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Sport-Stammtisch (21. April)

Ein Griff ins eigene Archiv, auf den ich mich genau ein Jahr lang vorgefreut habe: »Der Sport-Informationsdienst (sid) meldet: ›Hoeneß will Neuner zu Bayern lotsen.‹ Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) meldet: ›Bayern hat Werben um Neuer eingestellt‹ – beide Meldungen haben keinerlei nachrichtlichen Nutzwert, es sei denn, man vertauscht das ›n‹: Nie wird Neuner bei Bayern in die Lehre gehen, bald wird Neuer bei Bayern im Tor stehen. Wetten, dass?!«
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Und heute: Magdalena Neuner hat das nie ernst gemeinte, aber von Tamtam und Schlagzeilen begleitete Angebot längst abgelehnt, bei den Bayern eine PR-Ausbildung zu absolvieren, und Manuel Neuer gibt nun halbwegs zu, was eh klar war, denn sowohl die Bayern als auch Neuner, Neuer und alle Journalisten (wenn sie diesen Namen verdienen) wussten, dass die Schlagzeilen ehrlicherweise hätten lauten müssen: »Hoeneß lotst Neuer zu Bayern« und »Bayern wirbt nicht um Neuner«.
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Aber Ehrlichkeit ist geschäftsschädigend, im Bundesliga- wie im Schlagzeilengewerbe. Nehmen wir nur die Trikotwerbung: Der 1. FC Nürnberg wird von »Aveva« gesponsort, einer Großfirma, die Atomkraftwerke mit den dort benötigten Gerätschaften versorgt. Glaubt man Wahlergebnissen und hektischen Parteienschwenks, besteht Deutschland derzeit zu 99 Prozent aus AKW-Widerstandskämpfern. Kündigt der »Club« den Vertrag? Oder verkündet er wenigstens ein merkelsches Moratorium? Blöde Frage. Oder die Arenen vom »EasyCredit Stadion« bis zu jenem in Hamburg, wo selbst HSV-Fans nicht immer wissen, wie ihr Stadion momentan heißt: Der vorletzte Namensgeber war eine Bank, die in der Krise besonders viel Geld verbrannt hat. Allerdings mit einem speziellen Energierückgewinnungssystem, denn das Geldverbrennen wärmt dort wie andersbankwo die Villen der verantwortlichen Manager noch bis zum St. Nimmerleinstag.
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Leider hat ausgerechnet Martin Suter, der nette Autor gepflegt-relaxter Krimis für die Mittelschicht, in seinem früheren Leben als Werbetexter den Slogan erfunden: »Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten. Sie arbeiten schließlich auch für Ihr Geld.« Immerhin: Suter bereut heute. Er kennt den wahren Text: Lassen Sie Ihr Geld für mich arbeiten, wir teilen ehrlich: Gewinn für mich, Verlust für Sie.
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Bevor ich in den Ruf des Villenstürmers gerate, verrate ich lieber mein Ein-Drittel-Büchner-Credo: Frieden den Hütten, Frieden den Palästen, Krieg den Heuchlern! Noch ein Beitrag zum Pfui!-Proporz, die Karriere einer Erfolgs-Frau: Als NRW-Gesundheitsministerin kämpft sie gegen die Krankenkassen, wechselt dann zu einer der größten (mit besten Referenzen; dieses Knowhow!, diese Beziehungen!), kämpft als Kassen-Chefin gegen die Pharmaindustrie, wechselt nun erneut über und wird Leiterin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller. Eine Karriere, die jeden Kabarettisten verstummen lässt – gegen so viel Realsatire käme nicht einmal unser alter Freund Matthias Beltz an.
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Apart auch, dass unter den Sponsoren des VfL Wolfsburg erstaunlich viele Zulieferer des KdF- .., sorry, des VfL-Großsponsors VW auftauchen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt? Dazu müsste man wissen, was der Schelm denkt. Vielleicht: Wer so viele Stars so teuer bezahlen muss, greift schon mal mit kapitalistischer Hand in die kommunistische Kiste und zwangsenteignet Abhängige? Oder greift er, chronologisch ein paar Kistchen früher, in die Feudalherrenkiste und lässt sich Tribut zahlen? Egal, Hauptsache Abstieg.
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Aber auch die da unten kommen an Millionen, mit Arminen-Chuzpe, die einem Rudi Völler vor Ärger Korkenzieher-Locken in den Schnauzbart dreht: Bielefeld, sicherer Absteiger aus der 2. Liga, nimmt 1,2 Millionen Euro aus dem DFL-Sicherungsfonds mit in die 3. Liga und leise lächelnd den irrelevanten Drei-Punkte-Abzug in Kauf und kann damit in seinem neuen fußballerischen Wirkungsfeld den Wettbewerb verzerren. Den raschen Wiederaufstieg werden sich die Arminen aber verkneifen müssen, denn nach fünf Jahren in der 3. Liga erlischt die Rückzahlungspflicht (mit fünf Prozent Zinsen), und die 1,2 Millionen sind … geschenkt!
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Dafür würde Neuer allerdings nicht mal einen Daumen in den Torhüterhandschuh stecken. Zum Wechsel des – gewiss großartigen und vielleicht weltweit besten – Torhüters der abschließende Kommentar von Cato. Der große Römer klagte einst über den »Wandel zum Schlechteren« in der Gesellschaft, wenn »hübsche Knaben für einen höheren Preis verkauft werden als Äcker kosten«. – Und die Moral von der Geschicht’: Mein Mann der Woche heißt … Frank Schaefer! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle