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Montagsthemen (26. April)

Montagsthemen gibt’s nach Ostern immer dienstags, das klingt zwar nach Widerspruch – aber so sind wir sturen Hessen, und einer von ihnen leitet seine Oster-Kolumne seit zehn Jahren unverdrossen mit dem gleichen Satz ein.
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Noch viel länger ist es her, als ein anderes »Anstoß«-Mantra angemurmelt wurde: Das Anabolika-Problem werde nicht verantwortungsethisch angegangen, sondern von gesinnungsethischen, aber meist nur profilneurotischen Pharisäern zerredet und zerschrieben, mit dem Ergebnis, dass das Ansehen des Sports weiteren Schaden nehmen und die Muskelpille auch unter hellhörig gewordenen Sport-Abiturienten, Sportstudenten, Hobbysportlern und mühelosen Erfolg suchenden Fitness-Freunden beliebt und verbreitet werde.
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Das ist über 30 Jahre her, und wie damals prognostiziert: »Kein Ende abzusehen, keine Besserung in Sicht.« Dazu die aktuelle Oster-Nachricht: Der deutsche Zoll hat im Jahr 2010 14,5 Millionen Anabolika-Ampullen (für intramuskuläre Injektionen / 2006: 65 000) und 3,2 Millionen Tabletten (für orale Einnahme / 2006: 403 000) beschlagnahmt – wenn man realistisch von einer üblichen Aufklärungsquote ausgeht, lagen in den Osterkörbchen deutscher Freizeit- und Fitnesssportler deutlich mehr Anabolika- als Schokoladeneier. Denn, und das ist der böse Clou: Dopingwillige Spitzensportler versorgen sich aus besseren, weniger gesundheitsschädlichen und sportmedizinisch kontrollierten Quellen als jenen trüben, überwiegend in China, Pakistan und Ägypten sprudelnden, aus denen der Zoll nur gelegentlich etwas abschöpfen kann.
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Dieser »Anstoß«-Ansatz ist zwar koa neuer, aber wenn der Fußball-Schalk den Bayern weiter im Nacken sitzt, kriegen sie oa Neuer und koa Champions League (und krieg’ ich für diesen Übergang den Monty-Python-Gedächtnispreis?). Ohne Kalauer weiter: Warum eigentlich gilt es selbst bei den größten Schalke-Fans als Naturgesetz, dass ein je besserer Fußballer um so eher zu den Bayern wechseln muss? Mir scheint, das ist weniger ein Phänomen des Fußballs als ein gesamtgesellschaftliches. Doch das Thema ist zu komplex, um es in unserem nachösterlichen Spaziergang en passant anzugehen.
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Zu schlechter Letzt daher zurück zu den anabolen Ostereiern und zu einer exklusiven »Anstoß«-Empfehlung für alle, denen der Zoll das Naschwerk vorenthält: Der – zugegeben: ziemlich durchgeknallte – Kaiser Nero nahm höchstpersönlich an seinen spätrömischen Dekadenz-Sportspielen teil, und obwohl ihm niemand das Siegen streitig zu machen wagte, trainierte er fleißig mit Bleigewichten und trank, da die Pharmazie noch keine Anabolika auf den Markt geworfen hatte, zum Zwecke des Muskelaufbaus den verdünnten Kot von Keilern.
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Na ja, vielleicht sollte man sich dann doch lieber an einen Nachfolger von Nero halten, an Marc Aurel: »Hüte dich, dass du nicht verkaiserst.« Koa Anabolika, koa Keiler-Kot! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle