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Sport-Stammtisch (14. April)

Ein alter Freund der Kolumne fragt: »Kommt man sich eigentlich als Journalist vor wie in einem ›Parallel-Kontinuum‹, wenn man heute ›morgen‹ schreiben muss, weil morgen heute schon gestern gewesen ist?« – Ja, zum Beispiel wenn Schalke heute Abend spielt, das heißt gestern, denn für den Leser ist morgen heute, und ich bin dann von gestern.
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Sowieso von gestern? Bevor mich Selbstzweifel plagen, labe ich mich an einem Fax mit der schönen Anrede »Hallo, Meister gw« und an einem Satzfetzen, der gleich ins freudige Auge springt: »… Begeisterung über die Genialität der Kolumne«. Das muss sofort gelesen werden! Von vorn: »Hallo, Meister gw, ›das Knie ist eine göttliche Fehlkonstruktion‹ – das ist wieder so eine Feststellung, die mich in den letzten Jahren langsam – dennoch stetig – von der Begeisterung über die Genialität der Kolumne bzw. ihres Verfassers abrücken ließ und lässt.«
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Uff. Da schlunzt man einen Satz hin, dessen Aussage nicht mal auf eigenem, sondern auf Mediziner-Mist gewachsen, also im engen Sinne vonundzuartig abgekupfert ist, und schon wird einem etwas aberkannt, was man auch im Stadium größtmöglichen Dünkels nie mit sich selbst in Verbindung gebracht hätte.
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Kritisiert Michael Scharping (Allendorf) aus christlicher Sicht? Ist »göttliche Fehlkonstruktion« eine Blasphemie? Nein, die Kritik ist physiotherapeutisch motiviert. Ich schreibe sie in aller Demut und voller Länge eigenhändig ab und stelle sie in den gw-Blog. Bitte online nachlesen, es lohnt sich! Hier nur der Tenor: Jeder hat das Knie, das er verdient (»Wer zwingt Menschen dazu, stundenlang zu joggen?«). Und: »In der deutenden Medizin wird das Knie symbolhaft als das Gelenk der Demut betrachtet, die Hüfte beispielsweise als das der Entscheidung. Fügt man dieser Sichtweise noch das umgangssprachliche ›eine Entscheidung übers Knie brechen‹ hinzu, bekommen die kanzlerischen Kniekomplikationen (KKK) und vor allem der Zeitpunkt derselben eine doch sehr offensichtliche Bedeutung.«
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Aller nie besessenen Genialität beraubt, entscheide ich aus der Hüfte heraus, ohne sie übers Knie zu brechen: herrlicher Text! So macht Kritik auch dem Kritisierten Spaß.
Genialität, journalistische. Wenn überhaupt, findet man sie, heißt es, bei »Süddeutsche Zeitung« oder »Spiegel«. Die klugen Köpfe mühen sich aber so ungenial an Jürgen Klopp ab, dass »Bild« beide mit einem einzigen Wort aussticht. »Bild« zum »Verlierer des Tages«, Tschechiens Präsident Klaus, der einen Silberkuli gemopst hat: »Klau(s)!«
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Apropos Klau(s)! Vonundzu soll ein Schwesterle bekommen haben. Wenn’s stimmt, wär’s für mich das, wofür Kathrin Müller-Hohenstein vom ZDF beinahe gefeuert worden wäre. – Ach so, Klopp. Beinahe hätte ich ihn vergessen. Das SZ-Magazin will erkannt haben, dass der BVB-Trainer unter der Kumpelschale ein erzautoritärer Hund ist. »Würde man sechzig Jahre nach Adorno den Charakter der ›autoritären Persönlichkeit‹ neu zu fassen versuchen, der Dortmunder Trainer wäre ihr beispielhafter Repräsentant.« – Online-Kommentar eines SZ-Lesers, ebenfalls herrlich: »Einfach nur Quatsch mit Soße eines mittelmäßig begabten Schreiberlings, dessen Absichten mir nicht klar sind.«
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Klar sind mir die Absichten des »Spiegel«: Letztgültige Erklärung, wie Fußball funktioniert. So fiel gegen Hannover das BVB-Führungstor nur, weil Klopp »wie ein Fluglotse mit ausgebreiteten Armen auf sich aufmerksam« machte. »Spiegel«-Analyse: »Seine Gesten verlangten augenscheinlich einen schnellen Wechsel vom linken auf den rechten Flügel. Dorthin flog prompt der Ball, dort war der freie Raum, von dort kam die Flanke – Kopfball, Tor, 2:1.« – So einfach ist das! Und warum verlor Hannover? »Klopp hatte das Team bei sommerlichen Temperaturen im ewigen Kapuzenpullover, seinem Arbeitsdress, zum unermüdlichen und systematischen Kampf dirigiert. Sein Kollege Mirko Slomka hatte nichts dirigiert und im Freizeithemd zugesehen, wie Hannovers Elf in ihre Einzelteile zerfiel.«
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Leider muss der Hinweis sein: Das ist keine Satire, sondern bitterfußballernst gemeint. Und wenn nun meine Kolumne ihre frühere, sagen wir einmal, bessere Tagesform verloren hat, dann weiß ich jetzt auch, warum: Sie wurde zuletzt immer im Freizeithemd geschrieben. Ab sofort nur noch im Kapuzenpulli! (gw)

Baumhausbeichte - Novelle