hause noch in Erinnerungen schwelgen zu können … und kriegt stattdessen die Makrisia.
Aber nichts gegen das Internet. Gehört zum täglichen unverzichtbaren Werkzeug auch des onlineskeptischen Zeitungs-Journalisten. Wer braucht schon noch den Duden, wenn er Google hat? Wer zum Beispiel nachschauen will, wie Rhythmus geschrieben wird, aber nicht das “y” kennt, muss im Duden lange suchen. Bei Google dagegen kann man sogar “Rhdmus” eingeben, und der Rechner, der 1 und 1 zusammenzählen kann, sogar milliardenfach hintereinander, weist auch dem Legastheniker den Weg: “Meinten Sie etwa ‘Rhythmus’? – und schon hat man’s.
Vermutung: Würden in der Online-Statistik Klicks nur als werberelevant gezählt, wenn sie mit mindestens zehnsekündiger Verweildauer auf einer Seite verbunden sind, also die Zeit, in der man wenigstens drei, vier Sätze lesen kann, würde eine weltweite Blase platzen, mit ähnlichem Krach und Crash wie die zuletzt geplatzte, deren Echo immer noch um den Globus hallt.

Montag, 24. Januar, 11.05 Uhr.
Die “Ohne weitere Worte”-Kolumne benötigt die meiste Vorbereitungszeit, schreibt sich dann aber fast am leichtesten. Während der Woche wird gelesen, gesammelt, aussortiert, am Wochenende die Rohfassung zusammengestellt und am Montag die Endfassung produziert. Wichtigstes Kriterium beim Sammeln: Plakative, knackige “Sprüche”, von denen abzusehen ist, dass sie auch in den Zitat-Rubriken anderer Publikationen (“Gesagt ist gesagt”, “Spruch des Tages” o.ä.) auftauchen, werden aussortiert. Ehrgeiz: Dennoch interessante Zitate finden, die nicht schon anderswo aufgespießt worden sind. Das dürfte auch diesmal gelungen sein, bis auf den “Stinker”-Spruch von Demichelis gleich zu Beginn, den lässt sich wohl keine Zitatensammlung entgehen.
Ständiger Einführungstext in der Druck-Ausgabe: “Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.” Und vor allem: “Ohne weitere Worte”. Denn oft freut sich der Schreiber wie Rumpelstilzchen: Ach wie gut, dass niemand weiß, was ich halte von dem Scheiß. Oder von dem aus Sicht des Zitierenden tollen, witzigen oder klugen Spruch, von dem mancher Leser glauben könnte, er würde wegen des Auswahlkriteriums “Dümmliches” oder “Peinliches” zitiert. Rumpelstilzchen macht heute eine Ausnahme: Angela Merkels Antwort auf die Frage im Stern-Interview kommt ins Blatt (und steht seit 11 Uhr schon online, aber das ist ein anderes Thema, siehe Anmerkung gestern), weil sie verschmitzten Witz verrät, den die Kanzlerin oft zeigt und der im Kontrast steht zu ihren erdenschwer der Gravitation nachgebenden Mundwinkeln.

Sonntag, 23. Januar 2011, 6.55 Uhr.
Auf der Fahrt in die Redaktion hinter dem gelben Blinklicht eines Streuwagens her geschlichen. Bei HR 1 die sonntäglichen “Inspirationen” gehört. Habe aber selbst noch keine für die “Montagsthemen”. Wird noch. Hoffentlich. Gleich trinkt der Teetrinker Kaffee, den einzigen der Woche. Einen doppelten: Einmal schwarz, einmal Cappuccino, in den Pappbechern hin und her geschüttet (und verschüttet), bis beide die gleiche Konsistenz zeigen. Der Nusszopf wird tranchiert, der weiße, weiche Teig herausoperiert und entsorgt, nur die knusprigen Ränder, die Riwweln (außerhalb Hessens: Streusel) und der Zuckerguss werden gefrühstückt (zum Glück sieht niemand zu. Vor allem die liebste Zielgruppe wäre entsetzt). Dazu Lesestoff tanken: SZ, FAZ, FR und Welt vom Samstag, FAS, BamS und WamS von heute.
In der Mailbox nur Mist. Bei den Nachrichtenagenturen nur zwei Sportmeldungen, die üblichen überseeischen, Australian Open (2:56: Wozniacki in Melbourne im Viertelfinale) und NBA (3:53: Zittersieg für Nowitzki).
Die übliche Internet-Geschwätzigkeit? So also wird gebloggt? Jetzt auch hier? Na ja, im Prinzip seit … also seit: “Aus dem Nähkästchen plaudern …”, dem Einstieg in den ersten “Sport-Stammtisch” am 21. März 1979. Die sich daraus entwickelnden “Anstoß”-Kolumnen stehen seit etwa zehn Jahren online, ursprünglich gedacht als Service für mittelhessische Zeitungsleser, die es ins Ausland verschlagen hat, also nach Mainz, Japan, in die USA, nach Thailand oder gar bis Göttingen. Das war lange, bevor es “Blogs” gab. Als die aufkamen, galt plötzlich auch www.anstoss-gw.de als Blog, obwohl sich der “Nähkästchen”-Stil längst gewandelt hatte. Der prägt aber jetzt die meisten Blogs, in diesem hier geht’s daher zurück zu den eigenen Wurzeln.
Demnächst auch im hübscheren modischen Kleidchen und mit Zusatz-Lesestoff. Gut, dies schreiben zu können und nicht “schpreschen” zu müssen. Wir Hessen mit unserer ch-Schwäche strengen uns an, aber wenn wir das erste oder auch zweite (scheinbare) ch einigermaßen geschafft haben, schlägt spätestens beim dritten Mal das hessische sch voll durch: Hübcheres modiches Kleidschen.
So. Jetzt Kaffee-Matsche und Nusszopf-Gerippe. Verspätet, wegen der neuen Bloggerei. Typisch: Die Onlinerei geht immer auf Kosten der gedruckten Tageszeitung, die doch unser Brot- und Nusszopf-Beruf ist.

Sonntag, 23. Januar, 11.00 Uhr.
Rohfassung der Montagsthemen steht. Leider hat alleine der geplante kurze Einstieg mit einer Siebener-Symbolik mehr Zeilen verbraucht als vorgegeben waren. Am Layout rumgespielt und Rahmen vergrößert, dennoch fielen Themen unter den Tisch: Das peinliche Glücksgas-Stadion in Dresden, der schlechteste Schauspieler der Welt (Harald Schmidt oder Berti Vogts?), Oliver Kahns doppeltes Handtuch in der Bayern-Kabine (und warum der junge Schweinsteiger sich immer wunderte, dass sein Handtuch nie da war), die Verbindung von der Gorch Fock über Guttenberg und Guti zu Marlon Brando und Fletcher Christian, außerdem Berlusconi und der böse Clown aus alten Wrestling-Tagen, Ecclestone, Gribkowsky, Bosman sowie die Krokodilstränen der Klubs, wenn Spieler ihre Verträge genauso frech brechen wie sie selbst. Könnte man ja auch alles hier und jetzt online ausbreiten. Kommt aber auf die Warteliste für die Zeitungs-Kolumnen. Man sollte nicht allzu eifrig an dem Ast sägen, auf dem man sitzt.

Baumhausbeichte - Novelle