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Sport-Stammtisch (23. April)

Es muss nicht immer Fußball sein. Auch nicht am Tag des Bayern-Gastspiels. Wir kümmern uns heute um anderen Sport, also auch nicht um Daums Ankündigung, die manchen in die Zwickmühle bringt. Wofür die Daumen drücken?
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Marathonlauf: Diese ihm fernstliegende aller leichtathletischen Disziplinen fasziniert auch den Dauerlaufhasser. Unfassbar, dass Geoffrey Mutai bei seiner Weltbestzeit einen Schnitt von über 20 km/h lief – unter uns Oster-Radlern: Dafür müssten wir zwei Stunden lang tüchtig strampeln!
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In manchen Meldungen hieß es, Mutais 2:03:02 Stunden in Boston würden wegen zu starken Rückenwindes nicht anerkannt. Stimmt nicht. Dass die Strecke kein Rundkurs war, spielt ebenfalls keine Rolle, sondern, so die Regel: Wenn Start und Ziel nicht identisch sind, darf die Luftlinien-Entfernung zwischen ihnen nicht mehr als 50 Prozent der Laufstrecke betragen. Beim Marathon also 21 Kilometer, damit nicht größtenteils in eine einzige Richtung gelaufen wird.
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Und da kommt nun doch der Rückenwind ins Spiel, der in Boston so kräftig und stetig blies, dass auch der Zweitplatzierte den offiziellen Rekord von Haile Gebrselassie (2:03:59) noch weit unterbot. Was Gegenwind und Rückenwind bedeuten, fühlen Spaziergänger kaum. Aber ein 100-m-Sprinter wird von gerade noch erlaubten 2,0 m/sec Rückenwind, die der Spaziergänger allenfalls als leichte Brise wahrnimmt, um mehr als eine Zehntelsekunde schneller sein als bei Windstille.
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Nichtsprinter müssten sich schon aufs Rad setzen und mächtig treten, um bei knapp 40 km/h (schaffen Sprinter ohne Rad) zu spüren, wie die »leichte Brise« beflügelt oder bremst. Auch gemütlichere 20-km/h-Radler wissen die Vorzüge des Rückenwindes zu schätzen (und Gegenwind zu hassen). Wobei sich die scheinbar irrationale Erfahrung, beim Radfahren öfter Gegen- als Rückenwind zu erleben, objektivieren lässt: Bei Gegenwind kommt man deutlich langsamer voran, braucht also mehr Zeit, um ans Ziel zu kommen. Im Laufe eines Radfahrer-Lebens verbringt man daher viel mehr Zeit im Sattel bei Gegen- als bei Rückenwind.
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Da darf das alte Rätsel nicht fehlen: Mit Tempo 30 braucht ein Radler eine Stunde, um zu einem 15 Kilometer entfernten Ort und wieder zurück zu kommen. Wenn er bei starkem Gegenwind nur Tempo 15 schafft, wie schnell muss er dann auf der Rückfahrt bei gleich starkem Rückenwind sein, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen? Auflösung, gleichzeitig Seins-Erkenntnis: Die Zeit ist uneinholbar.
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Den Läufern in Boston kam also der Rückenwind entgegen, ein Paradoxon, das mir als Wortspielratz vor vielen Jahren so gut gefiel, dass ich es in eine Schlagzeile packte. Der »entgegenkommende« Rückenwind wurde dann in einem Fachmagazin zur »Überschrift des Jahres« gekürt, worauf ich aber nicht übermäßig stolz war, denn der Gag wurde nicht ver-, sondern als dümmliche Stilblüte missverstanden und nur deshalb »ausgezeichnet«.
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Wer ist der bekannteste Deutsche, der jemals Marathon lief? Klar: Joschka Fischer. Der trug schon Turnschuhe, als er noch nicht an Marathon dachte, sondern an Sprints und Verfolgungsrennen am Frankfurter Pflasterstrand. Fischer in Turnschuhen bei der Vereidigung durch Holger Börner, das wurde später eines der berühmtesten Fotos der neueren deutschen Geschichte. Wie wir heute wissen: Nur ein PR-Gag. Fischer selbst notierte am 11. Dezember 1985 in seinem Tagebuch: »Turnschuhe müssen her, denn meine alten sind hinüber. Gesagt, gekauft. Mit prächtigem Weiß beschuht werde ich also morgen den Eid ableisten im Landtag zu Wiesbaden und dann: Nie wieder Turnschuhe!«
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Und damit zum Lieblingsthema von Fischers Partei, mittlerweile auch das aller Deutschen. Fast aller. Mich nehme ich aus, da auch in Sachen AKW parteilos. Dr. Klaus Güttner nimmt sich ebenfalls aus und schreibt zur Kolumne vom Donnerstag: »Ich gehöre zu den 1% ›Nicht-AKW-Widerstandskämpfern‹ und habe in den vergangenen Jahren häufig für die Firma ›Areva‹ (nicht mit dem Schreibfehler Aveva!) im Schulungsbereich in den deutschen Anlagen gearbeitet. Warum sollte der 1. FC Nürnberg eigentlich nicht diese Firma als Sponsor nehmen? Immerhin ist diese mit dafür verantwortlich, dass die deutschen Kernkraftwerke zu den zuverlässigsten KKW in der Welt gehören und kontinuierlich Strom liefern, damit die Millionen Fernsehgeräte an windstillen Abenden nicht dunkel bleiben, sondern die Fußballbegeisterten den Spielen unter Flutlicht zuschauen können. Herzliche Grüße und Dank für Ihre stets von mir zuerst in der Zeitung gelesene Kolumne.«
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Letzten Samstag fragte ich nach den Gründen für die in Frankreich und Spanien seit den achtziger Jahren im Vergleich zu anderen Europäern gestiegene Lebenserwartung und fand keine – »es sei denn, man bringt sie mit dem zeitgleich beginnenden Ausbau der Atomenergie in den beiden besonders AKW-freundlichen Ländern in Verbindung. Mutation!« Dazu stellt Michael Franz aus Gießen richtig: »Ihre Befürchtungen sind unangebracht. Richtig ist vielmehr, dass sie deshalb länger leben, weil sie schon viel länger als wir Biokraftstoffe in ihr Benzin und Diesel mischen … (vielleicht liegt es auch nur daran, dass die sich – nicht nur über obige Themen – weniger aufregen als wir Deutsche).«
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Falls gesellschaftspolitisch den guten Ton angebende Kreise sich von unseren beiden Lesern und mir verhohnepiepelt fühlen, bitte ich um Verzeihung und um ein letztes Thema: Die NRW-Emanzipationsministerin Barbara Steffens von den Grünen kämpft gegen das sportliche Reglement, das Badminton-Spielerinnen Röckchen und Beachvolleyballerinnen Bikinis als Wettkampfkleidung vorschreibt. Ist die Frau »balla-balla«, wie Bild meint und sie zum »Verlierer« des Tages kürt? Kommt mir wie gerufen und mag manchen überraschen: Die Ministerin, behaupte ich, ist im Recht, und die alten Funktionärssäcke, die neben ihren neoliberalen PR-Verbandsstrategen den jungen Sportlerinnen unter Androhung von Disqualifikation vorschreiben, sich »sexy« an- bzw. auszuziehen, müssten zur Strafe im Borat-Tanga die Siegerehrungen vornehmen, live im Fernsehen. Die Quote würde steil steigen. Und das ist schließlich die Hauptsache. (gw)

Baumhausbeichte - Novelle